Wort für die Woche 2016

31.12.2016
Die Glocken von Biberbach
Gedanken zum Jahreswechsel von Pfarrer Ulrich Lindl

Glocken begleiten unser Leben.
Sie begleiten den Tag und das Kirchenjahr.
Die Glocken sagen uns, was die Uhr geschlagen hat…
Glocken mögen manche stören, gewiss…
Aber so richtig erschrecken sollten wir, wenn sie verstummen.
Die Biberbacher Glocken sind verstummt. Man hat sie vom Kirchturm heruntergeholt und eingeschmolzen. Es war Krieg. Das Geläut war erst 1906 geweiht worden.

Obwohl nach dem Krieg so vieles gefehlt hat. Die Biberbacher haben sich gleich daran gemacht, ein neues Geläut zu bestellen. Und viele haben viel dafür gegeben. Die Glocken haben dieselben Patrone erhalten wie das alte Geläut. Eine Mahnung, dass der Krieg den Glauben an die Ewigkeit nicht zerstören kann. Der Forsthof Biberbach stiftete die neue Josephsglocke- Josef der als Zimmermann ja ein Holz-Arbeiter war. Die Michaelsglocke wurde von Max Ziegler und Familie Tochtermann aus Eisenbrechtshofen gestiftet. Die Jakobusglocke verdanken wir den Gebrüdern Miller aus Eisenbrechtshofen und Markt. Abt Johannes Ruhland von St. Stephan hat das neue Geläut am Kirchweihsonntag des Jahres 1949 geweiht.

Nur eine Glocke hat den Krieg überlebt. Die kleinste – die Heilig-Kreuz-Glocke.
Sie schlägt für die Überlebenskraft des Glaubens. Wie oft hat man den Glauben totgesagt. Und doch hat er überlebt. Unsere kleinste Glocke am Turm hat es geschafft.
Die Heilig Kreuz Glocke erinnert uns auch daran, dass unser Land auf christlichen Werten nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Dreimal am Tag ruft sie uns zum Gebet. Gebetläuten ist mehr ein geistlicher Wecker von höchster Stelle.
„Eine Gesellschaft braucht den Glauben, sonst zerbricht sie“, hat Marion Dönhoff schon vor Jahren gesagt. Und sie hat Recht. Das Christliche Abendland dürfen wir nicht Pegida überlassen. Es ist an uns Christen, dafür Sorge zu tragen, dass der Glaube in unserem Land eine Zukunft hat. Der Glaube beginnt mit dem Beten. Vielleicht lassen wir uns von unserer Glocke wieder zum Gebet einladen. Zum „Engel des Herrn“ oder einem anderen Gebet, das den Tag heiligt.
Wenn wir aus dem Glauben leben, überlebt der Glaube. Und danken wir für alle, die vor uns und damit für uns in Biberbach geglaubt haben.

Die dritte Glocke ist 1906 dem Heiligen Michael geweiht. Er ist der Schutzpatron unseres deutschen Vaterlandes. Der neuen Michaelsglocke wurde zusätzlich das Kriegergedächtnis eingraviert. Seit 71 Jahren leben wir im Frieden.
Diese Friedenszeit ist nicht selbstverständlich, sondern vielmehr Grund zu Dankbarkeit und Verpflichtung zugleich. Nur im Frieden lässt sich der Friede wirklich sichern. Es gibt dabei keinen Weg zum Frieden…Der Friede ist der Weg. Das traut Jesus den Seinen zu: „Liebt eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen!“ (Mt 5,44)
Vergessen wir nicht, dass der Friede an vielen Orten der Welt eine Sehnsucht ist, weil sie mitten im Krieg sind, nicht nur in Syrien. Über 5 der 7,3 Milliarden Menschen weltweit leben und leiden in Ländern, in denen es bewaffnete Konflikte gibt.
Nehmen wir die Zusage Jesu mit ins neue Jahr: „Frieden hinterlasse  ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ (Joh 14, 27)
Und beherzigen wir den Weihnachtswunsch des Himmels: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden der Menschen, die seiner Gnade sind!“ (Lk 2,14)

An hohen Feiertagen und wenn Fußwallfahrer kommen, ertönt die größten Glocke. Wir verdanken sie Frl. Theresia Dietrich und die Arztenswitwe Walburga Höchtl. Sie ist auf H gestimmt und den Namenspatronen der Stifterinnen gewidmet. Zwei schöne Gedanken, die ich damit verbinde: Menschen haben eine Beziehung zu ihren Namenspatronen: Walburga und Theresia.
Und sie haben eine Beziehung zu ihrer Kirche. Natürlich hätten sie das Geld auch verbrauchen können. Wie auch immer. Aber das haben sie nicht getan, sondern es zur höheren Ehre Gottes verwendet. Ein „Vergelt’s Gott!“ heute an sie und alle, denen wir unsere Wallfahrtskirche verdanken!
Und ich frage uns: was ist uns unser Glaube eigentlich wert? Nicht in Euro und Cent… Oder anders gefragt: was wären wir ohne unseren Glauben? Ohne Gott? Die große Festtagsglocke möge uns immer wieder dankbar für unseren Glauben und Gott-froh stimmen!
Feiern wir unseren Glauben immer wieder. Unsere christlichen Feste sind Hochzeiten des Jahres. Sie geben unserem Leben eine himmlische Ausrichtung und wollen uns davor bewahren, dass wir im Alltag untergehen.

Wohl an keinem Tag des Jahres spüren wir die Zeit so unmittelbar wie an Silvester. Die Zeit vergeht – und mit ihr der Mensch. Diese Wahrheit schafft Klarheit. Ein heilsamer Weckruf, sich dessen zu vergewissern, was vergänglich und was unvergänglich ist.
Was vergeht und was bleibt für die Ewigkeit? Diese Frage stellt sich hoffentlich nicht erst beim Sterben. Die Josefsglocke hat uns auch heute, am Silvestertag, nach dem Requiem für Hildegard Stoll zum Friedhof begleitet. Gedenken wir am Abend dieses Jahres all der 29 Angehörigen unserer Pfarrei, die sich auf den Heimweg gemacht haben.
Bei jedem Begräbnis beten wir auch immer schon im Voraus für „den aus unserer Mitte, der als nächster vor das Angesicht Gottes folgen wird.“ Bitten wir mit der Josefsglocke, dass wir so leben, dass wir auch einmal gut sterben können. Und vertrauen wir dabei auf die Fürbitte des Heiligen Josef. Er ist der Patron für eine gute Sterbestunde.

Die vierte Glocke ist den Frauen, den Witwen und Jungfrauen gewidmet. Einzelne Pfarrangehörige, so wissen wir, haben sie gespendet, weil ihnen dieses Anliegen offenbar wichtig gewesen ist.
Warum eine der Biberbacher Glocken mit Birgitta von Schweden einer Heiligen des Nordens geweiht ist…? Vielleicht, weil sie eine Seherin war, eine Visionärin? Offen für den Himmel und dabei doch mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität stand. 8 Kinder hat sie das Leben geschenkt, sich eingesetzt für Kranke in Krankenhäusern, die sie selbst gestiftet hat… In Rom hat sie für Bettler gesorgt. Woher sie die Kraft nahm? Der Heiligen Birgitta hat ihr ihr Glaube viel Kraft gegeben. Gerade in schweren Zeiten. Klosterfrauen des Birgittinnenordens tragen noch heute über ihrem Schleier die 5 Wundmale Jesu auf ihrem Haupt. Ein Zeichen dafür, dass aus der Hingabe Kraft erwächst.

Jetzt fehlt nur noch eine: die Jakobusglocke. Auch sie wird uns hinüber läuten in ein neues Jahr: Unser Pfarrpatron erinnert uns daran, dass wir alle auf dem Weg sind. Wir wissen nicht, was kommt im neuen Jahr. Umso mehr brauchen wir Vertrauen. Und das Vertrauen gewinnen wir wohl am besten, wenn wir heute Abend zurückblicken auf den Weg, der hinter uns liegt. Weil wir erkennen dürfen, dass wir nicht allein unterwegs sind. Danken wir für Menschen, die uns begleiten. Danken wir Gott, der uns immer wieder zur Seite steht.
Und bitten wir am Vorabend eines neuen Jahres, dass uns das Jahr 2017 näher hinführt zu ihm. Denn nicht der Weg unseres Lebens ist das Ziel. Unser Lebensweg hat ein Ziel: Gott. Er war und ist immer auch aller Anfang. Amen.

24.12.2016
Was anfangen an und mit Weihnachten?
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl

Kann man Weihnachten so einfach verbieten?

Jedes Jahr hat man es doch gefeiert. An der deutschen Schule in Istanbul, in jener Millionenmetropole also die auf zwei Kontinenten erbaut Europa und Asien überbrückt.

Deutsche Steuermittel finanzieren die Eliteschule. Sie wird von türkischen Schülern besucht und dient seit Jahrzehnten dem Kulturaustausch.

Nein kann man eben nicht – Weihnachten verbieten. Der Protest in den internationalen Medien hat den Staat zum Einlenken veranlasst. Weihnachten abzuschaffen hieße, ein Herzstück christlicher Kultur herauszureißen.

Aber mal ganz ehrlich, Hand auf´s Herz: haben wir das nicht schon längst selbst gemacht?

„Egal, was gefeiert wird, es wird gefeiert!“
Auf einem Adventskalender von Milka findet sich ein reines Wirrwarr aus lila Kühen, Schifahrern, Schneemännern, Tannen und „Renen“. Und in der Mitte von dem Wirrwarr entdecke ich irgendwie etwas verloren ein Kind, das müsste eigentlich doch jetzt das Christkind sein. Aber „Milka sei Dank“ findet sich bei dem Kind treufürsorglich… na wer wohl… richtig: der Weihnachtsmann. Was soll sich ein Kind, das da 24 Tage lang gespannt Türchen für Türchen an diesem Adventskalender öffnet, eigentlich unter Weihnachten vorstellen?

Aber Hauptsache der Adventskalender lässt sich gut verkaufen. Alles muss ja am Ende ein Geschäft sein. Und alle christlichen Feste werden langsam aber sicher ausgehöhlt und ihrem Wesen nach „entkernt“.

„Was wird hier eigentlich gefeiert?“ Immer häufiger ahnungsloses Achselzucken. Aber gefeiert wird! Hauptsache wir haben Spaß! Zurück bleiben leere Flaschen…

Wenn die Mitte fehlt, entsteht ein Vakuum und dahinein wuchert –versprochen!- sofort und ungehindert- Konsum, Kommerz und jede Menge Kitsch.

Das kann uns Christen nicht gleichgültig lassen. Schließlich sind all diese Feste sind unsere Feste. Mit christlichem Ursprung und christlichem Inhalt. Über all die vielen Jahrhunderte gewachsen und sorgsam gepflegt. Wir dürfen sie uns nicht wegnehmen und kaputt machen lassen. Sollen die anderen doch ihre eigenen Feste erfinden…! Aber dazu sind sie anscheinend kaum in der Lage…

Das wehrlose Kind in der Krippe scheint an Weihnacht direkt in Lebensgefahr.

Was ist zu tun? Wir Christen müssen uns wieder mehr um unseren Glauben kümmern! Wir müssen uns wieder klar werden und anderen klar machen, was wir eigentlich feiern und warum.

Weihnachten – Gott wird Mensch
Zunächst mal dies: An Weihnachten feiern wir die Menschwerdung Gottes

Gott bleibt nicht hoch droben. Wir glauben nicht an einen Allahu akbar. Unser Gott ist nah dran am Menschen. Gott steckt in unserer Haut. Warum er das getan hat? Aus einem echten Mitgefühl! Gott will wissen, wie´s uns geht. Und, ja, er kann mitfühlen. Wie sich zum Beispiel eine schwere Geburt anfühlt. Auch an einem Heiligen Abend werden in Flüchtlingscamps Kinder auf diese Welt gebracht. Werden sie hier auch eine Heimat finden…? An Weihnachten bleibt das allemal zu hoffen!

Das Kind in der Krippe von Betlehem hat überlebt! Dank Menschen, die da waren, um für dieses Kind zu sorgen. So gesehen versteht sich Weihnachten auch als eine Solidaritätsaktion von Gott und Menschen, die es gut meinen.

Spätestens hier sollten wird klar, dass Weihnachten nichts von gestern ist. Keine lieb gewordene Tradition, die man nach Weihnachten wieder auf den Speicher stellt. Im Advent stöhnen ja bekanntlich viele über die Vorweihnachtszeit. Nur: eine Vor- Weihnachtszeit gibt es nicht. Jesus ist schon längst geboren. Die Krippe ist eigentlich schon längst wieder leer. Wir leben in der Nach- Weihnachtszeit. Jesus ist groß geworden. Wir glauben ja nicht an ein Kleinkind, wir glauben an einen Jesus, der unser Christus ist, unser Heiland und Retter, unser Herr. Hoffentlich ist auch unser Glaube mit gewachsen und nicht in den Kinderschuhen stecken geblieben.

Die himmlische Botschaft von Weihnachten
Damit wird die Botschaft von Weihnachten klar: sie heißt Menschwerdung. Damals wie heute will Gott Mensch werden. „Und wäre Jesus tausendmal in Betlehem geboren, doch nicht in dir. Er wäre für dich umsonst geboren“, da hat Angelus Silesius völlig Recht.

Menschwerdung… – wie geht das eigentlich? Schau auf Jesus und du wirst es sehen! Lassen Ihn hineinwachsen in dein Leben, damit er groß wird in dir und durch dich in dieser Welt. Dann wirst du ein echter Botschafter von Weihnachten sein mit einer himmlischen Verheißung:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind.“ Prägen wir uns diese Botschaft gut ein!

„Ehre sei Gott in der Höhe!“
Die Ehrfurcht vor Gott darf uns nicht abhanden kommen. Dass es etwas Größeres als den Menschen gibt. Wenn der Mensch Gott abschafft, dann hat das noch immer dem Menschen geschadet. Und wenn wir ehrlich sind, wir sind nicht Gott, es reicht schon, wenn wir menschlich bleiben.

In Peking hat übrigens das erste Kaufhaus für Katholiken geöffnet. Kreuze sind längst kein Modeschmuck mehr, sondern was für Bekenntnisträger.

Christliche Handy-Schutzhüllen gibt es auch und Millionen singen heute mit uns „Stille Nacht heilige Nacht!“ Gott hat vielen Menschen im einst atheistischen Reich der Mitte offenbar lange genug gefehlt. Nur mit Gott wachsen wir Menschen himmelwärts in die Tiefe!

„Und Friede auf Erden!“
Das ist der erste Weihnachtswunsch des Himmels für unsere Erde. Warum wir uns auf Erden mit dem Frieden so schwer tun? Der Friede fällt ja nicht einfach vom Himmel. Friede ist echte Wertarbeit. Jesus hat gesagt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Damit sind wir Mitarbeiter des Friedens.

Gerechtigkeit schafft Frieden. Das lesen wir schon im Alten Testament.

Liebe schafft Frieden! Diese Überzeugung hat Jesus dazu gelebt.

Mit seinem Friedensangebot setzt der Himmel an bei

Menschen guten Willens.
Und damit sind wir beim zweiten Weihnachtswunsch Gottes angelangt. Ich glaube, dass Gott sich sehnt nach Menschen, die guten Willens sind. Oder, wie es in anderer Übersetzung heißt: „Menschen seiner Gnade“. Dass wir uns von ihm wirklich ansprechen lassen und wie Maria offen sind für das, was er mit uns vorhat. Je mehr wir uns dafür öffnen, werden wir Menschen guten Willens sein und Menschen seiner Gnade.

Lassen wir also Weihnachten leben, so wie es gemeint ist. Als ein Fest der Menschwerdung Gottes und als Einladung zur Menschwerdung an uns Menschen. „Mach´s wie Gott, werde Mensch!“ Wenn wir diese Einladung beherzt annehmen, wird es Weihnachten nach Weihnachten.

11.12.2016
Gedanken zum III. Adventsonntag
 (Mt. 11, 2-11)
von Pfarrer Ulrich Lindl

 In jener Zeit hörte Johannes im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?

Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:

Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.

Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.

Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden; er sagte: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?

Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige.

Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Propheten.

Er ist der, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen.

Amen, das sage ich euch: Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.

Einer wie Johannes
Alles klar? Oder haben wir noch Fragen? Fragen, die uns wirklich umtreiben im Leben? Wären wir am Ende auch draußen gestanden am Jordan? Hätten wir uns auch untertauchen lassen, in aller Öffentlichkeit zum Zeichen unserer Buße und Umkehr?

Eigentlich verrückt? Oder… Oder, der Mann hat wirklich eine Botschaft! Sein bloßes Auftreten ist eine Provokation. Kamelhaare scheuern auf seiner Haut. Heuschrecken sind seine Nahrung. Und was er predigt, ist doch unerträglich:

„Jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Die Spreu wird der, der nach ihm kommt, vom Weizen trennen, und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.“

Eines muss man ihm lassen: Das sind klare Ansagen. Da steht ein wahrer Bußprediger. Ein Gerichtsprediger, der es ernst meint und selber auch ernst nimmt. Und die Menschen hat es zu ihm hinausgetrieben. Wenn einer heute so predigen würden…! So provokant und unmissverständlich… Aber wir tragen ja auch kein Kamelhaar…

Vielleicht freuen wir uns aber auch über die klare Sprache des Johannes. Da sagt einer endlich mal, was Sache ist, wo´s lang geht. Kein Schilfrohr, das hin und her schwankt mit seiner Meinung. Der sagt nicht, was ankommt, der sagt, worauf es ankommt, wenn Er kommt. Vielleicht denken wir uns auch manchmal, dass es Gott genau so machen müsste. Klare Verhältnisse, kurzer Prozess. Keine Fragen mehr… oder doch?

Barmherzigkeit kommt vor dem Gericht
Da steht einer felsenfest, Johannes. Oder sagen wir besser: Da stand einer felsenfest. Am letzten Sonntag. Und heute? Heute begegnen wir Johannes ganz anders und ganz woanders: Nicht mehr in der Wüste, sondern im Gefängnis. Kein machtvolles Wort der Umkehr. Eine fast zweifelnde, kleinlaut-bittende Frage gibt er seinen Jüngern mit auf den Weg hin zu Jesus: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“  (Mt. 11,3) Offenbar war sich Johannes auf einmal alles andere als sicher, ob seine Vorhersage richtig war.

Jesus macht eines sofort klar: Der Messias ist gekommen und nimmt die Jünger zu Augen- und Ohrenzeugen: „Geht und berichtet Johannes, was ihr seht und hört: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen. Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“

Jesus steht zu Johannes. „Unter den Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes“ (Mt. 11, 11) Aber Johannes ist doch noch ein Wegbereiter, der aus dem alten Bund kommt. Von ihm spricht Jesus bereits in der Vergangenheit. Dann aber ganz in der Gegenwart: Der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.“ (ebd.) Es ist jetzt etwas Neues angebrochen: Das Reich Gottes mitten unter uns. Dafür steht der, dem Johannes den Weg gebahnt hat: Jesus. Er macht keine Worte, er setzt Zeichen: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen. Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.

Ein Angebot zum Leben
Zeichen der Umkehr hatte Johannes am letzten Sonntag noch draußen in der Wüste von den Pharisäern und Sadduzäern gefordert. Jesus macht klar und deutlich, wie diese Zeichen aussehen, woran man das Reich Gottes erkennt. Offenbar will Gott keine Umkehr durch Androhung von Gericht und Verdammnis. Mag sein, dass Menschen sich so zur Umkehr bewegen lassen… Aber es wäre keine echte Bekehrung, keine Umkehr des Herzens.

Durch Barmherzigkeit will Gott uns Menschen bewegen, umzukehren und uns zum Guten zu wenden. Damals wie heute. Auch uns. Wenn wir wollen. Und haben wir nicht alle einen gnädigen und barmherzigen Gott nötig? Manchmal sind wir doch selbst irgendwie blind, lahm, unrein und taub. Wenn wir ehrlich sind. Und wir dürfen ehrlich sein!

Blind, weil wir zu wenig achtsam sind, weil wir vieles übersehen und anderes nicht wahrhaben wollen. Jesus will uns die Augen öffnen. Mit ihm dürfen wir alles anschauen. Er bringt Licht ins Dunkel. Ich bin das Licht der Welt. Auch für dich.

Taube Ohren und ein verstocktes Herz…. Immer wieder spricht Jesus die Menschen an. In einfachen Worten, die gut tun, weil sie die Wahrheit in Liebe sagen. Er hat Worte ewigen Lebens.

Lahme will er wieder in Bewegung bringen. Was lähmt nicht alles: Resignation, es geht doch nichts weiter. Mangelndes Zutrauen. Das schaff ich nicht. Die Macht schlechter Gewohnheit, die alles beim Alten lässt. Wie vielen Menschen hat Jesus nicht aufgeholfen und manchmal auch auf die Sprünge.

Und Aussätzige werden rein… Die reinigende Kraft der Vergebung, wer von uns bräuchte sie nicht… Wieviel kann da neu lebendig werden.

Den Armen, denen, die es brauchen, wird so das Evangelium verkündet. Eine wahrhaft frohe Botschaft!

Jesus geht es vor allem darum, dass wir uns gerecht werden, er will uns dabei helfen. Das heißt auch, unsere eigenen Grenzen zu akzeptieren aber zugleich auch unsere Möglichkeiten zu sehen und zu nutzen. So werden wir uns gerecht, so will Gott uns gerecht machen. Am Ende wird der Weg der Umkehr, den Johannes verkündet hat, zu einem Weg mit dem barmherzigen Jesus.

04.12.2016
Wunschlos glücklich?
Gedanken zum 2. Advent von Pfarrer Ulrich Lindl

Immer noch mehr?
Wünsch dir was! Das ist zum Motto geworden im Advent. Und der Einzelhandel reibt sich die Hände.  Süßer die Kassen nie klingeln…

Wie gehen wir damit um? Nicht nur im Advent…

Es gibt Menschen, die braucht man gar nicht erst zu fragen, was sie wollen. Die kommen schon von allein. Mit einer langen Liste an Wünschen, die manchmal schon als anspruchsvolle Forderungen daherkommen. Nicht nur bei den Piloten, die ja von Berufs wegen gerne abheben – und dabei die Frage aufwerfen: Wann und was ist eigentlich genug?

Aber es gibt auch das Gegenteil von Menschen. Denen fällt gar nichts mehr ein, was sie sich eigentlich noch wünschen sollen. Weil sie vielleicht schon alles haben oder sie die Lust auf mehr (im) Leben aus ihrem Herzen verloren haben…?!

Wunschlos glücklich?
Ich weiß nicht, ob es das wirklich gibt, ja geben darf in unserem Leben. Dass wir uns nichts mehr wünschen…, weil wir schon alles haben, oder gar nichts mehr erwarten?

Machen wir einen Sprung in den Spitzensport zu den Spitzenverdienern. Und nehmen den Ball auf, den der „Spiegel“ heute ins Spiel gebracht hat. Ein adventliches Thema ist es wahrlich nicht. Aber es gibt viel zu denken, wenn ein Fußballer wie Ronaldo neben seinem bescheidenen Jahresgehalt von 38 Millionen Euro -das sei ihm ja vergönnt – mit zusätzlichen Werbeeinnahmen ein Jahreseinkommen von 100 Millionen Euro voll macht. Was dann aber schon fraglich wird: Mit wieviel ausgeklügelter Taktik das meiste Geld am Fiskus, der ja irgendwie dem Gemeinwohl aller dienen soll, vorbeigetrippelt wird. Ob da am Ende ein Eigentor herauskommt, wie jüngst bei Lionel Messi?

Am selben Tag hat´s einer anderer ganz anders gemacht. Nico Rosberg. Erster deutscher Rennfahrer, der auf einem Deutschen Rennboliden Formel 1 Weltmeister geworden ist. Schlecht verdient der bestimmt auch nicht. Was aber den Unterschied macht: Der hört jetzt auf. Es reicht ihm anscheinend.

Am Anfang stand bei dem kleinen Nico einmal ein großer Wunsch. Einmal wie sein Papa Keke Weltmeister zu werden. Darauf hat er sich konzentriert, darauf hat er sich gezielt vorbereitet, darauf hat er sich auch gefreut. Endlich ist es ihm gelungen. Und jetzt hört er auf. Es wird gefeiert. Und dann? Ist Rosberg wunschlos glücklich…? Der alte Rennfahrer Hans-Joachim Stuck beklagte an diesem überraschenden Entschluss mangelnde Leidenschaft für den Rennsport. Aber es gibt anscheinend noch stärkere Leidenschaften im Leben eines Nico Rosberg, noch andere Wünsche als sportlicher Erfolg und viel Geld. Und die lassen tief blicken. Rossberg wünscht sich jetzt mehr Zeit für seine Frau, seine Tochter, für seine Familie. Hier wird’s dann doch wieder ein wenig Advent…  Glückwunsch!

Johannes in der Wüste
Auch Johannes hatte einen großen Wunsch. Dafür hat er alles gegeben. Dafür steht er in der Wüste. Mit nichts außer seinem großen Wunsch, dem Herrn den Weg zu bereiten. Diesen Wunsch hatte er offenbar schon vor seiner Geburt. Jedenfalls strampelt er vor Freude im Mutterleib los, als Maria bei Elisabeth ankommt. So als könnte er es gar nicht mehr erwarten, sich auf den Weg zu machen.

„Nach mir kommt einer, der größer ist als ich!“ (Joh 1,8) Und Ihm den Weg zu bereiten, ist sein einziger Wunsch. Als er am Ende im Gefängnis des Herodes sitzt, hat er nur noch den einen Wunsch: Ich will es wissen! Johannes schickt seine Jünger zu Jesus: „Bist du es, der kommen soll?“, werden sie fragen, „oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11, 2 ff) Jesus macht klar, dass er es ist. Das zu hören, wird Johannes wohl kurz vor seiner Enthauptung unglaublich gefreut haben.

Johannes ist die große Gestalt des Advents und seine Stimme! Damals wie heute. Und das ist gut so. Er hilft uns, den Advent zu verteidigen gegen Konsum, Kommerz und Kitsch. Advent ist keine Zeit der vielen Wünsche, kein Anlass für ellenlange Wunschzettel. Sie erfüllen unser Leben ja am Ende nicht wirklich. Nicht noch mehr und noch mehr.

Advent ist nicht die Zeit der vielen kleinen Wünsche. Sondern eine gute Zeit der großen Erwartung. Kenne ich so was noch? Oder ganz persönlich gefragt: Welcher Herzenswunsch, welche Sehnsucht, welche Erwartung in meinem Leben wäre imstande, mich zu ihm in Wüsten hinauszutreiben…? Und wenn ich mir dann vorstelle, ich stehe vor Johannes. Würde ich ihm meine Wünsche sagen können? Was würde er wohl antworten? Was würde er mir wohl ans Herz legen? Und würde ich dann umkehren? Und wie ankommen?

„Wünsch Dir was!“ Dieses Motto ist schon richtig adventlich. Wenn wir wirklich Wünsche haben. Sehnsuchtsvoll, leidenschaftlich und dann auch erwartungsfroh. Solche Wünsche werden uns zum einen konzentrieren auf das, was wirklich wichtig ist, worum es wirklich geht. Zum anderen lassen sie uns eine Erwartungsfreude spüren, die das Leben voranbringt und ankommen lässt.

Advent heißt „Ankunft“. Alles, was uns am Ende wirklich ankommen lässt, ist darum adventlich. Und wenn ein Wunsch in Erfüllung gegangen und ein Traum wahr geworden ist, dann darf der Mensch auch einmal zufrieden sein. Und, so hoffen wir, am Ende – bei Gott- wunschlos glücklich.

06.11.2016
Das himmlische Geheimnis
Gedanken zum Evangelium des 32. Sonntags im Jahreskreis (Lk 20, 27-38) von Pfr. Ulrich Lindl

In jener Zeit kamen einige von den Sadduzäern, die die Auferstehung leugnen, zu Jesus und fragten ihn: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. Da nahm sie der zweite, danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben. Schließlich starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.

 Da sagte Jesus zu ihnen: Nur in dieser Welt heiraten die Menschen.

Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind. Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.

Kann man sich die Liebe vorstellen?
Ich möchte mit Ihnen einen Versuch machen:

Stellen sie sich doch mal die wahre Liebe vor.

Sie meinen, das ist doch eine etwas indiskrete Frage zu Beginn einer Predigt?

Keine Angst, ich komme jetzt nicht mit dem Mikrophon zu Ihnen. Aber diese Frage würde mich schon mal interessieren: „Wie stellen sie sich die wahre Liebe vor?“ 

Ich weiß nicht, wie sie sich die wahre Liebe vorstellen. Aber die Vorstellungen von der Liebe werden wohl ganz persönlich und damit auch recht unterschiedlich sein. Auf alle Fälle wird es nicht gerade einfach sein, sich eine eindeutige Vorstellung von der wahren Liebe zu machen. Das liegt wohl nicht daran, dass es sie nicht gibt, die wahre Liebe. Nein, ich denke wir alle werden wohl an die Liebe glauben oder zumindest die Sehnsucht nach ihr in uns verspüren. Aber sich die wahre Liebe vorstellen, das ist dann doch alles andere als einfach.

Noch viel schwieriger wird unser kleines Experiment, wenn wir jetzt versuchen wollten, unserem Nachbarn in der Bank zu erklären, was die wahre Liebe ist. Vielleicht würde der eine um Worte ringen, und die andere ganz viele Worte machen. Vielleicht würden manche von uns gar nichts sagen und vielleicht ein Bild malen. Aber ich glaube, das Ergebnis unseres Versuches wäre wohl ein und dieselbe Einsicht: Anderen Leuten meine Vorstellung, meinen Traum von der wahren Liebe mitzuteilen ist schwierig wenn nicht gar unmöglich. Ganz und gar unmöglich erscheint es mir, jemanden allein mit Worten von der wahren Liebe zu überzeugen, der selbst gar nicht an die Liebe glaubt.

Ja, vielleicht wäre die beste Antwort letztendlich die: die Liebe kann man sich nicht wirklich vorstellen, und schon gar nicht in Worte fassen, die Liebe muss man selbst erfahren, um wirklich ein wenig davon zu erahnen, was die wahre Liebe ist.

Wer wissen will, was die Liebe ist, ja wie Liebe ist, der wird versuchen müssen selbst zu lieben. Und wir dürfen hoffen, dass uns immer wieder Augenblicke der Liebe geschenkt werden. Augenblicke der Liebe, die sich Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen zu einem Bild der Liebe zusammenfügen, ein Bild freilich, das aber doch immer nur ein mehr oder weniger kleiner Ausschnitt von dem bleiben wird, was die wahre Liebe ist. So weit so gut…

Kann man sich den Himmel vorstellen?
Aber, so mögen sie denken: im heutigen Evangelium geht es doch gar nicht um die Liebe, kein einziges Mal kommt das Wort „Liebe“ vor. Was soll also dieser Versuch. Es stimmt: im heutigen Evangelium geht es nicht um die Liebe, dafür aber geht es um den Himmel. Und irgendwie scheint mir da das Problem, vor dem Jesus steht, ein ähnlich gelagert, wie das, vor dem wir gerade standen.

Da sind einige Sadduzäer. Sadduzäer sind fromme Juden, die sich streng an die ersten fünf Bücher Mose halten. Im Unterschied zu den Pharisäern, die uns allen ja besser bekannt sein dürften, glauben die Sadduzäer nicht an die Auferstehung der Toten, nicht an ein Leben nach dem Tod und damit auch nicht an den Himmel, denn davon steht in den ersten fünf Büchern der Bibel noch nichts geschrieben.

Die Sadduzäer machen mit Jesus einen Versuch. Vielleicht um ihn auf die Probe zu stellen, vielleicht aber auch wirklich aus einem inneren Interesse heraus. Jedenfalls fragen sie Jesus: wie stellst du dir den Himmel vor? Um ihre Frage gleich an einem Beispiel festzumachen, liefern sie auch noch einen konkreten Fall. Der klingt in unseren Ohren heute ziemlich weit hergeholt. Deshalb werden wir diesen Fall wohl alle noch gut im Ohr haben.

Da ist eine Frau, die immer wieder verwitwet. Und immer wieder den Bruder des verstorbenen Ehemannes heiratet, einen nach dem anderen. Damals war das so, es stand im Gesetz des Mose, und an das hielten sich die Sadduzäer streng. Verlor eine Frau ihren Ehemann, und war die Ehe ohne männlichen Nachkommen, musste der Schwager die verwitwete Frau heiraten. Dafür gab es zwei Gründe: Einerseits sollte der Fortbestand der Familie gesichert werden. Wer nicht an ein Leben nach dem Tod glauben konnte, hoffte zumindest an ein Weiterleben in seinen Nachkommen. Zum anderen wurde der Unterhalt der Witwe sichergestellt. So war das damals also. Und jetzt die kniffelige Frage: Wie ist das im Himmel? Wessen Frau wird sie dann sein? Eine unmögliche Frage, oder ist da eine Antwort möglich?

Jesus lässt sich nicht in spitzfindige Diskussionen verstricken. Er macht nicht einmal große Anstrengungen, den Himmel mit Worten zu beweisen. Wie ginge das auch?

Vielmehr versucht er eines klar zu machen: Der Himmel sprengt den Rahmen, den Rahmen aller Worte, den Rahmen jeder Vorstellung.

„Nur in dieser Welt heiraten die Männer und die Frauen – die aber, die gewürdigt wurden an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, heiraten nicht.“ Wie es aber dann sein wird, darüber schweigt Jesus. Und hat er nicht recht – Muss man nicht darüber schweigen, worüber man nicht reden kann?

Nur eines lässt Jesus die Sadduzäer wissen: dass es ein Leben gibt nach dem Tod und einen Himmel über der Erde. Schließlich ist Gott kein Gott der Toten, sondern der Lebenden; für ihn sind alle lebend.

Der Himmel sprengt den Rahmen
Den Schriftgelehrten hat diese Antwort offenbar genügt. Genügt sie auch uns?

Die Versuchung des Menschen war und ist groß, dieses letzte große Geheimnis zumindest ein wenig zu lüften. Gibt es ein Weiterleben?

Und wie soll ich mir dieses Weiterleben vorstellen? Wer hier Genaues wissen will, der wird sich enttäuscht sehen. Der Himmel lässt sich nicht beschreiben mit Worten, nicht fassen, mit all unseren Sinnen. Wir dürfen ihn nicht zerreden oder gar versuchen den Himmel auf die Erde zu zwingen, mitten hinein in unser doch so begrenztes Denken. Denn das Leben, das kommt, der Himmel der über uns ist übersteigt bei weitem den Rahmen all unseres Denkens, all unserer Vorstellungskraft. Genau das macht ja den Himmel zu dem was Himmel ist. Als Menschen denken wir in Raum und Zeit. Im Gestern, Heute und Morgen. Im hier und dort. Allein innerhalb dieses Rahmens von Raum und Zeit vermögen wir Menschen überhaupt zu denken.

