Wort für die Woche 2015

24.12.2015
Weihnachten – oder:
Gott steckt in unserer Haut
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl zur Heiligen Nacht

Kann man Weihnacht eigentlich verbieten?
Dem Sultan von Brunei scheint keine andere Wahl zu bleiben. Die Menschen wollen Weihnachten feiern. Aber Sultan will das nicht. In seinem kleinen islamischen Reich ist nun mal kein Platz für einen Christbaum. Aber ob man Weihnachten so einfach verbieten kann? „Daheim in Damaskus“ erinnert sich eine syrische Frau, „hatten wir einen großen Christbaum, mitten in der Stadt. Und wir Christen haben unsere muslimischen Freunde eingeladen und gemeinsam Weihnachten gefeiert.“ Was Weinachten nicht alles möglich macht!  

Gott steckt in unserer Haut
Und auch in China singen sie an Heilig Abend „Stille Nacht, heilige Nacht“. An Weihnachten kommen sich Menschen weltweit irgendwie näher. Genau darum brauchen wir Weihnachten, mit seiner Sehnsucht nach Frieden, Nähe und Geborgenheit. Wir sind doch alle Menschen. Und hoffentlich ahnen wir auch etwas von einem Gott, der auf die Idee von Weihnachten gekommen ist… An Weihnachten werden Menschen irgendwie menschlicher, kommen ihren Gefühlen näher… und sind unsere Gefühle nicht das Eigentliche unseres Lebens?
Aber hüten wir uns vor Gefühlsduselei. Das hat Weihnachtgen nicht verdient. Weihnachten muss man ernst nehmen. Denn an Weihnachten begegnen wir Gott. Und wie! Als kleines wimmerndes Kind liegt es nach einer schweren Geburt notdürftig auf Stroh gebettet in einer steinernen Krippe. Betlehem ist alles andere als romantisch. Schon eher ein hartes Pflaster dieser Welt. Damals wie heute. Wer von uns hätte sich als Gott so wehrlos in die Hände der Menschen begeben? Was für ein riskantes Unternehmen. Die Menschwerdung Gottes wird am Ende zur „Nagelprobe“ seines Lebens. Krippe und Kreuz gehören zusammen! Und das Tatmotiv wird damit klar: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,16) Und seine Liebe steckt voller Mitgefühl. Darum steckt Gott in unserer Haut. Das haben die Menschen schon immer gespürt. Darum geht Weihnachten vielen auch so nahe.
Gott wird Mensch. So findet Gott den Weg zu uns. Und wir? Wie finden wir den Weg zu Gott? Weihnachten hat die Antwort: Mensch werde Mensch! Es scheint, dass gerade an Heilig Abend viele Menschen diese Einladung auch wirklich annehmen zu wollen… Freilich gelingt das nicht an einem einzigen Abend. Darum muss Weihnachten, die Menschwerdung hineinwachsen in unser Leben. Und Jesus herauswachsen aus der Krippe. Das ist er auch. Glaube ist nicht kindisch. Im Gegenteil: In Jesus Christus hat unser Glaube Hand und Fuß bekommen. Und wenn wir ihm dann noch in die Augen schauen, werden wir erkennen: „Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters.“ Mit diesen Worten hat Papst Franziskus das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Damit sind wir bei den Mitteln und Wegen der Menschwerdung. Ich glaube, gerade die Barmherzigkeit ist das beste Mittel und der sicherste Weg, wirklich menschlich zu werden. Wohl darum lädt Jesus uns auch ein: „Seid bramherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6, 36)

Menschwerdung heute
Mutter Teresa hat das wie keine andere begriffen. Zunächst war sie ja Lehrerin an der einer höheren Töchterschule. Aber erst der Blick in die nahe gelegenen Slums von Kalkutta haben ihr die Augen geöffnet. Sie hat die Kranken, Hungernde, Obdachlose, die Sterbenden gesehen, sie gesucht und so zu ihrer Berufung gefunden.
In ihnen hat sie Ihn gesehen –Jesus Christus- und sein Wort in die Tat umgesetzt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40) Warum sie das tut? Auf diese Frage hat der Engel der Armen einmal ganz einfach geantwortet: „Wir tun es mit Jesus, für Jesus, an Jesus.“
Der Dienst in den Slums war für Mutter Teresa somit nicht nur ein Werk der Barmherzigkeit sondern Gottesdienst. „Am Morgen bete ich Christus in der Hostie an. Am Tag in den Ärmsten der Armen.“ Die Begegnung mit den Ärmsten der Armen ist doch die beste Gelegenheit, auf direktem Weg Jesus Christus zu begegnen. Bevor sie sich mit ihren Schwestern auf den Weg gemacht hat, hat sie sich gut vorbereitet und gebetet: „Mach uns würdig, Herr, unseren Mitmenschen, die in der ganzen Welt in Hunger und Armut leben und sterben zu dienen.“
Ist das nicht eine ganz andere Sichtweise? Viele schauen heute fern, schauen weg, oder sie ziehen Zäune hoch und grenzen sich ab. Mutter Teresa hat es immer als Würde erachtet und zugleich als unglaubliche Chance, in den Ärmsten der Armen Christus begegnen zu dürfen. „Wenn wir keine Armen unter uns hätten, wir müssten uns aufmachen, um sie zu suchen.“ Das ist das glatte Gegenteil von Abschottung und Grenzzäunen. Da geht eine über Grenzen hinweg, bis an den Rand, und sie weiß warum: „Gottes Liebe kennt keine Grenzen, sie ist ohne Maß und ihre Tiefe kann niemand ergründen“.
Seit der schweren Geburt in Betlehem steckt Jesus in der Haut des Menschen. In den Armen, Schwachen, Ausgestoßenen, begegnen wir ihm hautnah. Um diese ganz persönliche Begegnung wird es gehen. Lassen wir uns nicht von Statistiken ablenken. Es geht immer um den Menschen. Der Mensch stand auch für Mutter Teresa immer im Mittelpunkt: „Ich kümmere mich nie um Menschenscharen, sondern nur um eine Person. Würde ich die Scharen ansehen, würde ich nie beginnen.“
Gut dass Mutter Teresa begonnen hat. Sie, diese keine zierliche Frau hat verstanden, wie es gelingt, Mensch zu werden, von Mensch zu Mensch. Spüren wir, wie sehr da Weihnachten in einem Menschen aufgegangen ist?! Nächstes Jahr Papst Franziskus Mutter Teresa heilig sprechen.

Auch das noch
„Wer bin ich denn? Bin ich denn Mutter Teresa?“
Nein das sind wir nicht. Mutter Teresa gibt es nur einmal. Mich aber auch. Und Sie – jeden von uns. Darum ist Weihnachten auch ein ganz persönliches Angebot an jeden von uns: Mach´s wie Gott – werde Mensch. Weihnachten will uns dafür sensibilisieren. Ganz persönlich anrühren in einem Kind, das in einer Krippe liegt. Was für ein Gott, der solche Gefühle zeigt!
Übrigens: „Caritas International“ hat auf dem Balkan, entlang der Flüchtlingsrouten Entbindungsheime errichtet. Auch an Heilig Abend werden uns Kinder geboren  – kommt Gott zu uns!

13.12.2015:
Der Mensch ist kein Uhu, und Eulen sind wir auch nicht.

Gedanken zum III. Adventsonntag von Pfarrer Ulrich Lindl

+  Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (3, 10-18)
In jener Zeit fragten die Leute den Johannes den Täufer: Was sollen wir also tun? Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.
Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister, was sollen wir tun? Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.
Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!
Das Volk war voll Erwartung, und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei. Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.
Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk in seiner Predigt.

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Der Mensch ist kein Uhu, und Eulen sind wir auch nicht.
Woran man das erkennen kann? Ganz einfach: am Kopf. Während eine Eule auch nach hinten schauen kann, sind wir Menschen anders gebaut. Wir schauen nach vorn, denken voraus, schreiten voran…
Fortschritt ist nicht schlecht. Wer will schon den Rückschritt. Und Vordenker brauchen wir auch. Aber dennoch sollten wir auch die andere Richtung nicht vergessen. Die mit der Vorsilbe „nach“   beginnt.

„nach-“ eine Vorsilbe, die weiterhilft
Wir sollten sie öfter verwenden! Vorausdenken ist gut. So entdecken wir neues Wissen. Aber Nachdenken ist noch besser. Die Erfahrung haben wir doch alle schon gemacht: Wie viel Aufschluss schon eine Kurze Zeit des Nachdenkens gibt.
Wir müssen über unser wachsendes Wissen erst gründlich nachdenken und es dann erst anwenden. Erst damit wird Wissen weise und zum Gewinn für die Welt. Das Wappentier der Weisheit ist die Eule. Warum wohl?!
Auch Vorausschauen ist wichtig. Nicht nur im Verkehr. Aber auch bei aller Vorausschau, vergessen wir nicht nach zu schauen. Nur so werden wir erkennen, was aus den Dingen geworden ist. Heute wird oft viel zu viel schnell erledigt, abgehakt, zu den Akten gelegt. Es lohnt sich durchaus bei dem ein oder anderen einmal nach zu schauen, was denn draus geworden ist. Das schenkt Erfahrung und Einsicht.
Und auch die Vorbereitung ist ein Stichwort, gerade jetzt im Advent. So wahr schon im September rechtzeitig zum Fest Lebkuchen in den Regalen liegen. So wahr ist Weihnachten an Heilig Abend auch schon wieder vorbei. Wir bereiten viel vor. Aber was bereiten wir eigentlich nach? Aber darum geht es Weihnachten: dass wir das Geheimnis der Menschwerdung nachbereiten. Schließlich geht es an Weihnachten nicht darum, dass wir Jesus wieder in die Krippe legen. Sondern, dass der Herr seinen Weg findet hinein in unser Leben.
Die Vorsilbe „nach“ lohnt sich. Denn Menschen, die mehr nachdenken, mehr nachbereiten, nachschauen und nachgehen, laufen weniger Gefahr oberflächlich zu werden. Schnell mal dies, mal das… Nein solche Menschen vertiefen…

Advent vertieft
All das will der Advent uns ermöglichen. Ja, der Advent lädt uns zum Nachdenken ein. Was ist eigentlich das Ziel meines Lebens? Wohin will ich eigentlich hin? Wer darüber nicht ab und zu nachdenkt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er ganz woanders ankommt. Aber der Advent stellt uns nicht nur „in Frage“ er hält eine Antwort bereit. Denn Advent heißt „Ankunft“. Die Lesungen des Advents stellen uns vor die große Verheißung, dass der Herr im Kommen ist, Christus, der Herr der Herrlichkeit, wir wieder kommen.
„Und was sollen wir dann tun?“ Diese Frage stellen die Menschen bereits Johannes dem Täufer immer wieder. Er hat das erste Kommen Jesu angekündigt. Und die Menschen damals, sie waren voller Erwartung auf das Kommen des Messias. Johannes gibt ihnen ganz einfache Antworten:
Die Zöllner ruft er auf  zu Gerechtigkeit: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.
Und den Soldaten schreibt er ins Stammbuch: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!
Alle aber ruft er auf zu teilen, damit alle zu ihrem Recht kommen. : Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.
Eine Botschaft also des Friedens und der Gerechtigkeit. So bereitet man sich also nach Johannes  auf das Kommen des Messias vor. Unter diesem Vorzeichen können Zöllner können Zöllner bleiben und Soldaten weiterhin ihren Dienst tun. Jesus knüpft daran an: Ganz einfach: in dem wir Weihnachten nachbereiten. An Weihnachten wird Gott Mensch. Gott findet seinen Weg zu uns, in dem er Mensch wird. Die Menschwerdung ist sein weg zu uns. Und damit unser Weg zu ihm. Jesus hilft uns dabei. Denn er hat uns „Menschwerdung“ vorgelebt. Mit ihm sind wir auf dem Weg, der in Wahrheit zum Leben führt.

Freut euch! Der Herr ist nah!
Und dann ist da noch die Freude, die uns auf die Ankunft des Herrn vorbereitet. Dazu werden wir vom Apostel Paulus geradezu überschwänglich aufgerufen: „Freut euch im Herrn! Noch einmal sage ich:  Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt: der Herr ist nahe.“ (Phil 4,4 f.) Diese adventliche Freude auf den Herrn aus ganzem Herzen ist und bleibt die beste Vorbereitung auf das Kommen des Herrn. Denn die Freude öffnet das Herz. Und wo das Herz des Menschen offen steht, kann der Herr (an-) kommen. Wenn wir vor Weihnachten nicht selten das Äußerste tun, damit das Fest hält, was wir uns von ihm  versprechen, dann vergessen wir nicht, das Innerste zu tun, uns aus ganzem Herzen zu freuen. Und vergessen wir bei aller Vorfreude nicht und auch hier umzuwenden. Denn bei aller Vorfreude gibt es auch die Nachfreude. Gerade wenn wir auf unser Leben zurückblicken. Wir werden viel Grund finden uns nach zu freuen. Und dabei dankbar auch auf die Spuren dessen treffen, der mit uns unterwegs ist. Denn er, den wir erwarten, ist an unserer Seite und in unserer Mitte. Bis er wiederkommt –in Herrlichkeit.

Guter Gott,

hilf uns immer wieder nach zu denken, wohin wir gehen.
Hole uns bei allem Fortschritt immer wieder zurück zu dir.

Lass uns nachbereiten, was der Vertiefung bedarf und
Schenke uns Nachsicht, die zur Vorsicht verhilft.

Und öffne uns ein Herz, das sich nach freuen kann,
damit wir vertrauensvoll vorangehen, dir entgegen.
Denn die Freude auf Dich ist unsere Kraft. Amen. 

06.12.2015:
Hauptsache gesund?
Gedanken zum 2. Advent von Pfarrer Ulrich Lindl

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (3, 1-6)
Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias.
Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. (So erfüllte sich,) was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!
Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.
Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.

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Hauptsache: Gesund!
Was ist das wichtigste: genau: Hauptsache gesund. Das lassen sich die Deutschen auch eine ganze Menge kosten. Gesundheit ist uns viel wert. Nicht schlecht. Was tun sie für Ihre Gesundheit? Wo gehen Sie hin, wenn Sie gesund bleiben oder wieder gesund werden möchten? Haben Sie einen Arzt des Vertrauens? Gut, Hauptsache gesund! Oder gibt es da vielleicht doch noch mehr?

Was ist mehr als Gesundheit? Heil? 
Heil ist etwas für den ganzen Menschen. Heil lässt uns über den Körper hinaus die Seele spüren –Seelenheil. Und Heil bringt mit dem Ewigen in Berührung. Gesundheit allein ist ein vergängliches Gut. Und darum auch nicht die Hauptsache… Aber wenn es tatsächlich ums Heil geht, wo geht man da hin? Gibt es Heiler? Wer sind Heilsbringer? Wenn der Mensch sich selbst erlösen wollte, wenn er sein eigener Heilsbringer sein wollte, der Mensch wäre heillos überfordert. Hüten wir uns vor Heilsbringern in Menschengestalt. Sie haben nicht selten Unheil gebracht.
Wenn wir ehrlich sind, brauchen wir zu unserem Heil doch Gott. „Das Heil kommt von Gott“, (Lk 3, 6) so endet das Evangelium vom 2. Advent. Und setzt zugleich ein Vorzeichen am Anfang auch eines Heiligen Jahres, das Papst Franziskus am 8. Dezember eröffnen wird. Und dieses außerordentliche Heilige Jahr wendet das Heilmittel Gottes an: die Barmherzigkeit. Wie sehr brauchen wir dieses Heilmitte der göttlichen Barmherzigkeit. In einer Zeit, die oft so unbarmherzig und gnadenlos daher kommt, kommt dieses Heilmittel Gottes gerade recht.
Barmherzigkeit ist zunächst einmal eine Lebenseinstellung. Sie erlaubt uns, Mensch zu sein und menschlich umzugehen, mit Grenzen zu leben und unsere Schwächen anzunehmen. Barmherzigkeit erlaubt so eine ehrlich Diagnose, dass „nobody perfect“ ist. Das bewahrt den Menschen vor einer oft so heillosen Überforderung. Und ermöglicht damit die zugleich die Einsicht, dass ich der Barmherzigkeit bedarf. Was sind die Talsohlen, die ich durschritten habe, was sind die Niederungen meines Lebens oder tun sich gar Abgründe auf? Was läuft schief, was ist krumm in meinem Leben, das wieder aus-gerichtet werden müsste und auf den geraden Weg gebracht? Das Evangelium lädt ein zu einer ehrlichen Diagnose! (vgl. Lk. 3,5) Und dann bleiben wir nicht bei uns, denn „das Heil kommt von Gott!“

Jesus ist der Heiland
Und wie es gekommen ist in Jesus Christus. Er ist unser Heiland. Darum ist Gott Mensch geworden um uns nahe zu kommen. Um mit uns zu fühlen. Gott steckt in unserer Haut. Wir haben in Jesus Christus einen Hohepriester, der mitfühlen kann mit unserer Schwachheit. Gott begegnet uns nicht in Perfektion, sondern nach einer schweren Geburt in einer Krippe, einem Stall. Dieser Stallgeruch hat den Duft der Barmherzigkeit. Jesus kann mit uns Menschen mitfühlen. Und er weiß auch, wohin wir müssen, um heil zu werden. Er ist doch unser Heiland!
Er weiß, wie die göttliche Barmherzigkeit angewendet wird: Da wird nichts geschluckt, nichts unter die Nase gerieben… Die Wirkung und Anwendung der Barmherzigkeit geht auch nicht aus einem ellenlangen Beipackzettel hervor. Sie liest sich ab aus einer anrührenden Geschichte: In der Geschichte vom Barmherzigen Vater erklärt uns Jesus die göttliche Barmherzigkeit ganz anschaulich und für jeden verständlich: Der Sohn, der auf Abwege genommen ist, der alles durchgebracht hat, der am Ende bei den Schweinen gelandet ist, der den Stallgeruch menschlichen Versagens mit sich bringt, fasst sich ein Herz und kehrt um zum Vater… Und der erwartet ihn, ja er läuft ihm entgegen, weil er es gar nicht mehr erwarten kann, seinen Sohn wieder in die Arme zu nehmen.
Die Anwendung des Heilmittels ist meine Hinwendung zu Gott, damit er sich mir zuwenden kann, aufrichten und vergeben kann. Gott will nichts mehr als eben dies, wie er sagt: „Barmherzigkeit will ich nicht Opfer!“ Diese Aufforderung aus dem Buch des Propheten Hosea greift Jesus einmal auf und legt sie uns ans Herz. Dass wir uns von der Barmherzigkeit Gottes behandeln lassen.

Wenden wir die Barmherzigkeit Gottes an!
Natürlich könnte ich jetzt noch aufzählen, was wir nicht alles tun müssten. Welche Werke der Barmherzigkeit, und es gibt immerhin 14 davon, wir nicht ausüben sollten. Aber genau das mache ich nicht. Denn bevor wir handeln, sollten wir uns erst selbst behandeln lassen. Weil wir es brauchen? Ja, aber vor allem, weil diese Behandlung uns gut tun wird. Lassen wir erst einmal die Barmherzigkeit Gottes anwenden. Lassen wir diese Liebe der Vergebung auf uns und in uns wirken. Und ich bin gewiss: wer selbst Barmherzigkeit erfahren hat, wird barmherzig sein.
Dazu brauchen wir gar nirgends hingehen, bleiben wir einfach jetzt ganz da und schauen wir in unserer Wallfahrtskirche ganz einfach nach vorn. Kein Anblick zeigt uns mehr was Barmherzigkeit ist. Wenn wir dem „Liab´n Herrgöttle“ in die Augen schauen, schauen wir Gottes Barmherzigkeit ins Herz. Und die wirkt unendlich heilsam.

29.11.2015:
Advent, Advent…
Gedanken zum Evangelium am 1. Advent von Pfarrer Ulrich Lindl

Aus dem Heiligen Evangelium nach Lukas
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres.
Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen.
Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.

Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht,
so wie man in eine Falle gerät; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.
Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.

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Ein Evangelium zum ersten Advent stellen wir uns anders vor! Dabei hat alles so stimmungsvoll angefangen: Der Adventkranz wurde gesegnet. Und dann mit dem altvertrauten Lied der 1. Advent angesagt.
Es soll besinnlich werden, ein wenig gemütlich, manche machen es sich etwas kuschelig, denn draußen wird´s kalt.
Alles könnte so schön sein, wie immer…Und dann ausgerechnet dieses Evangelium.
Was für ein Auftakt! Was für eine Ansage! Statt vorweihnachtlicher Behaglichkeit, Endzeitstimmung macht sich da breit.
Spätestens hier müssen wir uns klar machen, was Advent eigentlich heißt. Jeder redet vom Advent. Aber was heißt eigentlich „Advent“? Advent heißt nicht Glühwein und Plätzchen… Advent heißt: Ankunft. Damit ist eine innere Haltung angesagt: Warten, warten und noch einmal warten.

Advent heißt Ankunft

Aber können wir das noch, warten? Die Menschen heutzutage können doch nichts mehr erwarten. So hört man oft die Klage. Aber reden wir nicht von den anderen. Fragen wir ruhig einmal uns selbst: Worauf warte ich eigentlich…noch? Die Frage ist wichtig. Denn worauf ich wirklich warte ist das wofür ich wirklich lebe.
Wer den Advent wirklich begehen will, muss also vor allem eines können: Warten.
Aber wie geht das?
Es geht nicht um ein Abwarten… Ein Zuwarten. Nein, es geht um ein aktives Warten – um Erwartung. Der Advent steckt voller Erwartung. Der Advent ist so eine ideale Grundschule des Wartens. Unsere Kinder wissen, was es heißt: Warten im Advent. Unsere eigene Kindheit kommt uns da auch in den Sinn, als wir noch warten konnten, weil wir warten mussten.
„Weihnachten nicht ohne Advent!“ So hat Luise Rinser ihre Erinnerung an diese Zeit ihrer Kindheit überschrieben.
„Wie hätte ich mich auf Weihnachten freuen können, wenn ich nicht zuvor den Advent durchgehalten hätte?
Zuerst das Warten in Kälte und Dunkel, erst dann Wärme und Licht. Eins nicht ohne das andere. Warten war unerlässlich.
Mein frühes Aufstehen und Frieren, um die Adventsmesse zu besuchen, bedeutete für mich die Vorbereitung auf das Kommen des Messias für mich.“
Das Kommen des Messias für mich! Genau darum geht es im Advent. Darum ist es schon immer gegangen. Damals als ein ganzes Volk Israel sehnsüchtig das Kommen des Messias erwartet hat. Und heute – ist diese Sehnsucht nach Gott in uns noch lebendig? Gottlos können wir doch nicht leben!