Für den Himmel ist dieser Rahmen viel zu eng. Der Himmel ist weiter, er ist grenzenlos. Anstelle der Zeit tritt die Ewigkeit und anstelle des Raumes tritt die Unendlichkeit. In einigen Gegenden wurde früher im Augenblick des Todes die Uhr angehalten – die Zeit hat ihr Ende. Und die Spiegel wurden verhängt – der Raum ist unbegrenzt. Im Augenblick des Todes ergießt sich die Zeit in die Ewigkeit. Öffnen sich die Grenzen des Raumes mitten hinein in die Weite des Himmels. Das kann man sich nicht mehr vorstellen und beweisen lässt es sich schon gar nicht. Der Himmel lässt sich nicht beweisen, vielleicht gar mit dem Fernrohr. Ebenso töricht wäre es, die Liebe unter dem Mikroskop beweisen zu wollen. Menschen, die den Himmel beweisen wollen, sind wohl ebenso unglaubwürdig, wie Menschen die ständig die Liebe beweisen wollen. Und doch glauben wir an die Liebe, und an den Himmel glauben wir auch. So ist der Himmel, das ewige Leben, ein großes Geheimnis unseres Glaubens. Vielleicht sollten wir wieder mehr Liebe zu den Geheimnissen des Lebens entwickeln. Kinder hüten ihre Geheimnisse noch in ihrem Herzen, wie kostbare Schätze. Auch der Glaube birgt viele Geheimnisse, in die uns Jesus ahnungsvoll einweihen will. Und gilt für den Glauben der Hinweis des Hebräerbriefes: „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft; überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebr. 11,1) Den Himmel gilt es nicht zu beweisen, den Himmel gilt es zu erhoffen, wie auch die Liebe immer wieder erhofft werden will.

Es ist wohl mit dem Himmel, wie mit der Liebe – man muss ihn erleben. Den Himmel auf Erden können wir allenfalls erahnen in himmlischen Augenblicken, die uns schon in diesem Leben geschenkt sind. Himmlische Augenblicke, die uns die Zeit vergessen lassen und alles um uns herum. Vielleicht lassen diese himmlischen Augenblicke uns -wie kleine Mosaiksteinchen- schon in diesem Leben ein ganz klein wenig erahnen, was wahres Leben, was Leben in seiner ganzen Fülle, was der Himmel ist. Und kann es Zufall sein, dass diese himmlischen Augenblicke oft Augenblicke der Liebe sind.

Mehr können wir nicht erfahren. Alles andere bleibt Überraschung. Denn „was kein Auge hat gesehen und kein Ohr je gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist,: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2, 9)

Freuen wir uns darauf!

01.11.2016
Gedanken zu Allerheiligen von Pfarrer Dr. Ulrich Lindl

Ordnung ist das halbe Leben – aber wo bleibt der Himmel?
Wir ordnen ein und ordnen unter. Es muss alles seine Ordnung haben. Menschen denken in Richtungen: oben und unten, links und rechts, schwarz und weiß, gut und böse… Das hat einen großen Vorteil: Man kennt sich aus. Die Sache ist klar. Einfach alles in Ordnung.

Das Leben (in) der einen Welt
Aber ist es wirklich so einfach? Dass wir Leben und Welt so klar einordnen können? Ja, selbst unsere Welt wird noch unterteilt in eine erste, zweite und übrig bleibt die „Dritte Welt“. Dabei haben wir doch nur die eine Welt! Oder?

Auch die Glaubenswelt hat man gerne eingeteilt: in Himmel und Hölle. Und zwischen dem Himmel da droben und der Hölle da drunten war der Mensch auf Erden. Das ist jedem Kind klar, spätestens wenn es zum ersten Mal „Himmel und Hölle“ spielt, jenes harmlose Kinderspiel, das gar keine andere Wahl kennt als die zwischen Himmel oder Hölle. Weil das so einfach wohl nicht ist, machen wir es am besten noch einfacher und bleiben bei dem „Eine-Welt-Gedanken“, der uns nicht nur entwicklungspolitisch sondern auch spirituell weiterhelfen kann. Und der Gedanke lautet schlicht und ergreifend: es gibt nur eine Welt. Und einen kleinen Teil davon sehen wir. Wir können ihn messen. Das ist die sichtbare Welt. Aber es gibt noch eine andere: die unsichtbare Welt. Wir sehen sie nicht, dafür bekommen wir sie immer wieder zu spüren. Die bekannte Feststellung von Antoine St. Exupéry ist schon wahr: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt für das Auge unsichtbar.“ Die unsichtbare Welt macht uns wesentlich und wir leben mitten in ihr und: sie ist nicht von ungefähr. Im Credo bekennen wir ausdrücklich den einen Gott, „der alles erschaffen hat, die sichtbare und die unsichtbare Welt“. Warum trennen, was doch im Innersten zusammengehört? Hier die Erde, dort der Himmel. Hier Vergänglichkeit, dort die Ewigkeit.

Das irdische Leben war vor nicht allzu langer Zeit nur ein Vorspiel für das ewige Leben. Der Wartesaal für den Himmel sozusagen. Und nicht Wenige wurden in ihrem Leid auf den Himmel vertröstet. Das hat dem Menschen nicht gut getan und der sichtbaren Welt nicht wirklich weitergeholfen.

Aber es tut dem Menschen umgekehrt auch nicht gut, den Himmel schon auf Erden zu versprechen. Für Menschen, die nicht an den Himmel glauben, bleibt schließlich nur noch Erde übrig. Und der Druck -wie auch immer- ein „Paradies auf Erden“ zu schaffen. Was für eine heillose Überforderung! Dieser Versuch ist darum auch immer wieder kläglich gescheitert…

Es gibt nicht zwei verschiedene Welten. Der Himmel gehört zur Erde und die Erde gehört zum Himmel. Es ist eine Welt, in der wir leben.

Das Reich Gottes ist mitten unter uns
Wo aber ist der Himmel, wenn er nicht dort droben ist? Die Antwort ist für mich ganz einfach: Da, wo Gott ist. Wo Gott ist, ist der Himmel. Und wo ist Gott? Ganz einfach: Gott ist da. Das hat er uns gesagt und versprochen. Ja, das ist sein Name und sein Wesen: „Jahwe!“ – „Ich bin“ – „Ich bin da.“ Wo sollte Gott denn sonst sein? Er ist doch der Grund allen Da-Seins! Gott ist mitten unter uns. Je mehr oder weniger wir ihm Raum geben, desto mehr berührt und durchdringt uns der Himmel schon jetzt.

Es gibt die Hölle. Und da meinen wir nicht zuletzt Situationen, die in ihrer Unmenschlichkeit kaum auszuhalten sind. „Die Hölle von Ausschwitz“ war ein Ort, in dem die Gott-Losigkeit des Menschen Leben in Massen vernichtet hat. Ein grausamer Beweis was geschieht, wenn der Mensch dem Menschen Gott austreiben will. Neben einer „Heidenangst“ bleibt viel menschliches Elend zurück. Und ist die Hölle zuletzt nicht das „Nicht-Da-Sein Gottes“?

Wir alle kennen aber auch „ein Stück Himmel auf Erden“ und verbinden damit Augenblicke, die uns schon im Hier und Jetzt  mit dem Himmel in Berührung bringen. Momente voller Glück, himmlisches Glück! Augenblicke tiefen Friedens, himmlischer Freude! „Das ist ja wie im Himmel!“ Von Menschen, die sich lieben, sagt man, sie seien „im siebten Himmel“ – und das mitten auf Erden.

Jesus hat spürbar Gott nahe gebracht. Jesus hat die Menschen nicht auf den Himmel vertröstet. Sondern sie sensibilisiert, dass der Himmel schon hier und jetzt beginnt und hineinwachsen will in die Welt. „Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.“ (Lk 17, 21) Manchmal noch klein und unscheinbar. Klein vielleicht wie ein Senfkorn. Und so verletzlich. Man kann dem Reich Gottes Gewalt antun, den Himmel veruntreuen. Aber es ist doch da. Und es soll wachsen!

Und wie geht es in den Himmel?
Einen tollen Wegweiser habe ich einmal in München entdeckt. Der Wegweiser war nicht aufgestellt wie ein Straßenschild, sondern drauf gesprüht auf die Fassade einer Kirche mitten drin in der Münchner Fußgängerzone. „Wenn wir Jünger Jesu werden beginnt der Weg ins Paradies auf Erden.“ Leider hat man den Fingerzeig zum Himmel wieder übertüncht. Man hätte ihn stehen lassen sollen!

„Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ hat Papst Benedikt einmal gesagt. Alle Heiligen sind auf ihrem Weg eingetreten in die Jüngerschule des Herrn und haben dabei mit ihm ihre Erfahrungen gemacht. Theresa von Avila etwa: Als junges Mädchen hat sie sich gegen den Willen des Vaters von Zuhause losgerissen. Sie wollte möglichst schnell raus aus der Welt und „schnurstracks“ in den Himmel. Sie hat sich kasteit und versuchte ihr irdisches Leben abzutöten. Aber das ist ihr nicht gelungen. Im Gegenteil. Am Ende hatte sie das Irdische nur umso fester im Griff. Über zwanzig Jahre hinweg, und das mitten im Kloster. Bis sie darüber erschrak und erkannte: den Himmel finde ich nicht indem ich aus der Welt fliehe, sondern ihn schon hier und jetzt in der Welt suche und finde. Das ist ihr dann auch geschenkt worden. In einer Inneren Vereinigung mit ihrem Herrn, in einer „Unio mystica“, hat sie immer wieder auf einmal alles geschaut. Die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Der Himmel ist schon mitten unter uns. Darum dürfen wir auch Kontakt aufnehmen mit denen in der unsichtbaren Welt leben. Alle Heiligen sind ja ein lebendiger Glaubensbeweis. Wie viele Fürbitten haben sie schon erhört. Die Heiligen sind gute Wegweiser und Wegbegleiter. Sie sind nicht von uns sondern uns voraus gegangen. Sie leben bei Gott und bei Gott mit und für uns. Wie auch unsere Verstorbenen –und das wollen wir hoffen!- bei Gott Lebende sind.

Die Erde nicht ohne den Himmel und den Himmel nicht ohne die Erde!
Leben und glauben wir zusammen, was zusammen gehört. Die eine Welt, denn es gibt nur eine. Und das eine Leben, im Glauben an den einen Gott, der in seine Welt gekommen ist, um uns zu erlösen. Dann braucht es kein zweites.

30.10.2016
Kleiner Mann ganz groß Gedanken zum Evangelium 
nach Lukas (Lk 19, 1-10) am 31. Sonntag i. Jahreskreis von Pfarrer Dr. Ulrich Lindl

 In jener Zeit

1kam Jesus nach Jericho und ging durch die Stadt.

2Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.

3Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.

4Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.

5Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.

6Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.

7Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.

8Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.

9Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.

10Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Begegnungen fürs Leben
Es gibt Begegnungen, die man nie vergisst. Augenblicke, die tief hineinschauen lassen ist das Leben. Und das Leben ist voller Begegnungen. Auch die Bibel -dieses große Glaubensbuch- steckt, ist voller Begegnungen. Gottesbegegnungen – Jesusbegegnungen. Eine der schönsten Begegnungen hat Zachäus erlebt. Sie ist deshalb so schön, weil sie so menschlich anfängt und so göttlich endet.

Zachäus eine menschliche Geschichte
Sie ist deshalb so menschlich, weil uns in Zachäus ein Mensch begegnet, wie sie eben manchmal sind. Zachäus ist klein. Gut, dafür kann er nichts. Es gibt Dinge im Leben eines jeden Menschen, für die er nichts kann, für die er nicht verantwortlich ist. Das zu wissen ist wichtig, denn das entlastet.

Aber bei Zachäus ist noch etwas anderes. Und dafür kann er sehr wohl etwas. Aus welchen Gründen auch immer betätigt sich Zachäus als Zollpächter. Er macht gemeinsame Sache mit den verhassten Römern. Während im Norden des Landes viele mutige Galiläer für ein unabhängiges Volk Israel kämpfen, ist im Süden in Jericho, nahe Jerusalem die Lage völlig anders. Dort gibt es nicht wenige Sympathisanten mit den Regenten von Roms Gnaden und Menschen wie Zachäus, die gemeinsame Sache machen und davon auch ganz schön profitieren. „Mein Rock hat zwei Taschen“, wird sich  Zachäus wohl gedacht haben. Und so wanderte ein Teil der Zollabgaben in die Kasse des Staates und ein Anderer, den er offenbar oft noch obendrauf schlägt, in die Eigene. So war Zachäus reich. Bei Ausgrabungen glaubt man auf die Grundmauern seines Hauses gestoßen zu sein, mit aufwändig gestalteten Fußböden. Zachäus muss richtig viel Geld gehabt haben….!

Nun macht Geld allein nicht glücklich. So ist es kein wunder, dass Zachäus unbeliebt war und einsam und wohl nicht gerade glücklich. Die Leute wechselten auf die andere Straßenseite. Auch in der Synagoge konnte er sich nicht mehr blicken lassen. Kein Freund der Menschen und auch kein Freund Gottes. Eine menschliche Geschichte bis dahin, wie sie vorkommt und bei allem tragisch hätte enden können.

Aber es muss im Leben ja nicht alles so bleiben wie es ist. Irrwege müssen keine Irrwege bleiben. Und am Ende von Sackgassen gibt es am Ende nur noch einen Weg: die Umkehr. Umzukehren fällt nicht eben leicht. Die Macht der Sünde kann Menschen oft lähmen. Auch für Zachäus war es bestimmt nicht einfach, aber dann hat er es doch getan: Was hat den kleinen großen Sünder wohl auf den Baum getrieben? Neugier allein wäre wohl kaum in der Lage gewesen. Schließlich macht er sich dort oben doch zum Gespött der Leute. Es wird wohl der Mut der Verzweiflung gewesen sein und die Hoffnung….

Waren ihm bisher alle aus dem Weg gegangen, Jesus bleibt stehen. Hatten bislang alle weg geschaut – Jesus schaut hin – und sieht nur noch ihn! Aug in Aug mit Jesus – was für ein Augenblick.

Zachäus – eine göttliche Geschichte
„Zachäus, komm schnell herunter… Ich muss heute noch bei dir zu Gast sein!“ Dieser kleine große Sünder braucht ihn jetzt. Was für ein Entgegenkommen! Mit einem öffentlichen Sünder zu essen war für fromme Juden ein Ding der Undenkbarkeit und durchaus auch etwas gotteslästerlich. Auch Zachäus kann nichts mehr halten. Schneller als er auf den Baum hinaufgeklettert ist, ist er schon wieder herunten. Je früher desto besser! Zu lange schon hat er sich mit seiner Schuld herum geschleppt.

„Die größte Sünde eines Menschen ist nichtdass er sündigt. Wir Menschen sind schwach.“ sagt der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber; und hat er nicht Recht? “Die größte Sünde des Menschen ist, dass er nicht immer wieder umkehrt zu Gott und sich Vergebung schenken lässt.“

Genau hier ist der Umschlagspunkt: die anfangs so menschliche Geschichte wird auf einmal göttlich: Zachäus ist mit Jesus allein. Er breitet sein Leben vor ihm aus. Beide schauen darauf. Wahrheit schafft Klarheit. Sich alles von der Seele reden. Was für eine Befreiung!

Jeder Sünder hat seine Vergangenheit, aber auch seine Zukunft! Zachäus wird wohl Zeit gebraucht haben, bis er Jesus alles gebeichtet hat. Aber es hat sich gelohnt.

Zachäus ist umgekehrt und er wird reich beschenkt. Jesus vergibt ihm. Er nimmt ihm ab, was er nicht mehr tragen, ertragen kann. Ja, heute ist diesem Hause Heil widerfahren. Und wir spüren, dass genau hier, bei Zachäus, Jesus an sein Ziel gekommen ist. Denn er, der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. Gott sucht den Menschen – in Jesus will er ihn finden. Und dort, wo Jesus den Menschen gefunden hat, ist Gott am Ziel. Denn da begegnet Gott dem Menschen und der Mensch Gott.

Der Augenblick Gottes
Es gibt viele Begegnungen in der Bibel, die uns berühren. Augenblicke die das Leben verändern. „Der Augenblick“, sagt Martin Buber, „ist das Gewand Gottes.“

Dieser Augen-Blick des Zachäus mit Jesus ist einer der Anrührendsten. Er enthüllt die Barmherzigkeit Gottes, die wir im Antlitz Jesu erblicken.  Sie lädt uns ein, uns immer wieder selbst einzulassen auf die heilsame Begegnung mit Jesus. Gerade dort, wo wir mit uns allein nicht mehr zurecht kommen, wo wir spüren, es müsste sich doch was ändern, will sich Jesus einladen auch bei uns: Ich muss heute bei dir zu Gast sein.

Suchen wir immer wieder den Augenblick für unser Leben. Vielleicht ganz einfach so, dass wir uns zumindest einmal am Tag, am besten abends, im Spiegel anschauen. Es muss nicht lange sein. Aber sehen wir uns wirklich in die Augen. „Lass Dich mal anschauen? Wie geht´s dir mit mir?“ Das darf ruhig tief blicken lassen.

Und dann suchen wir einen Augenblick mit Jesus. Lassen wir ihn auch draufschauen und hinein in unser Leben. Er durchschaut uns in Liebe. Vier Augen sehen mehr und sein Blick tut ganz einfach gut.

16.10.2016
Gedanken zum Evangelium am 30. Sonntag im Jahreskreis  (Lk. 18, 9-14) von Pfarrer Ulrich Lindl

 In jener Zeit

9erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Beispiel:

10Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.

11Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.

12Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.

13Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!

14Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Sind die Menschen gleicher als gleich?
Vor Gott sind alle Menschen gleich.

Das ist ein Grundsatz, der sogar bis in unsere Verfassung prägend Eingang gefunden hat. Aber sind vor Gott wirklich alle Menschen gleich? Ist es nicht so, dass es unverkennbar Unterschiede gibt. Gibt es nicht einige, die gleicher sind als die anderen? Ja es gibt doch fromme Menschen und weniger fromme, und solche, die den lieben Gott, einen guten Mann sein lassen. Sind vor Gott nun alle Menschen gleich, oder gibt es nummerierte Plätze bei ihm?

Heute sind die Plätze in der Kirche nicht mehr nummeriert. Ja die begehrtesten sind -so scheint es-, fast wie im Kino die hinteren. Damals, zur Zeit Jesu, war das andersrum. Im Tempel ging es um die vorderen Plätze und da begegnen wir ihm. Gewissermaßen in der ersten Bank.

Zwei unterschiedliche Menschen…
Ihm dem Pharisäer. Habe ich mir doch gedacht. Wiedermal so ein scheinheiliger Pharisäer in der ersten Bank. Aber wahrscheinlich tun wir ihm unrecht. Denn was heute als scheinheiliger religiöse Schaumschläger verschrien ist, ein Pharisäer eben, das waren zur Zeit Jesu Laien, die sich in aller Regel um ein gottgefälliges Leben bemüht haben. Ernsthafte Juden also. Und auch unserem Pharisäer in der ersten Bank bedeutet die Religion viel. Und was er nicht alles für Gott tut, man kann es sich kaum alles auf einmal merken, denn die Liste ist lang.

Er betet eifrig. Gleich sieben Mal am Tag. Das muss man sich mal vorstellen.

Er fastet zweimal in der Woche und spendet den zehnten Teil seines Einkommens, das ist um einiges mehr als der heutige Kirchensteuersatz.

Er achtet alle Ge- und Verbote. Und das waren damals nicht nur die 12 Gebote, sondern ganze 624 Gesetzesvorschriften zusätzlich.

Soviel Frömmigkeit dürfte wohl auch uns beschämen. Eines scheint klar: dieser Pharisäer ist nicht so wie die Räuber und Ehebrecher. Und er ist auch nicht so wie der Zöllner, der da auch noch im Tempel ist – irgendwo da hinten, in der letzten Bank.

Dieser Zöllner. Ein Mann der von Berufswegen am Eingang der Stadt Zölle erhebt. Einer, der den anderen an den das Geld abnimmt, und davon wohl so manches in die eigene Tasche steckt. Kein Wunder, dass so jemand nicht viele Freunde hat. Denn nicht genug damit, dass er sich auf Kosten anderer bereichert. Er steckt zugleich noch mit den Römern unter einer Decke. Macht gemeinsame Sache mit ihnen, und kassiert für sie Markt-Straßen- und Grenzzölle ab. Ein Kollaborateur. Und das ist vielleicht noch schlimmer. Denn dieses Geschäft macht ihn in den Augen des alttestamentlichen Gesetzes unrein, vom Gottesdienst im Tempel ist er jedenfalls ausgeschlossen.  Im Leben dieses Menschen hat sich wohl alles ums Geld und nichts um Gott gedreht. Deshalb betet er ganz hinten und er kann auch nicht viele Worte machen. Ganz kleinlaut bringt er nur dies heraus: „Herr sei mir Sünder gnädig.“

Was heißt schon „fromm“?
Die Sache scheint sonnenklar. Da sind wir zwei Menschen begegnet: einem frommen Pharisäer und einem sündigen Zöllner.

Was für uns und für die Jünger damals ganz eindeutig war, ist für Jesus ganz anders.

Denn er sagt: „Nicht der Pharisäer geht gerecht nach Hause zurück, sondern der Zöllner.“  Das stellt doch so ziemlich alles auf dem Kopf! Wird da der Sünder erhöht und der Gerechte erniedrigt? So kannst Du das doch nicht gemeint haben, Jesus! Du kannst doch nichts gegen fromme Leute haben, die gerne beten, die fasten und über die Kirchensteuer hinaus auch noch etwas spenden. Du kannst doch im ernst nicht wollen, dass wir einfach so drauf los leben; gar auf Kosten anderer, andere übers Ohr hauen. „Nein, so habe ich das auch nicht gemeint!“, höre ich Jesus antworten. Und ihn fragen: Ist Dir sonst nichts aufgefallen? Hast Du nicht gehört wie der Pharisäer gebetet hat. Laut in der ersten Reihe. Wie viele Worte er gemacht hat. Es ging ihm offenbar nur um eines: sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Vor Gott groß raus zu kommen. Beim Beten hat er nur über sich gesprochen. In zwei Sätzen hat er nicht weniger als fünf  Mal „Ich“ gesagt. Sieh her, lieber Gott, so bin ich, das habe ich geleistet. So und jetzt bist du dran. Er meldet ganz selbstbewusst seine Ansprüche an. Kannst Du mir sagen, wozu der Gott noch braucht? Für Gott bleibt doch nur noch eines übrig: auf Knopfdruck die Belohnung auszuspucken?

Der Zöllner dagegen hat anders gebetet. Kleinlaut. Er hat nicht viele Worte gemacht. Ja, er findet ganze fünf Worte. „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Kein einziges Mal sagt er „Ich“. Ja er wagt nicht einmal aufzuschauen. Wieso auch. Was könnte er Gott schon bieten. Keine eigene Leistung, keine Verdienste, nur seine leeren Hände.

Vielleicht geht es Gott gerade darum: um diese leeren Hände, die der Zöllner Gott armselig entgegenstreckt.

Der Pharisäer hat alle Hände voll – der Zöllner hat seine Hände leer. Die Hände eines Menschen, der Gott bitter nötig hat. Ist das nicht ergreifend! Welche Hände kann Gott da ergreifen? Welche Hände beschenken? Füllen mit seiner Gnade, mit seiner Barmherzigkeit?

Das Geheimnis der leeren Hände
Das Geheimnis des Gleichnisses vom Pharisäer und dem Zöllner ist das Geheimnis leerer Hände. Das zu verstehen fiel damals nicht gerade leicht, und heute fällt es nicht gerade leichter. Die Hände leer hinzuhalten, das ist gar nicht so einfach. Heute. Bei uns. Wer viel hat und wer viel kann, der ist wer. Macher sind gefragt. Menschen, die ihr Leben fest im Griff haben. Wir Leben schließlich in einer Leistungsgesellschaft. Leere Hände sind da nicht gefragt. Wenn gerade heute die Hände immer voller und die Kirchen immer leerer werden, dann höre ich so manchen sagen: Es müssen nur wieder schlechte Zeiten kommen, und die Menschen lernen wieder das beten. Ich wünsche uns nicht schlechte Zeiten.

Aber eines wünsche ich uns schon. Dass wir nicht alles uns selbst zutrauen. Dass wir nicht der Versuchung verfallen, unser Leben und unseren Glauben ganz alleine fest in den Griff zu bekommen. Das führt letztlich nur zur Verkrampfung.

Wir dürfen Vertrauen haben auf Gott. Ihm dürfen wir wirklich etwas zutrauen in unserem Leben. Ganz besonders auf den Gebieten, wo wir selbst nicht viel machen können, weil wir auf diesen Gebieten so unsere Schwächen haben. Und tut das nicht gut zu wissen: Wir dürfen auch dann vor ihn hintreten, wenn wir nichts oder nur wenig in Händen halten. Das entkrampft, das schenkt auch Gelassenheit und Gelassenheit, das ist eine christliche Tugend, die befreit.

Christliche Gelassenheit befreit uns nicht zuletzt von dem ungeheuren Leistungsdruck, alles Heil selbst schaffen zu müssen. Wenn wir Jesus glauben dürfen, dann hält Gott offenbar wenig von Machertypen. Denn wer sich selbst alles zutraut, der muss Gott nichts mehr zutrauen. Wer um seine eigenen Fehler und Schwächen weiß, der kann Gott an sich handeln lassen. Ihm sagen: Gott, sei mir Sünder gnädig. Und trauen wir Gott da ruhig was zu: Gott alle Möglichkeiten, sich als gnädig zu erweisen.

Alfred Delp hat es einmal so ausgedrückt: „Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die wahren Urgebärden des freien Menschen.“ Kann Gott mich an der Hand nehmen? Bin ich so frei?

16.10.2016
Kirchweih
Gedanken zum Evangelium Lk 19, 1-10 von Pfarrer Ulrich Lindl

1 Dann kam Jesus nach Jericho und ging durch die Stadt.
2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.
3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.
4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.
5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.
6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.
7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. 8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.
9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.
10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

„Damit die Erde am Himmel hafte,
schlugen die Menschen Kirchtürme in ihn.“
Eine schöne Beobachtung, die der Dichter Reiner Kunze da macht. Gerade recht zum heutigen Kirchweihsonntag. „Damit die Erde am Himmel hafte, schlugen die Menschen Kirchtürme in ihn.“ Unsere Kirchtürme sind wie Fingerzeige zum Himmel. Und darum die eigentlichen Wegweiser unseres Lebens. „Mensch, vergiss den Himmel nicht!“

Wir feiern Kirchweih. Und wir spüren wohl alle: da geht´s um mehr als um erhabene Gebäude und alte Tradition. Es geht auch um mehr als erbauliche Kunst und Kultur. Kirchweih stellt die Lebensfrage des Glaubens. Wie lebendig ist das Leben in den Kirchen? Der Glaube im Volk?

Eines ist doch klar: Häuser, die leer stehen, verfallen. Da machen Kirchen keine Ausnahme. Immer wieder wird die Forderung laut: die Kirche muss im Dorf bleiben! Darauf gibt es eine einfache Antwort: Wenn das Dorf in der Kirche bleibt, bleibt die Kirche auch im Dorf. Versprochen!

Also nochmal: wie lebendig sind unsere Kirchen? Wie sportlich unser Glaube?

Der kleine Zöllner Zachäus ist quicklebendig. Er passt darum so wunderbar zu Kirchweih, wie die Kirchweihfahne am Turm, die vielerorts seinen Namen trägt. Zachäus. Mit dem kleinen reichen Zöllner erleben wir, worum es eigentlich geht. Nicht um Geld und auch nicht um Immobilien. Zachäus geht es um Jesus. Genau darum klettert er auf einen Baum – Er will Jesus sehen – und Jesus ihn.

Was für ein Augenblick! Jesus sieht Zachäus und Zachäus sieht Jesus. Wieder einmal begegnet Jesus in einem Augen-Blick. Für beide gibt es jetzt kein Halten mehr. Jesus lädt sich ein und Zachäus nimmt ihn gleich mit. Zu sich nach Haus. Aus einem Augenblick wird Begegnung – der Anfang eines neuen Lebens.

Wir feiern Kirchweih in Bayern. Und haben allen Grund, dankbar zu sein. Dankbar für unsere prächtigen Gotteshäuser. Sie sind sichtbare Glaubenszeugen. Aber wie gesagt: es geht an Kirchweih um mehr als um Steine. Es geht um das Leben der Kirche. Und darum, dass unser Glaube lebendig bleibt. Dazu brauchen wir immer wieder Augenblicke mit Jesus. Die Begegnung mit ihm. Gerade auch zu Hause. Die frühe Kirche hatte gewiss keine großen Kirchen, dafür aber viele kleine Häuser – Hauskirchen, in denen Jesus willkommen war.

Feiern wir darum heute am Sonntag in unseren Kirchen dankbar Kirchweih; und dann, ja dann nehmen wir Jesus mit zu uns nach Haus. Und dann, ja dann gibt´s nicht nur eine Kirche im Dorf, sondern viele Hauskirchen drum herum. Orte, an denen Jesus auch unter der Woche willkommen ist, eingeladen, im Alltag mit uns zu leben. So hat die Kirche vor 2000 Jahren gut angefangen. Damals – und heute? Nehmen wir Jesus mit heim!

02.10.2016
Nichts kommt von ungefähr…
Gedanken zum Evangelium (Lk 17, 5-10) am 27. Sonntag im Jahreskreis von Pfarrer Ulrich Lindl

 In jener Zeit

5baten die Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben!

6Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen.

7Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen?

8Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken.

9Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?

10So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

 

Kein Glaube aus dem Ärmel
Wie nah sind wir noch dran am Ernte-Dank-Fest… in unserer hochtechnisierten Zeit? Kaufen wir nicht fast alles fein säuberlich verpackt im Supermarkt? Und doch bleibt eines wohl allen klar: Von nix kommt nix. Auch mit Mitteln der Agrarindustrie lässt sich die Ernte nicht künstlich erzeugen. Nichts kommt von ungefähr. Damit bleibt die Botschaft von Ernte-Dank aktuell: „Wer denkt, der dankt!“

Das gilt übrigens nicht nur für „die Früchte der Erde“; das gilt auch für den Glauben. Auch der Glaube kommt nicht von ungefähr. So wie man die Äpfel nicht einfach gleich vom Baum schüttelt, sondern erst ein Apfelkorn in die Erde legen muss. So schüttelt man den Glauben bei Bedarf nicht einfach aus dem Ärmel. Auch der Glaube muss wachsen.

Was geschieht, wenn man sich nicht mehr um den Glauben kümmert, sehen wir in unserem Land: das Glaubenswissen verdunstet, das Glaubensleben trocknet aus.

Um den Glauben muss man sich schon annehmen. Man hat nie zu viel davon. Die Jünger haben schon geglaubt, aber es war ihnen offenbar zu wenig. Sie wollten mehr. Und darum gehen sie zu Jesus. „Herr, stärke unseren Glauben!“ (Lk 17,5) Bei Jesus kommen sie genau an den Richtigen. Was wird Jesus ihnen wohl raten?

Glaube wächst durch Glauben
Die Antwort ist aufs Erste gar nicht so einfach zu verstehen: Jesus sagt: „Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre, wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerfeigenbaum sagen: Heb dich samt seinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer, und  er würde euch gehorchen.“ (Lk17, 6)

Wie ist das denn zu verstehen? Doch wohl so: Wenn du deinen Glauben stärken willst, dann glaube! Eigentlich leuchtet das doch ein. Fragen Sie im Fitnessstudio den Trainer: Wie kann ich fitter werden? Die Antwort wird lauten: Mach mehr Fitness!

Menschen, die in tiefer in der Liebe wachsen, lieben einfach mehr.

Die Sache ist wohl nicht komplizierter: Wenn dein Glaube wachsen soll und stärker werden, dann glaube. So gut du eben kannst.  … Und du wirst Erfahrungen mit dem Glauben machen. Diese Glaubenserfahrungen werden Dir zeigen: der Glaube hält was er verspricht. Menschen, die immer vertrauensvoll aus dem Glauben heraus gelebt haben, bestätigen: Glaube wächst durch Glauben. Und macht manchmal selbst das Unglaubliche wahr… – wenn wir nur glauben.

Das Lasso hilft nicht!
Damit wird eines klar: der Wille zum Glauben ist durch nichts zu ersetzen. Darum haben alle anderen Versuche, das Glaubensleben in unserem Land zu bestärken keinen Erfolg gehabt. Was hat man nicht schon alles versucht.  Wenn sie nicht wollen, hilft alles nichts.

Was der Kirche in unserem Lande sicher nicht weiterhelfen wird: Noch mehr Action, noch mehr Events. Selbst wenn ich einen Purzelbaum über den Altar schlagen würde, beim ersten Mal kämen vielleicht mehr Leute in die Kirche; aber dann … wäre der Gag auch schon wieder alt. Und ich müsste mir was Neues einfallen lassen. Den Glauben kann man den Menschen nicht nachtragen. Und auch mit einem Lasso kann man Menschen nicht einfangen. Nein, sie müssen wollen. So wie die Jünger (mehr) Glauben wollen.

 Gott ist und bleibt Gott!
Das setzt eine Grundeinsicht voraus, die dem selbstbewussten Menschen auch nicht gerade leichtfällt. Es gibt einen, der größer ist als ich. Gott gibt es nicht, weil ich es will. Mich gibt es, weil Gott es will.

Diese Größe Gottes, die uns durchaus Ehrfurcht gebieten darf, zeigt deutlich, wer der „Herr im Hause“ ist. Der Sklave wird seinem Herrn dienen. Selbstverständlich und ohne weitergehende Erwartungen. Der kleine Hinweis auf den Dienst des Sklaven im Haus des Herrn macht klar, wer Gott ist und was der Mensch. Nicht Gott braucht uns – wir brauchen Gott (vgl. Lk 17, 7-10).

Es ist darum keine Frage von Lust und Laune, ob ich meinem Gott diene. Dass ich dann vielleicht auch mal in den Gottesdienst gehe, weil ich eben mal nichts Besseres vorhabe. Es ist meine Pflicht und Schuldigkeit. Denn im Gottes-Dienst zeige ich, dass Gott für mich Gott ist, dem ich diene.

Aber eben dann doch nicht als Sklave – aus Zwang. Jesus sagt ja an anderer Stelle, dass er uns nicht mehr Sklave nennt: „Ich habe euch vielmehr Freunde genannt.“ (Joh 15,15) Die Beziehung zu Gott ist damit nicht mehr eine Beziehung der Unterordnung und Abhängigkeit, sondern vielmehr Freundschaft, ja noch mehr: Liebe. „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ (1 Joh 4,16)

Damit ist aber die Beziehung zu Gott noch einmal stärker geworden – nicht äußere Abhängigkeit, sondern die innige Verbundenheit echter Liebe macht zutiefst den Glauben aus. Gott, mein Gott, ich liebe Dich, nicht weil ich Dich brauche. Ich brauche Dich, weil ich Dich liebe. Von einer Sonntagspflicht zu reden, ist deshalb ebenso verquer wie von einem Zwangskuss zu sprechen. Ich muss nicht in die Kirche – ich will. Der Beliebigkeit ist damit keineswegs das Wort geredet. Im Gegenteil: Freundschaft verbindet. Liebe vereint. Es wird eine neue Dimension der Verbundenheit erreicht.

Ein Mensch der wirklich glaubt, ist ein Mensch, der wirklich liebt. Dass Gott die Liebe ist, die Liebe meines Lebens.

Credo – Ich glaube!
Und damit wird dann auch verständlich, was „Ich glaube – credo“ meint: Nicht weniger als cor do – ich gebe mein Herz.

Und darum liegt es eben doch auf der Hand und Jesus am Herzen: Unser Glaube wächst, je mehr wir glauben. So wie die Liebe wächst, je mehr wir lieben. Und beides berührt sich im Innersten zutiefst…!

11.09.2016
Welchen Gott hätt´ ma denn gern?
Gedanken zur Lesung aus dem Buch Exodus am 24. Sonntag i. J. von Pfarrer Ulrich Lindl (Ex 32, 7-11.13-14)

In jenen Tagen sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben.

Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.

Weiter sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es.

Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.

Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt.

Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es für immer besitzen.

Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.

Die Gottesfrage
„Du, Mama, wo wohnt denn der liebe Gott?“
„Du, Mama, was macht eigentlich der liebe Gott den ganzen Tag?“
Glaubensgespräche in der Küche, so fängt´s in der Regel an…
Wenn Kinder so mit 2 oder 3 Jahren die Frage nach dem lieben Gott stellen. So unbefangen die Kleinen die Frage stellen, so hartnäckig tun sie es auch.
Und die Mama muss jetzt antworten…
Ja, so antwortet die Mama: „Der liebe Gott wohnt im Himmel“, und sie zeigt nach oben. Das ist nicht falsch und diese Antwort wird das Kleine auch zufriedenstellen.
„Und was macht der liebe Gott den ganzen Tag?“ Was würden Sie einem Kind antworten?
Es ist gar nicht so einfach über den Glauben zu reden. Vor allem, wenn man nicht viel drumherum reden kann, wie bei Kindern.
Wenn wir die erste Frage uns anschauen: der liebe Gott wohnt im Himmel, so kann einem ja gleich der Zweifel kommen: wo ist eigentlich der Himmel?
Wo ist Gott? Vielleicht bleibt diese erste Frage eines kleinen Kindes die glaubensentscheidende Frage des Menschen, solange er sich die Frage nach Gott stellt. Oft ein Leben lang.
Nur die Antworten werden mit den Jahren schwieriger. Der Glaube des Menschen war noch nie über alle Zweifel erhaben. Nicht zuletzt stellt ja das Leben selbst den Glauben immer wieder infrage. Der Glaube wird angefragt. Nicht nur heute, da man von einer Glaubenskrise spricht, auch früher schon. Ja vielleicht war das schon immer so. Wo ist Gott?

Halbe Antworten
Das Volk Israel wurde auch infrage gestellt: In Kanaa, dem gelobten Land, in das es geführt wurde. Die Menschen dort fragten die Israeliten: an welchen Gott glaubt ihr eigentlich? Wo ist euer Gott, den ihr anbetet? Was sollten die Israeliten antworten? Wen vorzeigen? Ihren Gott konnte man nicht herzeigen in Form von Götzenbildern. Ihr Gott ließ sich nicht beschwören durch magische Riten. Ihr Gott ließ sich nicht vorführen.
Ihr Gott war größer. Und doch erliegen sie der Gefahr, ihn klein zu machen. „Das goldene Kalb“. Endlich hatten sie etwas zum Vorzeigen und zum Vorführen: Seht her! Da ist er!
Ein solcher Gott ist im besten Sinne greifbar. Aber ein Gott zum Greifen, ein Gott, den der Mensch in der Hand hat: ist das nicht ein Götze? Ein lieber Gott in der Hutschachtel, den man herausholt, wenn man ihn braucht, a- Weihnachten etwa, oder wenn mal was weh tut- den man aber auch ganz schnell wieder wegpacken kann, weil man sonst auch ganz gut ohne ihn auskommt….
Aber, wenn wir schon an einen Gott glauben, der sich nicht greifen lässt, lässt sich Gott dann wenigstens begreifen?
Wie viele gescheite Menschen haben sich nicht schon den Kopf zerbrochen, Gott zu beweisen. Und dabei viele Bücher gefüllt, mit manch Wichtigem und Wahrem. Viele große Denker konnten zeigen, dass es vernünftig ist, an Gott zu glauben. Dass Gott nicht im Widerspruch steht zur Vernunft des Menschen. Aber Gott konnten sie letztlich  nicht beweisen.
Manch andere Denker, die Gott für prinzipiell unerkennbar hielten, lagen insgeheim vor den Göttern und vor der Logik auf den Knien. Kann einem solchen Geist geholfen werden? Vielleicht durch die Erfahrung, dass menschliches Erkennen nur Stückwerk sein kann. Mitunter auch durch den eigenen Lebensweg, der sich nicht ausgedachter Formeln beugen will.
Da mag sich die Vernunft des Menschen noch so anstrengen – begreifen lässt sich Gott nicht – Gott ist größer. Gott lässt sich nicht greifen, nicht mit den Händen und auch nicht mit dem Verstand allein.
Die letzte Versuchung des Menschen ist die Selbstbedienung: Wie möchte ich Gott haben? Welchen Gott brauche ich? In all den vielen Esoterikläden tut sich ein breites Angebot auf. Für jeden ist der richtige Gott im Regal.
Ein bisschen transzendentale Meditation, ein bisschen kosmisches Prinzip… ein bisschen hiervor, und davon… Aber Gott ist nicht im Baukastensystem zu haben. Ein lieber Gott zum Zusammenstecken. Gott ist größer!
Es ist nicht die Sache des Menschen, Gott zu machen, ihn zu beweisen, oder ihn zusammenzubasteln. Die Frage nach Gott führt nicht in die Goldschmieden (wie zu Zeiten des Paulus im heidnische Ephesus) und auch nicht in abgeschirmte Gelehrtenstuben und schon gar nicht in irgendeinen Esoterikladen.  Die Frage nach Gott führt geradewegs zum Menschen.

Gott musst Du erleben!
Nicht der Mensch offenbart Gott, Gott offenbart sich dem Menschen. Und das mitten im Leben. Gott muss man erleben! Das sollte uns nicht verwundern. Schließlich glauben wir an einen lebendigen Gott. Der selbst die Mitte unseres Leben ist. Jeder Mensch ist made by God – Gott gemacht – das macht jeden Menschen so einmalig, so unverwechselbar. Jeder Mensch ist made by God: das macht jeden Menschen zu einer Offenbarung Gottes.
Jeder von uns hat seine eigene Lebensgeschichte, seine eigene Lebenserfahrung. Uns alle zusammengenommen verbindet ein großer Reichtum an Lebenserfahrung. Lebenserfahrung wird im Licht des Glaubens immer zur Glaubenserfahrung. Dann nämlich, wenn ich in meinen Leben bewusst auf die Spurensuche nach Gott mache. Vielleicht haben sich die Spuren Gottes in meinem Leben deutlich abgezeichnet, vielleicht habe ich viele seiner Spuren noch gar nicht entdeckt. Und sei´s d´rum, die Spuren Gottes nur unter dem Staub des Vergessens freizulegen.
Es lohnt sich deshalb, miteinander nach Spuren Gottes in unserem Leben zu suchen. Und anderen davon zu erzählen: Wieviel von Gottes Wirken da dann sichtbar wird, wieviel wir darüber erfahren, wer Gott ist und wie er ist.
In vielen Begegnungen habe ich aus den Lebens- und Glaubenserfahrungen erahnen dürfen, wie lebendig Gott auch heute ist. Wie spürbar seine Spuren sind. Und wie überraschend zugleich. Denn jeder Mensch ist einmalig. Deshalb gibt es wohl auch ebenso viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Ein schöner Gedanke von Papst Benedikt XVI. Wo Menschen miteinander leben und glauben, da wird der Glaube lebendig. Der Glaube wird zu einer großartigen Erlebniswelt des Menschen mit Gott.
Die Frage nach Gott führt zum Menschen, sie führt zu uns. Und diese Frage führt uns zusammen. Mögen auch die Spuren Gottes in unserem Leben verschieden sein, die Wege zu Gott viele, wir glauben an den einen Gott. Und das macht uns zu einer Glaubensgemeinschaft zu einer Weggemeinschaft. Und auf diesem Weg dürfen wir aufeinander Hörende, voneinander Lernende, füreinander Sorgende und miteinander Glaubende sein.

Übrigens lohnt es sich, da mal vorbei zu schauen: www.credo-online.de – auf dieser neuen Plattform aus dem Bistum Augsburg geht es genau darum, Glaubenserfahrungen und Gotteserlebnisse miteinander zu teilen. Ein fürwahr spannendes Unternehmen!

04.09.2016
Sag mir bitte die Wahrheit!
Gedanken zum Evangelium des 23. Sonntags i. J. von Pfarrer Ulrich Lindl

In jener Zeit als viele Menschen Jesus begleiteten, wandte er sich an sie und sagte:
Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.
Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten
und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen.
Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?
Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, so lange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.
Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.

 

Haben Sie eigentlich Menschen, die Ihnen die Wahrheit sagen?
Wie viele fallen Ihnen ganz spontan ein?
Menschen, die mir die Wahrheit sagen, sind mir deshalb so wichtig, weil ich spüre: Es liegt ihnen was an mir.
Da muss sich jemand erst mal Gedanken machen und dann auch den nötigen Mut aufbringen und die Liebe, die es schließlich auch braucht, um einem anderen die Wahrheit zu sagen.
Unvergessen bleibt mir ein abendlicher Spaziergang mit einem jungen Mitbruder, der mir so einiges in aller Wahrheit gesagt hat.

Darum bin ich auch Jesus so dankbar. Er hat mir in meinem Leben noch immer die Wahrheit gesagt. Er sagt mir bestimmt nicht immer, was ich hören will. Aber dafür genau das, was mir gut tut. Seine Wahrheiten sind echt heilsam!

Das Evangelium vom Sonntag hat es wieder mal in sich. Jesus hält unbequeme Wahrheiten bereit:
Achte dein Leben gering!
Nimm dein Kreuz auf dich!
Gib alles her, was du hast!

Was soll man mit damit um Gottes Willen anfangen? Hand auf´s Herz: Wer von uns macht am Montag mit dem Sonntagsevangelium wirklich ernst?
Also wieder mal Jesu Forderungen so lange weich spülen, bis sie uns nicht mehr kratzen?
Vergessen wir nicht: Jesus sagt uns immer die Wahrheit. Und er hat immer Recht! Worum geht es ihm also…?

Punkt 1 – Nimm dich nicht so wichtig! Wie oft stellt sich der Mensch in den Mittelpunkt. Aber machen nicht Beziehungen unser Leben erst reich! Die wichtigste Lebensbeziehung ist und bleibt dabei  unsere Gottesbeziehung! Dafür möchte uns Jesus gewinnen: dass wir unsere Gottesbeziehung intensivieren. Und genau dabei will und kann uns Jesus helfen.

Punkt 2. Und wie stehen wir zum Kreuz?
Natürlich wünscht sich niemand Leid herbei. Auch Jesus hat das Kreuz nicht gesucht. Und doch wissen wir alle, dass es Leid in der Welt gibt. Am Leid kommt der Mensch nicht vorbei. Darum hat Jesus das Kreuz angenommen. Nicht am Leid vorbei, sondern durch das Leid hindurch führt sein Weg der Erlösung. Schauen wir ruhig mal in unser eigenes Leben. Waren es nicht gerade die schweren Zeiten, die uns im Leben weiter gebracht haben, weiter auch in unserem Glauben?!

Und schließlich geht es Jesus natürlich auch ums Geld. Besitz kann wirklich besessen machen. Aber macht Armut frei? Jesus stellt uns immer wieder vor die Frage: was ist wichtiger: Haben oder Sein? Es kommt ja nicht darauf an, was mir gehört, sondern wem ich gehöre.
Jesus hatte selbst nichts, nicht einmal einen Ort, wo er sein Haupt hinlegen konnte (vgl. Lk 9,58). Und doch hatte er mehr als alles. Jesus hatte Gott! Was für ein Reichtum! Seine Jünger schickt er darum mit nichts auf den Weg zu den Menschen. Ihr einziger Schatz ist ihr Glaube: das Himmel-Reich ist nahe!

…Wahrscheinlich werden es tatsächlich nur wenige sein, die Jesu Vorschläge gleich morgen rigoros umsetzen.
Aber genau deshalb sollten wir uns das Evangelium zumuten und uns ernsthaft  fragen: Jesus, was hast du mit mir eigentlich vor?
Vergessen wir nicht: Jesus hat den Seinen nicht nur die Wahrheit gesagt. Jesus hat für sie auch gebetet. Er wird auch uns mit unserem guten Willen und in unserer Schwachheit ins Gebet nehmen. Auch das ist wahr!

07.08.2016
Wartezeit
Gedanken zum 19. Sonntag von Pfarrer Ulrich Lindl

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.
Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst.
Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.
Legt euren Gürtel nicht ab, und lasst eure Lampen brennen!
Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft.
Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen.
Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie.
Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht.
Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.
Da sagte Petrus: Herr, meinst du mit diesem Gleichnis nur uns oder auch all die anderen?
Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr einsetzen wird, damit er seinem Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuteilt?
Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt!
Wahrhaftig, das sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen.
Wenn aber der Knecht denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht zurück!, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen; wenn er isst und trinkt und sich berauscht,
dann wird der Herr an einem Tag kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen.
Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen.
Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Wann haben wir das letzte Mal gewartet? Und vor allem wie? Am Bahnsteig. Wieder mal Verspätung!
Beim Arzt – im Warte-zimmer?
Auf das Ende einer endlosen Sitzung?
Die Deutschen warten 117 Mio Stunden auf Ämtern und Behörden.

Irgendwie lästig dieses Warten. Abwarten, zuwarten…Mit dem Warten tun wir uns schwer … und mit diesem Evangelium wohl auch.
Schade, dass das Warten bei uns so gar keinen guten Ruf hat. Denn eigentlich ist Warten auch etwas durchaus Positives. Da steckt so viel Potential drin.
Reden wir nicht vom Abwarten, Zuwarten, reden wir vom Erwarten. Genau darum geht es Jesus doch im Evangelium. Dass wir Erwartungen haben. Im Leben und im Glauben auch.

Bei Menschen, die noch was erwarten, bei denen geht noch was!
Worauf warte ich eigentlich noch, was sind Erwartungen meines Lebens? Geben wir uns nicht mit zu wenig zufrieden. Und vergessen wir vor allem nicht: Alles Sichtbare ist vergänglich! Aller irdischer Reichtum vergeht. Warum sich viele dennoch so daran klammern? Nichts von alledem nehmen wir am Ende mit! Jesus spricht eine deutliche Gewinnwarnung aus.

In unserem Leben steckt mehr drin, als wir auf Festgeldkonten anlegen könnten! Es geht um nicht weniger als den Himmel. Um das Himmelreich. Dort sollen wir uns Schätze sammeln. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel. Dafür will Jesus uns gewinnen. Für das Himmel-Reich. Denn wo unser Schatz ist, da ist auch unser Herz.
Ist das nicht unsere eigentliche, eine ja geradezu himmlische Lebenserwartung!

Zugegeben. Im Vater unser beten wir ja auch darum. „Dein Reich komme!“
Wir beten darum… aber rechnen wir auch damit, hoffen wir darauf, bitten wir wirklich darum. Dass das Reich Gottes kommt. Dass er wiederkommt, Jesus Christus, unser Herr?

„Maranatha, Herr komm, und komm bitte bald!“ Bei den ersten Christen war genau dies die Fürbitte Nummer 1, das Gebetsanliegen schlechthin. Sie waren geradezu beseelt davon, weil sie es nicht mehr erwarten konnten, den Herrn wiederzusehen, und dann immer beim Herrn zu sein. Was für eine Erwartungsfreude!
Bei kleinen Kindern lebt sie noch auf, diese Vorfreude auf das Christkind. Und bei uns, uns Erwachsenen? Manchmal erschrecke ich selbst, wenn ich das Evangelium höre. Gott sei Dank. Jesus du meinst ja mich. Dass ich wach bleibe für Dich. Keine Angst, die da aufkoo
mmt – nein es ist schon eher eine heilsame Unruhe. Damit nicht alles beim Alten bleibt. Der Herr wird kommen.

Lassen wir uns vom Evangelium ruhig immer wieder aufschrecken. Das hält uns wach. Bleiben wir aufmerksam für den Herrn und sein Kommen.

Wir wissen nicht, wann der Herr kommt. Das ist wahr. Aber dass er kommt, das wissen wir.
Jeder Sonntag ist der erste Tag einer neuen Woche. Und das Evangelium ein Impuls, den wir mit hineinnehmen können. Ein geistlicher Anreiz, der uns, mittendrin in der Woche in den Sinn kommen könnte. Was wäre, wenn der Herr jetzt kommt.

Unsere Lebenserwartung bemisst sich nicht in Jahren. Unsere Lebenserwartung ist der Herr!

31.07.2016
Glücklich ist…
Gedanken zum 18. Sonntag im Jahreskreis von Pfarrer Ulrich Lindl

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig wunschlos glücklich…?
… Und was hat das gekostet?

Einfach glücklich?
Fällt es Ihnen auch auf, dass wir Menschen eigentlich wenig brauchen, um glücklich zu sein. Die Menschen, die ich kenne, die auf mich einen glücklichen Eindruck machen, sind ganz einfach glücklich und zufrieden. Wieviel brauchen wir wirklich, um glücklich zu sein? Sind manche Menschen vielleicht schon deshalb nicht glücklich, weil sie es sich zu schwer machen; weil sie vom Glück zu viel erwarten? Ich muss doch nicht erst 10 Stunden im Flieger sitzen, nur um ein paar erholsame Urlaubstage zu verbringen?

Nochmal: Was macht uns glücklich? Was sind Glücksbringer in unserem Leben?

Alles Windhauch?
Der Prophet Kohelet scheint zu dieser Frage aufs Erste gar nichts Positives  beizutragen. Wir hören nur immer wieder dasselbe: „Windhauch alles nur Windhauch.“ Der Prophet ist kein Schwarzmaler. Kohelet gibt vielmehr eine bedenkenswerte „Gewinnwarnung“ heraus: Erwarte dir nicht zu viel von dem, was dich auf Dauer doch nicht glücklich macht.

Versprich dir nicht zu viel von Erfolg, Reichtum, Besitz. All das ist doch so vergänglich. Schon vor 2500 Jahren machte Kohelet die Beobachtung, die auch uns bekannt vorkommt: viele Menschen setzen alles daran, möglichst viel zu besitzen, und wenn sie es dann haben, kostet es so manch schlaflose Nacht, um es nicht wieder zu verlieren.

„Es kommt vor, dass ein Mensch, dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde, ihn einem andern, der sich nicht dafür angestrengt hat, als dessen Anteil überlassen muss. Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt? Alle Tage besteht sein Geschäft nur aus Sorge und Ärger, und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe. Auch das ist Windhauch. Stimmt!

Reichen fällt es offenbar mitunter schwer, ganz einfach glücklich zu sein. „Reiche Menschen sind oft arme Menschen mit viel Geld“, was für ein Seufzer aus dem Mund des legendär reichen Reeders Onassis! Geld (allein) macht nicht glücklich. Und die Macht?

Macht Macht glücklich? Was machen Menschen nicht alles, um an die Macht zu kommen. Und dann, wenn sie an der Macht sind, müssen sie sich an der Macht halten. Und dann,nwenn sie die Macht los sind, sind sie wirklich machtlos. Macht macht nicht glücklich, schon eher besessen und getrieben und dann oft auch krank. Ein Blick auf so manche Politiker und Manager verrät da einiges.

Auch Jesus will uns davor bewahren, das Glück dort zu suchen, wo es auf Dauer nicht zu finden ist: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde; sammelt euch Schätze im Himmel.“ (Mt 25, 25) Setzt nicht auf falsche Sicherheiten!

„Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.“ (Lk 12,15)

Sinn macht glücklich!
Was aber macht dann glücklich, wer ist am Ende reich? Eine interessante Antwort verdanken wir Liz Mohn, Medienunternehmerin des Bertelsmann-Konzerns und damit alles andere als unvermögend: „Sie sind ja nicht glücklich, weil sie reich sind. Reichtum ist, einen Lebensinhalt zu haben.“ Reichtum ist einen Lebensinhalt zu haben. Das ist es! Schon vor Jahrzehnten diagnostizierte der österreichische Psychiater Viktor E. Frankl im Leiden an einem sinnlosen Leben eine bedrohliche Grundkrankheit des modernen Menschen. Und dagegen hilft nur eines: Sinn-Gebung. Geld und Besitz, Macht und Erfolg sind zu wenig, um ein Leben sinnvoll auszufüllen. Und auch die Couch -diese Bequemlichkeit des Lebens- macht nicht glücklich. Das hat Papst Franziskus jedenfalls den unzähligen Jugendlichen auf dem Weltjugendtag in Krakau zugerufen. Um glücklich zu werden brauche es vielmehr Stiefel an den Füßen, die Spuren hinterlassen im Erdreich dieser Welt.  Da spricht der Papst Jesus aus dem Herzen. Oder können Sie sich Jesus auf einer bequemen Couch vorstellen? Jesus hat sich auf den Weg zu uns Menschen gemacht und dabei wahrlich Spuren hinterlassen. Jesus hat uns einen Gott nahe gebracht. Einen Gott, der die Liebe ist. Das ist unser Glaube. Gott ist die Liebe. „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Joh 14,1). Und: „Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ (Joh 4,16) Diesen Glauben hat Jesus hingebungsvoll vor-gelebt. Bis ans Kreuz. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15,13) 

„Reich ist, wer viel hat, reicher ist, wer wenig braucht. Am reichsten ist, wer viel gibt.“ Zu dieser Steigerung an Lebenshaltung will uns unser Glaube befähigen. Wer nur für sich selbst Schätze sammelt, ist am Ende vor Gott nicht reich! (vgl. Lk 12, 21)  … und kann am Ende auch oft nur schwer loslassen.

Worin also besteht der Sinn des Lebens? Diese Frage muss gewiss jeder für sich selbst beantworten. Arm dran, wer da auf sein Bankkonto verweist. Die Antwort finden wir auch nicht auf titelreichen Visitenkarten, die nach der Pensionierung schnell vergilben. Die Antwort finden wir in unserem Herzen. Was in unserem Herzen lebt und wofür wir aus ganzem Herzen leben, das macht Sinn. Und wenn es die Liebe ist, die wir hingebungsvoll leben, dann umso besser. Denn die Liebe ist aus Gott. Denn „Gott ist die Liebe“ (Joh 4,16) Letztlich gehört uns am Ende nur, was wir zu geben vermochten. Nur leere Hände kann Gott am Ende für immer füllen. Erfüllen mit Leben – Über-Leben in Ewigkeit. Amen!

24.07.2016
Jesus – unser Vorbeter
Gedanken zum Evangelium am 17. Sonntag im Jahreskreis (Lk 11, 1-13) von Pfarrer Ulrich Lindl

Wer hat mir eigentlich das Beten beigebracht?
Welches Gebet war das erste Gebet meines Lebens?
Was ist mein Lieblingsgebet?
Wie bete ich eigentlich? Und wie betest Du?
Und wie hat Jesus eigentlich gebetet?

Zweisamkeit
Die Fragen lohnen sich allemal. Vor allem die letzte: Wie hat Jesus eigentlich gebetet? Wenn einer weiß, wie Beten geht, wenn einer uns das Beten beibringen kann, dann doch ER, Jesus Christus. Eines gleich vorweg: Jesus hat gebetet, und wie!

Dazu hat er immer wieder die Einsamkeit gesucht. 40 Tage lang die Wüste zu  Beginn seiner Mission. Einsamkeit im Gebet. Das muss man erst mal aushalten.

Und er hat es immer wieder getan: in der Einsamkeit beten. Vor allem dann, wenn es wichtige Entscheidungen zu treffen galt. Das Gebet war ihm Entscheidungshilfe – und seine Entscheidungen Gebetsereignisse.

Wäre das nicht auch etwas für uns? Sich immer wieder einmal aus dem Alltag herausnehmen und anfangen zu beten… Beter sagen: das erst hilft oft wirklich weiter. Entscheidungen vorab ins Gebet zu nehmen… Immer wieder einen Versuch wert.

Und auch das ist wahr: In der Einsamkeit des Gebets findet der Beter zur Zweisamkeit mit Gott. Gott ist ja unsere allererste und allerletzte Bezugsperson! Damit wird das Gebet zu einer Beziehungspflege mit Ihm und hilft so unserem Glauben zu wachsen.

… im Vertrauen
Dieser Glaube schenkt uns Vertrauen – Gottvertrauen. Das Vertrauen in Gott, dass Er für uns sorgt und wir uns keine unnötigen Sorgen machen sollen. Darum ist es Jesus auch immer wieder wichtig, unser Gottvertrauen zu stärken. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Die Erfüllung so manches Gebets hat Gott letztendlich wohl auch von unserem Vertrauen abhängig gemacht. Seine Zusage steht: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden, klopft an, dann wird euch geöffnet.“ (Lk 11, 9)

Ob wir der Zusage Jesu im heutigen Evangelium wirklich Vertrauen schenken, hängt von uns ab. Jesus jedenfalls ruft uns dazu auf, mit einem Vorschuss an Vertrauen ins Gebet zu gehen: „Alles, worum ihr bittet und betet, glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil. (Mk 11, 24)

 

Jesus ist nicht nur unser Vorbeter, er ist auch ein Vorbild an Gottvertrauen. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Lk 23, 36) Bis zu seinem letzten Atemzug hat er aus einem abgrundtiefen Vertrauen gebetet, dann hauchte er seinen Geist aus. „Da hilft nur noch beten…“ Ein heilsames Zugeständnis. Wenn wir Menschen am Ende sind, dann kann Gott oft erst wirklich etwas mit uns anfangen.

In der Gebetsschule Jesu
Die Jünger haben gespürt, wie tief Jesus im Gebet war. Sie sind ihm gefolgt, haben auf ihn gehört, mit ihm gelebt. Diese Jüngerschule war die einzige und allerbeste Ausbildung für ihre spätere Aufgabe: Zeugnis zu geben für Jesus. Auch das Beten haben sie von ihm gelernt. Als die Jünger wieder einmal gesehen haben, wie Jesus betet, bitten sie ihn: „Herr, lehre uns beten.“ (Lk 11,1) Und Jesus nimmt sie mit in seine Gebetsschule und lehrt sie sein Gebet, das Vater unser.

Wie wohl Jesus allein gebetet hat, er wusste auch: Gebet setzt in Beziehung. Das Gebet weitet immer und weist über uns selbst hinaus, verbindet uns mit Gott und untereinander. Wer betet, ist nie allein. Und Jesus betet immer mit. „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind…“  (Mt 18, 20 Gerade im Vater unser spüren wir etwas von diesem Wir-Gefühl des Glaubens.

Und das Vater unser gibt uns auch auf, worum wir beten sollen. Denn auch das ist ja nicht so ganz einfach. Worum soll ich beten? Was ist am Ende wirklich das Beste – für mich – für andere? Im seinem Gebet geht es Jesus nicht um alles Mögliche… Das Vater unser ist ein zentrales Gebet. Es geht ums Wesentliche. Es nimmt ins Gebet, was für Jesus wesentlich ist:

Dass Gott uns heilig ist und bleibt.

Dass wir uns einsetzen, für ihn und sein Reich.

Dass wir –jenseits alles Überflusses- bekommen, was wir wirklich zum Leben brauchen – und alle anderen bitte auch!

Dass wir zu Versöhnung bereits sind, und selbst Versöhnung geschenkt bekommen.

Dass wir den vielen Versuchungen dieser Welt nicht erliegen.

Mehr nicht.

Denn da ist noch viel mehr, was Gott uns gibt, wenn wir ihn darum bitten. Und dieses Viel Mehr ist eigentlich alles, was wir beim Beten brauchen: Seinen Geist. Jesus verspricht uns, dass „der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben (wird), die ihn bitten.“ (Lk 11,13)

Vielleicht ist das auch das allerwichtigste Anliegen, dass wir um den Heiligen Geist beten, den Beistand, der uns in die ganze Wahrheit einführt. Der uns dann auch hilft in aller Offenheit dafür zu beten, was uns wirklich zum Heile dient.

10.07.2016
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (10,25-37)

In jener Zeit
25wollte ein Gesetzeslehrer Jesus auf die Probe stellen. Er fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?

26Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?

27Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.

28Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.

29Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?

30Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen.

31Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.

32Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.

33Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,

34ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.

35Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?

37Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Keine Berührungsängste!
Die Geschichte kennen wir. Aber wann haben wir das Evangelium zuletzt selbst erlebt? Da muss ja nicht unbedingt einer gleich unter die Räuber gefallen sein…

Natürlich gibt es viele „gute“ Gründe, nicht zu helfen: Ich habe keine Zeit. Ich bin nicht der Richtige. Da gibt´s doch professionelle Einsatz- und Hilfskräfte. Und überhaupt: was geht das mich an?

Kein Grund also, über den Priester und den Leviten vorschnell zu urteilen. Denn auch die beiden hatten offenbar ihre „guten“ Gründe, nicht zu helfen.

Aber dann kommt ja gottlob noch der Samariter. Eigentlich ein Ketzer. Ausgerechnet er tut im entscheidenden Augenblick das einzig Richtige: er sieht und hilft, mit Herz und Verstand. Er denkt voraus, zahlt voraus und verspricht wieder nach dem Verletzten zu schauen, eine gute Nachsorge. Ihn stellt Jesus nicht nur dem Gesetzeslehrer als Vorbild vor Augen.

Es gibt viele „gute Gründe“, nicht zu helfen, aber es gibt einen noch besseren zu helfen. Jesus nennt ihn auch: der Samariter hatte Mitleid. Genauer übersetzt könnten wir sagen: es drehte sich ihm sein Innerstes um. Mitleid ist kein „frommes Gefühl“. Echtes Mitleid ist schmerzhaft, leidvoll, Mitleid tut weh. Und lässt darum handeln! Das Schicksal dieses Fremden geht dem Samariter so nahe, dass er die fremde Not zur eigenen Sorge werden lässt.

Heute wird so Vieles professionalisiert, zertifiziert und delegiert. Nichts dagegen. Auch der Samariter hat übrigens durchaus „professionell“ gehandelt. Aber nicht deshalb stellt ihn Jesus uns vor Augen. Sondern allein wegen seiner Barmherzigkeit, seines Mitgefühls; dieser so spürbar heilsamen Nähe. Die Nächstenliebe dürfen wir nicht komplett delegieren. Haben wir keine falschen  Berührungsängste. Fragen wir nicht zuerst: Kann ich das? Darf ich das? Jesus ruft ohne Wenn und Aber dazu auf: „Geh und handle genauso.“ (Lk 10,37)

Lassen wir die Bedürfnisse der Menschen an uns ran. Und wir werden erkennen: Wer unser Nächster wird, hängt auch von uns ab. Menschen, die wir aufsuchen, zu denen wir hingehen, denen wir nahe kommen, ihnen werden wir zu Nächsten. Es gibt nicht „die Kranken“, „die Alten“, „die Asylanten“. Es gibt immer nur den Menschen, mit seinem ganz persönlichen Schicksal in einer ganz persönlichen Notsituation seines Lebens.

Wie viele geben in unseren Gemeinden ihrem Glauben von Mensch zu Mensch Hand und Fuß und der Nächstenliebe ein Gesicht. Die Nächstenliebe ist der Pulsschlag unseres Glaubens an einen Gott, der die Liebe ist. (Vgl. 1 Joh 4, 16) Und sie ist die herzliche Einladung, Christus zu begegnen, der gesagt hat: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. (Mt 25,40) Suchen wir Menschen in nächster Nähe, die uns brauchen, und wir werden Christus finden!

03.07.2016
„Wer nicht wirbt, der stirbt!“
Gedanken zum Evangelium Lk 10, 1-11 von Pfr. Ulrich Lindl

… ein Slogan aus der Werbewirtschaft. Und der scheint zu funktionieren. Die Werbewirtschaft lebt ganz gut davon. Aber ist dieser Grundsatz aus der Werbewirtschaft auch für die Kirche ratsam? Werbung – aber wie? Hierzulande fehlt es an Nachwuchs in kirchlichen Berufen und das an allen Ecken und Enden. Wirkt Werbung Wunder? Ein Slogan wurde da in einer deutschen Diözese auf den Weg gebracht der auf´s Erste vielversprechend klingt, aber auch nachdenklich machen sollte:

„Kirche kann Karriere!“
Der Slogan soll Mitarbeiter in Verwaltungsberufen gewinnen. Und richtig, die Kirche ist da ein verlässlicher und vielversprechender Arbeitgeber. Mit Perspektiven! Aber in dieser Gebetsstunde verbindet uns ja ausdrücklich das Gebet um geistliche Berufe. Wie ist denn da der Slogan „Karriere kann Karriere“ zu verstehen? Eine spannende Frage, wenn wir den mitreden lassen, der am meisten zu sagen hat: Jesus Christus.

…hoffentlich nach unten!
„Unsere Kirche“ ist ja in Wirklichkeit seine Kirche. Welche Karriere hat Jesus eigentlich gemacht? Der Philipperhymnus macht daraus keinen Hehl: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ (Phil 2,6 f )

Für diese Karriere nach unten hat Jesus drei Zielvorgaben formuliert:

„Die Ersten werden die Letzten sein.“ (Mt 20, 16)

„Wer bei euch große sein will, der soll euer Diener sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen,  sondern um zu dienen und sei Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mk 10, 44 f) Und:

„Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten.“ (Mt 16, 25)

Das ist die „Karriere“, die die Kirche können muss. Immer dann, wenn sie sich nach diesen Zielvorgaben Jesu ausgerichtet hat, ist sie auch geistlich gewachsen und hatte Berufungen – mehr als genug. Nicht in den reichen, karrierebewussten Kirchen wächst der Glaube und damit Berufungen heran. Warum wohl? Vielleicht deshalb, weil es an Ähnlichkeit mit Christus fehlt? Das II. Vatikanische Konzil hat in seinem Missionsdekret Ad Gentes klar und deutlich festgestellt, worum es gehen muss. „Die Kirche muss denselben Weg gehen, den Christus gegangen ist, nämlich den Weg der Armut, des Gehorsams, des Dienens und des Selbstopfers bis zum Tod hin, aus dem er dann durch seine Auferstehung als Sieger hervorging“ (AG 5).

Berufungspastoral à la Jesus
Wir leiden in den westlichen Wohlstandsgesellschaften unter einem Mangel an geistlichen Berufungen. Und das schon seit mehreren Jahrzehnten. Konzepte wurden genug entwickelt und Priesterbilder entworfen. Fragt sich nur: was hat das alles eigentlich gebracht? Wir brauchen keine ausgefeilten Priesterbilder. Wir haben Jesus Christus. Er ist unser Hoherpriester und damit das einzig gültige Vorbild für uns Christen, besonders für jeden Priester. Sollten wir vielleicht wieder aufmerksamer auf ihn schauen, damit wir erkennen, welche Priester er will. Ein Franz von Assisi hat das beherzigt und wurde Jesus so zum Verwechseln ähnlich. Viele folgten seinen Spuren und damit Jesus nach. Und nicht wenige glaubten, in ihm sei Christus wieder gekommen. Und wie viele sind auf seinen Spuren Christus gefolgt?!

Auf Christus schauen, auf ihn hören und tun, was er uns sagt. (vgl. Joh 2, 5) Und was sagt er uns? Im Evangelium haben wir es doch klar und deutlich vernommen: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“ (Lk 10, 2) Mehr sollen, müssen und dürfen wir vielleicht auch gar nicht tun.

David Craig war viele Jahre Mitglied des Berufungskommitees  in seiner amerikanischen Diözese Norwich. Die Situation freilich schien hoffnungslos. Auch in den 60 Jahren ihres Bestehens hatte seine eigene Pfarrei keine einzige Priesterberufung hervorgebracht. Da hilft nur noch beten! 170 Menschen folgten seinem Aufruf und binnen Monatsfrist entschieden sich dreijunge Männer, dem Ruf Jesu zu folgen. In diesem Jahr sind sie zu Priester geweiht worden. Beten wirkt. Jesus hält, was er verspricht. Auch in der Berufungspastoral. In den Vereinigten Staaten ist inzwischen eine wahre Gebetsbewegung um geistliche Berufe entstanden.

Beten wirkt Wunder und es entlastet auch. Denn wir geben letztendlich zu, dass wir Berufungen nicht machen. Da ist nur einer, der beruft, und das ist der Herr. Und er ruft, wen er will. Das hat er in der Berufung seiner Jünger deutlich unter Beweis gestellt. Wir hätten wohl nicht keinen von ihnen auch nur zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Keinen Petrus, keinen der Donnersöhne, keinen Zeloten und keinen Zöllner und Judas Iskariot schon gleich gar nicht. Und dann folgt auch kein jahrelanges Studium, keine differenzierte Ausbildung. Das einzige, was Jesus will ist, dass seine Jünger eine Zeit mit ihm gehen, mit ihm leben. Ihn erleben.

Andreas und den anderen Jünger, die auf ihn aufmerksam geworden waren, hat Jesus darum einfach eingeladen. „Kommt und seht!“ Und die beiden folgten Jesus und blieben von jenem Tag an bei ihm. (Vgl. Joh 1, 38 f) In die Jüngerschule Jesu gehen. Wer mit Jesus lebt, wer ihn erlebt hat, der kann ihn auch bezeugen. Auf diese (Lebens-) Gemeinschaft mit ihm kommt es an.

Und dann müssen sie so frei sein, sich senden zu lassen. Von Jesus. Er ist der erste Missionar. In Jesus Christus geht Gott selbst auf Sendung. Jesus hat uns Gott nahe gebracht. Das sollen nun auch seine Jünger versuchen.

Mit Jesus auf Sendung gehen!
Was braucht man für die Mission? Was nimmt man mit? Auch darüber lässt uns Jesus nicht im Unklaren: Nichts. Gar Nichts! „Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs!

Diese leeren Hände, mit denen Jesus seine Jünger losschickt, sind leer aber vertrauensvoll. Aber war es bei Jesus nicht ebenso. Wie sagt er einem jungen Mann, der ihm nachfolgen wollte: „Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Lk 9, 58) Jesus war ganz bei seinem Vater zu Hause und gerade darum so frei für die Menschen. Dass er mitgeht und dass es letztlich nur gut geht, wenn wir nicht unser Ding machen, uns auf unsere eigene Kraft verlassen. sondern ganz auf ihn. Allein auf Jesus Christus sich verlassen. Dann wird es erst wirklich gut, weil nicht ich wirke, sondern der Herr. Gott und sein Reich sollen sie zur Wirkung bringen.

Die Jünger übernehmen damit genau die Sendung des Herrn, wie sie am Anfang des Matthäusevangeliums angekündigt wird: „Jesus lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.“ Meine Sendung ist eure Sendung! „Wie mich der Vater gesandt hat so sende ich jetzt euch.“ Auch sie, seine Jünger sollen heilen, das Reich Gottes verkünden und den Frieden in die Häuser bringen. Keine lange Checkliste, kein umfangreicher Aufgabenkatalog, Jesus kommt es allein auf das Wesentliche an. Bei dieser Mission sollen die Jünger aber zielstrebig sein. Sich nicht unterwegs verratschen (oder aufhalten mit unnötigen Diskussionen). Sind sie angekommen, sollen sie bleiben. Sich auf das Leben der Menschen einlassen. Keine kurzen Hausbesuche von Tür zu Tür. Nur wer mit lebt kann auch mit glauben. Und da ist die Freiheit die Botschaft anzunehmen oder nicht. Und auch die Freiheit der Jünger, auch wieder zu gehen, wenn sie keine Aufnahme finden. Die Botschaft vom Reich Gottes ist ein Angebot. Sie drängt sich niemandem auf. Auch das ist wichtig für beide Seiten.

Und noch eins. Jesus hat sie zu zweit ausgesandt. Und wo zwei oder drei unterwegs sind, da geht er mit! Wenn, ja wenn sie in seinem Namen unterwegs sind. Mission erfolgt nicht auf eigene Faust. Und auch deshalb: Weil wir uns gegenseitig brauchen. Als Wegbegleiter, die sich ergänzen. Und die sich auch unterstützen und tragen.

Wer seinen Glauben ganz allein leben muss, weiß wie schwer das fällt. Wichtig ist, dass er seine Jünger auch zurückerwartet. Zum Austausch, zur Reflexion und auch zum Feiern dessen, was gelungen ist.

Der Heilige Ulrich hilft uns weiter…
Dem Heiligen Ulrich lag die Sorge um seine Herde spürbar am Herzen. Darum auch die Sorge um deren Hirten, die Priester. Er trug Sorge um eine gewissenhafte Ausbildung des Klerus. Vor allem aber betete er selbst Auf seine Reise. Unterwegs auf einem Ochsenkarren, damit er zusammen mit anderen unterwegs beten konnte. Ein härenes Büßergewand und seine harte nächtliche Strohmatte ließen ihn auch des Nachts aufwachen, damit er das Gebet nicht verschlief. Mit großer Hingabe zelebrierte Ulrich das Messopfer. So es die Zeit erlaubte, mehrmals am Tag. Vor allem war es aber die Glaubwürdigkeit Ulrichs, mit der er seine eigene Berufung gelebt hat. Dieses Vorbild spricht Menschen an. Und motiviert, nach der eigenen Berufung zu suchen. Vor allem aber erinnert uns das Lebenszeugnis Ulrichs an die Gnade. Dass u Berufung immer ein Geschenk Gottes ist, und in dem Maße wächst, in dem wir unsere Berufung gottverbunden leben.

26.06.2016
Der Mann heißt Bell, Gordon Bell.
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl

In Amerika kein ungewöhnlicher Name. Aber das, was Gordon Bell macht, das ist schon ungewöhnlich und zwar sehr.

Ein ganzes Leben festhalten
Mr. Bell hat einen Hang zum Computer. Schon vor einem halben Jahrhundert hat sein Erfindergeist schon Großrechner entwickelt, damals freilich noch so groß wie ein Kühlschrank. Heute passt sein digitales Archiv auf einen kleinen Handychip. Dabei hat er schon viel gespeichert, seit er vor einigen Jahren mit seinen Aufzeichnungen begann: 100.000 e-mails und ebenso viele Webseiten, 15.000 Word- und pdf-Dateien und 60.000 Fotos -und täglich kommen rund 1000 Bilder dazu. Und das alles einig und allein: über sich! Kein Mensch ist in der digitalen Selbstüberwachung bislang so weit gegangen wie er. Und Microsoft, das ja einen gewisse Neigung zur „Dokumentation“  hat, war hellauf begeistert und hat dem Projekt gleich einen Namen gegeben: „MyLifeBits“.

Jeder Augenblick des Lebens aufgezeichnet und abgespeichert. Eine Infrarotkamera um den Hals, die alles filmt. Tonspuren, die alle Gespräche und Geräusche aufzeichnen. Alle schriftlichen Dokumente werden selbstverständlich eingescannt werden….

Ein ganzes Leben kann so abgespeichert werden, auf der Größe eines Handychips.

„Ich kann alles, was ich je gehört, gesehen oder getan habe, wieder zum Vorschein bringen“,  strahlt Gordon Bell sichtlich verkabelt in die Kamera. Und man spürt beides: ein wenig Erfinderstolz und den Traum eines Menschen nach Unsterblichkeit.

Soll man das Leben festhalten?
Aber ist die Sache wirklich so verlockend? Müssen wir alles festhalten? Dürfen wir es? Wollen  wir es? Ein bekannter Medientheoretiker hat sich klar dagegen ausgesprochen und sich als „Fan des Vergessens“ geoutet: „Unfehlbare, beweisbare, endlos angehäufte Erinnerung könnte sich in einen gigantischen Müllhaufen verwandeln.“ Der Mann hat recht: Wir Menschen brauchen das Vergessen, denn nicht alles ist wichtig. Und so manches wird schnell zum Ballast.

Wir leben im Informationszeitalter. Immer mehr Informationen strömen auf uns ein, überfluten uns nicht selten. Und das Wissen wächst.  Je mehr wir Menschen wissen, desto wichtiger ist, das Wissen zu filtern. Erst wo das Wissen wirklich verstanden wird kann Fortschritt erwachsen. Es kommt nicht darauf an, alles zu speichern, sondern zu filtern, zu vernetzen und nicht zuletzt auch unnötiges schnell wieder zu löschen. (Wie voll ist eigentlich Ihr e-mail Account?)

Es ist auch für unseren eigenen Lebenslauf wichtig, nicht alles mitzuschleppen. So wichtig die Vergangenheit ist, wir sind doch auf Zukunft hin berufen. Darum ist Vergangenes immer wieder darauf hin zu prüfen, inwieweit es mir für (m)eine Zukunft hilfreich sein kann. Wenn uns die Vergangenheit immer wieder einholt und vorgehalten wird, wenn Altes immer wieder aufgewärmt werden kann, dann ist das nicht eben gut für die Zukunft. Vergeben und Vergessen ermöglicht uns nicht zuletzt zu ent-Sorgen.

Nicht alles mitnehmen… leichtes Gepäck, wie richtig das ist und wie wichtig, das spüren Menschen auf Wallfahrt. Wallfahrt -ein Bild fürs Leben. Menschen brechen auf, ein Ziel vor Augen und kommen in Bewegung. Du läufst dich frei, lässt vieles hinter dir, weil du vorwärts kommen willst. Und unterwegs: Leichtes Gepäck! Nicht der ganze Ballast. Ein Pilger kommt anders an, als er aufbricht. Erleichtert.

Wir spüren, worauf es im Leben ankommt: nicht alles Mögliche festhalten, sondern ein Gespür dafür zu entwickeln, worauf es wirklich ankommt: Wofür stehe ich? Wofür gehe ich? Nur wer darauf klare und wahre Antworten hat, kommt voran.

Zur Freiheit befreit
Wir wären ja Sklaven unserer selbst, wenn wir alles mit uns herumschleppen müssten. Paulus spricht in der Lesung von wirklicher Freiheit. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Nicht das alte Gesetz mit all seinen Vorschriften kleinlich festgehalten und noch kleinlicher befolgt…. „Ihr seid zur Freiheit berufen.“  Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst.“ Das klingt kreativ – befreiend.

Freiheit – das ist die eigentliche Berufung des neuen Menschen in Christus. Wir spüren sie noch deutlicher im Evangelium. Jesus beruft Menschen. Und bei jeder Berufung klingt durch: Bist du auch so frei? Auf diese innere Freiheit kommt es an, loszulassen, hinter sich zu lassen, es wirklich zu wagen, aufzubrechen und nachzufolgen. „Ich bin so frei, ja Herr, ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst.“

Es kommt nicht darauf an, was wir alles aufbauen,  aufheben und dann abspeichern, damit nichts von alledem verloren geht. „Wer sein Leben gewinnen will, -wer es festhalten will-,  der wird es letztlich verlieren“ sagt Jesus und im Umkehrschluss: „wer sein Leben verliert, wer herzugeben weiß, der wird es gewinnen.“ Die Vergangenheit ist von Gestern. Es war einmal. Und die Zukunft „haben“ wir nicht. Was uns bleibt ist einzig der Augenblick. Ihm sich aufmerksam zuwenden. ist die Einladung des Glaubens. Was uns dazu befähigt ist Vertrauen, dass bei Gott nicht verloren geht. Und die Zeit, die kommt geschenkt wird aus seiner Ewigkeit.

Das einzige, was wirklich zählt, ist und bleibt Vertrauen. Dass unsere Namen aufgeschrieben sind bei Gott, dass wir hineingeschrieben sind in seine Hände.

Wenn wir so frei sind, dann sind wir wirklich befreit.

 

Guter Gott, dein ist Zeit und Ewigkeit. Du umfängst alles Leben, du bist das Leben.

  • Wir denken an Menschen, die von ihrer Vergangenheit immer wieder eingeholt werden, und kaum noch im Leben vorankommen. Schenke ihnen die Kraft, unnötigen Ballast abzuwerfen.
  • Wir denken an Menschen, die aus eigener Kraft die Ewigkeit gewinnen wollen. Schenke ihnen die Einsicht, dass du allein ewig bist.
  • Wir bitten für alle Menschen, die Du berufen hast. Lass sie die innere Freiheit finden, Dir ganz nachzufolgen.
  • Wir bitten für die Diakone, die heute in Augsburg zu Priestern geweiht werden. Lass sie die Erfüllung ihres Lebens finden in deinem Dienst.
  • Für unsre Pfarrgemeinde, dass es uns gelingt unserer Zukunft Glauben zu schenken im Vertrauen auf Gott, der uns Zukunft schenkt.
  • Für unsere Verstorbene, die ihr Leben zurückgegeben haben. Nimm Du sie in deine Hände und vollende ihr Leben in Liebe.

Herr,
in dir begegnet unsere Zeit der Ewigkeit.
Dafür danken wir Dir.
Amen.

12.06.2016
Liebe und Zärtlichkeit
Gedanken zum Evangelium am 11. Sonntag im Jahreskreis von Pfarrer Ulrich Lindl

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (7,36-50)

 In jener Zeit

36ging Jesus in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch.

37Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechenden Öl

38und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.

39Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist.

40Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister!

41Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig.

42Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?

43Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast Recht.

44Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet.

45Du hast mir zur Begrüßung keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst.

46Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt.

47Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.

48Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben.

49Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt?

50Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!

 

Das Geheimnis der Nähe
Berater und Beratung. Für so ziemlich alles gibt es Beratungsangebote. Bis hinein in die persönlichsten Lebensbereiche. Möglichst sachlich, fachlich und professionell. Woran liegt dieser immer weiter gehende Bedarf an Beratung? Etwa daran, dass uns eines immer mehr abhanden gekommen ist: die herzliche Zuwendung von Menschen zu Mensch.

Bei aller sachlich, fachlich und gewiss auch professionellen Beratung braucht der Mensch doch vor allem eines: die innere Gewissheit, von Grund auf angenommen zu sein und von Herzen geliebt.

Jesus hat nicht „professionell“ gearbeitet. Er war auch nicht „fachlich qualifiziert“. Aber er hatte einen aufmerksamen Blick, ein offenes Ohr und ein weites Herz und hat so eines spüren lassen: die Nähe von Mensch zu Mensch …,  die auch Gott nahe bringt.

Jesus hat selbst die Unberührbaren berührt. Diese Zuwendung unbedingter Liebe ermöglicht es dem anderen dann auch anders zu werden. Und das hilft weiter.

Die Liebe kommt immer zuvor
Das muss die Sünderin gespürt haben, sonst hätte sie sich niemals getraut!

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen, nein, Sie liegen zu Tisch. Im Haus einer angesehenen Persönlichkeit. Da nähert sich Ihnen von hinten langsam eine Frau – eine stadtbekannte Sünderin, fällt Ihnen zu Füßen und bricht in Tränen aus. Sie weint so sehr, dass Tränen Ihre Füße benetzen. Die Füße Jesu waren übrigens noch nicht gewaschen worden. Simon, der Pharisäer, war nicht auf die Idee gekommen, Jesus Wasser für seine staubigen Füße zu reichen…

Dafür die Frau- mit Tränen überfließender Reue. Was ist das für ein Reinigungsmittel! Und dann trocknet sie mit ihren Haaren Jesu Füße.

Wie fühlt sich das eigentlich an? Salbt seine Füße mit kostbarem Öl…, beginnt sie zu küssen. Das geht so unglaublich unter die Haut.

Und Jesus lässt all das geschehen. Vor den Augen des Pharisäers. Ein schier unfassbarer Vorgang. Aber aus dieser zärtlichen Begegnung erwächst ein wahres Lebenszeichen der Liebe: Vergebung.

„Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat.“ Nicht ein gelungenes Leben ist die Voraussetzung, von Gott geliebt zu werden.

Gottes Liebe ist die Hilfe zu einem gelingenden Leben.

Das Maß des Lebens, das Maß des Glaubens und eben auch das Maß der Vergebung ist allein die Liebe. Die Liebe kommt immer zuerst und sie kommt immer zuvor. Liebe wirkt Wunder!

Gott will Liebe
Diese einfühlsam zärtliche Begegnung zwischen Jesus und dieser Frau mag uns sensibilisieren für unseren eigenen Glauben. Der ja nicht eine Frage des bloßen Verstandes sein kann. Wir finden den richtigen Zugang zum Glauben nicht, indem wir uns den Kopf zerbrechen in langen Diskussionen und Debatten. Wir brauchen einen Zugang des Herzens zu Gott. Es kann gar nicht anders sein. Denn Gott ist die Liebe… nicht der „liebe Gott“. Er ist ein Gott der Liebe. „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Joh. 4, 16).

Gott ist die Liebe und die Liebe will leben. So wie wir glauben dürfen, dass Gott uns liebt, so dürfen wir glauben, dass Gott von uns geliebt werden will.

Die Sünderin hat in ihrem Herzen begriffen, dass es Jesus genau darum geht. Uns macht das heutige Evangelium darum Mut, eine Gottesbeziehung der Freundschaft, der Liebe, ja der Zärtlichkeit aufzubauen.

Vielleicht schauen wir in dieser Hinsicht einmal auf unser Beten. Es gibt keine „Pflichtgebete“. Und unser Herz bewahre uns davor, dass wir irgendetwas „runterbeten“. Pflegen wir unseren Gebetsschatz und suchen wir immer wieder das Gespräch von Du zu Du, von Herz zu Herz… Wie mag wohl Jesus sein Gebet, das „Vater unser“, gebetet haben?

Versuchen wir auch einen persönlichen Zugang zu Gott zu finden. Jesus hilft uns dabei. Machen wir unsere Gottesbeziehung so persönlich wie nur irgend möglich. Gott geht es nicht darum, dass wir ihn verstehen –was verstehen wir Menschen schon? Gott will von uns geliebt werden! Und wir doch auch, oder? Der Petrusbrief ermuntert uns darum: „Vor allem aber haltet fest an der Liebe zueinander. Denn die Liebe deckt viele Sünden zu.“ (1 Petr. 4, 8)

Haben wir Mut zur Gottes-Liebe. Und freuen wir uns an einem zärtlichen Gott. Das liegt nicht zuletzt unserem Papst sehr am Herzen.  Ruft er uns doch zu: „Lassen wir die Freude ausbrechen angesichts seiner Zärtlichkeit.“

Und behalten wir die Liebe Gottes nicht für uns. Denn auch da hat Papst Franziskus recht: „Wie sehr braucht die Welt von heute doch Zärtlichkeit.“

29.05.2016
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl
Der Kürbis hat ein Problem und der Ablass auch…
Erklären Sie einem Anderen mal einen Kürbis… Sie werden jetzt kaum nach einem Messer suchen und nach einer Kerze. Den Kürbis dann aushöhlen bis nichts mehr drin ist, die Kerze entzünden, sie in die hohle Frucht hineinstellen und daraufhin mit dem Kürbis und dem Menschen, dem sie den Sinn und Zweck des Kürbis erklären wollten, zur nächsten Haustür gehen, klingeln und durch lautes Rufen von „Süßes oder Saures!!!“ aufdringlich werden. Das werden Sie bitte nicht tun! Denn es ist ja nicht Halloween ; )

Und ganz nebenbei erklärt das ja auch ganz und gar nicht, Gott im Sinn hatte, als er den Kürbis erschuf. Sagen sie lieber, dass man den Kürbis zubereiten kann als Gemüse als Kürbissuppe und der Kürbis gut schmecken kann. Ein gutes Lebensmittel aus Gottes Garten.

Der Ablass – zweckentfremdet und missbraucht
Die lange Vorrede war nötig. Denn ich wurde gebeten, einmal den Ablass zu erklären. Natürlich denkt jetzt jeder ans Geld. Und ich könnte gleich damit anfangen, welcher Unsinn mit dem Ablass getrieben wurde. Auf die Spitze getrieben vom Dominikanermönch Johann Tetzel. Dieser übereifrige Bußprediger verkaufte im über 500 Jahren Ablässe und ließ den Erlös in einem Kasten –dem „Tetzelkasten“- sammeln. Darauf war der Teufel gemalt, der mit sichtbarer Freude gerade arme Seelen im Fegefeuer maltraitierte. Eine eindringliche Werbung. Auch der passende Werbeslogan dufte nicht fehlen, der uns noch heute geläufig ist: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“

Dieses Geschäft hat den guten Ruf des Ablasses nachhaltig ruiniert. Aber wäre es am Ende nicht schade, wenn keiner mehr aus Kürbis eine gute Suppe bereiten wollte, weil ihn Menschen irgendwann einmal Unfug damit getrieben haben? Und schade wäre es auch, wenn wir den Ablass nicht mehr nützen würden, als Heil- und Hilfsmittel für ein besseres Leben.

Nichts anderes möchte der Ablass sein: Ein Heil- und Hilfsmittel für Menschen, die sich helfen lassen es wieder gut und besser zu machen. Und das Allerschönste. Den Ablass gibt´s nur geschenkt.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Straßenverkehr. Da baut einer einen Unfall, es passiert vielleicht nicht viel. Aber ein Zaun ist beschädigt und die Stoßstange auch. Die Beifahrerin erleidet Prellungen und der Fahrer selbst kommt mit einem blauen Auge davon.

Das erste was sich stellt ist die Schuldfrage. Und die muss natürlich geklärt werden. Damit sind wir aber noch nicht zu Ende. Denn es bleiben ja die Folgen: Der Zaun, die Stoßstange, die Beifahrerin und das blaue Auge. Die Folgen des Unfalls müssen wieder gut gemacht werden. Je mehr dabei helfen desto besser: Von der Autoversicherung bis zum Zahnarzt.. Gemeinsam kriegen wir das schon wieder hin.

Im Falle eines Verkehrssünders ist das alles klar verständlich. Der Ablass ist auch nicht komplizierter zu erklären. Der Ablass ist ein Heil- und Hilfsmittel für einen Menschen, der Fehler begangen hat. Nennen wir ihn hier ruhig „Sünder“. Natürlich gilt es die Sünden zunächst einmal zu beichten und die Schuld zu bereinigen. Aber was ist mit ihren Folgen? Es mögen innere Verletzungen bei anderen da sein, dumme Angewohnheiten bei mir angegangen werden. Das geht nicht einfach so. Da bleib noch manches zu tun. Und dabei kann man sich helfen lassen.

Zunächst natürlich ist beim Betreffenden selbst der gute Willen gefordert, es wieder gut und in Zukunft besser zu machen. Aber auch hier ist es wichtig, dass man damit nicht alleine gelassen wird. Menschen die mit helfen. Das nennen wir Solidarität. Und irgendwie tragen wir ja schon miteinander und füreinander Verantwortung.

Und was jetzt beim Ablass noch dazukommt ist nicht weniger als der Himmel. Auch der Himmel will das Seine tun und mithelfen. Das wissen wir doch hoffentlich alle: dass wir bei all unserem Bemühen auch auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes vertrauen dürfen, auf die Fürsprache Marias und aller Heiligen. Und darauf, dass ja schon so viel Gutes im Himmel zusammengekommen ist. Der Himmel will uns auf Erden helfen. Das nennen ich „himmlische Solidarität“. Das ist von unserem Glauben her gesehen nur logisch. Wir leben ja in einer Welt. Die sichtbare Welt steht in einem lebendigen Austausch mit der unsichtbaren. Das, was an Gutem in diese Welt hineingewachsen ist, vor allem die Erlösungstat Jesu Christi, das Leben und Wirken aller Heiligen….geht ja nicht verloren, sondern ist wie ein kostbarer Schatz.

An all dem Guten erhalten wir Anteil in einer Art geistlicher „Gütergemeinschaft“. Denn die  Kirche weiß um diesen Schatz. Und sie hält ihn nicht verschlossen. Vielmehr möchte sie diesen Schatz an Gutem Menschen zu Gute kommen lassen. Es handelt sich um einen echten Güteraustausch, der Menschen dabei hilft, es wieder gut und in Zukunft besser zu machen.

Und wie geht das? Wir müssen keinen komplizierten Beihilfeantrag stellen. Aber ein Zeichen guten Willens braucht es schon, das erkennen lässt, dass wir es Ernst meinen. Es gibt gewisse Voraussetzungen zur Empfang des Ablasses, die man sich gut merken kann:

Die Vergebung der Schuld im Bußsakrament.
Der entschlossene Wille zur Umkehr und Wiedergutmachung.
Die Teilnahme an der Eucharistie und der Empfang der Heiligen Kommunion.
Das Bekenntnis des Glaubens und ein Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters.

Um den Ablass zu erhalten, muss man nicht unbedingt eine Pilgerreise nach Rom sein. Es genügt ein Besuch beim Herrgöttle in Biberbach und das feste Vertrauen, auf die Barmherzigkeit Gottes, der mit uns vollenden will, was wir an Guten begonnen haben.

Übrigens kann ich einen Ablass nicht nur mir selbst zu Gute kommen lassen. Ich kann ihn auch erbitten für andere. Ihn einem Menschen zuwenden, von dem ich glaube, dass er diese „himmlische Unterstützung“ gut gebrauchen kann. Und da macht der Tod keine Grenze. Auch für Verstorbene kann ich einen Ablass gewinnen. Verstorbenen sind ja nicht tot, sondern unterwegs ins ewige Leben –oder bereits angekommen. Der Ablass kann so also auch als ein Weggeleit zugewendet werden, als Zeichen unserer liebevollen Verbundenheit über den Tod hinaus.

Recht verstanden ist der Ablass kein „Umtrieb“ des Mittelalters, sondern ein heilsames Hilfsmittel. Er weist einmal mehr darauf hin, dass wir Christen in einer Solidargemeinschaft mit der einen Welt leben. Gerade aus der sichtbaren Welt  können wir viel an Inspiration, an Gnade und Barmherigkeit empfangen. Es lohnt sich einen guten Draht aufzubauen, damit wir teilhaben an der Gütergemeinschaft von Himmel und Erde, an einem lebendigen Güteraustausch.

Papst Franziskus legt uns darum den Ablass im Heiligen Jahr auch ganz besonders ans Herz. Hören wir abschließend seine Worte aus seinem Er;ffnungsschreiben Misericordiae vultus:

„Die Kirche lebt die Gemeinschaft der Heiligen. In der Eucharistiefeier vollzieht sich diese Gemeinschaft, die ein Geschenk Gottes ist, als geistliches Band, das uns Glaubende mit der unzählbaren Schar der Heiligen und Seligen verbindet (vgl. Offb 7,4). Ihre Heiligkeit kommt unserer Gebrechlichkeit zu Hilfe, und so kann die Mutter Kirche mit ihren Gebeten und ihrem Leben der Schwachheit der einen mit der Heiligkeit der anderen entgegenkommen. Den Ablass des Heiligen Jahres zu leben heißt also, sich der Barmherzigkeit des Vaters anzuvertrauen in der Gewissheit, dass seine Vergebung sich auf das gesamte Leben der Gläubigen auswirkt.

26.05.2016
Zu viel drumrum?
Gedanken zu Fronleichnam von Pfarrer Ulrich Lindl
Fronleichnam. Ein Fest mit Tradition. Fast Jahrhunderte alt!
Ein Fest mit viel drum herum, ein echter Prangertag, in Bayern allemal.

Viel drumrum, aber was steckt dahinter?
Was ist Fronleichnam eigentlich, was will das Fest? Am Vorabend hörte ich einmal eine in einer Allgäuer Wirtschaft die Wirtin sagen: „Am Donnerstag ist Feiertag, aber was wir da feiern weiß ich nicht, dann feiern wir halt.“ So geht es immer mehr christlichen Festen. Der Rahmen stimmt (noch), aber was ist mit dem Inhalt? Was steckt dahinter, was ist in der Mitte drin?

Der Kontrast könnte nicht größer sein! An Weihnachten ist es doch genauso: Viel drumrum, und in der Mitte –in der Krippe- erwartet uns ein kleines nacktes Kind. Das nackte Leben!  Und an Ostern geht es ums nackte Überleben. Bei allem Drumherum: Die Mitte unseres Glaubens ist immer ganz einfach. Auch an Fronleichnam.

Lebensmittel und Lebensmitte
Gewiss auch hier ein prächtiger Rahmen: von den Prangerstangen, der  Birken, der Blasmusik und Prozession bis hin zur prachtvollen Monstranz. Es wird alles aufgeboten und rausgeputzt. Und was steckt drin? Der große Rahmen will uns auf die Mitte konzentrieren und damit die Frage stellen, was ist eigentlich meine Lebensmitte? Woraus lebe ich eigentlich? So unübersichtlich die Lebensmittelangebote in den Supermärkten geworden sind, man weiß bald nicht mehr, was man essen soll, so unübersichtlich sind auch die möglichen Lebensformen geworden. Das Leben Vieler ist aus der Form geraten. Und der Lebensinhalt nicht selten irgendwie verloren gegangen. Man weiß bald nicht mehr, wie und wozu man leben soll! Viel drumrum, das gilt auch für unser Leben. Sind die Menschen dadurch glücklicher geworden? Darauf will uns Fronleichnam zunächst einmal aufmerksam machen im Blick auf ein einfaches Lebens-Mittel: Mensch such deine Mitte!

Was probieren Menschen nicht alles aus, um aus ihrem Leben etwas zu machen. Aber geht es nicht allein darum, dass wir Mensch bleiben und noch mehr Mensch werden, dass wir menschlich miteinander umgehen?

So paradox es klingen mag: bei allem Drumherum will uns Fronleichnam die Augen öffnen für die Mitte – und die ist einfach. Aber ob es darum nicht auch uns Menschen geht. Ganz einfach Mensch zu werden, Mensch sein zu dürfen…? Und wo beginnt das, wenn nicht in unseren Familien.

Wir verlassen heute mit dem Leib des Herrn ganz bewusst die Kirche und haben einen Umgang mit Ihm durch die Straßen unserer Gemeinde. Wir werden Ihn demonstrieren in der Monstranz. Der Herr ist in unserer – der Herr ist unsere Mitte. Und wir nehmen ein Gebetsanliegen mit: in diesem Jahr unsere Familie. Sie bilden die Mitte unserer Gesellschaft. Familien helfen hinein ins Leben, schaffen Zusammenhalt über Generationen hinweg. Familie – worauf du dich ganz einfach verlassen kannst. Dabei muss es bleiben. Familie darf nicht kompliziert werden. Wir brauchen ganz einfach heile Familien. Gott glaubt an die Familie. Christlicher Glaube folgt ganz klar einem Familienmodell: Wir haben einen Vater im Himmel, Jesus ist unser Bruder und Maria hat er uns vom Kreuz aus zur Mutter gegeben. Wir sind alle Kinder Gottes. Familiärer geht’s nicht, ganz einfach!

Feiern wir Fronleichnam! Denn auf die Mitte kommt es an!
Das ist ein erster Blick in die Mitte von Fronleichnam. Und ein zweiter geht noch tiefer. Denn mit den Augen des Glaubens erkennen wir in dem Lebensmittel des Brotes den Herrn. Nichts anderes heißt Fronleichnam (mittelhochdeutsch: vrone lichnam): der Leib des Herrn. Und hat er uns nicht gesagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“  Antoine de Saint-Exupéry macht den modernen Menschen zu Recht darauf aufmerksam: „Man kann doch auf Dauer nicht leben von Produzieren und Konsumieren, von Bilanzen, Kühlschränken und Kreuzworträtseln. Es gibt nur ein Problem auf der ganzen Welt: den Menschen eine Sinndeutung ihres Daseins, Sehnsucht und Hoffnung zu geben!“

Die Seele des Menschen hat Hunger nach mehr. Wir sehnen uns im Grunde unsere Seele nach mehr. Gott kennt unsere Sehnsucht. Und er sehnt sich nach uns. Gott sehnt sich nach der Sehnsucht des Menschen! Aus diesem Grund hat er sich auf den Weg gemacht zu uns und ist in Jesus Christus Mensch geworden. Für uns Menschen und zu unserem Heil!

Das Brot in der Mitte der Monstranz ist damit mehr als ein Lebensmittel. Dafür will uns Fronleichnam die Augen öffnen: Wir schauen den Leib Christi. Ja es ist sein Leib, den er aus Liebe zu uns für uns hingegeben hat. Und immer wieder hingibt: „Nehmt und esst, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ In jeder Wandlung werden wir Zeugen dieser Hingabe, die Verheißung ist: „Wer von diesem Brot ist, wird leben auch wenn er stirbt“, verspricht der Herr, und wir empfangen aus seiner Hand als unser Überlebensmittel Ihn. Darüber dürfen wir dann getrost dankbar Staunen und dankbar mit allem, was wir sind und haben Fronleichnam feiern!

15.05.2016
Glaube in einem Satz
Gedanken zum Dreifaltigkeitssonntag (Ev. Joh 16, 12-15)
von Pfr. Ulrich  Lindl

Wenn Sie ein Mensch fragen sollte, woran wir Christen eigentlich glauben, dann können Sie nichts falsch machen, wenn Sie so antworten: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.“ Das ist das eigentlich Christliche unseres Glaubens. Das „Specificum Christianum“: Die Göttliche Dreifaltigkeit. Wir feiern sie heute –eine Woche nach Pfingsten- am Dreifaltigkeitssonntag. Eine willkommene Einladung, das Wesen Gottes näher zu betrachten.

Gott ist ein Geheimnis
Aber da stoßen wir vielleicht schon auf erste Fragen: Dreifaltigkeit? Was ist das und was soll das eigentlich? Und vor allem was hat das mit mir zu tun? Immanuel Kant meinte einmal: „Die Lehre von der Dreifaltigkeit bringt nichts für´s Praktische.“ Aber ist sie deshalb unwichtig? Oder nicht umso wichtiger, in einer Zeit, in der alles mehr oder weniger dahingehend geprüft wird, ob es praktisch und zweckmäßig ist und mir was bringt? Auch der Glaube wird ja nicht selten verzweckt und missbraucht… Bei der Frage nach der Dreifaltigkeit geht’s ums Wesentliche. Um das innere Wesen Gottes. Wenn wir einen Menschen näher kennenlernen wollen, weil wir ihn lieben, fragen wir schließlich auch nicht, ob das „praktisch“ ist für uns. Wenn wir etwa an unsere Mutter denken, an unseren Ehepartner, dann spüren wir, dass das Wesen des Menschen das Wesentliche ist. Um wieviel mehr gilt das für Gott! Im Bekenntnis der Dreifaltigkeit offenbart sich das innerste Wesen Gottes.

Ein Geheimnis freilich, das wir nicht einfach so begreifen wie das 3 mal 1 der Mathematik. Von Augustinus wird erzählt, er habe Tage und Nächte über dieses Geheimnis des einen Gott in drei Personen nachgedacht. Da sah er, als er am Meer entlang ging, einen Buben, der versuchte, mit einer kleinen Muschel das Meer in ein Sandloch zu schöpfen. Augustinus lachte: „Wie willst Du denn das unendliche Meer in diese kleine Grube fassen?“ Das kleine Kind gab dem großen Theologen zur Antwort: „Wie willst Du den unendlichen Gott mit deinem kleinen Verstand erfassen?“

Kardinal Ratzinger hat diese Muschel in sein bischöfliches Wappen aufgenommen. Um bei aller Spekulation nie zu vergessen, dass wir Gott mit unserem Verstand nie ganz begreifen können. Graham Greene sagte einmal: „Ich würde mich weigern, an einen Gott zu glauben, den ich verstehen könnte.“ Das müssen wir auch nicht. Wer kann und will einen Menschen, den er liebt, ganz verstehen und begreifen? Ist es nicht viel wichtiger, ihn mehr und mehr zu lieben. Es geht damit allein darum, vom Geheimnis Gottes ergriffen zu werden.

Gott liegt viel daran, dass wir versuchen ihn kennenzulernen, sein Wesen und damit auch seinen Willen für uns. Die gelingt uns weniger mit der Logik des Intellektes als vielmehr mit der Logik der Liebe.