Worauf warten wir noch?
Worauf warten wir eigentlich – noch? Alle Jahre wieder das Christuskind kommt? Doch nicht allen Ernstes. Christ der Retter ist schon lange da! Unser Advent ist ein Advent über 2000 Jahre nach Weihnachten.
Die Erwartung unseres Advents ist damit eine andere: nicht das Christkind in der Krippe, sondern die Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit. Am Ende der Zeit. Und genau dafür rüttelt uns das Evangelium auf – rechtzeitig gleich am Ersten Advent. Die ersten Christen haben das verstanden. Sie waren zutiefst adventlich geprägt, sie erwarteten die Wiederkunft nicht nur, sie haben flehentlich darum gebetet: „Maranatha, Herr komm bald!“ Vor allem in den Zeiten der Verfolgung haben sie sich so Mut gemacht: Wir halten aus – wir halten durch – bis der Herr kommt!
Der im KZ hingerichtete Jesuitenpater Alfred Delp steht für die ungezählten Märtyrer unserer Tage. Auch er wusste genau, was Advent bedeutet: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“
Lassen wir uns den Advent nicht nehmen. Lassen wir uns nicht einlullen. Verkaufen wir unsere Seele an Konsum und Kitsch. Uns geht viel verloren, wenn wir das Warten verlernen. Eine ganze Lebenseinstellung. Menschen, die alles sofort bekommen, die nichts mehr erwarten können, brauchen nicht mehr zu warten. Menschen aber, die keine Erwartungen mehr haben, sind eigentlich schon am Ende. Advent aber heißt noch einmal: Ankunft. Gehen wir in die Schule des Wartens. Brechen wir auf in den Advent.

Worauf warten wir?
Jahr für Jahr,
Tag für Tag,
Heute. Jetzt. –
Oder warten wir auf nichts?
Kennen wir den, der kommen wird,
oder den, der wiederkommt,
oder den, der immer da war,
oder wartet er auf uns?

Am Ende dieser Überlegung von Arnim Juhre können wir eine klare Antwort geben: Ja, Jesus wartet auf uns. Und kommt denen entgegen, die ihn erwarten.

Entdecken wir den Advent neu!
Darum macht uns das Evangelium auch aufmerksam, wie wir wach und erwartungsvoll bleiben: Wir sollen nüchtern sein, uns nicht berauschen. Also nicht Glühwein, Bratwurst, Punsch und Plätzchen. Advent ist eine Fastenzeit, die uns innerlich nüchtern, leer und so empfänglich machen will für die Ankunft des Herrn.
Eine Zeit auch, in der wir beten. Wenn wir beten wollen, müssen wir die Hände leer machen uns vertrauensvoll öffnen. Nicht Taschen und Tüten vollpacken. Wir haben eh schon viel zu viel. Ich war in Israel. Am Sonntag hatten alle christlichen Geschäfte geschlossen. Es muss nicht alles ein Geschäft sein, es gibt mehr zu erwarten.
Und auch das ist ein guter Ratschlag aus dem heutigen Evangelium zu Beginn des Advents: „Gebt acht, dass die vielen Sorgen des Alltags euch nicht verwirren.“ Der Advent will uns schließlich nicht außer Atmen, sondern zur Besinnung bringen. Wie klagte mir einmal eine gestresste Mutter ihr Leid im Advent: Alle Jahre wieder sitze ich drin im Karussell und es dreht sich und dreht sich. Mir wurde ganz schwindlig. Ob man sich das wirklich antun will. Alle Jahre wieder?
Ich wünsche uns einen wachen, einen erwartungsvollen Advent. Es ist, wie Luise Rinser es so schön empfunden hat, wirklich die Vorbereitung auf das Kommen des Messias für mich. Gehen wir dem Herrn entgegen. Jesus will von uns erwartet werden, wenn er wiederkommt. Und sagen wir es ihm: Maranatha! Komm, Herr Jesus, komm!

22.11.2015:
Papst Franziskus an die Deutschen Bischöfe

Zu Ihrem Ad-limina-Besuch trafen sich die deutschen Bischöfe in der vergangenen Woche mit Papst Franziskus. Der Heilige Vater richtete im Blick auf die Lage der deutschen Kirche folgende Worte an den deutschen Episkopat:

Liebe Mitbrüder,
es ist mir eine Freude, Euch aus Anlass Eures Ad-limina-Besuchs hier im Vatikan begrüßen zu können. Die Wallfahrt an die Gräber der Apostel ist ein bedeutender Augenblick im Leben eines jeden Bischofs. Sie stellt eine Erneuerung des Bandes mit der universalen Kirche dar, die durch Raum und Zeit als das pilgernde Volk Gottes voranschreitet, indem sie das Glaubenserbe treu durch die Jahrhunderte und zu allen Völkern trägt. Ich danke besonders auch für die große Unterstützung, die die Kirche in Deutschland durch ihre vielen Hilfsorganisationen für die Menschen in aller Welt leistet.

Wir leben augenblicklich in einer außergewöhnlichen Zeitstunde. Hunderttausende von Flüchtlingen sind nach Europa gekommen oder sind unterwegs auf der Suche nach Schutz vor Krieg und Verfolgung. Die christlichen Kirchen und viele einzelne Bürger Eures Landes leisten einen enormen Einsatz, um diese Menschen aufzunehmen und ihnen Beistand und menschliche Nähe zu geben. Im Geiste Christi wollen wir uns immer wieder den Herausforderungen durch die große Zahl der Hilfesuchenden stellen. Gleichzeitig unterstützen wir alle humanitären Initiativen, um die Lebenssituation in den Ursprungsländern wieder erträglicher zu machen.

Die katholischen Gemeinden in Deutschland unterscheiden sich deutlich zwischen Ost und West, aber auch zwischen Nord und Süd. Überall engagiert sich die Kirche professionell im sozial-caritativen Bereich und ist auch im Schulwesen überaus aktiv. Es ist darauf zu achten, dass in diesen Einrichtungen das katholische Profil gewahrt bleibt. So sind sie ein nicht zu unterschätzender positiver Faktor für den Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Auf der anderen Seite ist aber gerade in traditionell katholischen Gebieten ein sehr starker Rückgang des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs und des sakramentalen Lebens zu verzeichnen. Wo in den Sechziger Jahren noch weiträumig fast jeder zweite Gläubige regelmäßig sonntags zu Heiligen Messe ging, sind es heute vielfach weniger als 10 Prozent. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen. Angesichts dieser Tatsachen ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen.

Was können wir dagegen tun? Zunächst einmal gilt es, die lähmende Resignation zu überwinden. Sicherlich ist es nicht möglich, aus dem Strandgut „der guten alten Zeit“ etwas zu rekonstruieren, was gestern war. Wir können uns aber durchaus vom Leben der ersten Christen inspirieren lassen. Denken wir nur an Priska und Aquila, die treuen Mitarbeiter des heiligen Paulus. Als Ehepaar verkündeten sie mit überzeugenden Worten (vgl. Apg 18,26), vor allem aber mit ihrem Leben, dass die Wahrheit, die auf der Liebe Christi zu seiner Kirche gründet, wirklich glaubwürdig ist. Sie öffneten ihr Haus für die Verkündigung und schöpften aus dem Wort Gottes Kraft für ihre Mission. Das Beispiel dieser „Ehrenamtlichen“ mag uns zu denken geben angesichts einer Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche. Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen (vgl. Evangelii gaudium, 32). Die Kirche ist kein geschlossenes System, das ständig um die gleichen Fragen und Rätsel kreist. Die Kirche ist lebendig, sie stellt sich den Menschen vor Ort, sie kann in Unruhe versetzen und anregen. Sie hat ein Gesicht, das nicht starr ist. Sie ist ein Leib, der sich bewegt, wächst und Empfindungen hat. Und der gehört Jesus Christus.

Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also „dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet“ (vgl. Evangelii gaudium, 27). Sicher, die Rahmenbedingungen sind dafür in der heutigen Gesellschaft nicht unbedingt günstig. Es herrscht eine gewisse Weltlichkeit vor. Die Weltlichkeit verformt die Seelen, sie erstickt das Bewusstsein für die Wirklichkeit.

Ein verweltlichter Mensch lebt in einer Welt, die er selbst geschaffen hat. Er umgibt sich gleichsam mit abgedunkelten Scheiben, um nicht nach außen zu sehen. Es ist schwer, solche Menschen zu erreichen. Auf der anderen Seite sagt uns unser Glaube, dass Gott der immer zuerst Handelnde ist. Diese Gewissheit führt uns zunächst ins Gebet. Wir beten für alle Männer und Frauen in unserer Stadt, in unserer Diözese, und wir beten auch für uns selbst, dass Gott einen Lichtstrahl seiner Liebe schicke und durch die abgedunkelten Scheiben hindurch die Herzen anrühre, damit sie seine Botschaft verstehen. Wir müssen bei den Menschen sein mit der Glut derer, die als erste das Evangelium in sich aufgenommen haben. Und „jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer ‚neu‘“ (Evangelii gaudium, 11). Auf diese Weise können sich alternative Wege und Formen von Katechese ergeben, die den jungen Menschen und den Familien helfen, den allgemeinen Glauben der Kirche authentisch und froh wiederzuentdecken.

In diesem Zusammenhang der neuen Evangelisierung ist es unerlässlich, dass der Bischof seine Aufgabe als Lehrer des Glaubens, des in der lebendigen Gemeinschaft der universalen Kirche überlieferten und gelebten Glaubens, in den vielfältigen Bereichen seines Hirtendienstes gewissenhaft wahrnimmt. Wie ein treusorgender Vater wird der Bischof die theologischen Fakultäten begleiten und den Lehrenden helfen, die kirchliche Tragweite ihrer Sendung im Auge zu behalten. Die Treue zur Kirche und zum Lehramt widerspricht nicht der akademischen Freiheit, sie erfordert jedoch eine Haltung der Dienstbereitschaft gegenüber den Gaben Gottes. Das sentire cum Ecclesia muss besonders diejenigen auszeichnen, welche die jungen Generationen ausbilden und formen. Die Präsenz der katholischen Fakultäten an den staatlichen Bildungseinrichtungen ist zudem eine Chance, um den Dialog mit der Gesellschaft voranzubringen. Nutzt auch die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt mit ihrer katholischen Fakultät und den verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereichen. Als einzige Katholische Universität in Ihrem Land ist diese Einrichtung von großem Wert für ganz Deutschland und ein entsprechender Einsatz der gesamten Bischofskonferenz wäre daher wünschenswert, um ihre überregionale Bedeutung zu stärken und den interdisziplinären Austausch über Fragen der Gegenwart und der Zukunft im Geist des Evangeliums zu fördern.

Wenn wir ferner einen Blick auf die Pfarrgemeinden werfen, die Gemeinschaft, in der der Glaube am meisten erfahrbar und gelebt wird, so muss dem Bischof in besonderer Weise das sakramentale Leben am Herzen liegen. Hier seien nur zwei Punkte hervorgehoben: die Beichte und die Eucharistie. Das bevorstehende Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit bietet die Gelegenheit, das Sakrament der Buße und der Versöhnung wieder neu zu entdecken. Die Beichte ist der Ort, wo einem Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt wird. In der Beichte beginnt die Umwandlung des einzelnen Gläubigen und die Reform der Kirche. Ich vertraue darauf, dass im kommenden Heiligen Jahr und darüber hinaus dieses für die geistliche Erneuerung so wichtige Sakrament in den Pastoralplänen der Diözesen und Pfarreien mehr Berücksichtigung findet. Desgleichen ist es notwendig, die innere Verbindung von Eucharistie und Priestertum stets klar sichtbar zu machen. Pastoralpläne, die den geweihten Priestern nicht die gebührende Bedeutung in ihrem Dienst des Leitens, Lehrens und Heiligens im Zusammenhang mit dem Aufbau der Kirche und dem sakramentalen Leben beimessen, sind der Erfahrung nach zum Scheitern verurteilt. Die wertvolle Mithilfe von Laienchristen im Leben der Gemeinden, vor allem dort, wo geistliche Berufungen schmerzlich fehlen, darf nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden oder ihn sogar als optional erscheinen lassen. Ohne Priester gibt es keine Eucharistie. Die Berufungspastoral beginnt mit der Sehnsucht nach dem Priester im Herzen der Gläubigen. Ein nicht hoch genug zu einschätzender Auftrag des Bischofs ist schließlich der Eintritt für das Leben. Die Kirche darf nie müde werden, Anwältin des Lebens zu sein und darf keine Abstriche darin machen, dass das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod uneingeschränkt zu schützen ist. Wir können hier keine Kompromisse eingehen, ohne nicht selbst mitschuldig zu werden an der leider weitverbreiteten Kultur des Wegwerfens. Wie groß sind die Wunden, die unserer Gesellschaft durch die Aussonderung und das „Wegwerfen“ der Schwächsten und Wehrlosesten – des ungeborenen Lebens wie der Alten und Kranken – geschlagen werden! Wir alle sind Leidtragende davon.

Liebe Mitbrüder, ich wünsche Euch, dass die Begegnungen, die Ihr mit der Römischen Kurie in diesen Tagen hattet, Euch den Weg mit Euren Teilkirchen in den nächsten Jahren erhellen und Euch helfen, immer besser Euren schönen geistlichen und seelsorglichen Auftrag wahrzunehmen. So könnt Ihr mit Freude und Zuversicht Eure geschätzte und unverzichtbare Mitarbeit an der Sendung der universalen Kirche leisten. Ich bitte Euch weiterhin um Euer Gebet, dass ich mit Gottes Hilfe meinen Petrusdienst ausüben kann, und ebenso empfehle ich Euch der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Apostel Petrus und Paulus sowie der Seligen und Heiligen Eures Landes. Von Herzen erteile ich Euch und den Gläubigen Eurer Diözesen den Apostolischen Segen.

15.11.2015:
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade…

Gedanken zum Volkstrauertag von Pfarrer Ulrich Lindl

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: In jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. (Mk 13, 24-26)

Eigentlich müssten wir jetzt unruhig geworden sein. Es geht zu Ende! Und da wird zunächst kein Happy End vermittelt, da erleben wir ein richtiges Untergangsszenario. Am Ende der Zeit…

Die ersten Christen haben diese Worte nicht nur gehört, sondern selbst erlebt, ja durchlitten. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahre 70 kommen dem Evangelium schon recht nahe. Und die grausamen Verfolgungen der frühen Christen stehen noch bevor… Lasst uns durchhalten, bis der Herr wiederkommt. Das war die Devise und darum haben die Christen damals intensiv gebetet: Dein Reich komme! Und: Maranatha! – Herr, komm! Komm bald!

Dunkle Wolken an einem gottlosen Himmel
Den Tag des Herrn haben viele Christen -2000 Jahre danach- längst auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Wer rechnet denn heute noch ernsthaft damit, dass der Herr wiederkommt, wir seine Wiederkunft vielleicht sogar noch selbst erleben? Da beten wir lieber brav weiter: dein Reich komme, damit es noch ein wenig auf sich warten lässt. Und leben munter weiter drauf los….

Dabei sind im Laufe der Geschichte genügend dunkle Wolken aufgezogen, die daran erinnern, dass wir Gott am Ende brauchen. Wenn Gott den Menschen abhanden gekommen ist, dann bleibt nur noch der Mensch übrig. Und dann wird des so richtig gefährlich. Machthaber, Ideologien und Diktatoren sind ja auch Menschen – aber Menschen ohne Gott. Menschen wie Stalin oder Hitler brauchten keinen Gott, wozu auch. Und hatte nicht auch die Französische Revolution zuerst das Christentum abgeschafft, den Sonntag mit allen christlichen Feste und dann Menschen zu Hauf ermordet? Zuerst den Adel, dann die Klerus und am Ende sich selbst? „Die Revolution frisst ihre Kinder.“

Ohne Gott verliert der Mensch an Größe, gelangt in Niederungen und nicht selten tun sich dann auch Abgründe auf. Gott ist der einzig wirkliche Garant einer „höheren Gerechtigkeit“ und die brauchen wir Menschen, wenn es mit uns gut gehen soll.

Ohne Gott, ohne seine höhere Gerechtigkeit, wird’s oft gefährlich: Der Wahrheit wird nicht mehr das Wort geredet, sondern der Lüge. Im Krieg ist immer die Wahrheit das erste Opfer. Und die Propaganda führt Regie.

Die Ungerechtigkeit kann aber auch ganz spürbar Hunger und Not hervorrufen. Die Weimarer Republik war politisch instabil aber auch gezeichnet von hoher Arbeitslosigkeit und sozialem Unfrieden. Am Ende war die soziale Ungerechtigkeit und die Verelendung der Masse der Wurzelgrund für nationalsozialistisches, fremdenfeindliches Gedankengut.

Und woher kommt der Friede?
Am Ende nicht von Menschen. Im maoistischen China hat man versucht den Frieden auf Erden ohne Gott zu begründen und mitten in Peking einen Platz des Himmlischen Friedens errichtet. Der verwandelte sich 1989 in einen Vorhof der Hölle, als das kommunistische Regime einen friedlich demonstrierende Studenten mit Panzern niederwalzte.

Den Frieden auf Erden gibt es nicht ohne das Zutun des Himmels. Das ist auch die Ansage der Menschwerdung Gottes an Weihnachten. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Mensch seiner Gnade.“ Wir spüren, dass beides zusammenkommen muss: Die Ehrfurcht vor einem, der größer ist, den wir darum als Gott anerkennen; und die Verantwortung gegenüber dem Menschen. Die Väter des Grundgesetzes haben dies zutiefst erkannt. Auf den Trümmern des 1000-jährigen Reiches hat sich das deutsche Volk in Verantwortung vor Gott und den Menschen ein neues Grundgesetz gegeben.

Der Friedensbotschafter des Himmels für unsere Welt ist Jesus Christus. Er hat den Frieden gebracht, „er ist unser Friede“ (Eph 2,14). Wenn es nach Jesus geht, geht es immer um den Frieden. Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Friede ist der Weg. Wenn im Namen des Christentums in vergangenen Jahrhunderten Unrecht und Krieg verübt wurde, dann weil es nicht nach Jesus Christus gegangen ist, sondern um die eigenen Interessen, das eigene Geschäft.

Worum es Jesus Christus ging und immer gehen wird: Die Wahrheit, die uns frei macht. Jesus verspricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) Und wirklich: Jesus sagt uns immer die Wahrheit. Seine Wahrheit macht uns frei. Und es geht Jesus um die Gerechtigkeit. Und eine höhere – eine ausgleichende- Gerechtigkeit, die in den Seligpreisungen so klar zum Ausdruck kommt.

Meinen Frieden gebe ich euch!
Deshalb ist es kein Zufall, dass die Botschaft am Anfang seiner Mission steht: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade! Und am Ende seiner Friedensmission legt Jesus seinen Frieden in unsere Hände: „Frieden hinterlasse ich euch – meinen Frieden gebe ich euch.“ (Joh 14, 27) Nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, es ist sein Friede!

Damit ist der Friede Gabe und Aufgabe zugleich. Und es wird klar, wann und wo und mit wem der Friede immer wieder anfängt: immer hier und jetzt mit mir. Weil das so ist, und weil es genau darum geht: den Frieden im Kleinen zu dienen, damit er im Großen und Ganzen spürbarer wird, hat Jesus ganz konkrete Vorschläge gemacht. Jesus war ja kein Stratege, kein Friedensforscher, sondern im besten Sinn ein Praktiker. Darum macht er es auch hier konkret, was dem Frieden dient. „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.“ (Mt 5,39) Nicht Gewalt und Gegengewalt – das treibt die Gewaltspirale nur noch weiter nach oben. Jesus setzt auf Deeskalation durch den unbedingten Willen zum Frieden. Und wie die Gegenseite reagiert, wenn wir tatsächlich den Vorschlag Jesu befolgen und die andere Wange hinhalten…? Ob da der andere nochmals zuschlägt und wenn ja, wem es dann letztendlich weh tut? Und dann ist da der Wille zur Vergebung, die Vergebungsbereitschaft. Sei bereit zu vergeben! Nicht 7 mal, sondern 77 mal. (Mt 18, 21)

Und doch wissen wir, dass Jesus Recht hat: die Welt wird am Ende ihren Frieden nicht aus sich heraus finden können. Bei allem guten Willen werden auch wir es aus eigener Kraft nicht schaffen, die kleine Welt, in der wir leben, zu befrieden. Darum klingt das Bekenntnis von Bernhard Meuser so offen und ehrlich. Und am Ende sogar verheißungsvoll:

„Ich bekenne, Herr, ein Urheber von Krieg zu sein.
Ich bekenne die kleinen Kriege meiner Ehe.
Ich bekenne die Revierkämpfe an meinem Arbeitsplatz.
Ich bekenne die Waffen in meiner Hand.
Ich bekenne mein friedloses Herz.
Ich kapituliere vor mir.
Ich bitte um Frieden, und stelle keine Bedingungen
Ich bitte dich, Gott, um etwas,
das ich aus eigener Kraft nicht schaffe:
eine Quelle des Friedens zu sein im Kreis meiner Welt.“

Das Szenario des Evangeliums bliebt deshalb so aktuell, weil es –leider Gottes- so realistisch ist. Damit verbindet sich aber umso mehr die Hoffnung, dass Gott in Jesus Christus den Willen zu Vollendung hat. Denn darum hat Jesus den Frieden auf die Erde gebracht, damit die Welt am Ende ihren Frieden findet in Gott. Insofern folgt nach einem Szenario des Untergangs umso größer die Vollendung. Und dazwischen…? Sind alle selig zu preisen, „die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ (Mt 5,9)

15.11.2015:
Die Frage der Sterbehilfe wird weithin diskutiert. Welche Position vertritt eigentlich die Katholische Kirche zu einem menschen- und christenwürdigen Sterben zwischen Leben und Tod. Fragen, die Realschüler aus Mittelschwaben an Pfarrer Dr. Ulrich Lindl gestellt haben. Hier seine Antworten:

Was ist Ihre persönliche Ansicht zur Sterbehilfe? Befürworten Sie diese oder lehnen Sie sie komplett
ab?