Gott ist Beziehung
„Gott ist die Liebe.“ Dieses Bekenntnis des Johannesbriefs (1 Joh 4,16) gibt uns den Schlüssel an die Hand, der uns einen Zugang  zum Wesen der göttlichen Dreifaltigkeit eröffnet: Wenn Gott die Liebe ist, -und das in Fülle- kann Gott nicht einsam und allein sein. Gott braucht ein Gegenüber, das er nicht selbst ist. In der Dreifaltigkeit lebt und liebt Gott der Vater seinen Sohn. Gott ist in sich gelebte und geliebte Beziehung.

Diese innere Liebe will nichts für sich, sondern allein die Einheit. „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30) Wahre Liebe, das spüren wir Menschen, sucht nicht den eigenen Vorteil. Wir wollen eins werden, damit aus unserem Ich und Du ein gemeinsames Wir werden kann.

Und: Liebe strahlt aus! Der Geist, den der Sohn von Vater ausgesandt hat, ist darum zutiefst ein Geist der Wahrheit, weil er uns in diese in sich gelebte Liebe Gottes mit ein-beziehen will. Denn: „Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bliebt in ihm.“

Und wir spüren, wie „praktisch“ –wie lebens- und glaubensrelevant- die Dreifaltigkeit für uns damit geworden ist. Denn aus dem Wesen Gottes ergibt sich auch sein Wille für uns. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe.“ (Joh 15, 9)

In seinem Wesen offenbart uns der dreifaltige Gott, wie wir Menschen von ihm her eigentlich gedacht sind. Nach seinem Ebenbild sind wir schließlich erschaffen. Wir sind ins Leben berufen. Und Leben schenkt Liebe. Und Liebe schenkt Leben. Diese innere Dynamik ist göttlich. Wo der Mensch nur nach dem Ich, dem Ego fragt, bleibt er allein. Egoistisch, egozentrisch und in sich einsam. „Selfies“ verstellen klar die Perspektive. Wo der Mensch nur sich selbst in den Blick nimmt, bleibt er für sich und damit allein. Der Mensch aber ist berufen, sich aufzumachen und Frucht zu bringen.

Hier wird offenbar, wie sehr es die Liebe um des Himmelsreiches willen gibt. Manchmal denkt man da nur an Menschen, die um des Himmelreiches willen ehelos leben. Aber auch die Ehe ist eine Berufung um des Himmelsreiches willen. Wie es schon sprichwörtlich heißt: Ehen werden im Himmel geschlossen und auf Erden vollzogen. Liebe, die wir versuchen wahrhaft zu leben, ist immer „um Himmels Willen“ – immer gut. Oder wie es der Heilige Augustinus noch einfacher gesagt hat: „Ama et fac, quod vis. – Liebe und dann tu, was Du willst.“ Wollte er, der große Theologe, am Anfang Gott noch im Verstand begreifen, hat Augustinus Gott am Ende nur noch aus ganzem brennenden Herzen geliebt. Er wurde zu einem glühenden Liebhaber der göttlichen Liebe.

In Liebe beziehungsreich leben und glauben
Das göttliche Geheimnis der Dreifaltigkeit offenbart uns einen wunderschönen Blick in das innere Wesen Gottes. Gott ist gelebte und geliebte Beziehung. In diese Beziehung sollen wir mit einbezogen werden durch den Geist, den Jesus vom Vater aus gesandt hat. Gott will in Beziehung sein mit uns. Christentum ist damit zutiefst Beziehungsreligion. Damit spüren wir, dass Glaube unser Leben beziehungsreicher machen will. Nicht nur zu Gott, sondern mit ihm auch untereinander.

16.05.2016
Gedanken zur 60. Friedenswallfahrt nach Biberbach
am Pfingstmontag 2016 von Pfarrer Ulrich Lindl
(Evangelium Joh 14, 15-18; 25-27)

Der Friede in der Welt
Die Friedenswallfahrt zum Herrgöttle in Biberbach… 71 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ist es um den Weltfrieden nicht eben besser bestellt. Warum? Weil es nach wie vor viel Ungerechtigkeit auf der Welt gibt. Und Ungerechtigkeit schafft Unfrieden. Allein Gerechtigkeit schafft Frieden. Gegen die Ungerechtigkeit in der Welt kann man nicht mauern. Papst Franziskus hat –nicht nur im Blick auf Europa festgestellt: „Sie wissen doch, welches Ende Mauern nehmen. Alle Mauern stürzen ein… Mauern sind nie eine Lösung, Brücken ja!“  Dieses Wort des Karlspreisträgers sollte gerade uns Deutschen einleuchten. Ungerechtigkeit kann man nur durch mehr Gerechtigkeit bekämpfen – mehr Ausgleich also. Und dabei reden wir nicht nur vom Ausgleich zwischen Arm und Reich. Mittlerweile bekomme wir auch zu spüren, dass auch die Umwelt betroffen ist, Klimagerechtigkeit.

Wann begreift die Menschheit endlich, dass es nur miteinander gut geht. Und dass es miteinander nur gut geht, wenn es allen besser geht. Wir leben alle in der einen Welt. Papst Franziskus nennt sie –unser gemeinsames Haus. In dem muss das Raumklima für alle gut sein.

…beginnt in und mit mir
Wir könnten jetzt weiter von der Weltlage, der Weltpolitik und dem Weltfrieden reden. Aber das ist nicht unser Auftrag. Nicht um die große weite Welt müssen wir uns kümmern, sondern um die kleine Welt, in der wir leben.  Für den Frieden in mir, in meiner Familie, in meiner Nachbarschaft – dafür trage ich maßgeblich Verantwortung.

Jesus gibt uns guten Rat
Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Jesus hat sich nicht in die aktuelle Weltpolitik eingemischt. Grund genug hätte es auch damals gegeben. Jesus  wendet sich ganz persönlich an Menschen. Ihnen -uns- gilt sein Appell für mehr Gerechtigkeit und Frieden. Ganz davon durchdrungen ist seine Bergpredigt. Hier finden sich ganz einfache Vorschläge, die sich jeder leicht merken kann. Ein brauchbares Handwerkszeug für den Frieden im Kleinen – und auch im Großen. Vier Appelle möchte ich herausgreifen.

Friedensappell Nr. 1: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Mt 7,1) Das ist ein Wort gegen Vorurteile. Vorurteile, die dann oft noch geschürt werden und viele treffen. Vom Mobbing am Arbeitsplatz bis hin zur Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen. Damit wurde immer wieder Politik gemacht. Auch in unseren Tagen.

Aber im Kleinen sind wir auch nicht davor gefeit, vorschnell zu urteilen –vorzuverurteilen. Ganz abgesehen vom Balken in unserem eigenen Auge… geht es darum, den anderen näher kennenzulernen, ihn besser zu verstehen und sich dann erst ein Urteil zu bilden. Aber nie zu verurteilen.

Friedensappell Nr. 2: „Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“  (Mt 5,39) Das Gesetz des Alten Bundes „Auge um Auge, Zahn um Zahl“ (vgl. Ex 21, 23-25) klingt zwar aufs Erste gerecht, führt aber am Ende doch dazu, dass Menschen zunehmend blind und zahnloser werden. Das kann´s wohl nicht sein! Und ist es nicht im Grunde das heillose Prinzip von Gewalt, und Gegengewalt? Das treibt eher die Gewaltspirale nach oben. Der Weg zum Frieden ist und bleibt der Friede.

… Und ein Recht des Stärkeren darf es ist keinesfalls geben. Das Recht des Stärkeren ist vielfach ein Unrecht.

Und wenn es wirklich einmal zu Auseinandersetzungen kommt? Übrigens nicht nur, wenn ich etwas habe gegen den anderen, sondern wenn ich spüre, da hat ein anderer etwas gegen mich… Dann will Jesus vor allem eines: geht aufeinander zu und versucht euch möglichst schnell und gütlich zu einigen. So lautet sein 

  1. Friedensappell: “Verständige dich mit deinem Gegner ohne Zögern, solange du mit ihm noch auf dem Weg bist.“ Im Epheserbrief wird uns ein Rat gegeben, den ich jedem Brautpaar mit auf den Weg gebe: „Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.“ (Eph 4,26) Wenn wir dem Bösen keine Raum geben und dem Streit nicht lange Zeit lassen, kann sich nichts unnötig ausbreiten und auch nichts verhärten. Manchmal ist es ja so, dass sich aus einer Kleinigkeit eine große Auseinandersetzung ergibt. Und man fragt sich, warum haben wir jetzt eigentlich gestritten? Sind wir wieder gut!

Wie wir sehen: Friede fängt im Kleinen an und immer mit mir. Was schon viel zur Friedenssicherung im Vorfeld beiträgt, findet sich in der so genannten „Goldenen Regel“.

  1. Friedensappell„Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ebenso ihnen.“ (Lk 6,31) Auch dieser Rat Jesu ist ganz einfach und in der Tat Gold wert.

Sein Friede ist mein Friede
Freilich merken wir auch, dass wir Menschen den Frieden bei allem guten Willen alleine nicht schaffen. Menschengemachter Friede hält eben nicht ewig.

Darum ist das weitergehende Friedensangebot Jesu so wertvoll. Im heutigen Evangelium verheißt Jesus den Seinen den Heiligen Geist. Er ist der Beistand, den der Vater in seinem Namen senden wird. Es ist der Geist der Wahrheit und der Einheit. Und darum zutiefst auch ein Geist des Friedens. Darum schließt Jesus unmittelbar sein Friedensangebot an: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“ (Joh 14,27)  Der Friede beginnt in uns. Mit ihm. „Denn Er ist unser Friede.“  (Eph 2,15) Um seinen Frieden dürfen wir immer wieder bitten für uns und für unsere oft so friedlose Welt. Wir dürfen die Gabe seines Friedens annehmen und sie weiterreichen von Mensch zu Mensch: „Der Friede sei mit Dir!“ Das ist und bleibt die wirksamste Friedensbewegung. Trauen wir dem Gebet als vertrauensbildende und zugleich friedenstiftende Maßnahme etwas zu. Und nehmen wir die Worte eines Gebetes zur Hand, das ein Jahr vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs in Frankreich seinen Ursprung hat.

Gebet um den Frieden
Frankreich 1913
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.
Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen.
Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung entfachen.
Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen.
Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen.
Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben entfachen.
Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen.
Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen.
Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen.

O Herr, lass mich trachten:
nicht nur, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste,
nicht nur, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe,
nicht nur, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe,
denn wer gibt, der empfängt,
wer sich selbst vergisst, der findet,
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

Amen

15.05.2016
Pfingsten – oder: wissen, was man will
Gedanken zu Pfingsten von Pfr. Ulrich Lindl (Apg. 2,1-14)

Du musst nur wollen! Wo kein Wille, da ist auch kein Weg. Wenn du aber wirklich willst, dann hast du alle Möglichkeiten, es auch zu schaffen. Nicht nur Eltern und Erzieher können ein Lied davon singen, wie wichtig die richtige Motivation, der feste Willen und innere Begeisterung sind: in der Schule, im Beruf, beim Sport. Was allein schon der gute Wille zustande bringt im Miteinander von Mensch zu Mensch. Und auch im Glauben muss man wissen, was man will. Des Menschen Wille ist schließlich sein Himmelreich!

Eines muss man den Christen vor Pfingsten schon lassen: sie wussten genau, was sie wollten: den Geist, den Jesus ihnen versprochen hat. Darum haben sie auch inständig gebetet. Im Vertrauen auf das Wort Jesu: „Wer bittet – der empfängt!“

Irgendwie hingen sie ja doch in der Luft. Nach seiner Himmelfahrt, dieses Häuflein erster Christen. Im Abendmahlsaal sind sie darum zusammengerückt und haben sich Mut gemacht. Und, wie gesagt, gebetet: „Wir brauchen den Beistand, den der Herr uns versprochen hat.“ Bestimmt haben sie versucht, sich alles in Erinnerung zu rufen, was Jesus über diesen Geist gesagt hat: Ein Geist, der in die volle Wahrheit einführt, eine Kraft aus der Höhe, ein Beistand eben… Wie aber kommt dieser Geist, wie wirkt er, was be-wirkt er? Vorstellen konnte sich das vor Pfingsten wohl keiner so recht. Vergessen wir nicht, die Jünger haben damals alles zum ersten Mal erlebt, was wir Jahr für Jahr begehen. Auch Pfingsten. Sie sind die „ersten Firmlinge“ der Kirche.

Und der Geist ist gekommen, und wie! Lukas versucht dieses Unfassbare –so gut es eben geht- in Worte zu fassen: Da kommt auf einmal ein Brausen, wie wenn ein gewaltiger Sturm daher fährt. Da sind Zungen wie von Feuer, die sich auf jeden niederlassen… Es beginnt zu brennen!

Was für ein Pfingst-Ereignis!
Was für ein Pfingst-Ereignis! Feuer und Sturm. Was für eine Mischung! Es brennt! Und plötzlich gibt es kein Halten mehr. Erfüllt vom Heiligen Geist fangen sie an, in fremden Sprachen zu sprechen. Und werden so zu ersten Dolmetschern Gottes in der Welt. Hier beginnt Kirche – so beginnt Kirche! Mit Feuer und Sturm. Petrus, diesen einfachen Fischer, wird die Welt gleich erleben mit seiner flammenden Pfingstpredigt auf den Stufen des Jerusalemer Tempels. Was für ein Aufbruch! Das ist Pfingsten!

Damals. Und heute? Der Pfarrer predigte an Pfingsten von Feuer und Sturm, beobachtete der Frankfurter Pfarrer Lothar Zenetti. Aber keine Angst: in den Kirchenbänken bleibt alles ruhig. Und mein Nahbar sieht verstohlen auf die Uhr… Ist das nun beruhigend oder doch eher beunruhigend – an Pfingsten?

Dürfen wir es denn wirklich wollen? Dass der Geist uns möglichst in Ruhe lässt? Nur keine Beunruhigung also? Soll es nicht doch lieber brennen und brausen, dass es uns umtreibt. Und damit nicht alles beim Alten bleibt?! Es liegt schon an uns Christen hier und heute. Ob wir Pfingsten ruhig begehen, oder ob Pfingsten auch heute noch begeistert. Es liegt schon auch an uns.

Der Geist weht, wo er will und gewiss auch, wie er will. Wenn wir nur wollen! Bei allem frischen Wind – das Segel müssen wir schon selbst setzen. Feuer und Flamme? Ob der Funke überspringen kann und es zündet,  liegt an uns!

An seinen Früchten werden wir ihn erkennen
Aber wie erkennen wir den Geist? Was bewirkt er? Sehen kann man ihn ja nicht…! Sehr wohl aber spüren! Mit wunderbarer Klarheit beschreibt Paulus das Wirken des Heiligen Geistes. Getreu dem Grundsatz: an seinen Früchten werdet ihr ihn erkennen, führt er im Brief an die Galater zwölf Früchte des Heiligen Geistes auf (vgl. (5,22 f.):

Liebe, Freude, Friede, Geduld und Freundlichkeit, Güte, Langmut und Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und Keuschheit.

Damit wird klar, was der Ungeist bewirkt: Hass, Freudlosigkeit, Unfriede, getriebene Hast und Unfreundlichkeit, Hartherzigkeit, Gewalt, Untreue,  Gier, Maßlosigkeit und Zügellosigkeit.

Und wir spüren, wie sehr wir den Heiligen Geist brauchen! Beten und bitten wir an Pfingsten und über Pfingsten hinaus: Sende aus deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu! Damit die Welt erkennt, wes Geistes Kind wir Christen sind.

08.05.2016
Wofür Jesus gebetet hat…
Gedanken zum 7. Sonntag von Pfarrer Ulrich Lindl (Joh 17, 20-26)

Das Leben ist voller Vielfalt! Abwechslungsreich und bunt. Das hat was! Das ist verführerisch! Alles Mögliche möglich zu machen, auszuprobieren, mal dies, mal jenes zu versuchen…

Die Vielfalt des Lebens…
Und die Vielfalt begegnet uns fast überall… Allein schon im Supermarkt vor übervollen Einkaufsregalen… Wo es früher drei Sorten Käse gab, gibt es heute drei Regale davon…
Das Fernsehen… Wer eine Satellitenschüssel hat, bringt es auf locker auf 1000 Programme. Einmal durchgezappt und die Sendung, die man eigentlich sehen wollte, ist schon fast vorbei… Früher hatte man gerade mal das erste, das zweite und das dritte Programm…
Wer sich in ein Reisebüro begibt, dem steht die ganze Welt bis in den hintersten Winkel offen… Und damit die Frage: Wo waren wir eigentlich noch nicht…
Und wie viele Menschen waren schon in wer weiß wie vielen Beziehungen…
Und was den Glauben betrifft: Die Vielfalt der spirituellen Angebote gleicht schon einem Supermarkt, so als könnte man sich ganz einfach auf Esoterik-Messen seinen Glauben an den Ständen in den Messehallen beliebig zusammenstellen.
So verlockend die Vielfalt für den Menschen aufs Erste scheint, sie allein macht den Menschen nicht glücklich, schon eher etwas unsicher und ein bisschen verwirrend ist sie manchmal auch.
Wenn man vor den vollen Regalen im Supermarkt nicht mehr weiß, was man essen soll…
Wenn man am Abend nach zwei Stunden Fernsehen nicht mehr weiß, was man eigentlich alles gesehen hat…
Wenn man im Reisebüro nicht mehr weiß, wo man schon überall gewesen ist, und auch schon längst vergessen hat, mit wem eigentlich…
Wenn man nach allem, was man so hört, nicht mehr weiß, was man eigentlich noch glauben soll…,
dann sollte man eigentlich einmal innehalten und zur Besinnung kommen.

Die Einfachheit des Lebens
Denn Vielfalt birgt ja eine große Gefahr: sie lenkt den Menschen ab; ja man riskiert, sich im Vielerlei zu verlieren… Tiki Küstenmacher hatte einmal eine ganz lesenswerte Lebensregel als kleines Büchlein veröffentlicht: „simplify your life!“.
Es folgt der einfachen Lebensregel: „Weniger ist mehr!“ Und lädt ein zur Besinnung, zur Konzentration auf das Wesentliche. Um zu erkennen, was das Leben eigentlich ausmacht, worauf es im Wesentlichen ankommt… Um so wieder auf den Geschmack zu kommen und zu mehr Lebensfreude.
Das Leben zu vereinfachen, hat den einen Vorteil: es wird weniger kompliziert. Und strahlen nicht gerade die Menschen am meisten Lebensfreude aus, die es verstehen, einfach leben.
Nicht, dass wir alles Mögliche anschauen, sondern dass wir betrachten und uns einprägen – Bilder in unsere Seele.
Nicht, dass wir alles runterschlucken, sondern verkosten, damit wir nicht vergessen, wie Brot wirklich schmeckt.
Nicht, dass wir überall in der ganzen Weltgeschichte herumgeistern, sondern das Gespür bewahren, wo wir eigentlich hingehören.
Und wer in ständig wechselnden Beziehungen lebt, ist am Ende ja nicht wirklich beziehungsreich, sondern beziehungsarm geworden.
Bei aller Vielfalt, die das Leben bereichert, viel wichtiger ist die Einheit, dass wir in der Besinnung auf das Eine, das Wesentliche zum Eigentlichen des Lebens, zur Mitte vordringen.

Die Einheit im Glauben.
Und auch zur Mitte des Glaubens. In diesen Tagen zwischen Himmelfahrt Jesu und der Geistsendung an Pfingsten werden wir Zeugen eines tiefen Geschehens. Das Johannesevangelium nimmt uns mit hinein in das Gebet Jesu. Wir spüren, wie vertrauensvoll, wie innig Jesus mit seinem Vater im Gebet verbunden ist. Eine wunderbare Einladung an uns, wie Jesus diese innere Zweisamkeit mit Gott im Gebet zu suchen. Aber nicht nur wie, sondern auch worum Jesus inständig betet, will uns nahe gehen. Seine Gebetsworte klingen wie ein Vermächtnis, sein geistliches Testament. Und wir spüren, was Jesus wirklich wichtig ist. Jesus betet geradezu inständig nur um das Eine: er betet um die Einheit. „Alle sollen eins sein. Wie du Vater in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein.“ Diese Einheit ist geradezu eine Glaubensfrage für ihn: Wir sollen „eins sein, damit die Welt glaubt.“ Und hat Jesus nicht Recht? Wo Menschen in einer tiefen Einheit im Glauben stehen und diesen Glauben miteinander leben, da wird dieser Glaube auch überzeugend einleuchtend und einladend. Alles, was Jesus uns hinterlässt, dient –ganz einfach- dieser Einheit. Sein Gebet, das in einfachen Worten um Einheit bittet –nicht um die Vielfalt. Und das eine Brot, das sein Grundnahrungsmittel sein soll für alle, die zu ihm gehören. Von dem wir alle essen, sein Leib, der für uns hingegeben wird. In der Kommunion empfangen wir alle diesen einen Leib und werden so Teil dieses einen Leibes –einverleibt in die Gemeinschaft der Kinder Gottes.
Und da ist sein Geist, den er an Pfingsten gesandt hat. Bei aller Vielfalt der Geistesgaben, der Charismen. Es ist der Geist der uns in die volle Wahrheit einführen wird und ein Geist der Einheit, der vom Vater und dem Sohn hervorgeht. Diesen Geist haben wir empfangen in der Taufe und in diesem Geist wurden wir bestärkt in der Firmung. Was für eine Einheit bei aller Vielfalt!
Kein Vielerlei, das am Ende zum Einerlei wird…! Die Einheit findet sich in der Tiefe. Die Einheit im Glauben findet sich nur in der Einheit in und mit Gott durch ihn, mit ihm und in ihm: Jesus Christus, unsern Herrn.
Letztlich kommt es im Leben und im Glauben nicht auf alles Mögliche an. Aber ganz bestimmt darauf, ob wir zur Einheit finden, zur Einheit im Leben, zur Einheit im Glauben, zur Einheit mit Gott. Dort, wo wir eins sind, finden wir zugleich alles in allem.

Gemeinsame Bitten
Herr Jesus Christus, Du hast vor deiner Heimkehr zum Vater versprochen, uns nicht alleine zulassen. Du hast der Welt Deinen Beistand verheißen und an Pfingsten den Heiligen Geist gesandt: er ist zutiefst ein Geist der Einheit. Denn er kommt aus der einen Liebe, die Du im Vater lebst:

  • Das Leben ist vielfältig und abwechslungsreich geworden. Hilf den Menschen in unserer Gesellschaft, darüber nicht das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren!
  • Wo bei uns der Überfluss herrscht, regiert anderswo die bittere Not. Hilf uns, von dem zu geben, was wir zu viel haben, damit andere das bekommen, was sie notwendig brauchen!
  • Die Einheit im Glauben ist Dein Herzensanliegen für uns Christen. Schenke uns Einsicht, wie wir Trennendes überwinden können und so zur vollen Einheit im Glauben finden!
  • Einheit findet sich in der Tiefe. Schenke uns Mut, die Suche nach der Einheit immer wieder neu aufzunehmen, damit wir dem Leben und dem Glauben und Dir näher kommen!
  • Mütter halten Familien zusammen. Wir danken Dir für alle Mütter in unserer Gesellschaft, die mit Umsicht und Liebe ihren Kindern hinein helfen ins Leben. Schenke ihnen viel Freude, Kraft und auch die nötige Geduld und innere Gelassenheit, die Kinder brauchen!

Herr Jesus Christus, Du bist heimgekehrt aus dieser Welt zu Deinem und unserem Vater. Und doch bleibst Du mitten unter uns im Sakrament der Eucharistie. Dafür danken wir Dir. Amen.

24.04.2016
Christen erkennen…
Gedanken zum 5. Sonntag der Osterzeit von Pfarrer Ulrich Lindl

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (13, 31-35)
In jener Zeit
 als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.

Ein guter Lehrer ist fachlich kompetent und pädagogisch befähigt. Ein guter Fußballer im Sturm ist passgenau im Zusammenspiel und treffsicher im Abschuss. Ein guter Christ? Woran erkennt man eigentlich einen guten Christen? Erkennt man uns als Christen draußen in der Welt?

Woran erkennt man einen Christen?
Aber wer soll denn entscheiden, was einen guten Christen ausmacht? Der Pfarrer vor Ort? Oder fragen wir nicht besser doch in Rom nach? Oder kann ich das nicht am besten gleich selbst entscheiden?

Darauf gibt es eine einfache Antwort: Christen sind Menschen, die Jesus Christus folgen, die eine Lebensgemeinschaft mit ihm führen, weil sie glauben, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, der in die Welt gekommen ist, damit wir mit ihm den Weg zu Gott finden. Wir heißen Christen, lassen wir es uns dann auch gesagt sein, woran man uns erkennen soll. Jesus hat eine wunderbar einfache Antwort darauf: allein an der Liebe. „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13, 35)

Das darf uns nicht überraschen, „denn Gott ist die Liebe.“ (1 Joh 4, 8) Damit steht die Liebe immer am Anfang. Am Anfang hat Gott die Welt als seine gute Schöpfung aus Liebe erschaffen. Und auch unser eigenes Leben ist ein lebendiger Liebesbeweis Gottes. Wir leben aus der Liebe Gottes. Und die Liebe steht auch am Anfang der Menschwerdung Jesu. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt…, das ewige Leben hat.“ (Joh 3,16)

Gottes Liebe geht uns immer voraus. Machen wir darum den zweiten Schritt nicht vor dem ersten! Nehmen wir zuerst die Liebe Gottes an. Lassen wir uns in Jesus Christus von Gott lieben, damit wir liebe-voll werden. Und schenken wir dann Liebe weiter, die wir zuerst und vor allem von ihm empfangen haben. Jesus ist uns darin das große Vorbild. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt!“ (Joh 15,9) Im heutigen Evangelium lädt er uns alle ein, es Ihm gleich zu tun: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13, 34)

Daran werden also alle erkennen, dass wir seine Jünger sind, wenn wir einander lieben. Ein anderes Erkennungszeichen ist nicht genannt. Dieses neue Gebot hat Jesus in der Mitte seiner Verkündigung schon einmal den Pharisäern zur Antwort gegeben -als Doppelgebot der Liebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen… und deinen Nächsten, wie dich selbst.“ (Mt 22, 37-29)

Nichts anderes war Jesus bei seinen Jüngern offenbar wichtiger. Darum fragt er Petrus auch am Ende nach nichts anderem als danach – und das gleich dreimal: „Simon, Sohn des Johannes, liebst Du mich mehr als diese?“ (Joh 21, 15) Erst  nach der dreimaligen Liebeserklärung des Petrus, vertraut ihm der Herr die Seinen als Hirte der Kirche an. (vgl. Joh 21, 15-17)

Das erste Erkennungszeichen des Christen ist also die Liebe. Gleiches gilt damit auch für die Kirche: Papst Franziskus hat es deutlich gemacht in seinem Verkündigungsschreiben zum Heiligen Jahr der göttlichen Barmherzigkeit: „Die erste Wahrheit der Kirche ist die Liebe Christi.“ (MVl 12)

Die Liebe ist das Erkennungszeichen der Kirche
Paulus, der die ersten christlichen Gemeinden kannte wie kein anderer, fand in der Gemeinde von Korinth nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige und Hochgestellte, nicht viele Vornehme, sondern ganz im Gegenteil: das Törichte in der Welt und das, was nichts ist, hat Gott auserwählt. (Vgl. 1. Kor 1, 26 ff) Nicht die gehobene Mittelschicht, schon eher die Unterschicht versammelte sich zunächst in den kleinen urchristlichen Gemeinden um den Tisch des Herrn, um das eine dabei nur umso deutlicher zu machen: allein auf die Liebe kommt es an.

Das war dann auch der Grund, warum die kleinen Gemeinde so schnell gewachsen sind: Weil sie liebevoll ausgestrahlt haben. In der Apostelgeschichte, die die junge Kirche zeigt, schreibt Lukas: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“ Sowas zieht an!

„Gott ist die Liebe!“, ist das nicht eine wunderbare Glaubenslehre? „Liebt einander so, wie ich euch geliebt habe!“, ist das nicht eine wunderschöne Lebensaufgabe?! Wir brauchen nicht viel zu haben, zu wissen oder zu können, nein: allein viel zu lieben. allein darauf kommt des in unserem Glauben an. Daran werden dann (hoffentlich!) alle erkennen, dass auch wir seine Jünger sind. Das ist eine Frage der eigenen Glaubwürdigkeit. Und zugleich begegnen wir der herzlichen Einladung an alle, die sich für die Liebe Gottes öffnen wollen.

Und dann?
Und dann? Liebe will bleiben! Darum wünscht sich Jesus nur das eine für uns alle: „Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9) Denn wer in seiner Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. Und dann sagt der heilige Kirchenlehrer Augustinus -dieser große Liebhaber der Liebe Gottes- wird alles Weitere so einfach: „Ama et fac quod vis. –  Liebe und dann tu was du willst.“

09.04.2016
Ostern ist immer am Anfang
Österliche Gedanken zum 3. Ostersonntag von Pfarrer Ulrich Lindl
(Lesung: Apostelgeschichte 5, 27-32. 40 f./ Evangelium: Joh. 21, 1-14)

Freitagabend in München… Mitten in der Fußgängerzone. Spargel für 7.99 und an einer anderem Stand das passende Spargelschäler… viele Passanten… Biergartenwetter…. Die Welt ist in Ordnung.

Plötzlich verkündet mit der lauten Stimme tiefster Überzeugung, in dunklem Anzug und Krawatte und mit einer Bibel in der Hand -ein Afroamerikaner so um die 30 – Jesus Christus. Was soll das… und vor allem, was bringt das? Nur wenige bleiben stehen und schauen neugierig. Ein halblautes und wohl kaum ernst gemeintes „Alah u akba!“ von einigen Jugendlichen. Ich empfinde fast so was wie Mitgefühl, ja Mitleid. Und gehe in die Michaelskirche. Dort ist gerade Abendmesse. Ein Jesuit predigt über das Tagesevangelium … viele Besucher für einen Werktag. Die Welt scheint wieder in Ordnung. Zumindest in der Kirche… Hätte ich ihn mitnehmen sollen, den Prediger von draußen, in den geschützten Raum hier drinnen? Aber vermutlich wäre er nicht mitgegangen. Schließlich geht es ihm um die Menschen da draußen. Und ihren Glauben….

Kaum zu glauben?!
Was glauben die Menschen draußen eigentlich noch? Und woran? Oder glaubt der sogenannte „moderne“ Mensch nicht irgendwie alles und am Ende doch nichts…? Ein bisschen Engel und ein bisschen Geister. Ein bisschen Sterne und ein bisschen Steine… Aber in jedem Fall: Es muss zu mir passen. Das was ich glauben möchte, soll so zu recht geschneidert sein, dass es auch zu mir passt. Es soll gut sitzen, mir gut stehen und ich will mich damit auch sehen lassen können. Ohne zu sehr aufzufallen, versteht sich. Eine Art geistliches Outfit, das ich problemlos ändern kann, wenn es mir nicht mehr gefällt oder –eben nicht mehr modern ist. Wie hatte schon Friedrich der Große von Preußen empfohlen: Jeder solle nach seiner facon glücklich werden… Auch ein Begriff aus der Haute Couture

Das, was die katholische Kirche erzählt, hatte mir einmal einer erklärt, könne er nicht mehr glauben, das sei ihm doch etwas zu kindisch. Das müsse ich doch verstehen.

Schlechte Zeiten für christliche Missionare –fürwahr. Denn, das was uns in dieser österlichen Zeit in den Evangelien glauben gemacht wird, wird mit jedem Sonntag ja noch unglaublicher…: Zunächst das leere Grab… das lässt sich irgendwie schon erklären… Dann Erscheinungen Jesu, wie ein Geist, ein Gespenst… Eine Geisterscheinung… Na ja, das geht auch noch gerade, davon hört man immer wieder, dass Menschen eine Erscheinung gehabt haben sollen… vielleicht war alles nur Einbildung, Suggestion oder sonst was „Psychologisches“…

Es muss was dran sein!
Und heute: Jesus kommt daher, als wäre wirklich nichts passiert! Er fordert die Jünger auf, die leeren Netze noch einmal auszuwerfen. Die Jünger folgen ihm wieder. Und wie durch ein Wunder: Das Netz ist voll!! Und zu allem Überfluss: der Auferstandene isst und trinkt mit den Jüngern auch noch. So, als wollte er es noch einmal vor aller Welt demonstrieren: ich bin der Leibhaftige. So was lässt sich nicht mehr psychologisch erklären. Das muss man glauben – oder man glaubt es eben nicht. Die Jünger sind zum Glauben gekommen. Und zwar alle. Keiner hat sich aus dem Apostelkreis verabschiedet. Im Gegenteil: jeder hat nichts anderes mehr im Sinn als vom leibhaftig Auferstandenen zu erzählen. Da muss was dran sein! Wenn erwachsene Menschen, gestandene Mannsbilder, auf einmal nicht mehr zu halten sind. Und obwohl es ihnen die Hohenpriester, wie wir in der Apostelgeschichte gehört haben, streng verboten hatten, in Jesu Namen zu lehren…Sie haben es getan, weil sie es tun mussten, weil sie  nicht schweigen konnten. Weil er ihnen eben doch erschienen ist. Und weil man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen!

Immer wieder werden sie schikaniert, eingeschüchtert, verfolgt und gefangen genommen. Und doch immer wieder freuen sie sich, dass sie gewürdigt werden, für Jesu Namen Schmach zu erleiden… Und am Ende –das dürfen wir nie vergessen- sind sie alle als Märtyrer für die christliche Botschaft vom Leben, in den Tod gegangen. Und wir spüren auf einmal, dass auch in unserer Zeit Ostern ganz aktuell ist.

Glaube schafft Glaube
Denn während bei uns eher Gleichgültigkeit herrscht, haben wir in vielen Teilen der Welt buchstäblich nachösterliche Verhältnisse. Am Ostermorgen wurden mehr als 70 Christen von Islamisten im pakistanischen Lahore umgebracht. Das Selbstmordattentat ereignete sich in einem Park mit vielen Kinderspielgeräten. Immer wieder ereigneten sich in den vergangenen Jahren gerade an Ostern schlimme Übergriffe. 75 Prozent aller religiös verfolgten sind Christen! Und ein mutiger Kommentar titelte zu dieser Pressemeldung: „Christen als Freiwild“. Wir spüren, wie sehr der Glaube Überzeugungssache ist. Damals, zur Zeit der ersten Jünger wie auch heute, ist die Botschaft von Ostern eine Zumutung unseres Glaubens. Aber genau diese Zumutung des Glaubens macht Mut, einzutreten für diesen Glauben, auch wenn es gefährlich ist. aber gerade dieser unerschrockene Glaube auch und gerade im Angesicht eigener Lebensbedrohung, hat dem Glauben durch all die Jahrhunderte unglaublich viel Überzeugungskraft verliehen.

Als ich die Michaelskirche wieder verließ, stand der christliche Prediger immer noch da. Die Leute waren unterdessen nicht eben mehr geworden. Irgendwie empfand ich Mitleid mit dem Osterchristen. Aber irgendwie war mir auch österlich zu Mute: denn so und nicht anders hat sich die Botschaft von Ostern auch am Anfang ausgebreitet. Weil Christen nicht schweigen konnten und auch nicht schweigen wollten, wovon das Herz doch so voll war.

 

Guter Gott, die Auferstehung ist eine Zumutung Glaubens für den Verstand des Menschen. Aber genau diese Zumutung macht Mut, an totsicher an das Leben zu glauben.

  • Das Leben ist kostbar und einmalig. Wir beten in der Woche für das Leben um alles, was dem Leben Zukunft gibt. Für Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit und Solidarität.
  • Kinder sind ein Segen. Wir beten um kinderfreundliche Rahmenbedingungen in unserem Land. Lass die Politik Wege finden, die Familie zu stärken, denn sie ist die Keimzelle unserer Gesellschaft.
  • Werte braucht das Land. Wir wissen, wie wichtig ein starker Glaube ist, damit Werte nicht verloren gehen. Wir beten um ein klares Wertebewusstsein in unserer Bevölkerung, das dem Leben gut tut.
  • Der Auferstandene sucht Zeugen. Wir beten für uns, dass Menschen unseren Glauben in unserem Leben erkennen und wir bitten für alle Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden.

Guter Gott, Glaube macht Sinn. Selbst über den Tod hinaus. Das ist eine große Sache. Danke, dass wir glauben dürfen und glauben können. Amen.

03.04.2016
Ostern für Zweifler
Gedanken um Sonntagsevangelium
von Pfarrer Ulrich Lindl

 Werden Sie gerne überredet? Manchmal sind es Vertreter, die einen Vertrag abschließen wollen. Und manchmal gelingt es ihnen auch, überredet. Und dann wartet man bis zur nächstbesten Möglichkeit, den Vertrag möglichst schmerzfrei kündigen zu können.
Und da gibt es Menschen, die einem partout ihre Meinung aufdrängen wollen. Solche Menschen werden nicht selten aufdringlich und dann auch schnell als Belästigung empfunden. Am Ende bleiben sie draußen vor der Tür.
Genauso hätte es mit Ostern laufen können. Man hätte die Menschen von Ostern überreden können, ihnen so etwas wie „Auferstehung“ so lange einreden können, bis sie endlich „Ja und Amen“ dazu sagen. Aber was hätte es am Ende gebracht? Nichts! Irgendwann wären Zweifel gekommen. Denn so etwas wie die Auferstehung eines Toten ist an sich doch unglaublich, oder? Und dann muss der Oster-Glaube am Ende ja auch halten, was er verspricht. Der Glaube an die Auferstehung bewährt sich ja erst wirklich im Angesicht des Todes. Wenn wir am Grab eines geliebten Menschen stehen oder selbst spüren, dass wir nicht mehr lang zu leben haben. Der Tod ist die Nagelprobe von Ostern –damals wie heute.
Darum fängt Ostern auch so ganz anders an. Ostern sucht sich seinen Zugang ganz behutsam. Ostern überrumpelt nicht. Ostern will für die Botschaft der Auferstehung gewinnen. Dafür braucht es Zeit. Und Ostern lässt uns Zeit: 50 Tage Osterzeit – bis Pfingsten. 10 Tage mehr wird damit der Nachbereitung Zeit gegeben. Aber Ostern braucht wohl unsere ganze Lebens – Zeit. Der Glaube an die Auferstehung muss schließlich tief einwirken, um nachhaltig zu wirken.
Machen wir also mit Ostern keinen kurzen Prozess und gehen wir nach den Ferien nicht gleich wieder zur Tagesordnung über, als wäre nichts gewesen. Geben wir Ostern Zeit und dem Glaube an die Auferstehung damit eine echte Chance.

Zeit brauchten schließlich auch die Menschen damals am ersten Ostermorgen, der noch eher einem Morgengrauen entsprochen haben dürfte. Gejubelt hat jedenfalls anfangs niemand. Vielmehr war es eine ganz eigene Gemengelage an Gefühlen, wie wir sie uns auch heute im Angesicht des Todes oftmals begegnet. Da sind die trauernden Frauen, die das leere Grab in eine noch tiefere Ratlosigkeit stürzt; da ist Maria von Magdala, die  mit ihren verweinten Augen Jesus aufs erste für den Gärtner hält. Die Jünger haben sich aus Furcht sicherheitshalber im Abendmahlsaal verbarrikadiert. Und zwei andere Jünger haben wir am Ostermontag auf ihrem Trauermarsch nach Emmaus begleitet. Und heute mischt sich noch der ganze Zweifel des Thomas dazu. Und das acht Tage danach.

Das alles sind menschliche Reaktionen, und sie sind nur zu verständlich. Ich bin jedenfalls den Evangelisten dankbar, dass sie uns so offen die Anfangsschwierigkeit der Menschen mit Ostern überliefert haben. Da wird nichts beschönigt. Schon zuvor hatten sie ja auch die Verleugnung durch Petrus und den Verrat des Judas -immerhin zwei berufene Jünger- nicht vertuscht. Das macht die Evangelien so aufrichtig und glaubwürdig.

 Thomas – ein glaubwürdiger Zeuge
Heute eine Woche nach Ostern begegnen wir in Thomas einem Jünger, der immer noch nicht Ostern gefeiert hat. Vielmehr steckt er voller Zweifel. Und hat er nicht Recht?
Zweifel ist nur zu menschlich – im Angesicht einer so unglaublichen Botschaft. Hätten wir an seiner Stelle den Jüngern geglaubt? Geglaubt, dass ein Toter wieder lebt, weil Gott ihn von den Toten auferweckt haben soll?! Zweifel sind menschlich angebracht und christlich erlaubt. Der Evangelist Johannes gibt ihm viel Raum, dem Thomas in all seinen Zweifeln. Und das ist gut so. Denn Ostern ist ja nicht über alle Zweifel erhaben.
Worauf es freilich ankommt: wie der Mensch mit seinen Zweifeln umgeht. All zu leicht kann Zweifel mit einem schnellen Achselzucken abgetan werden. „Glaube heißt, nichts wissen…“, damit ist die Frage nach Ostern für viele schnell erledigt und man geht wieder zur Tagesordnung über.
Der Zweifel des Thomas ist von anderer Qualität. Ostern beschäftigt ihn, lässt ihn nicht mehr in Ruhe. Seine Zweifel treiben ihn um und am Ende Ihm in die Arme. Der Zweifel ist für Thomas zu einem wahren Motor des Glaubens geworden. Und nach der Verheißung Jesu: „Wer suchet der findet!“ musste es doch zur Begegnung mit dem Auferstandenen kommen. Einmal mehr gibt Jesus „Nachhilfe-Unterricht“ im Glauben, und lässt sich begreifen. Er lädt Thomas ein, in seine offenen Wunden zu greifen. Was für eine Offenheit Jesu für den Zweifel des Menschen, der ihn sucht wie Thomas. Ob Thomas wirklich seinen Finger in die Wunden gelegt hat? Thomas war berührt und Jesus hat sich berühren lassen. Und das Herzensbekenntnis des Thomas kennt dann keinen Zweifel mehr: „Mein Herr und mein Gott!“

Gewiss, auch nach dieser Begegnung erklingt noch kein österliches Halleluja. Vielmehr ist es einmal mehr ein Verweis auf die Grenzen des Menschen und das Leiden des Menschensohns. Doch ein Leiden aus Liebe. Und darum ein ganz neuer Anfang von Leben.
Thomas ist heute unser glaubwürdigster Zeuge! In einer Zeit, die alles begreifen und in den Griff bekommen will. Spüren wir, wie wichtig Thomas für uns ist?! Thomas zeigt uns heute, wie ein Menschen trotz –oder gerade auf Grund seiner Zweifel – zum Glauben gelangen kann.
Glaube der beschäftigt, Gaube der umtreibt, wird zu Ihm führen. Denn der Auferstandene kommt denen entgegen, die ihn suchen. „Wer suchet, der findet!“ Nicht aus theoretischen Diskussionen, sondern allein aus der lebendigen Begegnung mit dem Herrn erwächst der Glaube, dass der Herr lebt. Aber war nicht gerade das die Botschaft vom leeren Grab? „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?!“ Jesus finden wir mitten im Leben- wenn wir Ihn suchen.

Zweifelnden raten – ein Werk der Barmherzigkeit
Wir feiern heute den Sonntag der Barmherzigkeit – im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Eines der sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit ruft uns dazu auf, Zweifelnden zu raten. Wie das gut gehen kann, können wir im heutigen Evangelium ablesen.
Nicht, indem wir sie überreden, sondern in dem wir auf sie warten wie Jesus auf Thomas gewartet hat. Thomas ist wieder gekommen – und der Herr auch. Glaube braucht bei manchen eben mehr Zeit. Und er erwächst aus lebendigen Begegnungen.
Damals kam ein Thomas zum Glauben in der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, dem österlich verklärten Christus. Heute kommen Menschen hoffentlich zum Glauben in der Begegnung mit österlich erklärten Christen.
Beten wir dafür, dass es uns gelingt, Menschen in der Begegnung mit uns auf Ihn, Jesus Christus, aufmerksam zu machen, empfänglich für Ostern. Empfangsbereit für den Auferstandenen.

28.03.2016
Glaube kommt nach…
Gedanken zum Ostermontag

Nach Ostern begegnen wir immer wieder Menschen vor Ostern. Menschen die noch vorösterlich gestimmt sind. Aber was ist das eigentlich für eine Stimmung? Vor Ostern ist doch nach Karfreitag… Karfreitagsstimmung.

Zwei Jünger machen sich nach Karfreitag auf den Weg nach Hause. Sie sind enttäuscht, tieftraurig, resigniert. Sie haben Jesus, ihre Hoffnung, begraben. Und heute ist schon der dritte Tag. Da ist alles aus. Ein Eingreifen Gottes in letzter Minute ist da nicht mehr zu erwarten…

Aber in ihrer Trauer sind sie nicht verstummt. Sie reden über ihn. Bringen ihren Herrn noch einmal zur Sprache. Und da geschieht, was immer geschieht, wenn zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind: Er tritt in ihre Mitte. Anfangs noch unerkannt geht er so spürbar mit und auf sie ein. Und langsam wird aus einem traurigen Heimgang ein Pilgerweg, ein behutsamer Aufbruch zu österlichem Glauben. Der mit ihnen geht, erklärt den beiden Jüngern anhand der Schrift, dass es doch so kommen musste. Und langsam entzündet die glimmende Glut neues Feuer… es beginnt wieder zu brennen!

Als es Abend wird dämmert in Emmaus der Ostermorgen. „Bliebe bei uns, denn es will Abend werden!“ bitten sie ihn. Und er bleibt bei ihnen. Und er nimmt das Brot, bricht es mit ihnen und gibt sich ihnen. Und auf einmal gehen ihnen die Augen auf. Und sie erkannten IHN.

Wieder sind wir Menschen vor Ostern begegnet. Und wieder ist er dazugekommen. Er hat ihnen erklärt, damit Unerklärliches klar wird. Er hat sie angefasst, damit Unfassbares fassbar wird. Er war mit ihnen unterwegs. Am Ende ist er gegangen und blieb doch bei ihnen. Am kommenden Sonntag wird er wieder kommen und dem Zweifel eines Thomas begegnen. Der wird am Ende nur noch eines antworten können: „Mein Herr und mein Gott!“

Jesus tritt auch immer wieder in unsere Mitte. Geht mit uns, bleibt bei uns. Im Teilen der Schrift spricht er zu uns, teilt sich uns mit. Wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind, da ist er mitten unter uns. Damals wie heute. Und er bricht mit uns das Brot. Damals wie heute. Im Sakrament der Eucharistie haben wir lebendige Gemeinschaft mit ihm. Kommunion heißt Gemeinschaft.

Ostern überrumpelt nicht. Ostern holt Menschen ab, die auf der Suche nach Jesus sind. Und nimmt so mit auf den Weg. Auf den Weg zur Auferstehung. Er –der Auferstandene- will uns begegnen und uns mitnehmen auf seinen Weg, der in Wahrheit zum Leben führt.

27.03.2016
Ostern für Begrenzte
Österliche Gedanken für Suchende

Worauf sie verzichten könnte, wurde Nachrichtensprecherin Gundula Gause zu Beginn der Fastenzeit gefragt: „Auf alles, was meine Großeltern noch nicht hatten“, lautete ihre Antwort. Ich frage mich: Was hatten unsere Großeltern eigentlich noch nicht? Eine ganze Menge! Also ganz schön mutig, Frau Gause!
Keine Wachmaschine, alles mit den Händen waschen. Kein Wäschetrockner. Die Wäsche trocknet an der Luft, dazu muss man sie aber erst mal aufhängen…. Kein Fernseher, kein Handy… Viel Frei-Zeit? Und kein Auto – dafür mehr Fahrrad oder gleich zu Fuß gehen? Und, und, und… Wir tun uns heute schon viel leichter mit dem Leben. Aber gilt das auch für den Glauben?

Viele Menschen tun sich heut zu Tage schwer mit dem Glauben. Warum? Weil heute so vieles machbar geworden ist? Der „moderne“ Mensch hat mehr und mehr in der Hand und so vieles vermeintlich im Griff…Wozu braucht es denn da noch Gott? Das packen wir Menschen doch allein, oder? In die Knie müssen viele erst gezwungen werden. Freiwillig hinknien? Vor Gott? Mensch, wer bin ich denn?

Menschen, die an alles Menschenmögliche glauben, tun sich mit dem Glauben an Gott schwer. Zunächst brauchen sie ihn wohl auch gar nicht. Und was noch erschwerend hinzukommt: diese Bequemlichkeit, die viele Menschen in Glaubensdingen beschlichen hat. Glaube „beschäftigt“ Menscen hierzuilande nur noch selten. Schon eher ist er eine Frage von Lust und Laune geworden. Oder Deko für Familienfeste… Soll Gott sowas ernst nehmen… wenn es ihn denn gibt…. Solange man noch mit der Fernbedienung entscheidet, ob man am Vorabend Fußball-Länderspiel anschaut – oder am Morgen in die Osternacht geht – übrigens der wichtigste Gottesdienst des gesamten Kirchenjahres – so lange hat der Glaube nicht wirklich Aussicht auf Erfolg.

Aber worum geht’s eigentlich an Ostern? wollte die Tageszeitung „Die Welt“ von den Bundesbürgern wissen. Na klar: In allerster Linie geht’s ums Ostereiersuchen. Erst auf Rang 5 (oder so) mit 19 Prozent relativ weit abgeschlagen, denken Menschen hierzulande an so was wie „Gottesdienst“. Damit rangiert der eigentliche Anlass von Ostern, das ja eigentlich ein Glaubensfest ist, hinter so was wie „Osterkörbchen“ und „Osterbrunch“. Spüren Sie auch diese Belanglosigkeit…?

Also, alles was Recht ist: An Oster geht’s um Leben oder Tod. Entweder wir sind am Ende tot oder wir überleben. Und wir merken, dass wir am Ende nichts, aber auch gar nichts in der Hand haben. Der Glaube an das Menschenmögliche entlarvt sich im Angesicht des Todes als eine einzige Illusion. Wohl auch darum machen viele unserer Zeitgenossen vor dem Tod einfach die Augen zu …. und dann irgendwie durch! Schade, denn genau hier nimmt Ostern seinen Anfang.

Der Glaube an die Auferstehung beginnt am Grab. Dort, wo  der Mensch -menschlich gesehen- am Ende ist. Ostern fängt dort an. wo der Mensch nichts mehr machen kann. Das ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass an Ostern etwas mit uns anfangen kann: dass wir Menschen uns eingestehen, dass wir an Grenzen stoßen, weil uns nicht alles menschenmöglich ist.
Ostern beginnt tatsächlich nicht mit einem strahlenden Halleluja, sondern auf dem Friedhof und das im Morgengrauen. Mit Menschen, die noch abgrundtief noch tief in der Trauer stecken. Die ersten Besucher am Grab  sind noch völlig verängstigt, wollen nicht ertappt werden. So tappen sie ans Grab. Auch Maria nimmt den Auferstandenen zunächst gar nicht wahr, so verweint sind ihre Augen …. Und die beiden Jünger von Emmaus begegnen Jesu auf ihrem Trauermarsch von Jerusalem zurück nach Emmaus. Und auch sie sind anfangs noch wie von Blindheit geschlagen. Wir begegnen an Ostern nur Menschen, die an ihre Grenzen gestoßen sind. Auch alle Jünger haben sich aus Furcht vor den Juden im Abendmahlsaal verbarrikadiert. Der Auferstandene muss sich erst durch verschlossene Türen den Weg zu ihnen bahnen. Und dann ist da noch Thomas, der „Ungläubige“. Er kann erst eine Woche nach Ostern Ostern feiern. Den Auferstandenen hat er bis dahin noch nicht gesehen.

All das ist der ideale Wurzelgrund von Ostern: Trauer, Angst und Zweifel… in Menschen, die nichts mehr in der Hand haben. Aber dafür eines umso mehr in sich tragen: Sehnsucht nach dem Herrn. Ja, die hatten sie alle, in ihrer Trauer, in ihrer Angst: diese tiefe Sehnsucht nach dem Herrn. Und auch der Zweifel hat einen wie Thomas innerlich umgetrieben. Sie alle haben einen erlebt: den Auferstandenen. Sie sind unserer Zeugen. Auf sie ist Verlass.

Merken wir, wie sehr Menschen, die nichts mehr in der Hand haben, den eigentlichen Standortvorteil im Glauben haben? Die Erfolgreichen brauchen Gott nicht – meinen sie. Die Armen, Verzweifelten, die Trauernden… sie haben Gott dagegen bitter nötig. Sie brauchen Gott, und darum suchen sie ihn auch. Papst Franziskus lädt dazu ein, sich uns von diesen „Menschen am Rand“ missionieren zu lassen. Sie haben ihre Erfahrungen gemacht. Genau darum rühmt sich auch der große Völkerapostel Paulus seiner Schwäche. Weil sich gerade in der menschlichen Schwachheit Gottes Kraft beweisen kann.

Wenn wir Ostern finden wollen, dann suchen wir nicht nach Hasen und Eiern. Suchen wir lieber uns. In unserer Verwundbarkeit, in unseren Fehlern und Schwächen, in unseren engen Grenzen. Und wenn wir uns so gefunden haben- wie wir eben sind… dann begeben wir uns wieder auf die Suche – nach Ihm, der uns aus all unserer Begrenztheit befreien will. Und Er, der auferstandene Herr, wird kommen. Niemand weiß schließlich so gut wie Er, wie sehr wir Ihn brauchen. Darum ist er übrigens in unsere Welt gekommen, um zu suchen was verloren, und zu heilen, was verwundet ist. Und hat er nicht selbst versprochen: Wer suchet, der findet?!

26.03.2016
„Trauert nicht wie die anderen, die keine Hoffnung haben!

Gedanken zum Karsamstag

Wohl kaum einen Tag gibt es, den wir Menschen so schwer aushalten können wie den Karsamstag. Ein Tag still und leer. Kein Gottesdienst. Wie viel halten wir davon noch aus.
Und doch, wir brauchen diesen Tag, so wie er gedacht ist. Als Tag der Grabesruhe. Ein Tag, an dem wir innerlich das Grab Jesu aufsuchen und daran denken, dass auch wir einmal in ein Grab gelegt werden. Der Karsamstag will uns dafür die Augen öffnen, dass auch wir einmal nichts mehr in der Hand haben, wenn am Ende für uns nichts mehr getan werden kann und nichts mehr hilft. Und dann?
„Den eigenen Tod stirbt man selbst, mit dem Tod anderer muss man weiterleben.“ Aber wie? Wenn die Beerdigung vorbei und die letzten Dinge erledigt sind, tut sich auch bei Trauernden Leere auf und es wird still. Der Karsamstag ist so auch ein Tag der Trauer. Ein Tag der Trauernden. Lassen wir der Trauer Zeit. Lassen wir der Trauer ihr Recht! Denn Trauer ist zutiefst ein Zeichen der Liebe über den Tod hinaus.
Das Grab gibt es zu Recht. Nicht von ungefähr dämmert der Ostermorgen genau dort, wo wir Menschen am Ende sind: Am Grab. Gott lässt uns nicht am Grab stehen. Ostern holt uns im Friedhof ab mit seiner unerhörten Botschaft, die alles in einem anderen Licht erscheinen lässt: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten, er ist nicht hier sondern er ist auferstanden.“ (vgl. Lk 24, 5)
Die Karfreitagsliturgie hat in Stille geendet. Heiliges Schweigen umfängt auch den Karsamstag. Bis dann die Auferstehung an Ostern einlöst, was der Karfreitag versprochen hat:

„Im Kreuz ist Heil,
im Kreuz ist Leben,
im Kreuz ist Hoffnung.“

25.03.2016
Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir
– ein Wort zum Karfreitag –

„Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Das war und ist die bleibende Einladung des Gründonnerstags, und zugleich eine heilige Pflicht, das Gedächtnis der Liebe –seine Liebe- lebendig zu halten. Und in der Kommunion zu bleiben – in der Gemeinschaft mit Jesus und untereinander.
Heute, am Karfreitag, haben wir uns wieder versammelt. Am Kreuz.-  Am Kreuz führt kein Weg vorbei. Weil es das Kreuz gibt, gilt es das Kreuz ernst zu nehmen, anzunehmen und wo möglich mit zu tragen…
Das Kreuz des Menschen schreit zum Himmel. Im Kreuz Jesu Christi gibt Gott uns eine Antwort: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“
Darum erhöhen wir das Kreuz am Karfreitag. Wir verehren es. Ja, wir gehen zum Kreuz, stehen zum Kreuz. Wir bekreuzigen uns. Und setzen damit ein Zeichen!
Immer wieder gab es Menschen, die das Kreuz Christi nicht verstanden haben. Schon auf Golgotha haben viele den Kopf geschüttelt. „Soll er doch vom Kreuz herabsteigen, wenn er Gottes Sohn ist.“ Auch in unserer Zeit trifft das Kreuz auf Unverständnis und Ablehnung. Menschen wollen es abhängen. Wir Christen dagegen erhöhen das Kreuz, um es so besser verehren zu können.
Wir tun dies, weil wir wissen, dass es so viele Kreuze gibt, die das Leben aufgedrückt bekommt. Darum brauchen wir sein Kreuz. Das Kreuz Jesu Christi zeigt uns: Mensch, ich verstehe dich, ich trage mit. Das Kreuz Christi wird so zum leidenschaftlichen Erkennungszeichen eines Gottes, der mitleidet. Mensch, ich dein Gott, bin da!
Das Kreuz Christi gibt so Kraft, wird zum Beistand in schweren Zeiten. Wir brauchen es, das Kreuz. Gerade auch in den Patientenzimmern und in der Hand der Sterbenden. Ohne das Kreuz Jesu Christi blieben all die ungezählten Kreuze der Menschen unerlöst stehen. Aber Gott lässt uns nicht hängen. Aber davon erzählt dann Ostern…
Durch den Tod zum Leben. Wir müssen erst den Karfreitag spüren, um auch wirklich Ostern feiern zu können. Als Christen sehen das Kreuz des Karfreitags freilich im Licht der Auferstehung. So können wir den Antwortgesang des Karfreitags anstimmen: „Im Kreuz ist Heil im Kreuz ist Leben im Kreuz ist Hoffnung!“
Das Kreuz Christi wird zum Lebensbaum für den Menschen.

24.03.2016
Das Österliche Geheimnis – das Triduum Paschale
Begleitende Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl

Die Sehnsucht des Menschen?
An diesen drei Tagen wird sie spürbar.
Es ist wichtig, dass wir die Sehsucht kennen. Denn in der Größe der Sehnsucht liegt die Größe des Menschen…
Worin aber besteht die Sehnsucht des Menschen?
Zunächst gewiss in der Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit: Die Sehnsucht nach Liebe. Heute am Gründonnerstag kommen wir dieser Sehsucht besonders nahe. „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!“

Dann ist da noch eine zweite Sehnsucht, die Sehnsucht nach Erlösung. Nicht die Erlösung aus eigener Kraft, die es noch nie gegeben hat und nie geben wird. Sondern die Erlösung aus Hingabe. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde!“ Diese Verheißung wird sich morgen in der Todesstunde Jesu erfüllen.

Die tiefste Sehnsucht des Menschen aber ist die Sehnsucht nach Leben. Nach der Fülle des Lebens, nach dem Leben, das stärker ist als der Tod und niemals endet: ewiges Leben. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Das ist der Aufbruch an Ostern: Der Tod bricht auf für das Leben.

Das Triduum paschale ist eine Trilogie der Sehnsucht des Menschen, die nicht ins Leere läuft, sondern in Gott Erfüllung findet.

Kommunion – gut verpackt?
Gedanken zum Gründonnerstag

Amerika – ein schönes – ein weites Land. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Immer wieder neue Ideen werden geboren, die dann auch ganz schnell vermarktet werden.
Auf eine ganz und gar neue –ja geradezu revolutionäre Idee kam vor wenigen Jahren eine amerikanische Firma:
Für die Abendmahlfeiern der vielen kleinen christlichen Gemeinschaften, die es in Amerika auch gibt, sollte ein neues Produkt auf den Markt. Und dieser Markt ist groß. Schließlich ist man in Amerika in der Regel fromm.
Neu ist nicht das Produkt; das ist eigentlich uralt: Brot und Wein.
Das wirklich Neue war die Verpackung. Denn Hostien und Wein wurden verpackt. Einzeln in Zellophan. Der Wein in einem kleinen Plastikdöschen und obendrauf die Hostie. Gewissermaßen im Einwegverfahren. Hygienisch – praktisch – gut.
So kann jeder sein Päckchen vorne abholen und seine eigene Kommunion halten. Keine Ansteckungsgefahr also. Hygienisch sauber und bestimmt auch medizinisch getestet.
Vielleicht fragen Sie sich: alles schön und gut… Aber warum das alles?
Sind es Berührungsängste?
Ist es die Angst sich anzustecken?
Oder ist es vielleicht gar ein Zeichen der Zeit? Dass der Mensch mehr und mehr auf Distanz geht?
Dass jeder für sich lebt … und am Ende lebt jeder vor sich hin?
Dass jeder für sich glaubt … und am Ende glaubt jeder vor sich hin?
Eines ist klar: erfolgreich war und ist die Verpackung. Aber entspricht die Verpackung auch dem Inhalt? Der Kommunion?

Gott geht nicht auf Distanz
Wenn wir auf Gott schauen und darauf, wie er uns Menschen begegnet, dann wird eines klar: Gott geht nicht auf Distanz, Er sucht unsere Nähe!
Ja, in Jesus sucht er die Nähe gerade dort, wo Distanz besonders spürbar wird: Aussätzige hat er nicht ängstlich mit Handschuhen betastet, er legt ihnen seine Hände auf und schließt sie in seine Arme!
Außenstehenden, Verstoßenen, Sündern ist er nicht aus dem Weg gegangen, er kommt ihnen entgegen!  Menschen am Rand stehen für Jesus in der Mitte.
Heute im Abendmahlsaal geht er noch weiter. Er geht vor seinen Jüngern in die Knie und wäscht ihnen die Füße! Petrus wehrt sich. Das ist zu viel für ihn. „Du, Herr, willst mir die Füße waschen: niemals!“ Da kommt ihm der der Herr doch zu nahe…
Aber Jesus besteht darauf. Er, Jesus, wäscht ihm, dem Petrus –der ihn schon bald dreimal verraten wird, die Füße. Und wir spüren, was sich da ereignet, worum es Jesus geht: um hingebungsvolle Liebe. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe! Dient einander, wie ich euch gedient habe!“
Dabei geht es nicht um den Dienst des Dienens. Es geht um einen echten Liebes-Dienst. Und auch um die Sehnsucht des Menschen, Nähe zu erleben, und Nähe zu spüren? Bedingungslos geliebt zu werden und selbst bedingungslos zu lieben? Ist es nicht gerade die Sehnsucht unserer oft so vereinsamten Zeit?
Lassen wir uns nicht einreden, der Mensch verwirkliche sich am besten selbst! Das ist nicht wahr. Individualismus verliert sich nur allzu leicht in Anonymität. Und die ist unmenschlich, kalt und leer. Als Menschen verwirklichen wir uns miteinander und füreinander! Gott weiß darum. Er weiß um die tiefe Sehnsucht des Menschen nach Nähe, nach Geborgenheit, nach Liebe.
Und darum begegnet er uns bei der Fußwaschung nicht von oben herab, sondern von Grund auf. – Und von innen heraus!
Denn das ist das zweite, noch tiefere Geheimnis der Liebe. Und dieses Geheimnis ist nun wirklich göttlich!

Kommunion verbindet – von innen heraus
Er stiftet beim letzten Abendmahl die Eucharistie. Gott gibt sich in die Hand des Menschen. Er hat sich auch in die Hand des Judas begeben! Das ist mutig, ja, er riskiert unglaublich viel. Er geht aufs Ganze, weil es ihm um nicht weniger als das Ganze geht! Wir sehen: Gott hat wirklich keine Berührungsängste. So nah kommt uns kein Mensch – so nah kommt uns nur Gott!
Gott wird uns innerlicher als wir uns zuinnerst sind, er tritt in die Mitte unseres Lebens und wir sind mitten in Gott. Das ist Kommunion. Kommunion heißt Gemeinschaft. Mit dem Herrn!
Aber damit nicht genug: Heute dürfen wir uns auch wieder bewusst machen: Wir empfangen alle von dem einen Leib und wir trinken alle von dem einen Blut. In dieser Nähe vollendet sich Gemeinschaft. Aus einer Mahlgemeinschaft wird so eine Lebensgemeinschaft. Jesus in mir – Jesus in dir. Jesus ist in uns – in unserer aller Mitte.
Sind wir bereit, diese Nähe zuzulassen? Sind wir empfänglich für ihn? Jesus drängt sich nicht auf…
Wo wir offen sind für ihn und ihn aus ganzem Herzen empfangen, da wird er uns innerlich berühren. Da geschieht Wandlung, Wandlung durch ihn, mit ihm und in ihm – und untereinander- werden wir verwandelt.
Manche mögen ungläubig den Kopf schütteln. Ich glaube Jesus und daran, dass er unsere Sehnsucht nach Liebe verstanden hat. Und heute seine bleibende Antwort gibt: „Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut, das für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

Mein Gott, wie soll ich Dich empfangen?
Gedanken zum Kommunionempfang

Die Feier des Letzten Abendmahls am Gründonnerstag ist die Geburtsstunde der Eucharistie. Darum auch Anlass wieder nachzudenken, wann und wie wir die Eucharistie empfangen. Wir dürfen die Eucharistie empfangen als Mittel zum Heil, als Heilmittel. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“, hat Jesus gesagt. Die Eucharistie ist damit keine Belohnung für ein besonders tugendhaftes Leben, sondern vielmehr ein Mittel, das uns dazu verhelfen will. Denn wir empfangen nicht etwas sondern wir empfangen Ihn, unseren Heiland. Das macht klar, worum es eigentlich geht: um den festen Willen und den Wunsch, in der Seele Heilung und Heil zu finden: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund.“ Die Kommunion ist also keine Frage der Gewohnheit, sondern des Heils.

Auch der Empfang der Heiligen Kommunion sollte von Offenheit und Liebe geprägt sein. Bis zum 9. Jahrhundert wurde die Kommunion mit der Hand empfangen. Cyrill von Jerusalem hat im 4. Jahrhundert besonders schön gedeutet, wie wir die Hände halten. Die Rechte Hand in die Linke legen und so in Form eines Kreuzes einen Thron bilden, einen Thron für unseren Heiland in Form des Kreuzes. Ein tiefer Gedanke.

Man darf sich aber auch an eine Schale erinnern, zu der wir die Hände formen um zu zeigen, dass wir möglichst weit offen seine wollen für dieses Geschenk des Himmels. Auch der Kommunionempfang mit dem Mund kann eine besonders ehrfurchtsvolle Art des Kommunizierens sein. Wichtig ist: nicht auf die äußere Form kommt es an, sondern auf die innere Haltung. Jesus will von Herzen empfangen werden.

13.03.2016
Gedanken zum 5. Fastensonntag
von Pfarrer Ulrich Lindl

+  Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg.

Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.

Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Bist du aufgeregt?
Überall ist der Mensch aufgeregt, wenn es um was geht…
Beim Fußball… da geht´s oft um wichtige Punkte…
Bei einer Prüfung, da geht´s um den nötigen Erfolg…
Und auch vor einer Eheschließung frage ich des Öfteren: „Sind Sie aufgeregt?“ Gegähnt hat da noch niemand. Schließlich vertrauen sich zwei Menschen an für ein ganzes Leben!
Eine riesengroße Aufregung haben wir gerade im Evangelium miterlebt. Kein Wunder, da wurde auch eine Steinigung in letzter Minute verhindert. Da ging´s buchstäblich ums Leben. Und: es ging um göttliche Vergebung…

Beichte befreit
Kann Vergebung denn auch ein Grund zur Aufregung sein? Zugegeben: ein bisschen aufgeregt waren unsere 17 Kommunionkinder schon vor ihrer Erstbeichte letzte Woche. Aber das hat sich schnell gelegt. Auch deshalb, weil wir einige Tage zuvor eine Schülermesse gefeiert hatten. Am Ende des Gottesdienstes habe ich die Viertklässler gefragt, wie denn ihre Erstbeichte im vergangenen Jahr war. Und die Antworten konnten sich hören lassen, von „gut“ bis „cool“. Eine Antwort hat mir besonders gefallen: „Befreiend!“ Ja, das ist Beichte und so wirkt sie auch: ganz einfach: befreiend!
Die Beichte ist befreiend, weil sie zutiefst menschlich ist: Sie öffnet uns einen klaren Blick für eine ganz einfache Wahrheit: Kein Mensch ist vollkommen. „Nobody is perfect!“ Wie befreiend ist dieses Eingeständnis gerade auch für Menschen, die in einer Leistungsgesellschaft leben, die funktionieren müssen und sich im Grunde keine Fehler leisten dürfen….
Jeder von uns hat seine Fehler und Schwächen. Und wir dürfen dazu stehen. Ja wir dürfen uns in der Beichte geradezu hineinknien. Hineinknien in die Barmherzigkeit dessen, der uns in der Beichte begegnet, weil er uns abnehmen möchte, was uns belastet.
Die Einsicht, dass jeder Mensch seine Schwächen hat, bewahrt uns selbst vor überzogenem Perfektionismus und im Umgang mit anderen vor überzogener Strenge und Unbarmherzigkeit. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…!“ Am Ende hat keiner geworfen… Alle Steiniger und Peiniger haben ihren Stein still und leise wieder aus der Hand gegeben und sind betreten davon geschlichen. Das ist die erste gute Botschaft des heutigen Evangeliums, das doch bedrohlich begonnen hatte: Keiner hat geworfen, weil alle zu der Einsicht gelangt sind: Wir alle doch sind Sünder. Eine Schicksalsgemeinschaft, die wir miteinander als Menschen teilen. Und es stellt sich doch die Frage: wie gehen wir damit um? Entschuldigen können wir uns nicht einfach selbst… Muss ich das dann beichten?