Was ist der Mensch? Was ist das Leben? Kein Zufall. Der Mensch kann sich auch selbst nicht machen. Mein Leben habe ich nicht selbst gemacht. Alle Religionen denken daher über das Leben nach und über den Menschen hinaus. Christen glauben, dass alles Leben seinen Ursprung in Gott hat. Auch und gerade der Mensch –mit Leib und Seele. Gott ist ein Freund des Lebens.

Weil der Mensch sich das Leben selbst nicht geben kann, darf der Mensch sich das Leben auch selbst nicht nehmen. Der Mensch gehört nicht sich selbst. Natürlich kommt es immer wieder zu tragischen Situationen, in denen Menschen sich selbst das Leben nehmen. Grund dafür ist zumeist eine tiefe Verzweiflung. Offenbar haben sie nicht zur rechten Zeit die richtige Hilfe bekommen. Denn kein Mensch entschließt sich leichtfertig dazu, seinem Leben ein Ende zu setzen. Die Kirche setzt also beim Thema Sterbehilfe bewusst bei der Hilfe an. Sterben ist eine wichtige Lebensphase. Vielleicht sogar die wichtigste. Denn die verbleibende letzte Lebenszeit ist ja nicht nur ein wichtiger Abschied sondern auch eine wichtige Vorbereitung. Christen sehen sich am Ende des Lebens ja am Beginn eines neuen Anfangs. Und der Weg dorthin geht durch den Tod zum Über-Leben. Gewissermaßen ist das die einzige und eigentliche Weltreise, auf die sich der Mensch gut vorbereiten sollte. „Augen zu und durch“ scheint mir hier fehl am Platz.

Freilich haben viele Menschen Angst vor dem Sterben. Entweder, weil sie Angst haben vor Schmerzen oder befürchten allein gelassen zu werden. Die Palliativmedizin hat in den letzten Jahren, gerade auch was die Schmerztherapie anbelangt, sehr große Fortschritte gemacht. Das ist begrüßenswert. Neben dem medizinischen Fortschritt ist aber vor allem auch die menschliche Begleitung wichtig, Menschen, die da sind und mitgehen. In einer Zeit, da Mehrgenerationenfamilien seltener werden, brauchen wir umso mehr Menschen, die kompetent und mit menschlichem Einfühlungsvermögen Sterbende begleiten und so helfen, dass die Sterbezeit eine echte Lebenszeit wird. Loslassen in Liebe, darum geht es. Dabei helfen gerade in unseren Pfarrgemeinden sehr viele Ehrenamtliche mit: In Besuchsdiensten vor Ort oder in christlichen Hospizdiensten, die entweder ambulant oder stationärer ihre Hilfe anbieten und allseits sehr anerkannt sind.

Christliche Sterbehilfe will also das Leben bis zu seinem Ende begleiten. Eine aktive Verkürzung des Lebens etwa durch Bereitstellung (Beihilfe zum Suizid) oder gar Verabreichung von medikamentösen Mitteln (Tötung auf Verlangen) lehnt die Kirche dagegen ab. Umgekehrt ist es auch nicht geboten, lebensverlängernde Maßnahmen einzuleiten, wenn dies vom sterbenden Patienten nicht gewünscht wird. Die schwere Lungenentzündung eines todkranken oder altersschwachen Menschen muss nicht mehr mit allen Mitteln der Medizin therapiert werden. Am Ende dürfen Menschen auch gehen dürfen.

Was ist die christliche Sichtweise über die Sterbehilfe? Ist es vor Gott vertretbar, einen Menschen sterben zu lassen?
Wir Menschen leben nicht ewig in dieser Welt. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis überhaupt. Im Angesicht der eigenen Sterblichkeit soll der Mensch die Augen seiner Seele öffnen, um zu erkennen, worauf es im Leben wirklich ankommt, was nicht vergänglich ist, sondern unvergänglich. Dabei wird eines klar: Alles Sichtbare vergeht. Nur das was unsichtbar ist, was man mit dem Herzen sieht, bleibt, weil es für die Ewigkeit gemacht ist. Auch hat das letzte Hemd bekanntlich keine Taschen. Darum nimmt der Mensch am Ende nur mit, was er hergegeben hat. Christlicher Glaube ermutigt dazu, dass wir uns nicht in diesem Leben so festmachen, Dass wir am Ende nicht mehr loslassen und gehen können. Manche Menschen tun sich am Ende wirklich sehr schwer loszulassen. Aber das Loslassen lernt man nicht erst in der Todesstunde. Loslassen sollten wir ein Leben lang einüben. Maurice Blondel hat darum gesagt: „Wenn der Tod kommt, sollen wir das Sterben nicht erst lernen müssen.“ Und auch das leichte Gepäck ist am Ende wichtig. Wie gesagt: Am Ende nehmen wir nur mit, was wir dagelassen haben. Das ist das Reisegepäck in die Ewigkeit. Und auch das ist wichtig: Unsere Heimat ist im Himmel, wie der Apostel Paulus einmal sagt. „Wir sind nur Gast auf Erden“, wie ein bekanntes Kirchenlied beginnt.

Vor Gott ist es nicht nur vertretbar, Menschen sterben zu lassen. Vielmehr ist der Tod die Voraussetzung, um den Weg zum Ewigen Leben zu finden. Durch den Tod zum (Über-) Leben. Für Christen ist Sterben damit der Beginn ihres Heimwegs zu Gott. Darum haben Christen schon immer auch um eine gute Sterbestunde gebetet, damit sie sich gut vorbereitet auf diesen Weg zu Gott machen können. Alles was dabei hilft ist ganz im Sinne christlicher Sterbehilfe. Sterbehilfe ist christlich verstanden immer Lebenshilfe.

Würden Sie die Sterbehilfe bei Ihnen selbst befürworten, wenn sie unheilbar krank wären und keine Chance auf Heilung hätten?
Wir alle werden einmal sterben Der Tod ist totsicher. Mit unserer Geburtsurkunde wird einmal unsere Sterbeurkunde ausgestellt. Fragt sich nur wann. Insofern sind wir alle unheilbar dem Tod geweiht. Menschlich gesehen ist das so. Und das müssen wir Menschen schon ernst nehmen. Aus der Sicht Gottes freilich, der ja viel weiter sieht, schaut alles ganz anders aus! Wir kommen von Gott, wir leben mit ihm und wir werden –so hofft Gott- auch den Weg zu ihm zurückfinden. Unser Leben in dieser Welt ist darum aus der Sicht Gottes nur eine kurze „Vorlaufphase“, das Eigentliche, das Leben in Fülle kommt noch. Natürlich hoffe auch ich, dass ich am Ende gut sterben kann. Das bedeutet gewiss, dass ich hoffe, nicht (all zu lange) leiden zu müssen. Wobei viele Menschen erfahren haben, dass eine Zeit des Leidens Menschen in ihrer Seele reifen lassen und zu einer tieferen Beziehung zu Gott und Jesus Christus hinführen kann.

Ich hoffe bewusst sterben zu können. „Umfallen und tot sein“ oder „einschlafen und nicht mehr aufwachen“, wie es sich so manche Zeitgenossen wünschen, wäre mir nicht so recht. Ich möchte mich schon bewusst die letzten Vorbereitungen für meine „Weltreise“ treffen. Und ich möchte Abschied nehmen von Menschen, die mir im Leben nahe standen und die mich über den Tod hinaus im Gebet begleiten. All das hoffe ich – und dafür lohnt es sich auch zu beten. Aber bekanntlich haben den Tod ja nicht in der Hand. Vielleicht ist das auch das Wichtigste, was wir uns Menschen im Angesicht des Todes einprägen sollten: Wir haben nicht alles in der Hand; und Gott bewahre uns davor, alles in den Griff bekommen zu wollen. Das geht nicht und das tut uns Menschen auch nicht gut.

So wahr das Leben ein Geschenk ist, so wahr bleibt der Tod ein Geheimnis. Das wir aber von zwei Seiten anschauen dürfen. Der große Theologe Romano Guardini hat es einmal so gesagt: „Der Tod ist die uns zugewandte Seite jenes großen Ganzen, dessen andere Seite Auferstehung heißt.“ Beim Tod geht’s also eigentlich ums Überleben.

08.11.2015:
Ein Opferstock voll Vertrauen
Gedanken zum Evangelium des 32. Sonntags (Mk 12,41-44) von Pfarrer Ulrich Lindl

In jener Zeit, als Jesus im Tempel dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein.

Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle Anderen. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Jesus am Opferstock
Das muss man sich mal vorstellen. Jesus sitzt gegenüber dem Opferkasten und schaut zu, wie die Tempelbesucher Geld in den Opferstock werfen. Aber damit nicht genug: Stellen Sie sich vor, heute ginge Jesus höchstpersönlich bei der Gabenbereitung mit dem Klingelbeutel durch die Reihen. Wie viel Opfergeld haben Sie eigentlich eingesteckt? Das tut man ja für gewöhnlich daheim –vor dem Kirchgang: Opfergeld mitnehmen. Den Geldbeutel kann man dann getrost zu Hause lassen.

Kirche und Geld, passt das eigentlich zusammen? Eigentlich ganz gut, wenn´s nicht ums Geld geht. Sondern um den Glauben. Und darum, dass Gott die Liebe ist und wir aus seiner Liebe leben. Neben der Liebe zu Gott hat uns Jesus auch die Liebe zu uns und unseren Nächsten aufgetragen als die Erfüllung des Gesetzes. Die Nächstenliebe darf man sich damit schon was kosten lassen… Die ersten Christen waren da überaus großzügig! Die Apostelgeschichte berichtet: „Alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.“ (Apg 2, 44) Sie richteten sich ganz offensichtlich nach einem denkbar einfachen Grundsatz: Was ich zu viel habe, kann ich denen geben, die zu wenig haben. Dann haben alle genug und keiner kommt zu kurz. Das ist übrigens auch das Teilungsprinzip des Heiligen Martin: Der hat ja bekanntlich nicht seinen ganzen Mantel, sondern nur einen Teil davon hergegeben. So hat am Ende keiner gefroren. Damit ist auch eine durchaus hilfreiche Frage verbunden: Was brauche ich eigentlich wirklich? Mit was kann ich mich zufrieden geben? Eine Frage, die den Menschen zufrieden(er) machen will. Und ist Zufriedenheit nicht ein hohes Gut?!

Wir wollen an dieser Stelle nicht über die Kirchensteuer diskutieren. Jene 8% der Lohn-und Einkommensteuer, die man ja wieder von der Steuer absetzen kann. Ein gutes Drittel der Katholiken ist überhaupt nur Kirchensteuerzahler. Dass die Besserverdiener mehr zahlen als die Schlechtverdiener, erscheint nur gerecht. Wer viel hat, der kann auch mehr geben. Und mit welcher Steuer würde umsichtiger und sinnvoller gewirtschaftet als eben mit dieser Steuer, die die Kirche erhebt. Ich jedenfalls zahle meine Kirchensteuer gern!

Eine gibt alles
Jesus also sitzt gegenüber dem Opferkasten. „Viele Reiche kamen und gaben viel.“ Darüber würde sich jeder Kirchenpfleger freuen. Jesus sieht das auch. Aber ihn interessiert das viele Geld nicht sonderlich. Wäre es ihm ums Geld gegangen, er hätte sich an die Reichen gehalten und Fundraising betrieben.

Jesus geht´s nicht ums Geld. Es geht ihm um mehr! Und darum interessiert  er sich für diese arme Witwe. Warum eigentlich? Mit den zwei kleinen Münzen kann man doch nichts finanzieren. Aber halt: waren die kleinen Münzen nicht das Letzte, was die arme Witwe hatte? Und wir merken, worum es Jesus geht: nicht um´s Geld, nicht um Reichtum, es geht ihm um die Armut, diese Armut, die eines ja notwendig macht: abgrundtiefes Gottvertrauen. Welches Vertrauen muss die arme Witwe in Gott haben, wenn sie in den Opferkasten das Letzte hineinwirft, freiwillig und ganz im Stillen – Jesus hat es gesehen. Und mit diesen beiden kleinen Münzen war der ganze Opferstock auf einmal randvoll gefüllt mit Gottvertrauen. Genau darum geht es Jesus: Dass wir Menschen Gott vertrauen. Darum preist er auch die selig, „die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich!“

Und was gehört dann am Ende den Reichen? Gehen die am Ende leer aus? Urteilen Sie selbst: Was kann man am Ende mit Geld schon bezahlen. Die Sterbeversicherung zahlt die Beerdigung und dann werden alle Konten aufgelöst.  Und auch wir selbst werden uns lösen müssen von allem – von unserem ganzen Leben. Spielt da Geld noch eine Rolle? Nicht wirklich. Schon der Psalmist spricht es deutlich aus: „Für das Leben ist jeder Kaufpreis zu hoch.“ (Ps 49, 9) Wir nehemnj am Ende nur mit, was wir hergegeben haben. Und die Einzige Währung, die im Himmel gilt ist das „Vergelt´s Gott!“

Aber am Ende müssen wir gar nicht bezahlen… Einer hat es schon längst für uns getan. Jesus Christus, der gekommen ist, „sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10, 45) Das ist das eigentliche Zukunftskapital unseres Lebens über den Tod hinaus. Haben wir Vertrauen!

Wie sehr Gottvertrauen trägt, hat uns Jesus selbst vorgelebt. Er hatte keine Konten, keine Rücklagen und auch keine Immobilien… nicht einmal einen Ort, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Aber er hatte Gott. Und ein tiefes Vertrauen zu ihm. Reicht das aus? Geht das gut? Jesus macht die „Probe aufs Exempel“ und sendet seine Jünger aus – mit nichts. Ihr Vertrauen werden sie damit ganz auf Gott setzen dürfen. Mit nichts hat er sie losgeschickt, ganz erfüllt kommen sie zurück! Und ich frage mich, ob eine ärmere Kirche vielleicht gar reicher wäre…? Jedenfalls waren die Zeiten, in denen die Kirche reich war, oft Zeiten ihrer Verweltlichung und damit ihrer geistlichen Verarmung. Die Armutsbewegungen dagegen haben die Kirche als Glaubensgemeinschaft neu aufbrechen lassen und vorangebracht und geistlich bereichert! Ist das nur die Vergangenheit der Kirche – oder vielleicht auch ihre Zukunft?

Gottvertrauen zählt
Aber fragen wir uns nur selbst: Wieviel Gottvertrauen habe ich selbst? Wieviel will ich selbst absichern…? Ich weiß nicht, wie viel Opfergeld sie mitgenommen haben. -Beim Pfarrer kommt der Klingelbeutel erst gar nicht vorbei… Und wenn wir ehrlich sind, der armen Witwe werden wir allesamt nicht das Wasser reichen können. Aber wir könnten doch versuchen, in unserem Leben mit Gott zu rechnen. Lassen wir ihm Spielräume des Vertrauens. Trauen wir uns, ihm bewusst das ein oder andere zu übergeben. Gott kann unser Vertrauen nur rechtfertigen, wenn wir unser Vertrauen auch auf ihn setzen. Es muss ja nicht unbedingt Geld sein. Wie gesagt: Jesus geht es nicht ums Geld, es geht ihm um unsere Vertrauen und dass wir daraus leben.

Wie heißt es so vielversprechend: „Gott kann alles – nur nicht die enttäuschen, die ihn lieben.“ Es käme immer wieder auf den Versuch an… Schließlich kann Gott nur das Vertrauen des Menschen rechtfertigen, wenn Menschen Vertrauen setzen in Gott.

01.11.2015:
Allerheiligen stellt in Frage
Gedanken zum Hochfest Allerheiligen von Pfarrer Ulrich Lindl

A bisserl was geht immer!
Was hab ich eigentlich noch vor? Man kann sich die Frage stellen jeden Tag, herauskommt meist Alltägliches: was muss ich einkaufen, welche Termine stehen im Kalender, was schau ich an im Fernsehen? Alltägliche Alltagsfragen. Manchmal stellt man aber doch weitergehende Fragen. Wenn wir einmal innehalten und aufs Große und Ganze unseres Lebens blicken. Etwa an „runden“ Geburtstagen. Wie viel Zeit –Lebenszeit- bleibt mir noch? Was kommt noch? Was geht noch?

Seid heilig!
Wissen Sie was an Allerheiligen einmal ganz gut tut? Wir werden in Frage gestellt. Mit unserem Leben. Spätestens dann, wenn wir an den Gräbern unserer Lieben stehen, die vor uns gelebt haben. Aber, wenn wir wollen: es erwartet uns auch eine Antwort. Die wir uns nicht selbst geben müssen, weil sie vom Himmel kommt. Den sieht man übrigens am besten aus dem Grab heraus…
Also: Was habe ich mit meinem Leben noch vor? Was soll aus mir am Ende eigentlich werden? Mit dieser Frage sind wir im Leben nie zu Ende. Bis zum letzten Atemzug.
Eines ist wichtig: Geben wir uns im Leben nicht mit zu wenig zufrieden. Unser Leben ist einmalig – kostbar. Was habe ich noch vor im Leben? Da muss mehr raus kommen als noch einmal nach Mallorca fahren. Da muss mehr rauskommen, weil Gott mit uns mehr vorhat.
Seine Antwort ist klar und deutlich: „Seid heilig, weil ich, euer Gott, heilig bin.“ So steht es im Buch Leviticus. Aber sind wir da nicht heillos überfordert? Heilige, sind das nicht „religiöse Überflieger“? Hoch erhaben in himmlischen Höhen?

Wie wird man heilig?
Wie wird man eigentlich heilig? Eines ist klar: aus eigener Kraft schaffen wir das nicht. Menschen, die aus eigener Kraft heilig werden – werden allenfalls scheinheilig. Nur einer kann uns heilig machen, weil er allein heilig ist: Gott. Und genau das will Gott auch! Heilig werden wir nur durch Gott und gemeinsam mit ihm. Davon waren die ersten Christen fest überzeugt. Sie nannten sich selbst Heilige. Genau deshalb, weil sie wussten, dass sie in der Begegnung mit Gott immer wieder geheiligt werden. Ein Ausdruck von gegenseitiger Würde, die uns Christen von Gott her zukommt.
Darum betet Jesus auch darum, dass wir mit dem Vater eins sind, so wie er und der Vater eins sind. (vgl. Joh 17,21) In dieser Gottverbundenheit sind und werden wir geheiligt. Und diese Einheit gelingt allein durch Liebe. Denn „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“
Genau das haben die Heiligen versucht: Gott zu lieben und diese Liebe in ihrem Leben umzusetzen. Irgendwann haben sie damit angefangen. Heilige sind ja nicht schon heilig auf die Welt gekommen. So manche waren als Heiden geboren. Der heilige Martin wurde ließ sich mit 15 taufen, Augustinus erst als erwachsener Mann, nachdem er schon vielerorts gesucht und dabei so manche Um- und Irrwege beschritten hatte. Übrigens hatte seine Mutter Monika fest für ihren Sohn gebetet. Und als Augustinus dem Bischof Ambrosius in Mailand begegnet, findet er endgültig zum Glauben und lässt sich taufen. Heilige sind oft in und durch die Begegnung mit glaubwürdigen Christen auf den Weg zur eigenen Heiligkeit gelangt. Auch die Jüdin Edith Stein war als junge Philosophin schon längst gott-los geworden bis sie unvermutet einer Witwe begegnet, die mit so großer Hoffnung trauert, dass sich Edith Stein selbst auf die Suche nach diesem Gott der Auferstehung macht.
„Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“, sagt Papst Benedikt XVI. Und ein Weg ist mein Weg. Alle Heiligen haben sich irgendwann einmal auf ihren Weg gemacht, ihren Zugang zu Gott gefunden und sind an das Ziel ihres Lebens gelangt. Bei aller Unterschiedlichkeit teilen sie eine „Welt-Anschauung“, die die Welt im Lichte Gottes sieht und mit Jesus Christus zu gestalten sucht, damit das Reich Gottes komme, wie wir im „Vater unser“ beten.

Die Welt-anschauung Gottes
Wer die Welt aus der Sicht Gottes in den Blick nimmt und im Geiste Christi zu gestalten versucht, findet sich irgendwann und irgendwo wieder in den Seligpreisungen, die wir an Allerheiligen vernehmen (vgl. Mt. 5, 3-12). Da werden selig gepriesen nicht die Reichen, die schon alles haben, sondern die arm sind vor Gott, von Ihm alles erwarten. Selig sind nicht die Spaßmacher, sondern die Trauernden, die Trost suchen, der neue Hoffnung schenkt. Auch nicht die Satten, die vor übervollen Kühlschränken in ihrer Seele verhungern, sondern die, die noch Hunger und Durst haben nach Mehr. Nicht die bei allem mitreden können, weil sie schon bei allem mitgemacht haben und darum mit allen Wassern gewaschen sind, sondern jene, die ein reines Herz haben: die werden Gott schauen. Nicht die Gnadenlosen, sondern die Barmherzigen, nicht die Machthaber, sondern die Friedenstifter.
Es ist diese so ganz andere Weltanschauung Gottes, die so vieles in einem anderen – im rechten Licht erscheinen lässt. Das können wir konkret im Leben aller Heiligen ablesen. Das reine Herz und die Armut vor Gott bei einem wie Franz von Assisi, die Barmherzigkeit bei Mutter Teresa oder den Willen zum Frieden bei Johannes-Paul II. Oder bei den vielen unbekannten, verborgenen Heiligen, um deren Glauben niemand weiß als Gott. Oder ob wir es sind? Die wir geheiligt sind in der Taufe. Christen, nicht nur dem Namen nach, sondern geheiligt im Geist und in der Wahrheit. Es liegt an uns, ob wir die Einladung Gottes annehmen:
„Seid heilig, weil ich, euer Gott, heilig bin.“
Gott ist auf der Suche!