Beichte ist „Umkehr des Herzens“
Die Frage höre ich als Seelsorger immer wieder. Als ob man beichten müsste! Vergebung ist doch ein Geschenk und zu beichten damit ein inneres Bedürfnis. Wir dürfen beichten. Gott sei Dank!
Beichten tut der Seele gut… Beichten bringt zur Besinnung. In überschaubaren Zeiten das Leben in den Blick nehmen und zwar ganz: Wo habe ich die richtige Richtung verloren? Wieviel Mitbestimmungsrecht hat Gott (noch) in meinem Leben? Wie sehen meine Lebensbeziehungen aus? Wie geht es mir mit mir selbst? Wie ist das Raumklima meiner Seele? Was tut mir von Herzen leid?
Und wenn ich fündig geworden bin? Wohin kann ich gehen…? Wer nimmt mir meine Schuld ab? Wer will sie haben?
Unter dem Motto „Mir fällt ein Stein vom Herzen!“ haben die Kommunionkinder letzte Woche zum ersten Mal gebeichtet. Neben dem Fastenbaum finden wir ihre Beichtsteine. Dort sind sie auch gut aufgehoben. Ein befreiendes Gefühl, dass mir abgenommen wird, was mir auf dem Herzen liegt! Warum schleppen wir uns mit all unserem seelischen Ballast herum? Warum beichten wir nicht einfach(er)? Machen wir es nicht komplizierter als es ist: Jesus hat es doch auch ganz einfach getan: der Sünderin vergeben. Es ist schon bemerkenswert: Jesus diskutiert mit den Schriftgelehrten über die Sünde, nicht aber mit der Sünderin. Ihr schenkt er einfach Vergebung. Offenbar hat er gespürt, das sie hat, was die Beichte braucht: Eine echte Reue des Herzens. Das ist die zweite gute Botschaft des heutigen Evangeliums: dass Vergebung so einfach sein könnte, wenn wir nur wollen.
Wer mir das einmal wunderbar einfach klar gemacht hat? Ein Bub vor seiner Erstbeichte; seinen Stein hatte er lange gesucht und am Lech gefunden. Damals als ich noch in Landsberg Kaplan war. Vor der Erstbeichte – ein Beichtstein. Und als ich ihn anschauen durfte, habe ich gestaunt. Ein Stein in Form eines Herzens. Ein Lausbub war er schon, aber die können besonders gut beichten. Und lange gesucht hatte er auch, bis er „seinen“ Beichtstein gefunden hatte. Denn den Stein hat er auch mit Bedacht angemalt. Die Seite, die er mir vor der Beichte entgegenstreckte machte mich nachdenklich: Ein schwarzes Herz! „Ist es wirklich so schlimm?“, habe ich gefragt und der Bub hat mich gleich aufmerksam gemacht: auf grünem Grund- hatte er sein Herz gemalt…. Grund zur Hoffnung also! Rein in den Beichtstuhl und schon ging´s los mit der Beichte. Es hat sich gelohnt. Und noch ehe ich ein Wort sagen konnte, hatte der „Erstbeichter“ schon seinen Stein umgedreht und mich strahlte ein rotes Herz an – auf himmelblauen Grund – und der Bub strahlte auch.
Diese kleine Begebenheit habe ich nie vergessen, weil sie uns zeigt, worum es bei der Beichte geht: dass sich der Mensch ein Herz fasst und es vor Gott umkehrt. In der Beichte kann so alles „rauskommen“ , was in unserem Herzen eigentlich keinen Platz haben sollte – und dann: dann ist Raum geschaffen für einen neuen Anfang – aus ganzem Herzen.

Ein neuer Anfang!
Aber auch dafür öffnet uns die Beichte die Augen: Jeder Mensch hat auch seine Stärken. Es gibt keinen Menschen, der nicht auch Gutes in sich trüge. Die Beichte glaubt zutiefst an das Gute im Menschen. „Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Da steckt unheimlich viel Glaube an das Gute drin. Und das feste Zutrauen Gottes: „Mensch, Du kannst es besser machen. Ich glaub an Dich!“
Die Beichte nimmt zunächst den Ballast von der Seele, erleichtert und schafft Raum für das Gute. Und dazu schenkt sie viel Kraft –nennen wir es „Gnade“!- zu einem neuen Anfang. Diese Kraft lohnt sich zu nutzen für einen guten Vorsatz.
Freilich ist beim Vorsatz Augenmaß von Nöten. Was will ich besser machen, und was kann ich auch besser machen? So mancher Vorsatz ist deshalb gescheitert, weil er zu groß war. Weniger ist auch hier oft mehr…! Gerade im Glaubensleben bringen die kleinen Fort-Schritte am Ende wirklich voran.
Von wegen: Muss ich zum Beichten? Ich darf beichten! Was für ein Geschenk!. Der Heilige Pfarrer von Ars hat viele Stunden im Beichtstuhl zugebracht und wurde so zu einem großen Seelenführer für viele. Er hat einmal treffend gesagt: „“Die Beichte – größte Gnade auf kleinstem Raum.“
Und vergessen wir nicht, nach der Beichte auch wirklich die Vergebung zu feiern. In ländlichen Gegenden war der Beichttag früher ein halber Feiertag!
Und, was das Schönste ist: ich darf wiederkommen.
In der frühen Kirche gab es eine strenge, ja unmenschliche und unchristliche Haltung, man dürfe nur einmal im Leben zur Beichte gehen. Darum haben viele dieses wertvolle Sakrament aufgehoben und aufgeschoben bis kurz vor dem Tod. Dafür aber ist das Sakrament viel zu schade. Die Vergebung dürfen wir nach Bedarf gebrauchen. Als Heil- und Hilfsmittel für ein gesundes Leben.
Entdecken wir das Geschenk der Beichte wieder. Es ist befreiend und bringt unser Leben vorwärts. Beichten tut ganz einfach gut!

28.02.2016
Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt
+  Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas

1 Zu jener Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, so dass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte.

Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht?

Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.

Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?

Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.

Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine.

Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?

Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen.

Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.

Gedanken zum Evangelium
von Pfarrer Ulrich Lindl

Mut zur Wahrheit!
Haben Sie einen Menschen, der Ihnen die Wahrheit sagt? Menschen, die uns die Wahrheit sagen, sind wahre Freunde und wertvolle Lebensberater. Einem anderen die Wahrheit zu sagen, ist oft nicht leicht. Aber weil Du mir nicht gleichgültig bist, weil Du mir wirklich am Herzen liegst, muss ich Dir etwas sagen! Einfach zuschauen, wie ein Mensch auf Abwege gerät, ist eine Sünde. Also: „Sag die Wahrheit!“
Freilich kommt es dann auch darauf an, wie ich die Wahrheit sage. Die Wahrheit kann niederschmettern, vernichtend sein. Das hilft nicht wirklich weiter. Darum gibt der Hl. Franz von Sales, den wichtigen Rat: „Man muss die Wahrheit in Liebe sagen.“
Warum ich gottfroh bin, dass ich an Jesus glaube? Ganz einfach: Jesus sagt uns immer die Wahrheit. Klar und deutlich. Und spüren immer zugleich auch, warum: Weil wir ihm nicht gleichgültig sind. Weil wir ihm am Herzen liegen. Auch heute im Evangelium.

„Ihr alle seid Sünder!“
Jesus begegnet Menschen, die offenbar Zeugen von tragischen Vorfällen gehört hatten. Da wurden Galiläer auf Anordnung von Pontius Pilatus im Tempel umgebracht und 18 andere unter einem einstürzenden Turm begraben. Was die Ursachenforschung angeht war man allgemein schnell fertig: Die Opfer werden es schon nicht anders verdient haben. Alles eine Strafe Gottes.
Jesus stellt sie dieser Sichtweise entgegen und er konfrontiert sie mit einer unangenehmen Wahrheit: „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ Was für eine Ansage! Da spüre ich nichts von einem lieben Jesulein. Das alles klingt toternst. Greifen wir jetzt bitte nicht zu Lenor und spülen wir alles so weich, bis am Ende wieder ein liebes Jesuslein herauskommt, dem keiner etwas zu leide tut und uns bitte keine unbequeme Wahrheit zumutet.

Eine unbequeme Wahrheit?
Jesus war nicht lieb und nett. Dafür verspricht er uns: „Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben.“ Das ist ein echtes Hilfs-Angebot für alle, die umkehren wollen: dass er der Weg ist, der uns in Wahrheit zum Leben führt. „Auf ihn sollt ihr hören!“, sprach die Stimme Gottes bei seiner Verklärung auf dem Berg Tabor am vergangenen Sonntag.
Wie reagieren eigentlich wir darauf? Das Evangelium gilt schließlich auch uns. Die eigentliche Predigt in der Messe hält ja nicht der Priester, die eigentliche Predigt hält uns Jesus. Er ist der erste Prediger in unserer Gemeinde.
Hören wir darum noch einmal hin:
1 Zu jener Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, so dass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte.
Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht?
Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.
Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?
Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.

Und Jesus stellt heute uns vor die Frage: Wer von uns hätte nicht auch Grund zur Umkehr? Wer von uns wäre fehlerfrei und ohne Sünde? Und wie geht es uns damit? Wie gehen wir damit um? Franz von Sales –selbst ein begnadeter Prediger- hat einmal gesagt: „Nicht der Prediger ist gut, über den die Leute beim Fortgehen sagen: `was für eine schöne Predigt´, sondern: `ich werde etwas tun!´“ Darum ist Jesus auch selten gelobt worden für seine schönen Worte. Im Gegenteil. „Was er sagt, das ist unerträglich!“ (Joh 6, 60), hagelte es wohl nicht nur einmal Proteste gegen seine Predigt. Jesus ging es nicht um schöne Worte, sondern allein darum, dass wir Menschen etwas mit seinen Worten anfangen. Und wirklich umkehren. Darum geht es ihm auch hier und heute. Es geht ihm um uns!
Schalten wir also bitte nicht ab. Bleiben wir dran. Denn Jesus lässt uns nicht einfach stehen. Er gibt uns vielmehr einen guten Wegweiser mit auf den Weg.

Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine.
Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?
Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen.
Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.

Geduld? Geduld!
Das Gleichnis vom Feigenbau hat eine doppelte Botschaft: Der Weg der Umkehr braucht die nötige Geduld. Vieles braucht Zeit, wenn es wirklich gut oder wenigstens besser werden soll. Das gilt gerade auch für unsere Fehler und Schwächen, unsere Sünden mit denen wir uns vielleicht schon lange schwer tun. Franz von Sales, dieser Seelenkenner, empfiehlt darum: „Hab Geduld in allen Dingen, vor allem aber mit Dir selbst.“
Es ist oft die Kunst der kleinen Schritte, die am Ende wirklich voran bringt. Beginnt nicht jeder Weg mit dem ersten Schritt? Und bringt nicht jeder –noch so kleine- Schritt in die richtige Richtung weiter auf dem Weg zum Ziel?!
Wenn ich als Priester in der Beichte zu einem guten Vorsatz verhelfen will, verbinde ich damit oft die Frage: „Was wollen sie ändern und: was können Sie auch ändern?“  Weniger ist da oft mehr. Und dann: packen wir´s an!
Und die andere Seite der doppelten Wahrheit des Gleichnisses vom Feigenbaum:  Gott bringt viel Geduld für uns auf. Das ist gewiss auch Ausdruck jener Barmherzigkeit, die im Wesen Gottes liegt. Freilich dürfen wir diese Geduld nicht ausnutzen. So wie wir unser Leben nicht “auf die lange Bank“ schieben können. Irgendwann sind wir zu Ende. Und dann? Soll es doch gut gegangen sein. Am Ende wollen und sollen wir doch überleben. Gott will ja nicht den Tod des Sünders, sondern dass er lebt (vgl. Ez 33, 11), erfahren wir bereits beim Propheten Ezechiel. Und genau darum geht es Jesus in seiner Sendung – bis zum Kreuz: Dass wir am Ende bei Gott ankommen und mit ihm über-leben.
Bei allem Ernst des Evangeliums, der heilsam ist, spüren wir dass auch diese Verkündigung Jesu im tiefsten Herzen eine frohe Botschaft für uns bereithält. Lassen wir uns gerade jetzt in der Fastenzeit dafür gewinnen.

Guter Gott,
die Zeit vor Ostern will uns sensibel machen für unser Leben.

  • Wir bitten um Geduld für alles, was im Leben Zeit braucht.
  • Wir bitten um Entschlossenheit im Blick auf alles, was so nicht weiter gehen kann.
  • Wir bitten um den Mut und die richtigen Worte, die Wahrheit in Liebe zu sagen.
  • Wir bitten für alle, die in schwierigen Lebensverhältnissen leben und für jene, die sie in Einrichtungen der Caritas unterstützen.

Guter Gott, in Jesus Christus ist das Wort Fleisch geworden.
Er ist unser Lebensberater. Auf ihn sollen wir hören, rätst du uns.
Für dieses Hilfsangebot danken wir Dir. Amen.

21.02.2016
Eine Frage der Gerechtigkeit
Gedanken zur Misereor Fastenaktion 2016 von Pfarrer Ulrich Lindl

Fangen wir jetzt nicht an bei Gnade und Barmherzigkeit. Das tun wir oft genug in der Kirche. Und wie oft sind wir auch darauf angewiesen: auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit!

Aber es gibt auch Recht und Gerechtigkeit. Und die werden heute zunächst einmal gefordert. Vom Propheten Amos. Im Namen Gottes. 2700 Jahre ist es her. Mutig hat er die Missstände seiner Zeit angeprangert. Und eines gefordert Recht und Gerechtigkeit. Im Namen Gottes! „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Genau das ist das Anliegen von  Misereor heute!

Recht und Gerechtigkeit
Denn im Blick auf viele Brennpunkte unserer Tage erhält das Prophetenwort eine ungeahnt aktuelle Brennschärfe. Auch im Osten Brasiliens, im Bundesstaat Para. Die schonungslose Rodung weiter Teile des Regenwaldes, die rücksichtslose Vertreibung indigener Stämme aus ihren angestammten Siedlungsgebieten, der skrupellose Abbau von Bodenschätzen durch Großkonzerne, die Planung großer Staudammprojekte – ganze Siedlungen werden weggespült… Das kann auf Dauer nicht gut gehen! Verheerende soziale und ökologische Veränderungen sind schon heute absehbar.

Unmittelbar leidtragend sind wie immer die Menschen vor Ort. In  Franziskus haben gerade die Ärmsten der Armen ihren Anwalt gefunden.  Bei seinem Besuch in Mexico hat er das Unrecht, das den indigenen Stämmen widerfährt unmissverständlich angesprochen: „Andere trunken von Macht und Geld und den Gesetzen des Marktes- haben euch eurer Länder beraubt, und haben diese verschmutzt. Wie traurig!“  Diese Worte haben bestimmt auch die Menschen im Bundesstaat  Para erreicht.

Touristen findet man am Sandstrand in Acapulco. Der Papst war in den Großstädten mit ihren Slums. Und zum Abschied auch am Grenzzaun zu den USA. An einem Holzkreuz hat er Blumen für die ungezählten Opfer niedergelegt und gebetet. Und er spricht nicht von Migranten. Er nennt sie seine Brüder und Schwestern. Das hören sie. Aber noch mehr spüren wir, da hat einer ein Herz für uns. Und wir bekommen von neuem eine Würde. Menschenwürde und Menschenrechte. Ist das zu viel verlangt? Für die Menschen in Mexiko – für die Menschen im Bundesstaat Para?

Hier finden wir Misereor auf der richtigen Seite. Auf der Seite der Menschen, die ab- und ausgegrenzt werden. Es sind keine Almosenempfänger und auch keine Bittsteller, sondern im wahrsten Sinn  Menschen, die ent–rechtet sind und denen zu ihrem Recht verholfen werden muss.

Alles in einem
Und was geht das uns an? Mag sich so mancher denken. Und wenn wir ehrlich sind: Bis vor kurzem hat uns vieles, was in der Welt geschieht, gar nicht erreicht. Spätestens seit ein Drittel der weltweit 70 Millionen Flüchtlinge nicht mehr ihm eigenen Land bleiben, spätestens seitdem Menschen vor unseren Grenzen und an unserer Haustür stehen, spüren wir, dass Gerechtigkeit nur global gedacht werden kann. Wir alle wohnen in einer Welt oder sehen Sie irgendwo noch eine zweite?

Auch im Blick auf seinen Heimatkontinent fordert Franziskus in seinem viel beachteten  Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium: „Die Wirtschaft müsste, wie das griechische Wort oikono- mía – Ökonomie – sagt, die Kunst sein, eine angemessene Verwaltung des gemeinsamen Hauses zu erreichen, und dieses Haus ist die ganze Welt.“

Wie leben alle in dem einen Haus. Wenn weite Teile des Regenwaldes abgeholzt werden, kann das nicht ohne Auswirkungen bleiben auf das Raumklima. Schon jetzt zeigt sich in Brasilien selbst verstärkte Wasserknappheit – etwa in Sao Paulo…. Und wenn einige Menschen in ein und demselben Haus auf Kosten vieler anderer Leben, dann zerstört das das Miteinander, den „Hausfrieden“. Gerechtigkeit schafft Frieden. Wann begreifen wir Menschen denn, dass wir füreinander sorgen, weil wir nur miteinander überleben. Es wird nur gut gehen, wenn es allen besser geht – nicht nur einigen Wenigen.

Mögen manche in einem verzweifelten Versuch der Besitzstandswahrung gegen die Flüchtlingskrise Zäune hoch ziehen; sich abschotten gegen das Leid in der Welt. Gegen die ökologische Krise ist jeder Zaun zu niedrig. Und ich kenne keinen Zaun und keine Mauer, die die Welt und uns Menschen wirklich weitergebracht hätte. Zäune halten immer auf.  Papst Franziskus sagt ganz klar: „Nicht Mauern, sondern Brücken sind immer eine Lösung.“ Und an die Adresse von Donald Trump -der eine Mauer zum Lateinamerikanischen Kontinent ziehen will- hat er klar festgestellt: „Das ist unchristlich“. Jesus Christus hat Brücken gebaut – wie können wir da mauern? Und ich glaube, das tut Gott weh. Wenn er sieht, wie unbarmherzig seine Kinder miteinander umgehen. Er liebt sie doch alle!

Barmherzigkeit will ich! (Hos 6,6; Mt 9,13)
Spätestens hier kommt Barmherzigkeit ins Spiel. Recht und Gerechtigkeit sind bei Gott am Ende doch zu wenig. Gott ist barmherzig. Barmherzigkeit ist das innerste Wesensmerkmal Gottes. Barmherzigkeit ist kein frommes Gefühl – kein Almosen. Barmherzigkeit ist ein dramatisches Geschehen im Innersten Gottes. Es dreht mit das innerste Innere um. Das tut weh.

Kann Gott weinen? Jesus jedenfalls hat geweint. Können wir noch weinen im Angesicht des Leids in der Welt? Oder haben wir die Tränen verloren? Wir Menschen leben nicht vom Wasser allein, sondern auch von jeder Träne, die fließt. Dieser Grundwasserspiegel im Herzen der Menschen darf nicht weiter sinken.

Fremde Not sich zu Eigen machen. Das gelingt nur, wenn sie uns nahe geht. Werden wir keine Fernseher! Lassen wird die Not an uns heran. Die Welt der Indios in Brasilien ist auch unsere Welt. Ihr Schicksal wird auch unseres sein.

Genau darin liegt Chance dieser Woche: in der unmittelbaren Begegnung. In diesem Jahr dürfen wir mit Jurandir Alves da Silva einen engagierten Anwalt der Entrechteten im Nordosten Brasiliens begrüßen. Er wird uns das schwere Schicksal unserer Brüder und Schwestern im Bundestaat Pará nahebringen. So wie es ihm nahegegangen ist. Seit Jahren setzt er sich für die Rechte der ausgebeuteten Arbeiter und der Landfamilien ein. Am Rand der brasilianischen Gesellschaft. Aber wo sind schon die Ränder?

Papst Franziskus schickt uns an die Ränder. Wir haben verstanden. Aber wir wissen doch genau, wen wir dort finden: Jesus Christus. Er hat sich mit Vorliebe am Rand aufgehalten. Die Menschen am Rand stehen für Jesus immer im Mittelpunkt. Es ist damit immer eine Frage der Perspektive. Für Jesus stehen Menschen am Rand in der Mitte. Wo stehen wir?

Auf den Berg
Vergessen wir zum Schluss aber nicht, mit Jesus auf den Berg zu steigen. Denn, so sehr das Leid uns Menschen in der Welt immer wieder herunterholt, Jesus ist gekommen, um uns herauszuholen! Immer wieder hat er sich auch darum auf den Berg begeben – den Berg der Seligpreisungen – den Berg der Verklärung – und Menschen mitgenommen.  Ist es nicht bemerkenswert, dass gerade unsere Brüder und Schwestern in den Notgebieten dieser Welt, das am besten begriffen haben. Auch die Gemeinden in Lateinamerika wissen das Leben und ihren Glauben –trotz allem! zu feiern. Und gerade in der Feier des Lebens vor und mit Gott bekommen sie die Augenblicke geschenkt, die ihnen die Augen öffnen für das, was Leben ist und Würde schenkt. Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter. Da spricht Gott Würde zu. Das dürfen auch wir uns gesagt sein lassen. Und die Botschaft von damals ist und bleibt die Botschaft für uns und für alle Zeit: In Jesus Christus ist Gott mit uns. Gott ist auf unserer Seite

14.02.2016
Gedanken zum Evangelium des 1. Fastensonntags von Pfarrer Ulrich Lindl

In jener Zeit verließ Jesus, erfüllt vom Heiligen Geist, die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher, und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger. Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot.

Da führte ihn der Teufel auf einen Berg hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen, und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.

 Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Da antwortete ihm Jesus: Die Schrift sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab.

Versuchungen haben´s in sich!
Eines muss man Versuchungen schon lassen, sie haben es in sich! Sie decken oft schonungslos auf, wer wir sind und worum es uns geht. Versuchungen kennen eines besonders gut: unsere Schwächen. Schon allein deshalb lohnt es sich, auf Versuchungen gut zu achten: Sie zeigen uns, worum es uns geht oder besser gesagt: was uns fehlt – was wir suchen. Das weiß die Versuchung ganz genau. Aber gerade darin liegt auch ihre Gefahr: Versuchungen bringen uns nicht an unser Ziel, sondern bringen so manches schon eher zum Erliegen: Versuchungen „erliegt man“.

Reden wir jetzt bloß nicht von Süßigkeiten. Dafür ist der Auftakt am ersten Fastensonntag viel zu dramatisch. Die Versuchungen Jesu in der Wüste sind ja ein wahrer Showdown mit dem Versucher! Der Versucher legt am Menschensohn die Schwachstellen einer ganzen Menschheit offen; und er geht dabei ganz praktisch vor: er beginnt beim Notwendigen. Brot – am Ende von 40 Fastentagen wahrlich kein Luxus. Aus Steinen Brot machen. Was Not tut, selbst in die Hand nehmen – alles im Griff haben. Die ganze Welt zu Füßen – was für eine verlockende Überlegenheit, Macht! Und dann –wenn all das schon nicht zieht- der Sprung von ganz oben, der „letzte Kick“. Eines muss man dem Versucher schon lassen, er kennt sich aus mit den Versuchungen des Menschen. Jesus, der Menschensohn- weicht nicht aus, er stellt sich dem Versucher, weiß um die Versuchung. In allem wurde er in Versuchung geführt – aber er widersteht dem Versucher – ins Angesicht. Gesündigt hat er nicht. Der Mensch ist seinen Versuchungen nicht hoffnungslos ausgeliefert.

Was aber verleiht Standhaftigkeit? Ist es Ihnen auch aufgefallen? Der Menschensohn greift immer wieder zum Wort Gottes und macht sich damit standhaft in Gott. Ist das nicht auch unsere Erfahrung? Das Wort Gottes sagt uns immer die Wahrheit und bietet so Versuchungen Paroli. Ein Grund mehr, gut hinzuhören, wenn es darum geht, den richtigen Kurs zu halten.

Jenseits der Worte spüre ich eine enge Verbundenheit Jesu mit dem Vater. Im Angesicht des Versuchers bewährt sich die Zusage des Vaters, die all dem unmittelbar vorausgegangen ist: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ (Mt 3, 17)

Bin ich denn Jesus? Nein, wir sind Menschen und wir sind schwach. Wir werden darum immer wieder in Versuchung geführt und erliegen ihr nicht selten. Das macht den Unterschied zu ihm, dem Sohn Gottes. Aber haben wir nicht –wie er- das Wort Gottes, an dem wir uns festhalten können? Und haben wir nicht -wie er- Gott, der uns liebt?

Und da ist und bleibt Gottes Barmherzigkeit, die wir ganz bewusst als Hilfs- und Heilmittel anwenden und einwirken lassen können. Gerade in diesem außerordentlichen Heiligen Jahr ruft uns Papst Franziskus auf, die österliche Bußzeit noch stärker zu leben.

So kann die Fastenzeit zu einer Schule werden, aufmerksam mit unseren Schwächen umzugehen. Und wenn sich Versuchungen hineinverwandeln in eine Sehnsucht nach göttlicher Barmherzigkeit, dann sind wir bereits auf dem rechten Weg.

10.02.2016:
Gedanken zum Aschermittwoch von Pfr. Ulrich Lindl
Feste Fasten

Feste und Fasten. Beides gehört zusammen. Und beides macht Sinn.
Die Kirche hat darum auch schon immer beides verstanden:
Vor dem Festen das Fasten und vor dem Fasten das  Festen.
Daher kommt schließlich auch der Fasching. Der Fasching verdankt sich der Fastenzeit. Die Fastnacht wurde als Nacht vor dem großen Fasten überschwänglich begangen. Nicht der Fasching war also zuerst, sondern die Fastenzeit. Darum hat sich der Fasching nach der Fastenzeit zu richten. Und das tut er auch. In diesem Jahr war er deutlich kürzer. Ob es dabei ein guter Einfall der Düsseldorfer Narren war, den ausgefallenen Rosenmontagsumzug im März nachzuholen. Ich meine nein! Alles zu seiner Zeit!

Asche aufs Haupt!
Am Aschermittwoch ist nicht alles aus. Aber es beginnen andere Zeiten. Und die tun uns gut! Denn Feiern bis zum Abwinken wird mit der Zeit auch fad und geschmacklos.
Der Aschermittwoch dagegen hat mich schon immer schwer beeindruckt. Da ist zunächst dieses starke Zeichen der Asche, die -im Zeichen des Kreuzes- auf unser Haupt gestreut wird. Das geht unter die Haut! Und dann diese heilsame Botschaft: „Bedenke, o Mensch, dass Du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.“ Das muss man sich -mindestens einmal im Jahr- gesagt sein lassen. Im Blick auf die eigene Vergänglichkeit öffnen sich die Augen immer noch am ehesten für das Ewige. Darum wird schon im Alten Testament Gott angerufen: „Unsere Tage zu zählen lehre uns. Und wir gewinnen ein weises Herz.“

Dieses weise Herz weiß, worauf es ankommt. Roger Willemsen, dieser bekannte Schriftsteller und Fernsehmoderator, ist vor wenigen Tagen an Krebs gestorben. Gerade einmal 60 Jahre alt. In einem seiner letzten Interviews bekannte er: „Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen, nicht nur Spaß zu haben.“ Diese Lebenseinschätzung ist wertvoll. Der Aschermittwoch will uns gerade im Zeichen der Asche sensibilisieren, dem Sinn unseres Lebens nachzuspüren, sinnvoll(-er) zu leben. Es lohnt sich. Auch dafür steht die Asche. Vergessen wir nicht: Asche war früher auch ein Reinigungsmittel und ein Mittel, das Erdreich als Wurzelgrund fruchtbarer werden zu lassen.

Drei Hilfsmittel
Erprobte Hilfsmittel zur Sinnfindung sind seit altersher die drei Werke der Buße und Umkehr: Fasten, Gebet und Almosen. Sie sind nicht nur in der christlichen Glaubenslehre fest verankert. Auch andere Religionen erkennen ihre spirituelle Kraft.

Und es liegt auf der Hand, warum: Das Fasten erleichtert. Nicht nur an Pfunden. Wir werden leichter, unabhängiger und gewinnen an Freiheit. Was brauche ich und was brauche ich wirklich nicht? Freiwilliger Verzicht versucht darauf eine Antwort. Schon Sokrates wunderte sich einmal über all die Dinge, deren er nicht bedurfte. Eine spannende Frage in der Fastenzeit.

Und auch dies gilt: Teilen macht reich. Wir alle kennen doch das gute Gefühl, etwas Gutes tun. Und wir können es uns leisten zu teilen. Ein Grund mehr, es in der Fastenzeit bewusst zu versuchen. Es muss nicht immer Geld sein. Mit-teilbar ist so vieles…
Fasten macht frei, Teilen macht reich und das Gebet – belebt unsere Beziehung zu Gott. Beten ist gelebte Beziehungspflege. Allein – zu zweit mit ihm, ihrem Gott zu sein- ist ein wunderbarer innerer Rückzug und Erholung für unsere Seele.

Mit befreiender Wirkung
Damit wird klar, worum es der Fastenzeit geht: um ein sinnvolles Leben in aller Freiheit. Die Fastenzeit ist die Gelegenheit zu prüfen, wie frei ich wirklich bin. Was mich in Beschlag oder gar gefangen nimmt. Bin ich (noch) so frei, wie Gott mich haben will?
Dabei dürfen wir nicht allein auf unsere eigene Kraft setzen und wir brauchen es auch nicht. Wirklich befreien kann uns schließlich nur Gott. Und das will er auch.
In der Befreiung seines Volkes aus der Knechtschaft in Ägypten hat es Jahwe unter Beweis gestellt. Das war und ist das befreiende Schlüsselerlebnis des Volkes Israel. Die 40 Jahre der Wanderschaft in das gelobte Land waren dann immer wieder bestimmt vom Ringen Gottes um sein Volk und darum, dass es sich nicht wieder in eine neue -diesmal selbst verschuldete- Unfreiheit begibt.
Die noch größere Befreiungsaktion freilich ist Ostern: Die Befreiung des Menschen aus der Knechtschaft des Todes. Darum ging es Jesus, damals wie heute:  Dass wir uns nicht erneut gefangen nehmen lassen von irdischen Dingen, die unsere Seele ersticken, weil sie ihr die Sehnsucht stehlen, nach dem, was für die Ewigkeit bestimmt ist. Die Werke der Buße versuchen hierbei unsere Klarheit und Entschlossenheit zu unterstützen.

Versuchen wir es nicht allein – aus eigener Kraft! Vertrauen wir viel mehr auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Übrigens war für Willemsen Papst Franziskus ein großes Vorbild. Franziskus setzt gerade in der österlichen Bußzeit dieses Heiligen Jahres ganz auf die göttliche Barmherzigkeit. Sie wird unserem Wollen am Ende zum Vollbringen verhelfen.

Festtag Sonntag
Und vergessen wir auch das nicht: Unsere Fastenzeit ist vor Ostern und doch noch mehr nach Ostern. Denn die Auferstehung ist ein für allemal geschehen. Wir sind erlöst in Christus, befreit zur Freiheit der Kinder Gottes. Als Zeichen dafür begehen wir auch in der Fastenzeit die sonntäglichen Festtage. Sie erinnern uns immer an Ostern -auch in der Fastenzeit. Sonntage sind damit niemals mehr Fasttage.

24.01.2016:
Gedanken zu Gedanken aus dem1. Korintherbrief (1 Kor 12, 12-29)  von Pfarrer Ulrich Lindl
Ein Bild sagt mehr als viele Worte…

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther

12Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus.

13Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.

14Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern.

15Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib.

16Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib.

17Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn?

18Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach.

19Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib?

20So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib.

21Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.

22Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.

23Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre, und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand,

24während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ,

25damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen.

26Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm.

27Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

 

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Darum haben Menschen immer wieder versucht, sich ein Bild zu machen- gerade dann, wenn sich ein Sachverhalt etwas komplizierter darstellte.

Auch das Große des Lebens wurde immer wieder in einem Bild gefasst. Der Weg ist zu einem Bild des Lebens geworden. Das Leben als Weg – der Lebens-Weg. Zwei Lebenskreise verbinden sich, ein ich und ein Du wachsen zusammen zu einem gemeinsamen „Wir“ – ein Bild für die Ehe.

Malen Sie eigentlich gerne? Fällt Ihnen ein geeignetes Bild für die Kirche ein? Ein Kirchenbild…? Wer von Ihnen würde einen Leib malen? Die Kirche – der Leib Christi? Ist es Ihnen aufgefallen? Genau dieses Bild entwirft der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth – einer Multi-Kulti-Großstadt mit einer wachsenden christlichen Gemeinde. Es hat sich als sehr hilfreich erwiesen, dieser noch jungen und zugleich sehr „durchmischten“ Gemeinde das Prinzip von „Kirche“ anschaulich zu erklären.

Schauen wir uns dieses Kirchenbild einmal näher an: Da ist ein Leib und seine vielen Glieder. Und jedes der vielen Glieder des einen Leibes hat seine eigene Aufgabe, auf die der Leib nur schwer verzichten kann. Die mikroskopisch kleinen Sinneshärchen im Bogengang des Innenohrs sind mindestens so wichtig für unsere Standhaftigkeit wie ein ganzes Bein. Und ein Ohr kann das Auge nicht ersetzen. Wir merken sofort, wie sehr alle für den einen Leib gebraucht werden. Manchmal leider erst dann, wenn der ein oder die andere fehlt. Du bist wichtig! Wir können auf dich nicht verzichten!  Da gibt es keine Rangfolge des mehr oder weniger wertvoll. Denn alles, was zum Leib Christi gehört ist leibhaftig -christlich. Die Christen in Korinth haben diese radikal neue Sicht wohl sofort verstanden und gestaunt: denn da ist die Rede von einer Würde, die von Christus her allen gleichermaßen zukommt.

Die einigende Kraft christlichen Glaubens war und ist bemerkenswert: Juden und Griechen – zwei Welten – Sklaven und Freie -was für ein Unterschied, sie werden in einem Atemzug genannt, wurden sie doch in dem einen Geist in der Taufe aufgenommen in den einen Leib. Und es gibt nur einen Leib. Von diesem Geist der Einheit ist das Bild vom Leib Christi auch zutiefst inspiriert.

Wie die Rebe abschnitten vom Weinstock allein, aus sich heraus keine Frucht bringt (vgl. Joh 15, 4), so ist auch ein Glied getrennt vom Leib -amputiert- nicht lebensfähig. Immer wieder hat die Kirche die schmerzhafte Erfahrung machen müssen, dass Teile von ihr abgespalten wurden, seziert. Sekten entstanden. Die Kirche hat solche schmerzhaften Einschnitte überstanden, aber mit Narben.

Das Haupt ist Jesus Christus
Und das Haupt? Das Haupt ist Christus! Auf ihn läuft alles zusammen. Und er hält alles zusammen. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14, 6). Er sagt uns, wo´s lang geht. Und hat er jemals enttäuscht? Wenn es wirklich nach Ihm gegangen ist, ist es gut gegangen. Uns, in unserem Leben – der Kirche in der Welt.

Das Bild der Kirche als Leib Christi zeigt anschaulich, worum es geht, wenn es der Kirche gut gehen soll. Das 2. Vatikanische Konzil stellt es uns ganz bewusst noch einmal vor Augen. Und damit vor die Frage: Was ist meine Aufgabe, meine Berufung in diesem Leib Christi? Was kann ich ganz persönlich beitragen? Bin ich eher zupackend oder betend? Bin ich eher Ohr, das gut zuhören kann, oder Mund, der verkündet? Wir alle haben unsere ganz persönlichen Aufgaben… aber können beileibe nicht alles. Darum ist es gut, dass es Dich gibt, der mit mir zu diesem gemeinsame Leib Christi, zur Kirche gehörst. Ja, wir können uns ruhig immer wieder gegenseitig loben. Auch das ist ja ein Gotteslob, wenn wir die Talente unserer Geschwister im Glauben anerkennen und loben. Ihre Talente kommen ja von Gott und dienen dem Aufbau der Gemeinde Jesu Christi. Vielfalt in der Einheit wird so zu einer göttlichen Bereicherung. Achten wir auch die scheinbar schwächer erscheinenden Glieder, wie Paulus rät (vgl. 1 Kor 12,21). Wir wissen nicht, wie viel Kraft vom Gebet eines alten kranken Menschen ausgeht! Wir brauchen uns. Darum schauen wir auf uns.