Zum Nachdenken

gesucht

menschen
die gerade sind
krumme gibt es schon

menschen
die sich erbarmen
die wegschauen
gibt es schon

menschen
die mauern opfern
maueropfer
gibt es schon

menschen
die ums tägliche Brot bitten
die es sich täglich nehmen
gibt es schon

menschen
die ihr leben ins spiel bringen
die mit dem leben anderer spielen
gibt es schon

menschen
die aufstehen gegen gewalt
die auf gewalt stehen
gibt es schon
menschen
die einander aufrichten
die einander richten
gibt schon

menschen
die den mut haben zu dienen
herren
gibt es schon

menschen die für den frieden leben
die für kriege sterben
gibt es schon

menschen
die neu anfangen
die fertig sind
gibt es schon

gibt es
schon genug

Peter Fuchs-Ott

29.10.2015:
Von wegen Familie…
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl zum Gottesdienst mit der Kolpingfamilie am 29.10.2015 in Biberbach

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“ Das ist eine klare Ansage und deckt sich mit unserer Erfahrung. Wir sind als Menschen ausgerichtet auf ein Leben in Gemeinschaft. Schon im Schöpfungsbericht ist darum klar ausgesprochen, was Jesus ausdrücklich wiederholen wird: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein.“ (Mt 19, 5)
Selbst Menschen die willentlich allein leben, Einsiedler, tun dies im Blick auf eine höhere geistliche Gemeinschaft mit Gott. Einsamkeit um einer höheren Zweisamkeit willen, die zutiefst erfüllt.

Dass eine Gemeinschaft von Mann und Frau zur Ehe führt, ist nicht Konvention und auch nicht Folge soziokultureller Prägung. Die Gemeinschaft von Mann und Frau ist gottgewollt. Denn die Schöpfungsordnung ist Gottes Ordnung für die Welt, die seine Schöpfung ist. Und ist es nicht so: Gegensätze ziehen sich an, ergänzen sich. Das wird im Zueinander und Miteinander von Mann und Frau leib- geist- seelisch spürbar. „Wenn ich dich nicht hätte!“ Was für ein Stoßseufzer geglückter Partnerschaft…

Im Innersten ist die Gemeinschaft von Mann und Frau dazu berufen, fruchtbar zu werden, Leben weiter zu geben. Gemäß dem göttlichen Grundsatz: Leben schenkt Liebe und Liebe schenkt Leben. Denn: „Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4,8).

Damit wird die Gemeinschaft von Mann und Frau als Keimzelle des Lebens zur Familie. Das bedeutet Würde und Verantwortung zugleich. Vor allem aber ist und bleibt es ein tiefes Geheimnis der Liebe. Freilich gibt es kein Anrecht von Paaren auf Kinder. Kinder macht man nicht. Wie man auch Liebe nicht macht. Kinder sind ein Geschenk. Ein Geschenk des Himmels. Und Ausdruck Gottes, der den Glauben an den Menschen nicht verloren hat.

Es gibt kein Recht auf Kinder. Aber es gibt ein Recht der Kinder auf Eltern. Das macht den Unterschied. Und es ist von Gott her gut gedacht, dass ein Kind beides hat: Vater und Mutter. Mein Papa war anders als meine Mama. Und ich bin beiden dankbar dafür. Zwei Männer können keine Mutter ersetzen. Mutterliebe fühlt sich eben anders an als Vaterliebe. Darum wollte Gott neben der Liebe Mariens nicht auf die Fürsorge eines Josephs für seinen Sohn verzichten.

Wir alle sind In Familien groß geworden. Und haben dabei eines gelernt: Die ideale Familie gibt es nicht. Gott sei Dank. Damit wird die Familie zu einem wichtigen Lernort: Vertrauen und Zutrauen, Solidarität, Zusammenhalt, Konfliktbewältigung… all das und noch viel mehr lernen wir Menschen nicht theoretisch in der Schule, sondern ganz lebenspraktisch von klein auf in der Familie. Aber, ob das auch in Zukunft so bleiben wird?

Unser Land steht an der Spitze, zumindest was Wohlstand, Sicherheit und Zukunftschancen anbelangt. Unter 200 Nationen belegen wir den stolzen 5. Rang. Was Kinder anbelangt sind wir dagegen bei allem materiellen Reichtum ganz arm geworden. Das kinderärmste Land. Unter 200 Nationen stehen wir an letzter, der 200. Stelle. Ein trauriger „Rekord“. Der nicht ohne Folgen bleiben wird.

Wenn Familien uns nicht mehr tragen, wird auch unsere Gesellschaft brüchig. Wer sollte denn allen Ernstes die Familie nachhaltig ersetzen können? Der Saat kann es jedenfalls – auch mit viel Geld- nicht. Und es sind und bleiben Notlösungen, wenn Kinder in anderen Händen groß werden und die Alten und Kranken von anderen Händen gepflegt werden.

Aber auch für unseren Glauben ist Familie wichtig. Christsein setzt bekanntlich immer Menschsein voraus. Menschen die einen Zugang zum Leben gefunden haben, finden auch leichter einen Zugang zum Glauben. Christsein ist entwickeltes Menschsein. Und Menschsein entwickelt sich zunächst vor allem in Familien.

Ja noch mehr: unser christlicher Glaube ist zutiefst Familien-Religion. Gott ist keine abstrakte Größe. Wir haben einen Vater im Himmel. Jesus nennt seinen Vater auch unseren. Damit werden wir mit ihm und untereinander zu Brüder und Schwestern. Durch die Taufe sind wir verwandt – eine Familie der Kinder Gottes. Wasser ist dicker als Blut! Wie sehr wir in diesem Geist verbunden sind, unterstreicht Jesus im Angesicht seiner Mutter vor versammelter Verwandtschaft: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk. 3,35)

Diese geistliche Verwandtschaft dürfen wir immer wieder spüren, wenn wir miteinander den Glauben teilen. Und auch dazu brauchen wir uns alle. Wir ergänzen und bereichern uns. Darum stand im Mittelpunkt der Familien-Synode – wie könnte es auch anders sein – die Familie! Auch wenn die Medien ganz andere Themen in den Vordergrund gerückt haben. Bei allem Respekt vor der Entscheidung einzelner für „alternative“ Lebensformen. Und bei aller Sorge um die gewissenhafte Prüfung einer Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten im Einzelfall…. Es ging es vor allem darum, Familien den Rücken zu stärken. Welche Leitlinien der Papst aus dieser beratenden Synode ableitet, will abgewartet sein. Sicher ist schon jetzt: Auf die Familie müssen wir uns auch in Zukunft verlassen können: im Leben und auch im Glauben.

Adolph Kolping wusste darum. Dass wir in „Familien“ denken und leben lernen müssen. Darum leben wir den Geist des seligen Adolph Kolping auch in Kolpingfamilien. generationsverbunden, „menschenübergreifend“ im Glauben. „Ein Christ ist kein Christ“ heißt es auf den Punkt gebracht. Oder wie Jesus es positiv wendet: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt. 18,20)

Schauen wir auf unsere Familien. In unserer Gesellschaft in unseren Gemeinden, schauen wir auf unsere Kolpingfamilie in Biberbach. Alle miteinander – und füreinander: Treu Kolping – Kolping treu!

18.10.2015:
Kirchweih – Weltkirche im Dorf
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl zum Begegnungstag mit Flüchtlingen und Helferkreisen in Biberbach am Kirchweih-Sonntag

Wir feiern Kirchweih. Ein Fest mit Tradition –zumindest bei uns in Bayern-
Blasmusik in der Kirche. Die Gans im Rohr. Und die Kirche im Dorf. Das war schon immer so. Und so soll es Bitteschön auch immer bleiben. Nichts gegen Blasmusik, Gänse und die Kirche im Dorf. Dass wir uns da nicht falsch verstehen…
Aber an diesem Sonntag hat der Kirchweihgottesdienst etwas anders angefangen: Rhythmische Trommeln zum Einzug. Aus Afrika in Biberbach! Ein Auftakt der etwas anderen Art! Das klingt anders, passt aber wunderbar zu Kirchweih!
An Kirchweih feiern wir unsere Kirche im Dorf und spüren alle, dass die Kirche auch im Dorf bleiben soll… Das wird sie, wenn das Dorf, der Markt in der Kirche bleibt… Aber die Kirche ist mehr als nur im Dorf. Katholische Kirche ist Weltkirche.
Das hat mich schon immer fasziniert: Dass wir keine eingeschworene Gemeinschaft sind, kein Verein, kein Grüppchen. Wir bleiben nicht unter uns. In der ganzen Welt haben wir Brüder und Schwestern, in allen Sprachen und Nationen. Ist das nicht großartig! Und wir gehören dazu. Wir gehören zusammen. Wenn das nicht ein Grund zum Feiern ist!
Ein Gott ein Glaube in der einen Welt. Das hat was! Das verpflichtet aber auch: Dass wir über den Kirchturm hinausschauen. Keine Kirchturmpolitik, sondern Übernahme von Verantwortung für die eine Welt.

Willkommenskultur
Ein Wort ist in den letzten Wochen immer wieder angeklungen: Willkommenskultur. Offenbar scheint es daran noch gefehlt zu haben. Aber ist es nicht irgendwie ganz selbstverständlich, dass wir Menschen nach einer gefährlichen und entbehrungsreichen Flucht erstmal gut aufnehmen und versorgen? Ganz unabhängig, wer von ihnen bleiben kann, darf und auch will.
Willkommenskultur war für Jesus nie eine Frage. Er hat sie gelebt, wie kein anderer. Obwohl er selbst keinen Ort hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte, lädt er alle ein: „Kommt alle zu mir die ihr mühselig und beladen, ich will euch Ruhe verschaffen.“
Das ist sein Wort und dann ist da sein Blick! Dem Herrgöttle in Biberbach sieht jeder auf den ersten Blick an: „Komm, bei mir bist Du willkommen.“ Da ist keine Abwehrhaltung. Jesus macht nicht dicht. Er ist ganz und gar offen. Und: Jesus ist barmherzig. Auch das sind Worte aus seinem Mund: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ 
Diesen Aufruf macht er im Evangelium dann auch ganz konkret: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.“ Das war schon immer ein Ieibliches Werk der Barmherzigkeit. Und die Aufnahme von Obdachlosen und Flüchtlingen ein Dienst der Nächstenliebe und zugleich ein Gottesdienst, denn „was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ 
Vielen in unserem Land geht das Schicksal der Flüchtlinge nahe. Immer wieder werde ich gefragt: Was können wir tun? Und viele tun schon viel. 200.000 Ehrenamtliche Helfer aus christlichen Gemeinden –so die Schätzung- setzen sich in den zahlreichen Helferkreisen vor Ort ein. Danke.
Und doch bleibt die Frage: Was können wir noch tun? Worauf kommt es jetzt an? Gewiss auf die Bereitstellung von Unterkünften. Hier trägt die Kirche schon eine Menge bei. Gastfreundschaft freilich ist nicht zuerst eine Haltung von kirchlichen Einrichtungen, sondern vor allem eine Haltung von Mensch zu Mensch. Darum ist gerade die Hilfe von Mensch zu Mensch die eigentliche Aufgabe für uns Christen. Flüchtlingen das Gefühl zu geben, dass Sie auf der Flucht zwar ihre Heimat aber nicht ihre Würde verloren haben.

Und dann ist ein Blickwechsel angesagt 
Denn die Menschen, die bei uns ankommen, mussten ja zuerst aufbrechen. Ihre Heimat verlassen in eine ungewisse Zukunft. Viele riskieren ihr Leben, weil sie keine andere Aussicht haben. Wie viele sind schon umgekommen. Wer tut so was und warum? Jeder will doch in der Heimat bleiben. Die Heimat verlassen Menschen doch nur Not-gedrungen.
Darum brauchen wir ganz bewusst auch einen Blickwechsel. Wir müssen in die Herkunftsländer schauen und nach den Ursachen fahnden.
Denn Flüchtlingsströme sind eigentlich gewaltige Fieberschübe. Die zeigen, da ist was krank! Übrigens: zwei Drittel der 60 Millonen Flüchtlinge weltweit sind Binnenflüchtlinge. Diese Flüchtlingsströme haben lange nur wenige interessiert, solange sie in ihren Ländern blieben. Aber nun sind die Flüchtlingsströme ausgebrochen.
Bruder Hans-Dieter Ritterbecks hat über Jahrzehnte als Combonimissionar im Südsudan gearbeitet. Dieser jüngste Staat hat vor 3 Jahren so hoffnungsvoll begonnen. Mittlerweile sind aber dunkle Wolken der Gewalt und einer drohenden Hungerkatastrophe aufgezogen. 2 Millionen Menschen sind bereits auf der Flucht im eigenen Land.
Was können wir tun, dass Menschen in ihrer Heimat bleiben?
Was können wir tun, dass Menschen möglichst bald wieder in ihre Heimat zurückkehren können? Denn das wollen viele.
Auch darum geht es in der Flüchtlingsdebatte. Die Aktion Blickwechsel der des Weltkirche-Referates der Diözese Augsburg wird in den nächsten Monaten auch darauf den Blick lenken. Zusammen mit unseren Missionarinnen und Missionaren, die überall auf der Welt die Bedingungen vor Ort mitgestalten, dass ein Bleiben möglich ist.

11.10.2015:
„Bleiben Sie engagiert!“
Wort der deutschen Bischöfe zur Hilfe für die Flüchtlinge

Krieg und Gewalt haben die Zahl der Flüchtlinge und Asylsuchenden in ungeahnte
Höhen getrieben. Besonders die Bürgerkriege in Syrien und im Irak, aber auch
Schreckensregime und Verfolgung in Afrika entwurzeln Millionen Menschen. Sie
suchen Schutz in den Nachbarländern oder machen sich auf den gefahrvollen Weg
nach Europa. Hunderttausende hoffen, in unserem Land Zuflucht zu finden.

„Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“. Das Wort aus dem
Matthäus-Evangelium sagt, was von uns Christen gefordert ist: Was ihr für die
geringsten unter meinen Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan
(vgl. Mt 25,35.40). In den vielen verzweifelten Menschen erkennen wir unseren Herrn
Jesus Christus.

Die aktuelle Krise hat in Deutschland ein großes Maß an Solidarität, Hilfsbereitschaft
und Mitgefühl geweckt. Der Einsatz der staatlichen Stellen, von Unternehmen,
Gruppen der Zivilgesellschaft und vielen Einzelpersonen verdient hohe
Anerkennung. Im Geist der Nächstenliebe haben auch unzählige Christen die
Herausforderung der Stunde angenommen. Die Zahl ehrenamtlicher Helfer in den
Kirchen wird auf 200.000 Personen geschätzt. Sie mühen sich um die
Erstversorgung der hier ankommenden Flüchtlinge. Sie begleiten ihre ersten Schritte
in der neuen Umgebung, kümmern sich um die Unterbringung und helfen beim
Erlernen der deutschen Sprache. Vor allem die persönliche Begegnung ist von
hohem Wert; sie gibt Menschen das Gefühl, nicht nur versorgt, sondern
angenommen zu werden.

Die Kirche in unserem Land ist engagiert um Hilfe bemüht. Wir sind dankbar für den
haupt- und ehrenamtlichen Dienst der Caritas, der Kirchengemeinden,
Ordensgemeinschaften und vieler anderer, die den Bedürftigen in ihren materiellen
und seelischen Nöten mit Rat und Tat beistehen. Durch Sonderfonds der Bistümer
werden viele Flüchtlinge rasch und unkompliziert unterstützt. Viele Flüchtlinge finden
in kirchlichen Häusern eine erste Bleibe. Gemeinsam mit Papst Franziskus
appellieren wir an alle kirchlichen Einrichtungen und auch an alle Katholiken,
weiteren Wohnraum zur Verfügung zu stellen.
Manche zweifeln, ob unser Land die vor uns liegenden Aufgaben meistern kann. Sie
sind besorgt angesichts der sozialen Probleme, die auf uns zukommen. Auch
fürchten nicht wenige um die kulturelle Prägung Deutschlands angesichts der großen
Zahl von Zuwandernden, die einer anderen Religion und Kultur angehören. Aber wie
steht es um die Wertegrundlagen unserer christlich geformten Zivilisation, wenn wir
Hartherzigkeit an die Stelle von Erbarmen setzen und Abschottung an die Stelle von
Gastfreundschaft, wie steht es um unsere christliche Identität, wenn wir Menschen an
den Außengrenzen der Europäischen Union ertrinken lassen? Politische und
wirtschaftliche Überlegungen haben ihre Bedeutung. Aber sie dürfen uns nicht davon
abhalten, dem Gebot der Nächstenliebe zu folgen.

In den kommenden Jahren stehen unserem Land und Europa große
Herausforderungen bevor. Manche Flüchtlinge mögen in die Heimat zurückgehen
können, aber einiges deutet darauf hin, dass für viele der Rückweg auf absehbare
Zeit verschlossen bleibt. Die Ankunft von noch mehr Flüchtlingen scheint
unausweichlich. So kann der gesellschaftliche Frieden bei uns nur gesichert werden,
wenn Deutschland seine Kultur der Integration weiterentwickelt. Bildungs- und
Berufsperspektiven müssen geschaffen werden. Und wir alle sind zu Miteinander und
Wertschätzung aufgerufen. Dazu gehört auf Seiten der ansässigen Bevölkerung die
Bereitschaft, sich den Fremden gegenüber zu öffnen. Die Zuwanderer sind ihrerseits
gehalten, Recht und Kultur ihrer vorübergehenden oder dauerhaften neuen Heimat
anzuerkennen und sich auf das Gemeinwohl unserer Gesellschaft zu verpflichten.
Gerade der alltägliche Umgang mit den Flüchtlingen kann Entscheidendes zu einer
zügigen und möglichst konfliktfreien Integration beitragen.

Dabei dürfen die berechtigten Interessen der Bürger in Deutschland nicht vergessen
werden. Nur eine Politik und eine gesellschaftliche Praxis, die sich am Prinzip der
sozialen Gerechtigkeit orientieren, können den gesellschaftlichen Zusammenhalt
sichern.

Mit Sorge beobachten wir, dass Flüchtlinge an manchen Orten Hass und sogar
Gewalt erleben müssen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind für Christen
unannehmbar. Denn unabhängig von seiner Herkunft ist jeder Mensch nach dem
Ebenbild Gottes geschaffen. Dies gehört zur Mitte unseres Glaubens. Deshalb
verwirft die Kirche, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, jede Diskriminierung
eines Menschen um seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion willen, weil dies dem
Geist Christi widerspricht (vgl. Nostra Aetate 5). Wer Flüchtlingen und Migranten mit
Hass begegnet, der tritt Christus selbst mit Hass entgegen.

Wir erinnern besonders auch an die christlichen Flüchtlinge, die im Nahen und
Mittleren Osten oft dramatische Verfolgung erleiden. Sie verdienen unsere
besondere Solidarität und Zuwendung. Wir ermutigen die Gemeinden, unsere
Glaubensgeschwister in die Arme zu schließen und ihnen einen herzlichen Empfang
zu bereiten. Ihr Platz ist mitten unter uns.

Die Ereignisse dieser Monate erinnern uns einmal mehr an die tiefgreifende
Verflochtenheit der ganzen Menschheitsfamilie. Nur wenn überall auf der Welt
menschenwürdige Lebensverhältnisse entstehen, müssen Menschen nicht ihre
Heimat verlassen. Die Staaten sind hier gefordert, aber auch wir Bürger. Die
Botschaft vom Reich Gottes ermutigt, uns für eine bessere Welt einzusetzen.

Allen, die helfen, sagen wir unseren herzlichen Dank. Jede Form der Unterstützung
ist wertvoll und kostbar. Dazu zählt auch das Gebet. Wir bitten Sie: Bleiben Sie
engagiert, lassen Sie sich von Hindernissen und Schwierigkeiten nicht entmutigen!

Fulda, den 23.09.2015

Für das Bistum Augsburg

Dr. Konrad Zdarsa
Bischofs von Augsburg

04.10.2015:
Staunen und fragen! oder: Wer denkt, der dankt!
Ein Gedanke zum Ernte-Dank-Sonntag von Pfr. Ulrich Lindl

„Was, wieso, warum? – Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ Irgendwie hat die Sesamstraße schon Recht. Und das Fragen kann man von Kindern bestens lernen: Fragen und immer wieder Fragen zu stellen. Kinder wollen´s wissen. Vielleicht hat Jesus auch darum uns Erwachsene angehalten, wie Kinder zu werden, denn ihnen gehört das Himmelreich! Erwachsene haben da oft schon weniger Fragen, manche sind sich selbst schon zur Antwort geworden. Schade. Irgendwie bringen uns Fragen doch weiter. Und der schönste Grund Fragen zu stellen ist das Staunen. Auch das können Kinder noch aus ganzem Herzen: staunen. Ein einfacher Spaziergang kann da zu einer wahren Entdeckungsreise werden!
„Woher kommt das alles? Wer hat das alles gemacht?“
Von nichts kommt bekanntlich nichts! Woher kommt dann alles? Mit der Hypothese vom Urknall kann man den Kindern nicht kommen. Das glaubt Ihnen kein Kind. Und mit dem Prinzip des Zufalls? Der Zufall erklärt nichts. Er stellt nur noch mehr in Frage. Nehmen Sie die Partitur von Mozarts 1. Symphonie. Schütteln sie die Partitur so lange bis alle Noten herausgefallen sind. Und dann kehren Sie den Notenhaufen wieder zusammen, schütten ihn wieder in die leeren Notenblätter und – nach dem Zufallsprinzip – müsste jetzt wieder Mozarts 1. Symphonie in der Partitur stehen… Kaum zu glauben? Richtig! Sinnvoller ist es, hinter der Symphonie nach dem Komponisten zu fragen und in Mozart einem genialen Künstler zu begegnen, der diese Symphonie mit 7 Jahren geschaffen hat. Kaum zu glauben, aber wahr!

Der Schöpfer der Schöpfung
Wie viel größer ist dagegen das Werk der Schöpfung. Und ich mag gerne glauben, dass sie nicht von ungefähr kommt, sondern sich einer unerschöpflich schöpferischen Kraft verdankt, die ich Gott nenne.
Der Schöpfungsbericht, mit dem die Bibel ihren Anfang nimmt, ist weit mehr als ein naturwissenschaftlicher Bericht. In großen Bildern wird das große Ganze in den Blick genommen.
In sieben Tagen erschaffen – eine göttliche Zahl der Vollkommenheit. Die Schöpfung war von Gott her gelungen, innerlich in Ordnung. Gott sah, dass es sehr gut war! Und auch der Ablauf der Schöpfung erscheint folgerichtig: aus der Dunkelheit zum Licht, zu den Grundelementen: Luft – Erde – Wasser. Die Pflanzen, niedere Lebewesen, die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels. Bis hinauf zu den Säugetieren entfaltet sich ein göttliches Schöpfungsprogramm und gewinnt Schritt für Schritt an Vielfalt und Fülle. Eine Evolution des Lebens nach einem göttlichen Plan, einer „genialen Software“.
Im Überschwang sehen wir Formen und Farben, die verschiedensten Ausdrucksformen des Lebens, in Pflanzen und Tieren. Schöpfung ist göttliche Harmonie und Phantasie zugleich. Spätestens hier lohnt es sich nach dem zu fragen, der dahinter steht. Wie in einer Gemäldegalerie im Anblick eines großen Gemäldes die Frage nach dem Maler nahe liegt, so kommen Menschen gerade auch in der Begegnung mit der Schöpfung dem Schöpfer auf die Spur. Und geht es nicht auch darum, diese Schöpfung zu bewahren und zu erhalten. Mit wie viel Sorgfalt wird auf das Raumklima unserer Gemäldegalerien geachtet…!

Der Mensch nach Gottes Ebenbild
Und der Mensch? Apropos Mensch…: Wir dürfen uns als Krönung der Schöpfung fühlen. Jedenfalls hat Gott uns nach seinem Abbild geschaffen. Diese Ebenbildlichkeit war uns seit jeher Grund unserer unverlierbaren Menschenwürde.
Und Gott vertraut uns seine Schöpfung an. Was für ein Zutrauen. Der Mensch soll an der Schöpfung mitgestalten. Im Laufe der Menschheitsgeschichte ist dem Menschen dabei viel Gutes gelungen. Gerade in der Bekämpfung von Hunger und Krankheit in der Welt sind wir weiter gekommen. Wo der Mensch sich aber über die Schöpfung erhebt, sich nicht mehr als Treuhänder Gottes versteht, sondern selbst zum Macher wird, geht viel verloren, beginnt oft das Gegenteil von Schöpfung: Ausbeutung und Zerstörung.
Das erleben wir immer wieder:
Etwa im Amazonasgebiet oder in Fernost, wo artenreicher Regenwald abgeholzt wird. Übrig bleiben tote Monokulturen. Die Folgen sind verheerend: Die Schöpfung verliert viel von ihrer göttlichen Vielfalt, ihrem Artenreichtum. Sie verliert auch innerlich ihre Ordnung und gerät aus den Fugen. Gerade der Klimawandel lässt uns das mehr als deutlich spüren.
Schlimm sind die Folgen auch dort, wo die Einzigartigkeit des Lebens, jeder Pflanze, jedes Tieres übersehen wird, weil es nur noch um „Masse“ geht. Gott hat immer einmalig geschaffen. Im Klonen wird die göttliche Phantasie, alles immer wieder neu zu schaffen, vom Menschen konterkariert. Wir gehen in Serienproduktion. Phantasieloser geht´s nicht.
Und längst ist es ja der Mensch selbst, der sich ausbeutet wie ein Ersatzteillager die ungezählten Embryonen, die doch Menschen sind. Da ist Schöpfung zum Machwerk geworden. Der Mensch macht sich selbst und „zerlegt“ sich selbst. Endlich sein wie Gott! Und zerstört dabei doch so Vieles.
Dort wo der Mensch sich an der Schöpfung vergreift, geschieht zum zweiten Mal ein Sündenfall. Und wieder wird es die Menschheit sein, die zur Leidtragenden wird.

Christlicher Schöpfungsauftrag
Als Christen sind wir gefordert, für die Schöpfung einzutreten. Unser Schöpfungsglaube will uns vor der Hybris bewahren, mit der Schöpfung tun und lassen zu können, was wir wollen. Nein, wir sind verantwortlich vor Gott, denn letztlich ist alles sein. Und wir werden als Geschöpfe nur eine gute Zukunft haben, wenn wir auf die anderen Geschöpfe Rücksicht nehmen. Denn mit ihnen zusammen verbindet uns zutiefst, dass wir uns alle nicht gemacht haben, sondern uns im Grunde Gott verdanken.
In seiner Schöpfungsenzyklika “Laudato si“ hat Papst Franziskus den Gedanken vom gemeinsamen Haus entfaltet, mit dem er unsere Welt, in der wir leben, vergleicht. Wir haben nur ein Haus – wie wir ja auch nur eine Welt haben – und dieses eine Haus ist ein Haus für alle. Der Papst plädiert für eine gute „Hausgemeinschaft“ und meint dabei das einvernehmliche Miteinander aller Geschöpfe. Ökonomie (von oikos –griechisch: das Haus und nomos: das Gesetz) ist letztlich die Kunst, den gemeinsamen „Haushalt“ gut zu gestalten. Genau das hat Gott dem Menschen zugetraut!

Franz von Asssis
Franz von Assisi, dessen Gedenktag wir am Ernte-Dank-Sonntag gefeiert haben, hat all das verstanden, gelebt und geliebt. Nachdem der erfolgversprechende Tuchhändlersohn alle Kleider der Zivilisation abgelegt hatte, kam er mit der Schöpfung zuinnerst in Berührung. Franziskus stand mit der Schöpfung auf du und du. Alles was ihm in der Schöpfung begegnete, war ihm liebevoll als Bruder und Schwester, innerlich verwandt. Mit geradezu kindlicher Freude konnte er über so vieles nur staunen. Mit den Tieren redete er, den Vögeln predigte er sogar. Im Sonnengesang, seinem „Laudato si“, spüren wir diese frohe Verbundenheit mit der Schöpfung, obwohl (oder gerade weil) er diesen Hymnus im Angesicht seines nahen Todes verfasst hat. Übrigens wünschte er auch, dass in den Gärten der Franziskaner nicht aller Grund angelegt und bebaut werde. Ein Stück Erdboden sollte bewusst der Schöpfung überlassen werden, damit dort Kräuter wachsen können, deren Fülle und Schönheit allein zur Ehre Gottes anstimmen.

27.09.2015:
Es muss nicht alles ein Geschäft sein!
Ein Zwischenruf von Pfarrer Ulrich Lindl

Was ist der schlimmste Schadstoff? Die Gier! Der aktuelle Beweis dafür ist besonders paradox: Möglichst schadstoffarm sollten die Autos sein. Und darum wurden die Abgaswerte vorsätzlich gefälscht: Um die Absatzzahlen an Fahrzeugen weiter zu erhöhen und nicht nur Europas sondern endlich der weltweit größte Autobauer zu werden.
Dieser Betrug offenbart ein Maß an krimineller Energie, an mutwilliger Täuschung und bewusster Irreführung von Behörden und Verbrauchern, der in der deutschen Wirtschaftsgeschichte seines Gleichen sucht.
Und wir spüren alle, wie schädlich der Schadstoff Gier ist. Und was das Schlimmste an diesem Schadstoff ist, die Gier einiger Weniger schadet immer Vielen. Schon jetzt müssen die Kommunen an den VW Standorten -wie etwa Braunschweig- mit Millionen Steuerausfällen rechnen.
Gier frisst Hirn und am Ende die Seele auf. Darum ist die Gier schädlich. Aber das ist kein Problem allein von VW, es handelt sich um ein globales Problem. Dies hat viel zu tun mit den gewaltigen Flüchtlingsströmen von über 60 Millionen Menschen weltweit.

Die Flüchtlingsströme –Fieberschübe der Ungerechtigkeit 
Denn die Flüchtlingsströme sind ja nicht das eigentliche Problem, sondern wie Fieberschübe ein alarmierendes Symptom, das auf eine ernste Krankheit hinweist. Natürlich kann man Fieber mit Aspirin behandeln. Aber viel sinnvoller ist es, die Grundkrankheit zu diagnostizieren und deren Ursachen zu bekämpfen. Die Grundkrankheit lautet Ungerechtigkeit: dass einige Wenige immer mehr wollen und das auf Kosten Vieler, denen nicht mehr das Nötigste bleibt.
Selbst im jüngsten Staat der Welt im Südsudan ist der Jubel über die nationale Unabhängigkeit längst verstummt. Stammesführer streiten mit allen Mitteln um die Macht. Die Rohstoffe werden in großem Ausmaß von den ausländischen Investoren ausgebeutet. 4 Millionen Menschen im Lande sind auf der Flucht – vor einer drohenden Hungersnot. Und eigentlich wäre doch genug da!
Am 18. Okt. laden wir die Flüchtlinge und Asylwerber zum Herrgöttle nach Biberbach zu einem Tag der Begegnung ein unter dem Motto: Bei mir bist du willkommen.
„Wir schaffen das“ hat Angela Merkel versprochen. Aber dazu müssen viele zusammenhelfen. Darum haben wir auch die Helferkreise eingeladen. Vergessen wir nicht: Über 200 000 Christen engagieren sich in unserem Land aktuell in der Flüchtlingshilfe.
Natürlich ist eine Willkommenskultur wichtig, nach allem, was Menschen, die bei uns ankommen durchgemacht haben. Aber noch wichtiger ist nachzusehen, woher und vor allem warum die Menschen zu uns kommen. Wer verlässt schon freiwillig die Heimat. Menschen fliehen not-gedrungen. Mit dem Mut der Verzweiflung versuchen sie ihr nacktes Leben zu retten und das ihrer Familie… Viele wollen wieder zurück, sobald es die Lage daheim erlaubt. Wir müssen mehr für die Heimatländer tun, damit die Menschen in der Heimat bleiben können oder bald wieder dorthin zurück können. Auf diesen Gedanken kommen Gott sei Dank immer mehr Politiker.
Unsere Missionare arbeiten daran seit jeher und das weltweit. Sie versuchen die Lebensverhältnisse zu verbessern, den Bildungsgrad zu erhöhen, damit die Menschen mehr und mehr selbst ihre Geschicke in die Hand nehmen können. Und Erwerbsmöglichkeiten zu entwickeln. Wie dies im Südsudan gelingen kann, davon berichtet am Begegnungstag in Biberbach der Comboni Missionar Hans-Dieter Ritterbecks.

Schadstoffbekämpfung der Gier
Und wie behandeln wir die Gier? Ein Burgauer Geschäftsmann hat mir einmal seinen unternehmerischen Grundsatz verraten, der mir als das ideale Rezept erscheint: „Es muss nicht alles ein Geschäft sein.“ Dieses „Heilmittel“ gegen die Gier hat eine zweifache Wirkung: Zunächst wirkt hier die Genügsamkeit heilsam. Gier ist der Schadstoff, Genügsamkeit das Heilmittel. Denn wenn wir uns mit dem zufrieden gäben, was wir brauchen, dann hätten wir genug. Ist das nicht ein schönes Befinden, das Menschen genug haben – und zufrieden sind. Und die Nebenwirkung ist erwünscht: es bleibe genügen übrig für andere, die zu wenig haben. Eigentlich wäre doch genug für alle da! Zumindest hat Gott diese Welt so erschaffen. Als eine Welt für alle.
Und das Zweite: „Wir schaffen das!“ – Aber nur gemeinsam. Der Unternehmer aus Burgau war einer von vielen, die unser Land nach dem Weltkrieg mit aufgebaut haben. Nach dem 2. Weltkrieg gab es Millionen Vertriebene, die in ein schwer verwüstetes Land kamen. Nur weil man aufeinander geschaut hat, zusammengeholfen hat und eben nicht alles ein Geschäft sein musste, konnte schließlich ein Wirtschaftswunder vollbracht werden!

20.09.2015:
Alles im Griff? 
Gedanken für die Woche von Pfarrer Ulrich Lindl

Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff? Diese scheinbar flapsige Frage hat längst eine Antwort erhalten und die ist schrecklich. 23000 Glockenschläge haben sie verkündet. Jeder Glockenschlag für einen Flüchtling, der seit dem Jahr 2000 im Mittelmeer ertrunken ist. Unbemerkt von der Welt. Doch Gott hat es gesehen! Jeder Glockenschlag hat Gott ins Herz getroffen. Wie oft wurde Gott seither getroffen? Flüchtlinge sind -bei Gott!- Menschen.

Ausgeliefert sein, das ist nicht gerade das, was der Mensch im Sinn hat. Darum trifft der Menschensohn auf so wenig Verständnis. Wir Menschen wollen doch viel lieber möglichst alles im Griff haben. Aber je mehr wir dies versuchen, desto mehr entgleitet uns alles. Warum? Es liegt an der Vermessenheit der Ansprüche. Worum es den Jüngern geht, darum geht es doch vielen: Wer ist der Größte? (vgl. Mk 9,34) Und wir könnten es weiter treiben: Wer hat das meiste? Dieses „immer mehr“ ist wie ein gefährliches Virus, das unsere Welt krank macht. Und die Flüchtlingsströme sind wie Fieberschübe einer bedrohlichen Grundkrankheit, die „Ungerechtigkeit“ heißt und unzählige Menschenopfer fordert.

Machen wir uns doch nichts vor: Die gegenwärtigen Flüchtlingsströme kommen nicht von ungefähr. Die Menschen kommen aus Ländern der „zweiten“ und „dritten“ Welt. Diese Einteilung hat Gott übrigens nie vorgesehen. Bei Gott gibt es nur eine Welt. Und die hat er ursprünglich erschaffen für alle Menschen. Wir haben keine zweite Welt. Und eine dritte darf es bei Gott nicht geben. Die Zäune und Mauern, die in Ungarn und Israel hochgezogen werden, sind doch nur Zeichen einer erbärmlichen Hilflosigkeit, Besitzstände mit allen Mitteln zu verteidigen. Wann werden die Menschen endlich einsehen, dass wir alle in einem Boot sitzen? Überleben werden wir nur miteinander. Damit stellt sich die Überlebensfrage ganz anders: Nicht: wer ist der Größte, sondern: wann ist endlich genug. Eigentlich ist genug da für alle. Gott hat diese Welt jedenfalls mit viel Sinn für Nachhaltigkeit erschaffen.

Aylan, dieser kleine syrische Junge in den Armen eines türkischen Soldaten. Hilflos wie ein kleines Kind, für das jede Hilfe zu spät gekommen ist. Dieses Bild ging um die ganze Welt. Es wirkt wie ein trauriger Nachruf zum heutigen Evangelium. Und die Auslieferung des Menschensohnes steht stellvertretend für die ungezählten ausgelieferten Menschen aller Zeiten.

„Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen!“ (Mt 25,35) Dieser Aufruf Jesu nimmt uns in die Pflicht. Es ist nicht nur eine Frage der Mit-Menschlichkeit… Es ist der erklärte Wille Jesu, dass wir Flüchtlinge, fremd und obdachlos wie sie sind, aufnehmen. Zu diesem Werk der Barmherzigkeit will Jesus uns mit seinem Evangelium bewegen. Auch darum stellt er ausgerechnet ein kleines hilfloses Kind in die Mitte. „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf… und den, der mich gesandt hat.“

Wir müssen wirklich nicht lange überlegen, wo wir Jesus in diesen Tagen finden. Mitten unter den Flüchtlingen. Und wir finden ihn inmitten der vielen Helferkreise, die in unseren Gemeinden das Evangelium vom Sonntag im Alltag leben.


06.09.2015:
„Lourdes tut gut“ 
Gedanken von der Pilgerreise der Diözese Augsburg nach Lourdesvon Pfarrer Ulrich Lindl

Lourdes tut so gut…! Das ist doch bemerkenswert. Nirgendwo sonst begegnen wir so vielen Kranken. Aber nirgendwo sonst begegnen wir der Krankheit auch so anders. Irgendwie hat Krankheit in Lourdes weniger Macht. Und da ist viel an Rücksichtnahme, an Fürsorge, an Hilfe und an Gebet. In Lourdes haben die Kranken Vorfahrt.
Aber reden wir Krankheit nicht klein. Da kann auf einmal eine Diagnose alles infrage stellen. Mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Nichts geht einfach so weiter. Wie geht es weiter? Man stellt sich so viele Fragen, wenn das Leben auf einmal infrage gestellt wird.
Davonlaufen geht nicht. Wir müssen uns der Krankheit stellen, sie annehmen. Darin liegt dann aber auch eine große Chance: zu innerem Wachstum. Oft macht eine Krankheit des Leibes die Seele gesünder, lässt sie reifen in der Geduld, im Opfer, in der Hingabe… Krankheit kann auch zu einer Schule des Gebetes werden. So kommt es, dass viele Kranke eine ganz gesunde Seele in sich tragen. All das wird in Lourdes spürbar. Und so verschwimmen die Grenzen zwischen gesund und krank. Wer von uns wäre auch ganz gesund? Und wer wäre ganz krank?
Jede Krankheit ist und bleibt zudem ein schmerzliches Zeichen unserer Verwundbarkeit, unserer Vergänglichkeit, unserer Sterblichkeit. Aber eines ist sie nicht: Strafe Gottes. Gott will nicht die Krankheit des Menschen. Gott will Leben! Gott ist ein Freund des Lebens. Dieser unendliche Lebenswille Gottes für uns ist es, der uns am Ende ja herausholen will und muss aus unserem vergänglichen Dasein.

Lourdes, ein heilsamer Ort

Und da ist die Wirkung von Lourdes. Lourdes wirkt – heilsam. Allein die Erfahrung, dass ich mit meinen Sorgen, meiner Krankheit, in meinem Leid nicht allein gelassen bin, ist heilsam. In Lourdes gehen Tragen, Mittragen und Getragensein Hand in Hand. Auch Jesus hat sich beim Tragen des Kreuzes helfen lassen und sich die Mithilfe eines Menschen gefallen lassen. Sie hat ihm gut getan und aufgeholfen. Paulus hat all das gut verstanden, wenn er uns einlädt: „Einer trage des anderen Last.“ (Gal. 6,2)
Die größte Angst bei Krankheit ist ja oft die Angst, alleine gelassen zu werden. In Lourdes ist niemand allein. „Wer glaubt, ist nie allein“, hat uns Benedikt XVI. zugerufen. Und dann ist da das Gebet. Das gemeinsame Gebet stärkt im Glauben und aus dem Glauben erwächst Vertrauen.
Und da ist Hoffnung! Auch das spüren wir hier. In Lourdes gibt es keine hoffnungslosen, keine heillosen Fälle. Bei Gott stirbt die Hoffnung nie. Lourdes ist damit ein Ort des Gebets, der Hoffnung und des Vertrauens. Ein Ort der Gnade und des Heils.
Nicht, dass alle ganz gesund werden. Aber in Lourdes erfahren viele Menschen Heil. Heilsam ist Lourdes für alle.
Millionen Pilger kommen Jahr für Jahr nach Lourdes, darunter ungezählte Kranke. Und manche werden wie durch ein Wunder wieder gesund. Ja, es gibt Wunder, weil es einen Gott gibt, der Wunder tut. „Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist“, hat Ben Gurion einmal bekannt. Glauben wir an Wunder, vertrauen wir auf Gott. 69 anerkannte Wunderheilungen gibt es, die medizinisch eingehend geprüft und kirchlich anerkannt worden sind.
Freilich ist Lourdes kein Gesundheitszentrum. Lourdes ist ein Gnadenort. So viele Menschen Jesus auch gesund gemacht hat, er hat nicht alle geheilt. Und auch der einmal gesundete Leib, wird wieder krank und einmal sterben. Jesus ging es darum immer um mehr als rein körperliche Gesundheit. Jesus ging und geht es um das Unsterbliche, um das Ewige. Es geht ihm um die Seele, das Heil der Seele, das Seelenheil. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden nimmt?!“ (Lk 9,25)

Heil ist mehr als Gesundheit

Darum steht im Mittelpunkt der Botschaft von Lourdes nicht die Gesundheit von Kranken, sondern das Heil der Seelen. Und die Krankheiten der Seele sind die Sünden der Menschen.
Kern der Botschaft von Lourdes lautet „Buße, Buße, Buße“. Dazu ruft die Dame Bernadette auf: „Buße! Buße! Buße! Beten Sie zu Gott für die Sünder! Küssen Sie die Erde zur Buße für die Sünder!“ Erst bei der neunten Erscheinung gräbt Bernadette die Lourdesquelle frei. Lourdes ist vor allem ein Ort der Buße, der Vergebung, der Reinigung menschlicher Seelen. Der Weg zur Quelle, das Bad an der Grotte, die Gelegenheit zur Beichte…, sich im Sakrament der Beichte… lassen wir uns auswaschen mit den Quellen des Heils von Lourdes.
Bernadette selbst war mit Krankheit vertraut. Als Mädchen erkrankt sie an Cholera. Asthma wird sie ein Leben lang quälen. Mit 35 Jahren ist sie in an Knochentuberkulose in ihrem Krankenzimmer, in ihrer „weißen Kapelle“ gestorben. Ist es nicht bemerkenswert, dass Bernadette, die Seherin von Lourdes, an dem Ort, wo Hunderttausende Heilung suchen, selbst ein Leben lang krank blieb? Ihr ganzes Leben wird immer wieder überschattet von allzufrühem Tod Ihrer Mutter und vieler Geschwister.
Die Mutter Gottes hatte ihr schon bei der dritten Erscheinung gesagt: „Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, wohl aber in der anderen“. Maria hat ihr Versprechen gehalten… “ Lourdes ist nicht der Himmel“, hat Bernadette bei ihrem Abschied gesagt. Und Recht hat sie. Dieses Leben ist nicht alles. Im Gegenteil. Aber Lourdes hat Bernadette Augenblicke für den Himmel geöffnet. In Nevers sehen wir die 35-jährige Bernadette als früh vollendeten Menschen…
Und das will Lourdes auch für uns: Das Eigentliche, das worauf es letztlich ankommt, kommt noch! So gesehen will und kann Lourdes jeden Pilger, der kommt, ein gutes Stück vorbereiten auf den Himmel. Wohl auch deshalb kommen viele immer wieder.