Und schauen wir vor allem auf Christus, folgen wir Ihm nach. Dann bleiben wir beweglich. Bewegung ist ein Lebenszeichen – auch von Kirche. Und wir bleiben offen für die Welt. Auch dazu lädt uns das Bild vom Leib ein: schauen wir hin, hören wir zu, gehen wir hin.

„Ich bin Hirte einer Kirche ohne Grenzen“, hat Papst Franziskus einmal ausgerufen. In einer Kirche, sie sich „katholisch“ –also „allumfassend“-nennt, darf das auch niemanden verwundern. Auch darum schickt Papst Franziskus uns an die Ränder. Dort, wo Jesus auch hingegangen ist. Zu den Ausgegrenzten, den Armen, den Gefangenen, den Blinden und den Zerschlagenen. (Lk 4,18) Dazu ist er in die Welt gesandt. Kann es da verwundern, dass gerade die Dalits, die Kastenlosen der indischen Gesellschaft vor allem den Weg in die christlichen Gemeinden finden? Jesus freut sich wohl besonders darüber, dass er gerade sie erreicht…

Bleiben wir unterwegs und lassen wir uns immer wieder auch aussenden. Wie Jesus damals seine Jünger ausgesandt hat: Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium (Mt 28,19). Eine andere Welt kann sich schon im nächsten Haus auftun. Menschen am Rand wohnen oft direkt nebenan.

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.
Tausend Wort habe sind bei unserer Bildbetrachtung noch nicht zusammen gekommen. Darum bleibt noch etwas Zeit, das Bild vom der Kirche auf uns wirken lassen.

20.01.2016:
Wein statt Wasser…!
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl

Hieronymus hat sich nach Betlehem zurückgezogen. In der Einsamkeit einer Höhle in nächster Nähe zur Geburtsgrotte macht er sich daran, im Auftrag Papst Damasus I die Bibel zu übersetzen – ins Lateinische. Der große Exeget  hat sich dafür in die Einsamkeit jenes Ortes zurückgezogen, wo das Wort Fleisch geworden ist. Und die Vulgata entstand. -Die beste  Übersetzung  des Wortes Gottes ist und bleibt seit Christi Geburt freilich das Fleisch.-

Ganz überraschend erhält Hieronymus Besuch. Er übersetzt gerade das Johannesevangelium. Den Anfang des 2. Kapitels. Richtig. Das Evangelium vom gestrigen Sonntag. Wir haben es noch präsent. Die beiden kommen ins Gespräch darüber: „Ich kann das nicht glauben!“, bricht es aus dem Besucher hervor: „Da verwandelt Jesus sechs Krüge voll Wasser! Das ist ja ein Unmenge an Wein!“

Ein überflüssiges Wunder des Überflusses?
Der Protest ist nicht unbegründet. Denn beim näheren Nachdenken kann man sich schon fragen – und braucht dazu kein Antialkoholiker zu sein: Hat der Sohn Gottes denn nichts Besseres zu tun, als Wasser in Wein zu verwandeln?

Und dann noch diese Unmenge. Wir erinnern uns: 600 Liter! Für die verbleibenden Hochzeitstage nicht doch etwas zu viel? Ein überflüssiges Wunder –ein Wunder reinsten Überflusses?

„Ich kann das nicht glauben!“, hämmert es vielleicht nicht nur im Kopf des Besuchers in der Grotte… Aber, wer das Wunder mit seinem Verstand begreifen will, der wird es nie verstehen. Wer Wasser in Wein verwandelt, hat es nicht auf nüchterne Denker abgesehen, die gerne nachrechnen und schauen, was unterm Strich herauskommt. Das ist alles zu nüchtern und zu trocken… Wein ist Lebensfreude – und in diesem besonderen Fall noch viel mehr: Grund zur Glaubensfreude.

Wie viel Glaubensfreude ist bei uns im kirchlichen Alltag spürbar? Der Einwand Friedrich Nietzsches hat sich ja wohl deshalb so hartnäckig gehalten, weil offenbar was dran ist: „Ich würde schon gern an Christus glauben, wenn die Christen nur erlöster aussähen.“ Und ich füge hinzu: gelöster. Genau darum ist dieses Wunder so wichtig –auch und gerade für uns heute. Denn unser Leben ist ziemlich nüchtern geworden. Und der Glaube oftmals auch.

Das Weinwunder aber ist nicht nüchtern sondern lebensfroh, nicht rationiert, sondern geradezu verschwenderisch. Und sein Anliegen: die Freude. Dieses Grundanliegen Gottes hat schon der Psalmist besungen: „Der Wein erfreut des Menschen Herz!“ (vgl. Ps. 104, 15) Gottes Maß ist die Fülle und sein Sohn ist gekommen, damit wird das Leben haben und es in Fülle haben. Dafür setzt Jesus auf der Hochzeit zu Kana ein erstes Zeichen. Ein Ausrufezeichen geradenach: dass wir erlöst sind und aus dieser Freude gelöster leben dürfen.

Mensch freu Dich doch! Dafür steht der Wein in Hülle und Fülle. Natürlich kann man auch diese Kostprobe der Frohbotschaft unter dem Skalpell der Exegese sezieren. Man kann debattieren und diskutieren. „Gott wird in den Laboratorien der Theologie zerbröselt. Gewartet wie ein Maschine“, konstatierte einmal Martin Walser. Dabei wollte Jesus Freude in die Welt bringen. Trinken wir Christen zu viel Wasser und zu wenig Wein?

„Wir sind geschaffen, Gott zu genießen“
Und das ist ja nicht nur die Menge – es ist auch die Qualität. Der Wein war ja nicht nur in großer Menge, sondern auch von allerbester Qualität. Man hätte ihn zuerst kredenzt. Jesus war bei Gott kein Kostverächter. Die Mystiker haben das aufgegriffen und daraus ein Anliegen gemacht: „Gott genießen – Deo frui!“, ein schöne Vorsatz, den wir beherzigen sollten. Die heilige Klara hat es in einem Brief an Franz von Assisi wunderbar ins Wort gebracht: „Wir sind dazu geschaffen, Gott zu genießen!“ Das nenne ich Schöpfungstheologie vom Feinsten. Die zugleich noch missionarisch wirkt: Papst Franziskus wird ja nicht müde, uns gerade die Freude am Evangelium ans Herz zu legen. Die Freude am Glauben ist geradezu der Herzschlag und ein vitales Zeichen gelebten Evangeliums.

Wider die Entsinnlichung des Glaubens! Glaube ist etwas für Genießer – auch davon erzählt die Hochzeit. …und Gottesdienst ist keine Pflicht. Gottesdienst ist Gottesfreude. Wir folgen einer Einladung. Unsere Vorfahren im Glauben haben bewusst keine Zweckbauten hingestellt, sondern Kirchen als Festsäle des Glaubens geschaffen. … Und das Wort Gottes kann man natürlich hören, man kann es aber auch verkosten. Und wann habe ich zuletzt den Leib Christi, dieses Sakrament der Liebe Gottes, auf der Zunge meiner Seele zergehen lassen?

Wir sollten mehr genießen. Dafür plädiert auch Ignatius von Loyola. Dieser Seelenkenner. „Nicht das Vielwissen sättigt die Seele und gewährt ihr Frieden, sondern das innere Fühlen und Verkosten der Dinge.“ Der Glaube verdunstet zuerst im Kopf. Bei einem Gott, der die Liebe ist, wird es um das Herz gehen und diese innere Fülle, die sich schon immer in der Freude ausgedrückt hat. Schöpfen wir immer wieder mit Freude aus dem Vollen! Trinken wir mehr Wein – und weniger Wasser!

Und der Alltag?
Aber war das nicht wieder ein Wort zum Sonntag? Natürlich! Aber jede Sonntagspredigt muss auch alltagstauglich sein. Ganz bewusst beginnen wir die Woche mit dem Sonntag. Ganz im Unterschied zur UNO. Die beginnt am Montag. Auch das ist ein bewusstes Vorzeichen! Und doch muss sich der Sonntag im Alltag bewähren, der Glaube seine Alltagstauglichkeit unter Beweis stellen.

Aber wann bräuchten wir denn die Freude am Glauben mehr als unter den Bedingungen des Alltags? Die innere Freude ist ebenso wie der innere Friede ein wichtiger Gradmesser des Glaubens. Man muss die Freude also ernst nehmen. Und damit meine ich nicht nur den ersten Werktag einer neuen Woche. Nein Alltag kennen wir zur Genüge auch als Lebenserfahrung. Es gibt ja nicht nur Hochzeiten, sondern auch Zeiten der Ernüchterung. In denen die Freude weniger wird, der Wein auszugehen droht und wir irgendwie auf dem Trockenen sitzen. Diese Erfahrung wird in der spirituellen Begleitung nicht zufällig als Zeit der „Trockenheit“ bezeichnet.

Diese Trockenheit kann durchaus heilsam sein. Denn sie macht mich aufmerksam, dass ich wieder mehr trinken muss. Ignatius hat ausdrücklich davor gewarnt, in Zeiten innerer Trockenheit grundsätzliche Entscheidungen zu revidieren. Es kommt vielmehr alles darauf an, die Quellen der Freude wieder aufzusuchen, um daraus wieder zu schöpfen. Und diese Quelle wird nicht mehr versiegen: Sie ist der Herr!

Auch darum ist die Fülle des Weines für mich ein so großer Genuss! Hieronymus hat es auf den Punkt gebracht. „Ich kann das nicht glauben. Das ist ja eine Unmenge an Wein!“ Auf diesen Aufschrei hat er ruhig und bestimmt geantwortet: „Ja, Du hast Recht. Und wir trinken noch heute davon!“

Am kommenden Sonntag werden wir wieder Wein ausgeschenkt bekommen. Dann aus dem Buch des Propheten Nehemia. Süßen Wein wird es geben und damit wird die Einladung verbunden: „Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“

10.01.2016:
Ich war fremd und obdachlos…
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl

Gott sieht manches anders…
Wenn wir einmal versuchten, die Welt mit den Augen Gottes in den Blick zu nehmen, sieht manches gleich ganz anders aus:
Zunächst gibt es für Gott nur eine Welt und die eine Welt ist Seine Welt.
Die Eigentumsverhältnisse sind damit klar geregelt. Die Welt gehört nicht uns. Wir Menschen sind allesamt Nutznießer. Das sollte uns bescheiden machen im Zugriff auf irdische Güter.
Und diese eine Welt hat Gott der einen Menschheit anvertraut. Allen Menschen zu gleichen Teilen. Es ist den Menschen in den Sinn gekommen, die eine Welt aufzuteilen. Bis hin zu einer Dritten Welt. Dabei steht uns nicht einmal eine zweite zur Verfügung. Wenn heute die große Ungerechtigkeit auf der Welt beklagt wird, dann gewiss zu Recht. Wir lassen da Gott aus dem Spiel.

Die Ungerechtigkeit in sozialer, ökonomischer und ökologischer Hinsicht ist zum größten Teil von Menschen gemacht. Weil sich manche zu viel heraus nehmen, bleibt für andere zu wenig übrig. Hunger und Armut in der Welt sind kein Zufallsprodukt, sondern ein Abfallprodukt überzogenen Wohlstands der einen auf Kosten der vielen anderen. Eigentlich wäre genug für alle da, wenn jeder sich das herausnehmen würde, was er wirklich braucht.

Mit welchem Vor-Recht sind wir in Deutschland geboren und nicht Eritrea? Diese bevorzugte Geburt begründet keinen „Erb-Anspruch“ auf ein Mehr an Gütern, sondern die Verpflichtung von dem abzugeben, was wir zu viel haben. Solange es Armut gibt, hat niemand ein Recht auf Überfluss.

Was ist christlich?
Wenn es einen Gott gibt und die eine Welt Seine Welt ist, die er eigentlich zu gleichen Teilen, und damit gerecht aufgeteilt wissen will auf alle Menschen der einen Menschheit, dann stellt sich die Frage, wer dann „Ausländer“ sein sollen. Für Gott gibt es nur Menschen, die er nach Seinem Ebenbild erschaffen hat. „Fremdenzimmer“ hat Gott nicht vorgesehen. Dafür sollen „Gästezimmer“ bereit stehen. Schon im Alten Testament wird darum eingeladen: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,33 f)

Darum kann es nicht angehen, Menschen als Ausländer zu diffamieren und dies unter dem Vorwand, das „christliche Abendland zu retten“. Was christlich ist, entscheidet immer noch Jesus Christus. Und der hat sich bei seinem Weg in unsere Welt entäußert und zum Fremden gemacht. Und das, obwohl er in sein Eigentum kam! Die Seinen aber nahmen ihn nicht auf, wie es gleich am Anfang des Johannesevangeliums gesagt ist. Jesus wird es später bestätigen: „Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Lk 9, 58). Jesus hat seine eigenen Erfahrungen mit der Gastfreundschaft des Menschen gemacht… Jesus steckt in der Haut des Menschen, und wie. Nicht zufällig ist er weg von Zuhause in Betlehem geboren -eine schwere Geburt. Und die Flucht nach Ägypten ist nicht bloß eine fromme Legende.
Jesus hat sich zeitlebens in Wort und Tat stark gemacht für die Schwachen. Er steckt in ihrer Haut. „In Jesus Christus sehen wir das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes“. Mit diesen Worten eröffnet Papst Franziskus sein Verkündigungsschreiben zum außerordentliche Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. „Das Geheimnis des christlichen Glaubens scheint in diesem Satz auf den Punkt gebracht zu sein.“
Jesus Christus sieht die Barmherzigkeit als Wesensmerkmal des Vaters und damit auch als Wesensmerkmal und Verpflichtung all derer, die zu Ihm gehören: „Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36). Im Licht der Seligpreisungen leuchtet dieser Auftrag als Verheißung auf: „Selig, die barmherzig sind, denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5, 7). Barmherzigkeit ist freilich nicht bloß fromme Gesinnung, sondern Tat. In seiner Weltgerichtsrede sagt Jesus, worauf es angekommen sein wird, wenn er wiederkommt. Und nennt ganz praktisch sieben Werke der Barmherzigkeit, mit denen wir nicht nur unseren Brüdern und Schwestern dienen, sondern zutiefst Ihm. Denn: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).  Eines dieser Werke der Barmherzigkeit trifft uns mitten in der Krise der weltweiten Flüchtlingsbewegungen. „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25, 43).
Damit wird die Gastfreundschaft nicht nur ein Dienst am Nächsten, sondern zum Gottesdienst. Und wird zur Einladung einer Begegnung mit Jesus Christus selbst.
Mutter Teresa wusste um die Würde der Christusbegegnung in den Ärmsten der Armen. Darum hat sie immer wieder zuerst gebetet, bevor sie sich auf den Weg in die Slums gemacht hat: „Mach uns würdig, Herr, unseren Mitmenschen in der ganzen Welt, die in Hunger und Armut leben und sterben, zu dienen.“

Nach allem, was wir von Jesus Christus gehört haben, würde er eines wohl nie tun:  Zäune bauen und Flüchtlinge abschotten.
Jesus hat keinen Grenzen errichtet, sondern überwunden und Brücken gebaut. Er hat sich Bedürftige nicht vom Hals gehalten, sondern sich aufgemacht, um sie zu suchen.
Grenzen, die wir Menschen errichten, halten uns nicht nur Menschen vom Hals, sondern  letztlich Jesus Christus. Wollen wir das wirklich?

Wenn wir das christliche Abendland retten wollen, dann fangen wir ganz einfach bei uns an und versuchen wir selbst glaubwürdig christlich zu leben. Christlich leben heißt schlicht und ergreifend: mit Christus und in seinem Geist, nie ohne Ihn.

Papst Franziskus warnt eindrücklich: „Sie wissen doch, welches Ende Mauern nehmen: Alle Mauern stürzen ein! Heute, morgen oder nach hundert Jahren stürzen sie ein. Die Mauer ist keine Lösung. Es stimmt, dass Europa im Moment in Schwierigkeiten ist, aber wir müssen intelligent sein und im Dialog der Länder untereinander eine Lösung suchen. Nicht Mauern, sondern Brücken sind immer eine Lösung.“ Bereits in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelium gaudii“ ruft Franziskus die Christen auf, an die Ränder zu gehen. Wer aber an die Ränder will, muss Grenzen überwinden.
Im Blick auf die weltweite Flüchtlingskrise konkretisiert der Papst: „Die Migranten stellen für mich eine besondere Herausforderung dar, weil ich Hirte einer Kirche ohne Grenzen bin, die sich als Mutter aller fühlt.“
Aber er bleibt nicht nur bei Worten… Unvergessen sind die bewegenden Bilder seines Besuches der Flüchtlingslager in Lampedusa. Und in seiner Rede am 25.11.2014 vor dem Europäischen Parlament hat er eindringlich gemahnt: „Wir können es nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird.“
Erst jüngst beklagte Papst Franziskus in seiner Neujahrsansprache im Blick auf die Flüchtlinge den „Strom des Elends“, der christlichen Werten widerspreche und der mit Barmherzigkeit überwunden werden müsse.

Was ist konkret zu tun?
Darüber ist zu diskutieren. Es gibt ja keine einfache Lösung. Die Lösungsansätze sind viele.
„Wir schaffen das?!“ Es wird sich herausstellen. So einfach lässt sich das ja nicht verordnen. Entscheidend ist, dass möglichst viele versuchen, einen Beitrag zur Lösung des Problems beizutragen, das ja so viele Probleme in sich birgt, so viele, wie es Flüchtlinge gibt. Commitment, mitmenschliche Einsatzbereitschaft ist also gefordert. Von der großen Politik, über die Kirchen und Sozialverbände, die Vereine bis hin zu den Lehrern und der Erzieherin im Kindergarten. Und vor allem die ungezählten ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, ohne die es überhaupt gar nicht ginge.

Dabei dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, dass Gastfreundschaft bei uns die drittbeste Lösung ist. Das Allerwichtigste und Erstrangige ist und bleibt, dafür zu sorgen, dass Menschen erst gar nicht ihre Heimat verlassen müssen.
Flüchtlingsströme sind wie Fieberschübe von ernsten Grunderkrankungen. Symptome zu lindern ist wichtig. Entscheidend aber ist und bleibt, die Grundkrankheiten in den Herkunftsländern zu kurieren. Und vergessen wir nicht: zwei Drittel der 60 Millionen Flüchtlinge sind ja Flüchtlinge im eigenen Land. Das zeigt auch, dass Menschen nur im äußersten Notfall ihre Heimat verlassen. Flüchtlinge sind ja wie wir heimatverbundene Menschen.

Und die zweitbeste Hilfe? Flüchtlingen grenz- und heimatnah eine menschenwürdige Unterbringung und Betreuung zu ermöglichen. Damit ersparen wir den Menschen eine gefährliche Flucht. Grenznahe Flüchtlingslager sind sinnvoller, kostengünstiger und  humaner als gefährliche Wege der Flucht.

Und Drittens –

Herzlich willkommen?!
In der gegenwärtige Lage kommen viele Flüchtlinge zu uns. Nach einer langen und entbehrungsreichen Flucht. 1,1 Mio wurden 2015 registriert. Unabhängig woher und warum sie kommen, sie sind erst einmal da und wir müssen sie aufnehmen. Ob und wie lange sie bleiben können, ist eine andere Frage, die durchaus vor dem Hintergrund der Aufnahmebereitschaft und – fähigkeit unserer Gesellschaft beantwortet werden muss.
Menschen, die einen Anspruch auf Asyl haben, müssen bleiben können. Es wird für ihre spätere Identifikation mit unserem Land wichtig werden, wie sie aufgenommen und wie rasch eine Integration ermöglicht worden ist.

Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen, haben auch ihre Gründe. Das ist die Sehnsucht nach einem etwas besseren Leben. Ist das einem Menschen zu verdenken?
Tüchtige junge Menschen braucht unsere immer noch wachsende Wirtschaft. Aber gewiss auch die jungen Staaten etwa des Balkan. Wenn es um einen wirtschaftlichen Aufbau dieser Länder geht, können sie nicht zuvor ausbluten…
Unser Land braucht demographisch bedingt einen lang anhaltenden Zuzug. Eine Neuregelung des Zuwanderungsrechtes ist zu diskutieren. Eine gezielte Anwerbung hoch qualifizierter Arbeitskräfte bei uns kommt aber immer einer Abwerbung aus der Sicht der Herkunftsländer gleich. Auf alle Fälle ist eine möglichst zeitnahe Behandlung von gestellten Asylanträgen im Interesse aller.

Und was tut die Kirche?

 Die katholische Kirche hat sich schon zu Beginn der Flüchtlingsbewegung in die Pflicht nehmen lassen. Die deutschen Bischöfe erklärten unmissverständlich: „Es gehört zum christlichen Selbstverständnis, Menschen aufzunehmen und ihnen zu helfen, wenn sie in Not geraten sind, und zwar unabhängig von ihrer Religion und ihrer Herkunft.“

Auch finanziell engagierte sich die katholische Kirche in Deutschland allein im Jahr 2015 mit rund 100 Millionen Euro in der Flüchtlingshilfe. Die kirchlichen Hilfswerke unterstützten im gleichen Zeitraum Projekte für Flüchtlinge im Ausland mit 32,1 Millionen Euro.
Im Doppelhaushalt 2015/2016 des Bistums Augsburg sind 4.4 Millionen Euro für Flüchtlingsarbeit bereitgestellt. Diese Summe beinhaltet Finanzmittel für die Instandsetzung kirchlicher Gebäude zur Unterbringung von Flüchtlingen, Zuschüsse an das Kolping-Bildungswerk für die Betreuung von jugendlichen Flüchtlingen und an den Diözesan-Caritasverband für die Asylsozialberatung. 638 Unterbringungsmöglichkeiten, davon 382 für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, wurden geschaffen, weitere 800 Plätze sind in Planung.

Überaus wertvoll und hilfreich ist die Mitarbeit der vielen Ehrenamtlichen an runden Tischen der Flüchtlingshilfe. Rund 200 000 Helferinnen und Helfer vertreten dort  Kirchengemeinden und knüpfen mit an tragfähigen Netzwerken.
Flüchtlinge brauchen menschliche Aufnahme und eine geistliche Beheimatung. Darin ist der wichtige Beitrag gerade der Pfarrgemeinden zu sehen.

Fremde oder Freunde?
Statistiken sind wichtig, sie geben Rahmendaten vor, die für Planungen hilfreich sind. Aber verlieren wir nicht den Menschen aus dem Blick! Der Mensch ist keine anonyme Statistik, sondern Ebenbild Gottes. Das gilt übrigen unterschiedslos für jeden  Menschen. Papst Franziskus versucht immer wieder genau dafür den Blick des Herzens wach zu machen: Vor dem US Kongress forderte er auf: „Wir dürfen nicht über ihre Anzahl aus der Fassung geraten, sondern müssen sie vielmehr als Personen sehen.“
Aus Irland stammt die menschliche Einsicht: „Fremde sind nur Freunde, denen wir noch nicht begegnet sind.“ Wer das am schnellsten begriffen hat, sind unsere Kinder. Sie machen es Flüchtlingskindern leicht anzukommen. 

Zum Schluss ein Gruß aus Damaskus
Vor Weihnachten besuchte mich in der Abteilung „Mission-Entwicklung-Frieden“ P. Georges aus Damaskus. Er war für wenige Wochen zu Besuch in Deutschland, um seine Pfarrangehörigen aufzusuchen, die aus Syrien geflohen sind. Er selbst ist mittlerweile wieder zurück in Damaskus.Aus der Hauptstadt Syriens, in der vor den kriegerischen Auseinandersetzungen ein großer Christbaum der Christen die Muslime zur Mitfeier des Christfestes einlud, erhielt ich von ihm einen Weihnachtsgruß aus seiner Pfarrgemeinde mit ihren rund 15.000 Katholiken. Es ist im Moment friedlich dort. Gott sei Dank!

Bei allem, was wir in diesen bewegten Zeiten tun und machen, vergessen wir nicht das Wichtigste und beten wir für unsere Brüder und Schwestern, die unter schwierigen Bedingungen leben und glauben! Und beten wir dafür, dass sie in ihrer Heimat bleiben dürfen.

03.01.2016:
Im Anfang war das Wort
Gedanken für die Woche von Pfr. Ulrich Lindl

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

Wort wert
Wieviel ist ein Wort noch wert? Gemessen an all den vielen Worten, die wir tagtäglich hören, oftmals über uns ergehen lassen. Man kann geradezu von einer Inflation der Worte sprechen… Manchmal drängt sich der Verdacht auf, es werden immer mehr Worte gemacht, nur um immer weniger zu sagen.
Und wie viele Worte bleiben am Ende übrig? Wie wenige wirken am Abend noch nach?
Manchmal muss man schon lange „nachhören“. Manchmal aber gehen uns Worte auch nach. So oder so: Es genügt oft schon ein falsches Wort…. Und wieviel kann umgekehrt das richtige Wort zur rechten Zeit bewirken!? Eines spüren wir doch alle: Worte wirken…
Haben Sie eigentlich ein Lieblingswort? Rose Ausländer hat diese Frage in ein kleines Gedicht gefasst: „Wir wohnen Wort an Wort. Sag mir dein liebstes, Freund. Meines heißt: Du.“

Gottes Wort wirkt 
Worte wirken, und wie. Am Anfang des Johannes-Evangeliums steht das Wort. Dieser Prolog ist gefühlt so weit weg von der Krippe in Bethlehem, und doch spüren wir alle, dass auch dieser Anfang eine Geburt hervorbringt, denn „aus dem Wort ist alles geworden. Und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ (Joh 1,3) Was für ein Auftakt!
Nicht der blinde Zufall, nicht ein Ur-Knall, sondern das schöpferische Wort Gottes ist der Urgrund alles Seins.
Immer wieder spricht sich das Wort Gottes aus. Zunächst in der Schöpfung, dann in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Durch die Offenbarung wird Geschichte des Menschen zur Geschichte mit Gott – und hat damit das Zeug zur Heilsgeschichte.
Denn immer wieder ermöglicht das Wort Gottes einen neuen Anfang, neues Werden. Das Wort ergeht als Verheißung an Abraham. Ihm schenkt es die Zusage auf Zukunft.
Gott teilt sich mit und offenbart in einem Wort dem Mose sein Wesen: Jahwe – Ich bin, der ich bin (da)!
Elija macht ein Wort Mut, aufzustehen und sich von Neuem auf den Weg zu machen.
Und da sind die Worte der großen und kleinen Propheten, in denen Gottes Weisung an die Menschen ergeht.
Johannes hat in seinem Prolog so recht: Gottes Wort kann Licht werden, Menschen ein-leuchten.

Der Lieblingswortschatz Gottes
Welche Worte verbinden Sie mit Gott? Was ist der Lieblings-Wortschatz Gottes?
Gott ist mitteilsam, kommunikativ. Zum Glück für uns. Denn so erlaubt Gott es uns, ihn zu verstehen. Zugleich liegt aber darin auch das größte Unglück Gottes.
Das größte Unglück für Gott ist und bleibt: nicht verstanden zu werden. Diese Erfahrung hat Gott immer wieder machen müssen. Obwohl er sich immer wieder und immer wieder neu den Menschen mitteilt, wollen sie ihn nicht verstehen. Kommunikation aber ist das, was ankommt. Wie sehr es Gott darum geht, vom Menschen verstanden zu werden, mit uns in Kommunikation zu treten, spüren wir an Weihnachten. Der Prolog des Johannes verkündet philosophisch feierlich, was uns in der Krippe von Bethlehem so liebevoll anschaut: Gott geht aufs Ganze und wird Mensch. Das Wort wird leibhaftig -Fleisch-, damit wir nicht nur hören, sondern sehen und so verstehen.
Darum ist es Jesus dann auch immer gegangen, auf Mensch zuzugehen. Und seine Worte haben gewirkt. „Sprich nur ein Wort und mein Knecht wird gesund.“ Dieses Vertrauen des Hauptmanns konnte Jesus nicht enttäuschen. Und da sind seine Worte der Vergebung, die einen neuen Anfang geschenkt haben. Wie sehr hat Jesus auch die Wahrheit in aller Klarheit gesagt und noch mehr vorgelebt.
Und doch muss auch der Mensch gewordene Gottessohn die schmerzliche Erfahrung machen, dass Gott auf Unverständnis bei den Menschen stößt. Aber nimmt der Johannesprolog nicht all das schon voraus: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“(Joh 1,11) Er, der das Licht der Welt sein wollte und von dem der greise Simeon bereits bekannte: „Nun haben meine Augen das Heil gesehen, ein Licht, das die Heiden erleuchtet“ (Lk 2, 22), wurde nicht angenommen, hat vielen nicht eingeleuchtet: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erkannt.“ (Joh 1,5)
Warum nur? Hatte er nicht Tausende gespeist? Als die Massen ihm nachlaufen, weil sie immer dieses schnelle Brot haben wollen, nimmt Jesus sich viel Zeit. Er will ihnen geduldig beibringen, dass er mehr hat, dass er selbst das Brot des Lebens ist, weil in ihm das Wort Fleisch geworden ist…

Hinhören und einwirken lassen…
Haben Sie es gemerkt?! Dem Wort Gottes geht es ganz ähnlich wie dem Wort des Menschen: es wird ganz einfach überhört. Davor bewahre uns der Himmel. Darum müssen wir uns immer wieder einlassen auf die Betrachtung des Wortes Gottes. Lassen wir es wirken, einwirken in unser Leben. Dass es auch Fleisch wird in uns. Nur so werden wir das tiefste Geheimnis des Glaubens verstehen, dass das Wort Fleisch geworden ist – und immer wieder von neuem Fleisch wird mitten unter uns – in der Eucharistie.
Kommunikation ist das, was ankommt.
Kommunion ist Er, der ankommt.
Haben wir verstanden?

Es wird sehr darauf ankommen, ob wir auf das Wort Gottes hören, wie sehr wir auf Jesus hören. Der Glaube ist nichts, was im Vorbeigehen aufgeschnappt wird.
„Wer sein Ohr lange genug an Gottes Wort hat, der hört sein Herz schlagen“, weiß Karilla Spieker. Und hat damit so recht. Denn dann sind wir am Puls Gottes. Dem eigentlichen Herzschrittmacher unseres Lebens.

01.01.2016:
Glücksbringer – oder: 
10 Tipps fürs neue Jahr
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl

Haben sie auch ein Schweinchen geschenkt bekommen? Ein Kleeblatt, einen Schornsteinfeger oder gleich alles drei auf einmal? Glücksbringer zu Silvester. Geschmackssache. Aber eine Frage wert: Bin ich eigentlich glücklich?

Was heißt schon Glück, wer ist zufrieden?
Darum geht es doch. Um das Glück. Darum geht es uns Menschen und darum geht es auch Gott, dass unser Leben glückt. Und dass wir zufrieden sind.
Wer aber ist glücklich? „Glücklich sind“, sagt die Psychologie, „Menschen, die im Tagesverlauf mehr positive als negative Gefühle haben. Menschen, die mit ihrem Leben in hohem Maße zufrieden sind.“
…und zufrieden. Zufriedene Menschen sind im inneren Einklang. Oder wie sagt man so schön: Im Frieden mit sich und ihrer Umwelt.

Gehöre ich auch dazu?
Nehmen wir uns am Anfang eines neuen Jahres ruhig einmal Zeit für das Glück.
Was bedeutet für mich eigentlich Glück? Was macht mich zufrieden?
Was waren glückliche Momente im vergangenen Jahr?

 Eines wissen wir alle. Den Schlüssel zum Glück haben wir auch selbst in der Hand. Und es gibt viele Schlüssel, einen wahren Schlüsselbund, der Zugänge eröffnet zu einem glücklicheren Leben.

Was sind echte Glücksbringer?
Was können wir tun, um glücklicher zu werden? 10 Tipps aus der Psychologie, die wunderbar bestätigen, woran wir Christen ohnehin glauben. 

  • Setze dir Ziele!
    „Was ist meine Berufung, wofür lebe ich?“ Ziele richten das Leben aus und verleihen ihm Spannkraft. Ein Menschen, der weiß, warum er lebt und wofür, ist glücklicher.
  • Sei dankbar!
    „Wer dankbar ist, kann nicht unglücklich sein.“ Dankbarkeit sagt mir: Du hast Grund zur Freude. Und Freude ist fürwahr ein Glücksgefühl. Dankbar sein kann ich für so vieles, denn was wäre schon selbstverständlich? Ein dankbarer Mensch ist ein glücklicher Mensch.
  • Denk´ positiv!
    Ist das Glas nun halbvoll – oder halb leer. Wein aus einem halbvollen Glas getrunken schmeckt einfach besser. Und überhaupt: Positiv denken bedeutet ganz einfach: zuerst das Gute sehen und an das Gute dann auch glauben… und so manches gelingt gleich viel besser.
  • Vergleich Dich nicht mit anderen!
    Auch das ist ein „Glückskiller“. Sich ständig mit anderen zu vergleichen. Denen es vermeintlich besser geht als mir. Woher weiß ich das überhaupt? Warum auf andere schielen? Das strengt an und macht nicht gerade glücklich.
  • Wer Gutes tut, dem geht´s auch gut…
    „Das wahre Glück besteht nicht in dem, was man empfängt, sondern in dem was man schenkt.“ Dieser Gedanke des Heiligen Johannes Chrysostomos trifft zu. Letztlich macht allein Teilen reich.
  • Lebe im Hier und Jetzt!
    Manche Menschen leben ganz in der Vergangenheit, andere allein für die Zukunft. Aber die Zeit, die wir wirklich haben, ist allein der Augenblick. Augenblicke sind darum so kostbar. Augenblicke achtsam wahrnehmen, und beherzt im richtigen Augenblick ergreifen, war schon immer ein Schlüssel zum Glück!
  • Pflege Beziehungen!
    „Nimm dir Zeit für deine Freunde, sonst nimmt die Zeit dir deine Freunde.“ Freundschaften, gelingende Beziehungen machen reich. Du bist ein Schatz! Beziehungsreiche Menschen sind glückliche Menschen.
  • Vergebung erleichtert…
    Nachtragend sein ist ein Ballast, den letztlich wir mit uns rumschleppen. Warum also Schuld nachtragen? Vergebung entlastet, entsorgt und befreit. Vergebung macht glücklich! Das Jahr der Barmherzigkeit bietet uns ausdrücklich Vergebung an!
  • Sorge für deinen Leib!
    Das hat die große Teresa von Avila schon vor 500 Jahren geraten: „Tu deinem Leib etwas Gutes, damit Deine Seele gern in ihm wohnt.“
  • Sorge für deine Seele
    Der erste Seelsorger für mich bin ich. Hab Acht auf Deine Seele. Und gib ihr Zeit für Gott. Damit Glaube wachsen kann. Es lohnt sich: Denn Glaube macht Sinn und unser Leben wertvoll. Vor allem aber befreit uns der Glaube von dem Wahn, alles selbst im Griff zu haben. Wer glaubt, kann vertrauen und auch loslassen. Glücklich, wer wie der Beter in Psalm 16 zu Gott jubeln kann: „Mein ganzes Glück bist du allein!“

Zehn Schlüssel zum Glück.
Ein Marzipanschweinchen war nicht dabei. Und wir spüren, einen Schlüssel zum Glück, einen Generalschlüssel zum Glücklich-sein gibt es auch nicht. Schon eher ist es ein ganzer Schlüsselbund. Damit haben wir eigentlich viel von unserem Glück selbst in der Hand. Nicht dass wir wunschlos glücklich sind, sondern immer wieder beherzt die Schlüssel in die Hand nehmen, die uns Zugänge zum Glück eröffnen.

Alte Bekannte aus Franken wünschten mir zwischen den Jahren einmal:
„Einen guten Beschluss und ein glückseliges Jahr!“

Das wünsche ich uns allen!