Die nächste Diözesanpilgerreise nach Lourdes steht schon fest: 1.-5. September 2016. (Infos bei der Pilgerstelle der Diözese Augsburg pilgerstelle@bistum-augsburg.de)


30.08.2015:
Hast du dir auch die Hände gewaschen?!
Gedanken für die Woche
von Pfr. Ulrich Lindl

Zeig mal her! Hast du dir vor dem Essen auch die Hände gewaschen? Da hat man nun über Jahre erfolgreich versucht, den Kinder das Händewaschen vor dem Essen beizubringen und dann das: Die Jünger Jesu, wohlgemerkt erwachsene Menschen, essen einfach, ohne sich die Finger gewaschen zu haben. Das, was wohlerziehende Eltern stutzig macht, bringt die Pharisäer auf die Palme. Denn für sie geht es dabei nicht um eine Frage von Hygiene, sondern um Reinheit. Es geht um jahrhundertealte religiöse Vorschriften, die man bei Gott nicht einfach über Bord werfen kann. Immer dieser Jesus! Da waren doch die 613 Gebote und Verbote, die wie ein Schutzwall um die 10 Gebote errichtet worden sind. In unzähligen Reinigungs- und Speisevorschriften war fein säuberlich geregelt, dass der fromme Jude rein, gewissermaßen zu einem Tempel Gottes werden kann. Was allein beachtet werden muss, wenn man koscher leben will, davon können fromme Juden ein Lied singen. Und so mancher von uns mag den Kopf schütteln.

Viel drumrum, aber was steckt eigentlich dahinter?

Aber spotten wir nicht. Jeder fromme Jude würde auch über so manchen unserer Zeitgenossen den Kopf schütteln. Manchmal wundert mich schon, wie viel Kult ums Essen gemacht wird. In Gourmettempeln wird es geradezu zelebriert. Für so manchen Feinschmecker ist „Gut-Essen-Gehen“ zum Religionsersatz geworden und Kochbücher das Gebetbuch dazu. „Ihr Gott ist der Bauch“, schimpft Paulus einmal jene, denen es nur um fleischliche Genüsse geht.

Die Einen zelebrieren das Essen in kulinarischen Hochämtern und die Anderen schlingen es hinunter im Drive-through-Verfahren. Auch das ist ein Zeichen unserer Zeit. Dass die Esskultur verloren geht und nur noch schnelle Küche übrig bleibt.
Natürlich braucht der Mensch was zum Essen. Keiner weiß das so gut wie Jesus. Und doch lebt der Mensch nicht vom Brot allein. Die Antwort Jesu auf den Versucher in der Wüste macht das unüberhörbar deutlich (vgl. Mt 4, 17).

Essen ist wichtig, kein Gottesdienst – gewiss, aber dennoch ein wesentlicher Lebensvollzug. Für das Essen dankbar sein, weil es ein Lebensmittel ist, das mich am Leben erhält ist eine wichtige Einstellung. Bei uns daheim hat die Oma den Laib Brot vor dem Anschnitt immer mit drei Kreuzzeichen gesegnet. Wie viel Brot wird heute weggeworfen. Auch das Tischgebet… Es muss nicht lang sein, aber es setzt beim Essen ein dankbares Vorzeichen. Pflegen wir es. Und wir spüren, worum es beim Essen dann auch geht. Um die Tischgemeinschaft.

Papst Johannes Paul II wusste eigentlich nach einem Mittagessen nie, was er gegessen hatte, aber umso besser mit wem und worüber er sich unterhalten hat, so vertieft war er in das Gespräch mit seinen Gästen. Das war ihm offenbar wichtiger. Essen hält nicht nur Leib und Seele zusammen. Essen verbindet auch uns Menschen. Jesus lebt das alles vor. Nie geht es ihm nur ums Essen, sondern um die Gemeinschaft. Mit wem hat er nicht alles Mahl gehalten. Jesus hat vor dem Essen gebetet und zeigt so seine Verbundenheit mit Gott. Die Worte seines Betens bei Tisch hören wir ziemlich genau bei der Gabenbereitung der Heiligen Messe.

Lebensmittel – Lebensmitte

Das Sakrament unseres Glaubens, die Eucharistie, ereignet sich in einem Mahl. Und ein Lebensmittel wird zur Lebensmitte. Dieses zeigt uns dann auch noch die Zielrichtung auf die Jesus am Ende hinaus will. Auf die innere Mitte des Menschen.
Nicht auf das Äußere kommt es an, sondern auf das Innere. Früher hat man, so wird mir gesagt, in der Kirche die neueste Mode, die teuersten Pelzmäntel und die schönsten Hüte getragen. Ob das wirklich so war, weiß ich nicht. Aber eines wissen wir alle: Gott schaut nicht auf das Äußere, Gott sieht in unser Herz. Darauf will Jesus uns heute im Evangelium aufmerksam machen.

Und auch hier zeigt sich Grund zum Umdenken. Wir schauen viel auf Umweltschutz. das ist wichtig und richtig. Aber wie sieht es eigentlich um den Innenweltschutz bestellt. Ungesunde Umweltbedingungen schaden und machen den Menschen krank. Aber noch mehr schaden Verschmutzungen in unserem Innern, wie viel seelische Krankheit macht dem Menschen doch zu schaffen. Neid, Lüge, Hochmut, Schamlosigkeit und Unvernunft. Das sind nur 5 von 12 Lastern, die im nächsten Kapitel des Markusevangelium an das heilsame Licht der Wahrheit gehoben werden. Was im Herzen drin ist kommt irgendwann auch mal raus, sagt Jesus. Und das ist es eigentlich, was den Menschen unrein macht. Wovon das Herz voll ist, davon spricht auch der Mund.

Sagen wir unseren Kindern auch weiterhin, sie sollen sich vor dem Essen die Hände waschen. Aber sagen wir ihnen auch, worauf es im Leben eigentlich wirklich ankommt. Und lassen wir es uns von Jesus gesagt sein. Wie´s da drinnen ausschaut, darauf kommt es an!

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit hielten sich die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.


23.08.2015:
Smombie
Gedanken für die Woche
von Pfr. Ulrich Lindl

Smombies sind Menschen, die eines tun: immer in ihr Smartphone starren. Ohne dabei auch nur ein Wort zu verlieren, vergessen sie darüber ganz ihre Umwelt. „Smombie“ ist eines der Jugendwörter des Jahres und irgendwie auch ein Zeichen der Zeit. Warum soll ich denn reden, wenn ich auch posten kann…?

Auf der einen Seite scheinen Menschen immer wortloser zu werden; auf der anderen Seite wird immer mehr geredet und dabei immer weniger gesagt. Es gibt eine wahre Inflation der Worte. Die Talkshows wiederholen das schon so oft Gesagte bis zum Geht-nicht-mehr.
Man kann totschweigen aber auch totreden. Dabei können Worte so lebendig machen! Denn eines ist klar, Worte wirken. Worte können so viel bewirken: Sie können loben und ermutigen. Trösten und vergeben. Worte können Vertrauen schenken, gut unterhalten, zum Lachen bringen. Mit Worten werden wir beten, danken, loben und singen –nicht nur im Gottesdienst. Wie sehr wir Worte brauchen, spüren Menschen oft erst dann schmerzlich, wenn sie fehlen. Glauben wir an die Kraft des Wortes. Gehen wir bewusst mit Worten um. Pflegen wir unseren Wort-Schatz.

Unser Glaube schätzt das Wort. Gott offenbart sich schließlich nicht als kosmisches Prinzip, Gott bleibt nicht abstrakt der ganz Andere. Gott spricht sich aus im Wort, weil er von uns Menschen verstanden werden möchte.
Und das von allem Anfang an. Schöpfung und Mensch kommen nicht von ungefähr. Sie verdanken sich dem schöpferischen Wort Gottes: Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht. In der Schöpfung spricht sich Gott aus. Worte haben schöpferische Kraft.
Worte wirken. Durch die Geschichte hindurch. In Propheten spricht Gott sein Volk immer wieder an. Gotteswort im Menschenwort. Gott hat uns etwas zu sagen!
Worte wurden aufgeschrieben im Buch der Bücher, der Bibel. Das Christentum ist eine Buchreligion. Aber nicht der tote Buchstabe ist es, sondern der Geist, der lebendig macht. Die Bibel ist vom Geist Gottes inspiriert. „Wort des lebendigen Gottes!“, wie wir nach jeder Lesung im Gottesdienst bekennen.
Aber damit nicht genug: als die Fülle der Zeiten gekommen war, ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Das Wort wird Fleisch! Das Svhlüsselerlebnis vom Alten zum Neuen Testament.

Worte wirken. Dass sie das können aber, setzt Glauben voraus. Wir spüren dies bereits in der zwischenmenschlichen Begegnung: Menschen, die anderen Mut machen, können das nur, wenn sie wirklich davon überzeugt sind: „Du schaffst das!“ Menschen können nur Worte des Trostes aussprechen, wenn sie mit trauern und zugleich Grund zur Hoffnung haben. Worten der Liebe schenken wir nur Glauben, wenn mit den Worten auch wirklich Liebe mitschwingt. Ich kann noch so oft das „Ja-Wort“ geben. Es kommt darauf an, ob ich mich wirklich traue, einem Menschen ganz anvertraue, weil ich an ihn glaube. Erst dann werden die Zwei ein Fleisch werden (vgl. Eph 5,31).

Auch Jesu Worte konnten nur dort wirken, wo Menschen ihm Glauben geschenkt und Vertrauen entgegen gebracht haben. Jesus hat keine Zauberformeln gesprochen, kein Abrakadabra… Aus dem blinden Bartimäus bricht es geradezu heraus: „Herr, ich will wieder sehen können!“, dieser Ausdruck blinden Vertrauens lässt Jesus ihm die Augen öffnen. Der kleine Oberzöllner Zachäus springt kaum aus reiner Neugier auf den Maulbeerfeigenbaum in Jericho und riskiert so, sich zum Gespött der Leute zu machen. Es wird schon einiges an Glauben mit dabei gewesen sein Glauben, dass ihm in Jesus mehr begegnet… und er bekommt einen neuen Anfang geschenkt. Und die Sünderin wäscht mit ihren Tränen hingebungsvoller Reue Jesus die Füße, bevor der ihr vergibt.
Wo Jesus kein Glaube geschenkt wird, kann er auch nichts bewirken, richten seine Worte nichts aus. In seiner Heimatstadt war das so. Und Jesus wunderte sich über ihren Unglauben (vgl. Mk 6, 6). Wunder konnte er dort jedenfalls nicht mehr wirken.

Und auch im heutigen Evangelium schenken die Menschen ihm keinen Glauben. So können seine Worte nicht wirken. Sie verhallen ungehört, bleiben wirkungslos. Schade! Noch vor Kurzem hatten ihm doch Tausende zugehört. Und er hat lange zu ihnen gesprochen. Dann hat er sie gespeist. Sie hatten schließlich Hunger. Am Ende sind sie ihm alle nachgelaufen. Nicht wegen seiner Worte, sondern wegen der Brote, die er ihnen kurzerhand zu essen gegeben hatte. Jesus gibt ihnen dieses schnelle Brot nicht mehr. Denn er hat mehr. Davon will er ihnen jetzt erzählen. Darum sollen sie bei ihm bleiben. Kein Brot, das vergeht und wieder hungrig zurück lässt! Er selbst ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird nie mehr Hunger haben. Brot des ewigen Lebens ist mehr! Die Reaktion ist eindeutig. Die Massen sind weg. Und viele seiner Jünger wanderten nicht mehr mit im umher. „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ (Joh. 6, 60)

Wie hätten wir auf diese Abwanderung der Massen reagiert? Jesus bleibt sich selbst treu. Er macht keine billigen Kompromisse. Er rührt nicht die Werbetrommel, damit die Menschen wenigstens doch ein wenig an ihn glauben. In ihm ist das Wort Gottes Mensch geworden. Das Wort Gottes läuft dem Menschen nicht hinterher. Es ist ihm Voraus. Und die Wahrheit duldet keine falschen Kompromisse „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6) verspricht Jesus. Halbwahrheiten kann es bei diesem Anspruch nicht geben.
Das Brot des Lebens, das Jesus selbst ist, ist die tiefste Wahrheit des Wortes das Gleisch geworden ist und immer wieder Fleisch wird in der Wandlung der Eucharistie. Ein Über-Lebensmittel zum ewigen Leben. Bei diesem Geheimnis des Glaubens spüren wir zutiefst wie sehr Worte wirken, wandeln und verwandeln können. Kommunion ist die tiefste Form der Kommunikation mit Gott durch ihn mit ihm und in ihm, Jesus Christus, der in diesem Sakrament Fleisch geworden ist.

Am Ende sind leider Gottes nicht viele geblieben. Und die wenigen, die geblieben sind, überredet Jesus nicht. „Wollt nicht auch ihr weggehen?“ (Joh. 6, 67) Jesus zwingt niemand den Glauben auf. Es tut gut, wie viel Freiheit Jesus der Glaubensentscheidung lässt. Aber in die Entscheidung ruft er umso mehr. Da bin ich dem Petrus dankbar für dessen klare Antwort. Sie wird Jesus gut getan haben in diesem Augenblick, da er fast ganz allein dasteht. „Herr, zu wem sollen wir denn gehen. Du hast Worte ewigen Lebens! Wir sind zu dem Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes!“ (Joh 6,68) Merken Sie, was bei Petrus da ist: sein Vorschuss an Glaube. Der jene Offenheit im Vertrauen auf den Herrn freilegt, dass das Wort bei Petrus zu wirken beginnen kann.

Aber bei diesem Wort darf es nicht bleiben. Das Wort will wirksam werden. Und das Wort wirkt immer erst dann, wenn wir Worte leben lassen.
Darum aber geht es Jesus klar und deutlich. „Die Worte, die ich zu euch gesagt habe, sind Geist und sind Leben“ (Joh 6, 63). Darum geht es, darauf kommt es im Glauben immer an, dass wir das Wort Gottes leben. Überall dort, wo der Glaube lebt, gibt es Menschen, die den Glauben leben. Die sich immer wieder von Jesus ansprechen lassen, ihr Leben nach seinem Wort ausrichten und so den Glauben lebendig bezeugen und weiter tragen. Roger Schutz von Taizé hat es einmal ganz einfach gesagt: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es!“

16.08.2015:
(Zu) schnell unterwegs?
Gedanken zum Sonntagsevangelium (Joh 6,51-58)
von Pfr. Ulrich Lindl

Wie schnell sind Sie eigentlich unterwegs? Gehören Sie auch zur schnellen Truppe? Dann können sie bestimmt gut mithalten. Schließlich ist unser Leben in den letzten Jahren immer schneller geworden. Schnelllebiger auch die Zeit, in der wir leben. Und immer häufiger der Blick auf die Uhr. Und die Zeit läuft. „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit.“ sagt man auf Haiti, etwas mitleidsvoll mit uns so hoch entwickelten Menschen.

Zappen

Wir leben in einer Zeit in der alles immer schneller und noch schneller gehen muss, am besten alles auf einmal. Das ist wie ein Sog! Schnell mal was essen, schnell mal in die Disco, schnell mal mit der Fernbedienung hin- und herzappen, schnell mal ein Abenteuer, `nen Kick, und sei´s drum schnell `mal zum Shopping nach New York zu jetten.
Das was heute modern ist, ist morgen schon von gestern. Schnell mal dies, schnell mal das: Das Leben der Menschen wird dadurch immer schnelllebiger, rasanter, vielleicht auch spannender, aber mit Sicherheit nicht tiefer. Die Besinnung auf das Wesentliche im Leben ist noch nie -hoppla hopp- auf die Schnelle gegangen. „Gut Ding braucht Weile“, diese alte Lebenseinsicht hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Aber hat der moderne Mensch im Fast-Food-Zeitalter noch die innere Ausdauer, die Entschlossenheit und die Geduld zu verweilen, sich wirklich Zeit zu nehmen, um so von der Oberfläche des Lebens in die Tiefe vorzudringen?
„Gut Ding braucht Weile“, dieser Grundsatz findet seine Bestätigung tatsächlich überall dort, wo es um Wesentliches im Leben geht. Freundschaft braucht Zeit. „Nimm dir Zeit für deine Freunde, sonst nimmt die Zeit dir deine Freunde.“ Menschen, die nicht das schnelle Abenteuer suchen, sondern echte Liebe, nehmen sich Zeit füreinander. Vertrauen sich die ganze Zeit ihres Lebens an. Eltern wissen: Erziehung braucht Zeit – und Geduld. Ein Künstler wird sich viel Zeit nehmen für ein Bild, soll es wirklich gut werden. Und auch die Suche nach dem Sinn unseres Lebens braucht Zeit, wohl ein ganzes Leben lang.
Wer sich die Zeit nicht nimmt, wer von einem zum anderen springt, um ja nichts zu versäumen, läuft Gefahr am Ende alles zu verpassen. Schade!

Oberflächliche Menschen

Viel werden auch die Menschen versäumen, denen wir heute im Evangelium begegnet sind. Sie alle sind Jesus nachgefolgt. Und das aus einem gutem Grund: Sie sind Zeugen einer spektakulären Sensation geworden. Dieser Jesus aus Nazareth hatte auf einmal Brot vermehrt, gewissermaßen auf die Schnelle – im Handumdrehen. Ganz außer sich fordern sie: „Herr, gib uns immer dieses Brot“. Aber Jesus wird ihre oberflächlichen Erwartungen enttäuschen, ja er muss sie enttäuschen. Jesus geht es nicht darum, Menschenmassen schnell abzuspeisen. Denn Jesus kennt nur zu gut, dass es im letzten um den tiefen Hunger des Menschen nach Leben geht, nach Leben in Fülle. Diesen Hunger will er stillen. Dieser tiefen Sehnsucht bietet er das Brot des ewigen Lebens, das Brot des Lebens, das er selbst ist.
Freilich so etwas versteht man nicht auf die Schnelle. Das weiß Jesus. Deshalb nimmt er sich auch viel Zeit um zu erklären, worum es ihm eigentlich geht. Mit immer neuen Worten versucht er ihnen verständlich zu machen, was er für sie bereithält: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“ „Bleiben“, immer wieder spricht Jesus davon: „zu bleiben“. Damit meint er: „Mensch, nimm Dir Zeit, sonst wirst Du nie verstehen. Bleib bei mir, um von der Oberflächlichkeit des alltäglichen Lebens immer mehr vorzudringen in die Mitte deines Lebens.“ Am Ende sind nicht viele geblieben. Wohin sie gegangen sind? Wir wissen es nicht. Offenbar hatten sie nicht genug Zeit und zu wenig Geduld um zu bleiben. Anderes war ihnen dann doch wichtiger. Schade!
Zurück zu uns: die Situation von damals kommt uns doch bekannt vor. Wenn wir uns in unserer Pfarrkirche mal umschauen, drängt sich doch die Frage auf: Wie viele sind eigentlich heute noch da, und wie viele sind schon weggegangen und bis heute weggeblieben?
Ein Grund, der mir in der Seelsorge immer wieder begegnet ist tatsächlich derselbe wie damals: Der Glaube ist nichts, was man sozusagen im Vorbeigehen mitnehmen kann. Man muss sich Zeit nehmen für den Glauben, verweilen, immer wieder von Neuem fragen und immer wieder von Neuem auf eine Antwort hoffen. So dringen wir von der Oberfläche langsam und allmählich vor zur Mitte, zum Wesentlichen unseres Lebens und Glaubens. Glaube braucht Zeit – ein ganzes Leben lang.
Vielleicht ist es ein Grund dafür dass heute so viele Menschen vom praktizierten Glauben wegbleiben, weil sie nicht lange genug geblieben sind. Weil sie vom Oberflächlichen nur zu wenig in die Tiefe des Glaubensgeheimnisses vordringen. Gut Ding braucht Weile. Das gilt auch für den Glauben und für das Geheimnis der Eucharistie, das Brot des Lebens, ganz besonders.

Herr, zu wem sollen wir gehen?

Damals hat Jesus auf die Abwanderung der Massen reagiert. Den noch verbleibenden Jüngern wird er am kommenden Sonntag die Frage stellen: „Wollt nicht auch ihr gehen?“
Das ist eine Frage, die wir ruhig einmal mit nach Hause nehmen könnten – bis zum nächsten Sonntag. Warum bleibe ich eigentlich nicht auch weg? Soviel schon jetzt: Petrus wird auf die Frage Jesu mit einer Gegenfrage wunderbar beantworten – und bleiben! „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens!“ Petrus hat zu diesem Zeitpunkt gewiss noch nicht alles verstanden, was Jesus bisher gesagt und getan hat. Wahrscheinlich hat er sogar nur wenig verstanden. Gewiss hat er gerätselt, was Jesus damit meint, wenn er sagt: „Ich selbst bin das Brot des Lebens. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Aber Petrus hat wohl im Innersten geahnt: In Jesus begegnet uns einer der mehr hat, als moderne Slogans, die morgen schon von gestern sind. Und wenn ich die verstehen will, dann muss ich bleiben bei Jesus bleiben.
Nehmen auch wir uns Zeit, in das Geheimnis Jesu einzudringen!
Der Glaube ist zutiefst ein Geheimnis. Geheimnisse erschließen sich nicht auf den ersten Blick. „Gut Ding braucht Weile.“ So ist auch das Geheimnis des Glaubens nichts für Menschen, die es eilig haben. Das gilt v.a. auch für das Geheimnis der Eucharistie, dem Brot

Allem Zeitgeist zum Trotz: Wir dürfen uns auf Dauer mit Fast Food nicht zufriedengeben. Machen wir uns immer wieder von neuem auf die Suche nach dem Brot des ewigen Lebens, auf die Suche nach Jesus Christus. Und geben wir ihm und uns Zeit. Wenn wir bei ihm bleiben, bleibt er bei uns, ja noch mehr in uns. „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“

02.08.2015:
Ich packe meinen Koffer!
Urlaubswünsche von Pfarrer Ulrich Lindl

Das Spiel haben wir wohl schon alle einmal gespielt. Ich packe meinen Koffer und nehme mit… Na, was brauch ich denn? Eine Badehose, meine Zahnbürste, einen Schlafanzug, mein…

Reihum geht das Spiel. Immer muss man den Koffer wieder zusammenpacken und dann noch was rein tun, so viel eben geht. Ein Spiel? Von wegen. Bald wird es wieder ernst! Der Urlaub beginnt, und die Koffer werden gepackt. Was muss alles mit? Manchmal ist es am Ende der halbe Hausstand…!

Oder darf’s auch mal etwas weniger sein? Gerade der Urlaub ist doch eine Zeit, sich frei zu machen von all dem Vielen, was unseren Alltag oft so vollstopft. Leichtes Gepäck ist doch auch was Schönes. Und für alle, die Wanderurlaub machen oder auf dem Jakobsweg pilgern, ein absolutes „Muss“. Alles Überflüssige wird schnell zu unnötigem Ballast. Ich packe meinen Koffer… Warum das ganze Spiel nicht einmal umdrehen? Ich packe meinen Koffer und lasse da…! Was brauche ich im Urlaub eigentlich wirklich? Und was brauche ich wirklich nicht? Eine spannende Frage!

Übrigens nicht nur zur Urlaubszeit. Ganz allgemein im Leben. Denn wir alle haben ja so unser Gepäck. So manches sammelt sich an, so manches tragen wir mit uns herum. Was von alledem ist eigentlich notwendig? Was ist wirklich brauchbar und was vielleicht überflüssig, unnötiger Ballast? Weniger ist oft mehr nicht nur für einen unbeschwerten Urlaub, sondern auch für ein unbeschwertes Leben.

Allen, die sich auf Urlaub freuen, wünsche ich unbeschwerte Tage, viel Lebensfreude und damit neue Kraft für den Alltag!

26.07.2015:
Gute Reise!
Gedanken zum Heiligen Christophorus von Pfarrer Ulrich Lindl

Legenden haben immer einen wahren Kern. Gerade dann, wenn es Heiligenlegenden sind. Legenden zu Heiligen sind wie bunte Bilderbögen, die uns zeigen, wie es geht zu leben, was wir als Christen glauben. Das gilt gerade auch für Christophorus. Der Heilige hat seinen Namenstag am 24. Juli. Also gerade rechtzeitig zu Ferien und Urlaubsbeginn.

Christophorus ist ebenso bekannt wie verehrt. Gesichert ist seine Existenz: er lebte zu Beginn bis Mitte des 2. Jahrhunderts. Und sein Tod: als Blutzeuge, als Märtyrer für Christus. Den hatte er nämlich auf wunderbare Weise gesucht und noch wunderbarer gefunden. Hier beginnt auch schon die Legende und ihr wunderschöner, wahrer Kern: Christophorus ist aller Wahrscheinlichkeit nach im Osten geboren und aufgewachsen. Vermutlich in Lykien, das heute in der Türkei liegt.
Von seinen heidnischen Eltern wurde er Reprobus genannt und muss groß und kraftvoll herangewachsen sein. Reprobus hatte den einen großen Wunsch: er wollte dem mächtigsten Herrscher der Welt dienen; einem der größer ist als er selbst. So machte er sich auf die Suche. „Wer suchet der findet…“ Sein Weg führte ihn ins Militär. Er diente dem König. Als er den König begleitet und der dem Teufel begegnete, bekreuzigte sich der König aus Furcht vor dem Bösen. War der Böse also mächtiger als der König? Reprobus beschloss, sich dem Teufel anzudienen doch schon bald sollte der sehen, dass es offenbar noch einen Größeren gibt. Denn als der Teufel an einem Kreuz vorbeikam, erschrak der zutiefst und nahm reiß aus. War also ein Gekreuzigter der Mächtigste? Aber worin sollte seine Macht?

Ein Eremit erklärte ihm, dass das Christus sei und seine Macht, die Macht der Liebe sei. Der Eremit führte den Reprobus an einen reißenden Fluss, in beim Überqueren den Tod gefunden hatten. Aus Nächstenliebe sollte nun der starke Riese Reisende sicher ans andere Ufer bringen. Eines Tages bat ein Kind darum, über den Fluss gebracht zu werden. Die Last wurde immer schwerer. Reprobus ächzte: „Mir ist als läge die ganze Welt auf mir.“ Worauf ihm das Kind zur Antwort gab: „Mehr als die Welt, denn du trägst den, der Welt erschaffen hat.“ In seiner Nächstenliebe war Reprobus Christus begegnet. Er ließ sich taufen auf den wunderschönen Namen: Christophorus – Christusträger. Später, so weiß es die Überlieferung, ist Christophorus als Missionar in Kleinasien tätig, wo er auch den Märtyrertod findet.

Schon früh beginnt die Verehrung des frommen und tatkräftigen Beschützers. Bereits im Jahre 452 wird ihm zu Ehren in Chalcedon eine Kirche geweiht. Byzantinische Pilger brachten die Legende des Heiligen Christophorus und seine Verehrung in den Westen. Durch die Jahrhunderte entstanden allein im europäischen Raum mehr als 3000 Kirchen. Darüber hinaus hat es Christophorus sogar in den kleinen und feinen Kreis der 14 Nothelfer geschafft.

Schon im Mittelalter wurde Christophorus als Wegbegleiter von vielen Reisenden angerufen. Ritter zogen mit ihm hinaus, Schiffer, Flößer und Fuhrleute vertrauten auf seinen Begleitschutz. Auch heute finden sich auf dem Armaturenbrett vieler Autos Plaketten des Heiligen Christophorus. Nicht dass der Heilige Christophorus dann selbst am Steuer sitzt. Aber der Blick auf ihn lässt doch etwas mehr Vorsicht im Straßenverkehr walten.

Aber nicht nur für die vielen Aufbrüche, Wegstrecken und Reisen, die wir in dieser Welt tun. Auch für die letzte Reise, die eigentliche Weltreise, die jeder Mensch einmal antritt, die Reise aus dieser Zeit hinein in die Ewigkeit, wurde Christophorus zum Patron erklärt. Früher war den Menschen die Tragweite dieses letzten Aufbruchs deutlicher bewusst als vielen aufgeklärten Zeitgenossen heute. Man wusste noch eindrücklicher, wie sehr es gerade bei dieser letzten Reise darauf ankommt, dass wir sie gut vorbereitet antreten. Man wollte die letzte Reise gut vorbereiten, um auch sicher und wohlbehalten anzukommen – heimzukommen. Darum hat man schon bald an vielen Kirchen, Spitälern und an belebten Plätzen überdimensionale Darstellungen des Heiligen Christophorus anbringen lassen. Immer als Riese, mit dem Christuskind auf seinen Schultern und einem Stab in der Hand. Im Augsburger Dom etwa von Lucas Cranach oder an der alten Pfarrkirche in Tutzing. Wer am Morgen ein Christophorus-Bild betrachtet, wusste sich den ganzen Tag beschützt. Ganz einfach sollte der Anblick des Christophorus den Menschen daran erinnern, bewusst zu leben und vor einem unvorbereiteten, plötzlichen Tod bewahren. Ein wichtiger Gedanke, den wir auch immer wieder bedenken sollten: wie wir denn einmal sterben wollen, und worauf es uns am Ende ankommt. Wohin die Reise geht, was wir einpacken und was wir nicht mitnehmen. Das Gebet und eine gute Sterbende sollten wir nicht vergessen.

Und da ist noch eines, was uns der Heilige Christophorus schenkt: seinen Namen: Christophorus – das heißt Christusträger. Sind wir nicht alle irgendwie „Christophorus“. Wir heißen nicht nur Kinder Gottes, wir sind es. Seit unserer Taufe tragen wir Christus in uns. Alles kommt darauf an, dass Christus in uns groß werden kann. Dass er unser Leben trägt und prägt. Dass wir, die wir Christus in uns tragen, am Ende sicher getragen werden von ihm.

Mit Christus unterwegs sein heißt, bewusster leben, ein Ziel vor Augen haben, wie Christophorus. Ein Ziel, dem unser Leben gilt. Menschen, denen unser Leben dient. Christusträger zu sein bedeutet zugleich auch, verantwortungsvoll zu leben. Auch und gerade dann, wenn wir unterwegs sind. Aber nicht nur im Blick auf die anderen, auch im Blick auf unseren eigenen Lebensweg. Wie bin ich eigentlich unterwegs im Leben? Stimmt das Tempo, stimmt das Ziel? Bin ich auf Kurs? Er passt gut an den Beginn der Ferien, als Reisepatron, der Heilige Christophorus.

19.07.2015:
Was haben wir nicht nötig?
Ein Zwischenruf von Pfarrer Ulrich Lindl

Wir haben es nicht nötig, uns als Christen in den Medien ständig in Frage stellen und dabei oftmals belächeln zu lassen. Nicht von Talkmastern und Moderatorinnen und nicht von einem wie auch immer zusammengesetzten Publikum. Wer da nicht alles meint mitreden zu können. So mancher mischt sich mit einem Elan in Angelegenheiten der Kirche ein, ob wohl er/ sie schon lange nicht mehr in der Kirche ist. Warum eigentlich noch so viel „Interesse“? Im übrigen scheint in so mancher Takshow schon vorab ausgemacht, wer wofür wieviel Applaus erhält. Freilich, die Kirche Jesu Christi war und ist nicht vom Applaus der Massen abhängig. Andernorts sind Christen bereit, für ihren Glauben zu sterben… Das hat seit den Märtyrern durch all die Jahrhunderte gute Tradition. Und gerade in Zeiten der Verfolgung ist Glaube gewachsen. Bemerkenswert! Christsein hat auch sonst nichts mit Erfolg und auch nichts mit Modeerscheinungen zu tun. Schon eher mit dem Kreuz. Christsein trägt durch. Apropos Applaus: Von dem weisen Sokrates wird berichtet, dass er den Applaus der Menge nach einer seiner Rede mit der verwunderten Frage quittiert hat: „Warum applaudieren die Menschen, habe ich etwa etwas Falsches gesagt?“ Wir wissen doch alle, dass es nicht darauf ankommt, den Menschen nach dem Mund zu reden, sondern dass es allein darauf ankommt zu sagen, worauf es ankommt. Nur Mut!

Und überhaupt sollten wir Christen uns nur kritisieren lassen von jenen, die mehr Erfahrung haben und es dann auch besser machen. Wer aber kann es besser? Und wer bitte hätte denn mehr Erfahrung als die Kirche? Über zweitausend Jahre Lebenserfahrung einer weltweiten Glaubensgemeinschaft über alle Kulturen und Kontinente hinweg. Die Kirche war schon längst international aufgestellt, bevor hierzulande die erste „Kirche im Dorf“ stand. Da kann der christlichen Weltreligion so leicht niemand das Wasser reichen. Schon gar nicht irgendwelche Talkmaster oder Moderatoren/innen, die sich (notgedrungen) flüchtiger Tagesthemen bedienen und an Einschaltquoten orientieren müssen. Der Medienwissenschaftler und Philosoph Norbert Bolz hat darum völlig zu Recht erst unlängst der katholischen Kirche zu mehr Selbstbewusstsein geraten. „Sie sollte den Schatz ihrer zweitausendjährigen Lebenserfahrung und Spiritualität wahren und nicht gegen Talkshowtauglichkeit eintauschen.“

Und es bleibt die Frage: Was haben denn jene in den letzten Jahrzehnten besser gemacht, die seit den 68er Jahren zum Generalangriff auf das christliche Wertesystem geblasen haben? Nichts, oder seien wir gnädig, nicht viel. Dafür ist so manches schlechter geworden. Die Familie hat man infrage gestellt und damit die Grundlage, die uns Menschen zusammenhält. Der Generationenvertrag ist zum Generationenkonflikt geworden. Die Sozialversicherungen werden noch zu kämpfen haben… Es wird immer mehr allein erzogen und allein gestorben. Die Singlehaushalte, einst vermeintliche Aushängeschilder von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, wachsen mittlerweile wie Wolkenkratzer der Einsamkeit in den Himmel. Und das Verlangen nach der „Todesspritze“ ist in Wahrheit oft genug ein letzter verzweifelter Hilfeschrei nach menschlicher Zuwendung.

Und auch das noch: Männlein und Weiblein sollen irgendwie das Gleiche sein. Das meint zumindest die Gender-Ideologie und tritt selbstbewusst für ein „Was eigentlich“? ein. In aller Welt schlagen Männlein und Weiblein die Hände über dem Kopf zusammen – schauen Sie nach Afrika, in die arabische Welt oder nach Indien: Was von Natur aus doch klar ersichtlich ist, soll auf einmal nicht mehr gelten? Dass Mann und Frau doch nicht dasselbe sind, die beiden sich deshalb irgendwie anziehen und Mann und Frau, wie es in der Bibel steht, darum ein Fleisch werden, weil ihre Liebe Leben schenkt?! Warum gerade in unserer so entwickelten westlichen Welt die gegenseitige Bereicherung der Geschlechter in einer ideologischen Gleichmacherei eingeebnet werden soll, verstehe wer will… Ich verstehe das nicht. Wir sollten vielmehr alles daran setzen, Jungs beim Erwachsenwerden zu helfen, damit aus ihnen verantwortunsgsbewusste Männer werden. In Kindertagesstätten sind männliche Bezugspersonen gesucht wie nie, warum wohl? Weil vielen Buben die Väter fehlen! Und Mädchen sollen hineinwachsen können in ein erfülltes Frausein. Übrigens können Frauen Mütter werden, das nur nebenbei. Aber zwei Väter können eine Mutter nicht ersetzen, schon rein biologisch, aber vielleicht auch emotional nicht ganz. Geben wir unserer Gesellschaft Orientierung zurück, damit es unseren Kinder nicht schon in der Grundschule schwindlig wird…

Was wir letztlich riskieren, wenn wir die christlichen Werte leichtfertig über Bord werfen? Wir entwurzeln uns selbst! Unsere Werte sind über Jahrtausende gewachsen und erprobt. Es kommt mir vor als wollten manche die Axt an einem Baum anlegen, der über Jahrhunderte gewachsen ist, einfach so. Und ein neuer ist noch gar nicht gepflanzt.

Was treibt Menschen dazu? Die Lust am Untergang oder ist es Gedankenlosigkeit, Naivität? Der große liberale Geist einer Marion Gräfin Dönhoff konnte nicht umhin zu bemerken: „Eine Gesellschaft braucht den Glauben, sonst zerbricht sie!“ Und ich füge hinzu: weil sie keine tragfähigen Werte mehr hat. Werte wachsen schließlich aus dem Glauben. Ohne Glaube wird schnell alles wertlos. Auch der Mensch. Das „1000-jährige Reich“ spricht Leichenbände. „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!“, warnte schon der Prophet Jesaja vor zweieinhalbtausend Jahren (Jes 7,9).

Und es geht auch um den Frieden. Altkanzler Helmut Schmidt bringt es auf den Punkt: „Wir können nicht im Frieden leben ohne die vom Christentum entwickelten Pflichten und Tugenden.“ Auf dem Trümmerfeld des 2. Weltkrieges haben die Väter des Grundgesetzes bewusst klar gemacht, wessen Geistes unser Volk in Zukunft sein sollte und „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ unserem Land zu Jahrzehnten des Friedens und des Wohlstandes verholfen. Dabei sollte es um Gottes Willen auch bleiben. Auch darum braucht unsere Gesellschaft bekennende Christen als Impulsgeber. Gehen wir nicht in die Defensive! Mit christlichen Grundwerten bleiben wir in Führung!

12.07.2015:
Wissen Sie eigentlich noch…
Ein Gedanke für die Woche von Pfarrer Ulrich Lindl

Wissen Sie eigentlich noch, was wir an diesem Sonntag im Evangelium gehört haben? Hand aufs Herz: oft vergessen wir es ziemlich schnell und sind wieder bei dem, was uns sonst so die Woche lang umtreibt. Kein Vorwurf. Manchmal muss ich mich selbst im wahrsten Sinn des Wortes „besinnen“. Eigentlich schade, denn das Evangelium ist nicht weniger als das „Wort für die Woche“ von Jesus Christus für uns Christen.
Manchmal liegt es ja schon daran, dass wir es schon so oft (zu oft?) gehört haben, dass wir es „bald auswendig kennen“. Aber genau darum geht es nicht, dass wir das Evenglium auswendig kennen. Das Evanglium will nur eins: es will gelebt werden!

Darum an dieser Stelle das Evangelium vom Sonntag noch einmal zum Nachlesen:
„In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben, und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen. Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst. Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie. Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“ (Mk 6,7-13)

Wenn wir diese Aussendung einmal tief auf uns wirken lassen, dann spüren wir, wie bewegend, ja wie spannend jeder Moment im Evanglium ist. Da kann man nicht weghören. Und wenn wir wirklich hingehört haben, können wir am Montag nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, so als hätten wir nichts gehört…

Jesus sendet seine Jünger aus. Sie sollen die Botschaft vom Reich Gottes in die Welt tragen. Interessant, wen Jesus da aussendet: bestimmt keine Leistungsträger. Er nimmt seine Jünger, die wir wohl nie genommen hätten: Fischer. Zöllner und Zeloten! Sie sind seine Zeugen. Und das mit gutem Grund: sie haben mit Jesus zusammen gelebt, haben auf ihn gehört, von ihm gelernt, und sie sind bei ihm auch geblieben. Jesus gibt ihnen bewusst nichts mit auf den Weg: kein Geld, keine Vorratstasche, nicht einmal Brot als Wegzehrung. Damit wird eines klar: was sie mitnehmen ist, dass sie nichts mitnehmen. Und worauf sie angewiesen sind: dass sie zu Menschen gehen und, dass Menschen aufmachen. Und dann sollen sie bleiben. Nicht einfach von einem Haus zum anderen wandern. Missionare sind keine Klinkenputzer und die Botschaft Jesu ist keine Postwurfsendung. Wenn die Botschaft lautet: „Das Reich Gottes ist nahe“, können wir mit unserem Bischof Konrad gleich hinzufügen: „Das Reich Gottes ist Nähe!“ Darum gilt es zu bleiben. Nur so wächst schließlich Nähe.

Und was soll die Menschen bitte zum Glauben bringen? Der Glaube, was denn sonst. Der Glaube, der die Jünger erfüllt, weil sie Jesus erlebt und zum Glauben an ihn gelangt sind. Ihn nehmen sie ja auch mit. Wahre Missionare brauchen keine Leistungsträger zu sein, aber sie müssen Christusträger sein. Auch darum sendet der Herr seine Jüger zu zweit aus. Christen sind keine Einzelgänger. Und vor allem: wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind, da ist Er mitten unter ihnen.

Und was hat das Evanglium dann mit uns zu tun? Wenn wir ehrlich sind: der Glaube fällt nicht vom Himmel. Damit stellt sich die Frage: Wer hat Ihnen, wer hat mir, wer hat uns den Glauben eigentlich nahe gebracht? Und wie haben sie es geschafft? Uns fallen jetzt gewiss Menschen ein, denen das gelungen ist. Es sind die Missionare unseres Lebens. Und wir werden unschwer erkennen, wie ihnen das gelungen ist. Nicht durch besondere Kompetenzen, auch nicht durch gescheite Belehrung. Wir haben diesen Menschen ihren Glauben abgenommen, weil sie ganz einfach glaubwürdig waren, weil ihnen Christus innerlich nahe gegangen und nahe geblieben sind. Nicht was ein Mensch kann, sondern was er für uns ist, macht ihn am Ende bedeutsam.

In diesem Jahr begehen wir 50 Jahre „Ad Gentes“. Das Missionsdekret des II. Vatikanischen Konzils sagt: die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch. Wäre sie nicht missionarisch, wären wir nie missioniert worden und die Kirche hätte auch keine Zukunft. Mission heißt „Sendung“. Und Mission, die Sendung, beginnt bei Gott. Der erste Missionar dieser Welt ist Jesus Christus. Und Jesus Christus traut uns Menschen zu, seine Mission weiterzutragen. Damals den Jüngern, heute uns. Die Mittel und Wege bleiben die gleichen. Auch wir nehmen nichts mit auf den Weg. Nichts, nur unseren Glauben und Ihn, an den wir glauben. Und auch -ja gerade- in unserer so schnelllebigen Zeit ist es wichtig zu bleiben. Wer bleibt, bringt Frucht.

Halten wir also fest: Es wird nicht darauf ankommen, was wir den Menschen sagen, sie werden nur glauben, wie und was wir leben. Nur wenn wir glaubwürdig sind, werden die Menschen uns den Glauben abnehmen. Damit wird klar, dass überall Missionsgebiet ist, wo Menschen Glauben leben. Was uns einleuchtet, strahlt bestimmt auch aus. Wir sind Missionare Christi, bleiben wir auf einem guten Weg!

05.07.2015:
Was sind das eigentlich für Menschen…?
Gedanken zum Hochfest des Hl. Ulrich am 4. Juli von Pfr. Ulrich Lindl

Was sind eigentlich für Menschen – Heilige? Die erste Antwort darauf ergibt sich aus der Frage: Heilige sind Menschen.
Heilige fallen also nicht vom Himmel. Sie fangen –wie alle Menschen- klein an. Da macht auch der Heilige Ulrich keine Ausnahme. Kaum zu glauben, dass dieser wahrhaft große Heilige am Anfang gar nicht gedeihen wollte. Er war so kränklich, dass seine Eltern um sein Leben bangten. Auf den Rat eines durchreisenden Geistlichen wurde das Kind entwöhnt und seine Ernährung umgestellt. Daraufhin entwickelt der kleine Ulrich sich prächtig. Und schnell stellt sich heraus, der ist unglaublich begabt. Wo schicken wir ihn nur auf die Schule? 210 km weit weg in die Benediktinerabtei zu St. Gallen, das beste Bildungszentrum seiner Zeit. Aber für ein 10 jähriges Kind ein harter Einschnitt. So weit weg von zu Hause. Heilige sind zuerst einmal Menschen…

Wer in der Basilika „St. Ulrich und Afra“ die Heiltumskammer besucht, kommt Ulrich, auch nach über 1000 Jahren zum Greifen nahe. Wir sehen seinen Kamm, sein Geschirr, sein Gewand, vieles aus seinem täglichen Gebrauch. Auch sein liturgisches Gewand. Und wir sehen, er war mit über 180 für seine Zeit auch äußerlich sichtbar unglaublich groß. Im Alter plagten ihn Bandscheibenprobleme. Folge seiner unzähligen Reisen. In einem Ochsenkarren ohne Stoßdämpfer.

Heilige sind zunächst einmal Menschen. Christsein setzt Menschsein voraus. Nur wahre Menschen sind auch wahre Christen. Das kann bei einem Gott gar nicht anders sein, der in Jesus Christus selbst Mensch geworden ist. Heilige heben nicht ab. Sie stehen mit beiden Beinen auf dem Boden. Aber dabei darf man nicht stehen bleiben…

Christsein ist entwickeltes Menschsein
Heilige waren ja auch echte Christen. Christsein ist entwickeltes Menschsein. Nach dem Vorbild Jesu. Heilige sind damit wahre Freunde Jesu und durch Ihn Eingeweihte Gottes. Gott hat sich in Jesus Christus hingebungsvoll hineingekniet in diese Welt. Mit aller Liebe. Das hat auch Ulrich versucht. In den 50 Jahren seines bischöflichen Amtes war er voller Tatkraft. Was hat er nicht alles angepackt! Die Bischofsstadt befestigt, den niedergebrannten Dom und Klöster wieder aufgebaut. Er hat sich als Reichsbischof auch entschlossen in die Politik eingemischt, wenn es galt dem Frieden zu dienen. Legendär ist sein Einsatz gegen die Ungarn. Ihren Höhepunkt fand sie in der entscheidenden Lechfeldschlacht 955. Christen ziehen sich nicht zurück aus der Welt, sie engagieren sich, mischen sich ein. Seien wir dankbar für alle die heute versuchen christliche Werte in der Gesellschaft umzusetzen.

Aber vielmehr noch war Bischof Ulrich Seelsorger und Hirte. Das ganze Bistum hat er unermüdlich bereist, einen guten Klerus herangebildet. Den Armen und Notleidenden war er besonders zugetan, in Augsburg errichtete er für sie ein Armenhospiz. Seine wahre Größe zeigt sich im Kleinen. Wie es Papst Franziskus gesagt hat: Nicht übertriebener Aktivismus ist im Geiste Jesu sondern aufmerksame Zuwendung. Als einmal arme Bergbauern ihm ihr Leid klagten, dass ihre Väter ein Kirchlein errichtet hätten, aber bislang kein Bischof bereit gewesen wäre, es zu weihen, war Ulrich schon tags darauf dort. Einen verkrüppelten Bettler, der ihm in Kempten auf dem Friedhof begegnet war, bedachte er noch ausdrücklich in seinem Testament.

Wie hast Du das alles geschafft? Ulrich hätte wohl auch auf diese Frage hin auf Jesus verwiesen. Wie er: aus dem Gebet! So wie sich Jesus immer wieder in der Einsamkeit des Gebetes –aus der Zweisamkeit mit seinem Vater- Kraft geholt hat, haben sich auch alle Heilige vertrauensvoll hineingekniet ins Gebet. Auf seinen Reisen nahm Ulrich bewusst den Ochsenkarren, weil er damit Kapläne mitnehmen und mit ihnen beten konnte. Auf einer Strohmatte hat er geschlafen, um innerlich wach zu bleiben. So konnte er nachts aufstehen und beten und Kraft schöpfen für sein Tagewerk. Wenn es die Zeit erlaubte feierte Ulrich täglich bis zu dreimal die Heilige Messe und war tief versunken im Chorgebet. Der benediktinische Grundsatz „Ora et labora“ –„bete und arbeite“ war wie ein innerer Pulsschlag seines Wirken.

Heilig sind Vorbilder und Wegweiser
Heilige sind so Vorbilder und Wegweiser. „Heilige wollen uns zu Christus hinführen, sie sind Transparente Christi. Sie sind Illustrationen zum Evangelium und der beste, einzig gültige Kommentar dazu.“ Das Leben des heiligen Ulrich ist eine kraftvolle Illustration zum Evangelium seines Hochfestes: Das Freundschaftsangebot Jesu hat er angenommen: „Ich nenne euch nicht ehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15, 15) Heilige sind also besondere Freunde Jesu, Eingeweihte Gottes und Mitarbeiter Jesu: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut was ich euch aufgetragen habe.“ Mitarbeiter, die es mit Ihm aushalten und bei Ihm bleiben. Das ist auch ein Charakterzug des Heiligen Ulrich: seine Beständigkeit, seine Stabilitas, sein Aushalten und Durchhalten, ein halbes Jahrhundert als Bischof. Wie schwer fällt das vielen heute! Und wie wichtig ist es doch: bei Jesus bleiben –in aller Freundschaft und Liebe-, damit wachsen kann, was wachsen muss, um am Ende Frucht zu bringen.

Und: Heilige sind weitsichtig…
Alle Heilige sind dann auch einmal gestorben. Auch daran erkennt man Heilige: dass sie gut loslassen können, weil sie sich auf den Himmel freuen. Ulrich war bereit zu gehen. An der Kirche der Heiligen Afra war schon eine Grablege ausgesucht. Der Sarg stand bereit. Und an jedem Freitag feierte Ulrich am Ort seines späteren Begräbnisses die heilige Messe. In der Frühe des 4. Juli spürt er den Tod kommen. Ein Aschekreuz soll auf den Boden gestreut und mit Weihwasser besprengt werden. Hierauf wird der Sterbende Bischof gelegt. Im Beisein seiner Mitbrüder haucht er unter dem Gesang von Litaneien den Geist aus.

Aber eine Frage bleibt: was bleibt am Ende übrig? Knochen. Man nennt sie zwar Reliquien, aber es sind und bleiben tote Knochen. Der Tod ist die sichtbare Nagelprobe des Lebens! Darum brauchen wir die Reliquien. Gerade die Knochen unserer Heiligen wollen unsere Augen öffnen. Wir sind ja so kurzsichtig geworden. Denn alles was wir in dieser Welt sehen vergeht. Alles Sichtbare ist vergänglich. Machen wir uns nichts vor. Auch wir werden einmal zu Knochen. Darum wollen uns die Reliquien die Augen öffnen. Damit wir weitsichtig werden und das suchen, was unvergänglich, eben für die Ewigkeit bestimmt ist.

Vor Kurzem wurde ich gefragt: Warum ist die Verehrung des Heiligen Ulrich nach über 1000 Jahren noch so lebendig? Hier haben wir die Antwort: Weil er nicht tot ist, sondern lebt. Ulrich ist ein Überlebender bei Gott! „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten.“ Das war schon die Frage am Grab Jesu. Einen Lebenden findet man nicht m Grab.
Ulrich hat an das Überleben geglaubt. Er ist ein wahrhaft Überlebender bei Gott. „Es gibt nichts Lebendigeres als tote Heilige“.

28.06.2015:
Petrus und Paulus – oder: Gegensätze ziehen sich an
Gedanken zum Fest der beiden Apostel am 29. Juni von Pfarrer Ulrich Lindl

Eigentlich ein physikalisches Gesetz. Aber zugleich auch eine Beobachtung im „richtigen“ Leben: Gegensätze ziehen sich an. Die wenigsten würden sich wohl selbst heiraten. Und wenn man Paare erlebt, die „echt gut zusammen passen“, dann oft deshalb, weil sie doch so verschieden sind. Frei nach dem Motto: „Da haben sich die Richtigen gefunden! – Du hast, was mir gerade noch gefehlt!“ So bereichert man sich gegenseitig –eine echte „Zugewinngemeinschaft“. Auch jedes „Dream team“ im Sport, jede kreative Arbeitsgruppe im Betrieb ist immer dann stark, wenn sie viele verschieden Charaktere und Fähigkeiten versammelt und für ein gemeinsames Ziel motivieren kann. „Gemeinsam sind wir unschlagbar!“

Bei den Aposteln war das ganz ähnlich. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten hatte Jesus da um sich versammelt. Wir hätten wohl andere Leistungsträger in unser Team geholt als Fischer und Zöllner und Zeloten… Und doch: Nach Pfingsten sind sie alle da und haben nur das eine Ziel: wir bringen die junge Kirche auf den Weg! Und das ist ihnen weiß Gott auch gelungen! Die Mittel und Wege allerdings waren da ganz unterschiedlich, wie eben die Apostel auch.

Gewiss, da ist zuerst einmal Simon „Petrus“ – der „Fels“. So dürfen wir ihn uns wohl auch vorstellen: als Fels in der Brandung. Er ist Mittelpunkt der Jerusalemer Gemeinde. Ein Judenchrist von Haus aus. Und dann ist da Paulus, gebildet, aus Tarsus, ausgestattet mit römischem Bürgerrecht. Mit der weiten Welt ist Paulus viel mehr vertraut als der Fischer aus Galiläa. Petrus aber ist und bleibt der Erstberufene. Bei allen Aufzählungen steht er an erster Stelle der Apostel genannt. Und Jesus wollte auf diesem Fels seine Kirche erbauen. (vgl. Mt 16,18)

Paulus dagegen ist ein „Nachzügler“. Jesus ist ihm in einer Vision erst später erschienen. Persönlich begegnet ist er ihm wohl nie. Und doch bezeichnet sich auch Paulus ganz selbstbewusst als Apostel. Und das, obwohl er/sie zuvor die ersten Christen verfolgt und wohl auch den Stephanus „auf dem Gewissen“ hat. Der hat sterbend die Hände ausgebreitet und für seine Verfolger gebetet. Auch für Saulus. Vielleicht ist auch darum aus ihm dann ein Paulus geworden… Interessant wieder einmal, wie und mit wem Gott „zusammenarbeitet“.

Petrus der Stabile, Paulus der Mobile – zwei ganz unterschiedliche Männer, doch mit einem gemeinsamen Ziel: Christus verkünden. Freilich unter Christen darf man auch einmal in der Sache streiten. Petrus und Paulus sind darum auch einmal aneinander geraten: Mitte der 40er Jahre auf dem Apostelkonzil in Jerusalem wurde dann aber einvernehmlich entschieden: Paulus geht mit seinen Begleitern hinaus in die ganze Welt und wird so zum „Heidenmissionar“ und „Völkerapostel“… Petrus hingegen bleibt mit anderen Aposteln in der Jerusalemer Urgemeinde und verkündet von dort aus vor allem den Juden. Am Ende freilich finden wir Petrus und Paulus in Rom. Beide haben sie sich ganz für ihren Glauben entschieden und sind am Ende für ihren Glauben auch gestorben, Paulus durch das Schwert, Petrus am Kreuz.

Paulus ohne Petrus? Petrus ohne Paulus? Der eine ist ohne den anderen irgendwie nicht vorstellbar. So unterschiedlich sie waren -oder vielleicht gerade deshalb- wurden sie beide so wichtig, als die ersten Christen an den Start gingen um das Evangelium zu verkünden…

Heute ist es auch nicht anders: als Christen brauchen wir uns gegenseitig. Gerade wegen unserer Unterschiede, Fähigkeiten, Stärken und Schwächen (die bekanntlich auch Petrus und Paulus hatten) ergänzen wir uns. Der Geist von Pfingsten ist gewiss ein Geist der Vielfalt aber zutiefst auch ein Geist der Einheit. In jedem Fall ein Geist der Leben schafft!

21.06.2015:

Ein Großer will kleiner werden…
Gedanken zum Geburtsfest des Heiligen Johannes des Täufers von Pfarrer Ulrich Lindl

„Born to grow!“ „Geboren werden, um zu wachsen!“ Ein Werbeslogan in einem Fitness-Studio. Klingt nicht schlecht. Menschen wollen wachsen. Irgendwie steckt das in unseren Genen. Aber wachsen – wohin? Jedenfalls will keiner kleiner werden. Wenigstens nicht freiwillig. Groß werden, groß rauskommen. In der Schule ganz vorn dabei sein. Der Karriereleiter möglichst weit hinauf und auf dem Siegertreppchen möglichst ganz oben stehen. Erfolg haben. Ich bewundere Menschen, die es aus eigener Kraft weit gebracht haben. Freilich hat Erfolg seinen Preis. Erfolg macht Druck. Erfolgsdruck. Und dann. Und auch das: Erfolg ist vergänglich. Nach dem Sieg kommt irgendwann die erste Niederlage. Und nach dem Erfolg irgendwann auch einmal Misserfolg. Darum bewundere ich noch mehr Menschen, die die Größe haben, zu ihren Schwächen zu stehen. Die wissen, dass es nicht nur auf die eigene Stärke ankommt. Wer nur an seine eigene Größe denkt, der denkt zu kurz.

Dafür steht wie kein anderer Johannes. Er war gewisse ein ganz Großer. Er hat die Massen mit seiner Botschaft fasziniert und mobilisiert. Johannes war ein wahrer Publikumsmagnet und das mitten in der Wüste. Aber es ging ihm nicht darum, selbst groß herauszukommen. Im Gegenteil. Die Grenzen des Menschenmöglichen waren ihm ja in die Wiege gelegt. Denn nach menschlichem Ermessen wäre er nie auf die Welt gekommen. Dafür waren seine Eltern viel zu alt. Nein es ist Gnade. Johannes heißt übersetzt: Gott ist gnädig. Wir Menschen haben vor Gott Gnade gefunden. Das ist die Botschaft an Maria: Maria du bist voll der Gnade. Und Maria sagt Ja zu Jesus. Und genau auf ihn zeigt Johannes. Die ganze Aufgabe seines Lebens sieht Johannes darin, Jesus den Weg zu bahnen. Er soll groß rauskommen. Ihn haben wir Menschen schließlich dringend nötig. Das spüren wir Menschen spätestens dann, wenn die eigene Kraft plötzlich nicht mehr ausreicht, wenn Misserfolge sich einstellen, und auf einmal alles, was ich mir aufgebaut habe, in sich zusammenbricht. Das kann jedem passieren.

Schauen wir ruhig einmal hinein in die Welt der erfolgreichen – Fußballer. Der ehemalige Nationalspieler und Stürmer von Borussia Dortmund Heiko Herrlich hat genau das erlebt und in aller Offenheit auch darüber geredet. Es war mitten im Strafraum. Aber plötzlich traf er nicht mehr das Tor. Immer wieder schoss er daneben. Völlig unerklärlich! Die Ärzte diagnostizierten den Grund: Hirntumor. Inoperabel. Heiko Herrlich hatte vor kurzem geheiratet und seine Frau erwartete gerade ein Kind. Nur noch wenige Wochen zu leben. Aber schon damals war Fußball nicht sein Leben und Fußball auch nicht sein Gott. Sondern der Glaube an Gott. Ein Bibelwort war sein Lebensmotto: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch dazugegeben.“ Was bedeutet das, wenn´s drauf ankommt? Für Heiko Herrlich keine Frage: „Ich habe alles losgelassen. Meine Frau, meine Freunde, meine Millionen auf dem Bankkonto. Gott hat mich festgehalten. In meinem Herzen wusste ich: Du kannst nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes.“ Wieder Erwarten wagten sich die Ärzte nach erfolgreicher Chemotherapie an eine Bestrahlung und der Hirntumor löste sich völlig auf. Heute ist Heiko Herrlich als Trainer der U 17 Mannschaft des FC Bayern München tätig…

Auch Ottmar Hitzfeld, vor kurzem zum erfolgreichsten Bundesligatrainer des Jahrhunderts gewählt, hat die innere Größe über Schwäche zu reden. „Als ich im Krankenhaus lag, war der Fußball in weite Ferne gerückt. Schwere Prüfungen müssen durchlebt und bestanden werden. Ich verstehe dieses Leben als Bewährungsprobe, als Etappenziel und das ewige Leben als Endziel.“ Und auch darüber spricht Hitzfeld ganz offen: „Ich bete morgens, tagsüber und abends. wenn mich nachts Sorgen überfallen, überkommt mich beim Beten eine wunderbare Ruhe. Ich weiß, da steht einer hinter mir.“ Und ich spüre, wie wichtig es ist, dass Gott und der Glaube an ihn im Leben eines Menschen mit gewachsen ist.

Ein anderer erfolgreicher Fußballer gibt offen zu: „Wenn wir Fußballmillionäre unter uns sind, reden wir über Aktien, Autos und allerlei, nur nicht über unsere Ängste, Sehnsüchte und Gott.“ Aber es gibt sie die Ängste –auch bei erfolgreichen Fußballprofis – und was dann? Jean-Marie Pfaff, der zum besten Torwart der Welt gekürt wurde, hatte Angst vor den gellenden Pfiffen der gegnerischen Fans. Was ihm Ruhe und Kraft gegeben und aus seiner Angst herausgeholfen hat waren Worte aus dem Psalm 118: „In meiner Angst rief ich zu Gott, und er erhörte mich. was können Menschen mir antun.“ Pfaff gehört wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger zu den Spielern, die aus ihrem Glauben kein Hehl machen, sondern daraus Kraft schöpfen.

Wachsen und groß werden, das will jeder Mensch. Aber wie wichtig ist, dass in unserem Leben einer größer und stärker wird als wir. Jesus Christus. Ihn hat Johannes verkündet, auf Ihn hat er gezeigt, für Ihn hat er gelebt, für Ihn ist er auch gestorben. Johannes bleibt auch für uns der entscheidende Wegweiser. Ein Wegweiser kennt den Weg. „Nach mir kommt einer, der ist größer als ich.“ Und ein Wegweiser steht am Rand, nicht im Weg. Johannes nimmt sich darum auch klar zurück: „Ich muss abnehmen. Er muss wachsen.“ Und damit hat er genau Recht, denn genau darum geht es: dass Jesus hineinwachsen kann in unser Leben und wir aus unserer inneren Beziehung mit ihm vertrauensvoll und zuversichtlich leben.

Berti Vogts hat es einmal wunderbar auf den Punkt gebracht: „Mein Job als Bundestrainer ist mein Spielbein. Aber noch wichtiger ist mein Standbein. das ist mein Gottvertrauen.“

14.06.2015:

„Wir sind nur Gast auf Erden!“
Gedanken von Pfarrer Ulrich Lindl

Was heißt hier eigentlich Flüchtling? Wer ist wo daheim? Und überhaupt: wem gehört eigentlich was? Scheinbar ist das schon fest ausgemacht und verteilt. Klarer Fall von Besitzstand.

Aber mit Verlaub: Die Erde gehört uns nicht! Wir haben sie nicht erdacht und auch nicht erschaffen. Die Erde ist uns anvertraut von einem ganz anderen, den wir GOTT nennen. Wir sind nicht Eigentümer, sondern Treuhänder dieser Welt. Oder wie es ein Kirchenlied so schön zum Ausdruck bringt: „Wir sind nur Gast auf Erden!“ Und eben diese Gastfreundschaft hat Gott allen Menschen gleichermaßen gewährt. Für Gott gibt es darum keine Gäste erster, zweiter und dritter Klasse. So wie es auch keine „Dritte Welt gibt“ (wir haben nicht einmal eine zweite… nur die eine!) Für uns Christen sollte das ohnehin klar sein: Beten wir nicht mit Jesus Christus immer wieder zu unserem Vater im Himmel. Übrigens: Wenn wir nur Gast auf Erden sind, wissen wir damit auch wo wir eigentlich herkommen und damit eigentlich hingehören: „Unsere Heimat ist aber im Himmel!“ (Phil. 3,20)
Freilich wollen wir uns nicht auf den Himmel vertrösten. Knien wir uns lieber hinein in das Erdreich dieser Welt. Wie das geht, hat uns Gott in Jesus Christus vorgelebt… Gott ist schließlich Mensch geworden! Und dabei hat er sich nichts erspart. Die schlimmste Erfahrung schildert das Johannesevangelium gleich zu Beginn: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“, heisst es gleich zu Beginn bei Johannes (Joh 1,11).

Gott ein Mit-Flüchtling

Sichtbar wird dies gleich zu Beginn in einer schweren Geburt. Betlehem – ist kein Grund zu weihnachtlichem Wohlbehagen, schon viel eher Ort einer schweren Geburt. Und dann ist Jesus auch schon auf der Flucht. Gott ein Flüchtling auf Erden!

Später wird Jesus das Reich Gottes verkünden und genau deshalb selbst „heimatlos“ in dieser Welt bleiben. Ja, der Menschensohn hat nicht einmal einen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. (vgl. Mt 8,20) Im Angesicht seiner Kreuzigung gibt der Gottessohn für uns Menschen sein letztes Hemd…. und dann auch noch sein Leben hin! Gott kann mit reden, wenn es um Not und Leiden des Menschen geht. Die schlimmsten Erfahrungen der Menschen hat er am eigenen Leib -am Leib Christi- durchlitten …und er leidet auch heute mit. Mit den Millionen Flüchtlingen unserer Tage. In jedem dieser Menschen erreicht uns die Bitte Jesu: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!“ (Lk. 6,36)

Aber ist nicht „Barmherzigkeit“ zu einem Fremdwort geworden. „Gnade und Barmherzigkeit“ . Wer versteht das heute noch. Und doch brauchen wir beides – dringend nötig! Nur mit Gnade und Barmherzigkeit werden wir am Ende überleben.

Seid barmherzig!

Kennen Sie die Werke der Barmherzigkeit? Kriegen wir sie noch zusammen?
Hungrige speisen
Durstige tränken
Fremde beherbergen
Nackte kleiden
Kranke pflegen
Gefangene besuchen
Tote bestatten
Das müssen wir schaffen! Denn „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Es geht nicht nur im einen Dienst an Menschen. Es geht um unseren Gottesdienst. Nächstenliebe und Gottesliebe sind nicht voneinander zu trennen. An diesem Doppelgebot der Liebe hängt das ganze Gesetz samt den Propheten, sagt Jesus. (vgl. Mt 22, 37-39) Daran hängt alles.

Mutter Teresa hat das zuinnerst verstanden und darum zuvor gebetet. „Am Morgen bete ich Christus in der Hostie an, am Tag in den Ärmsten der Armen.“ Barmherzigkeit ist damit ausdrückliche Würde in der Begegnung von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Gott. Darum hat Mutter Teresa auch gebetet: „Mach uns würdig, Herr, unseren Mitmenschen in der ganzen Welt, die in Hunger und Armut leben und sterben, zu dienen.“

Gehen wir wie Jesus an den Rand!

Papst Franziskus schickt uns neuerlich hinaus an die Grenzen zu den Menschen an die Ränder, an die existentiellen Peripherien (vgl. Ev. Gaud. 49). Denn dort begegnen wir Christus wirklich. Und wenn wir Christus helfen wollen, müssen wir dort sein, wo er ist. Er war und ist immer bei den Armen, Entrechteten, bei den Schwachen und Verfolgten. Darin sieht Franziskus die „Logik des Evangeliums“ als eine „Logik der Hingabe“. Und er erwartet konkrete Taten der Aufnahme von Flüchtlingen. (Vgl. auch sein Apostolisches. Schreiben zum Jahr des geweihten Lebens II 4) Als Antwort auf den Anruf Jesu: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35) Das bedeutet freilich auch die Unterstützung all jener Bemühungen, die einer Verbesserung der Lebensbedingungen in den Herkunftsländern dienen. Und damit all den Vielen zu Gute kommen, die nicht ihre Land verlassen können oder in ihrer Heimat bleiben wollen. Denn niemand verlässt leichtfertig den Ort, wo seine Wurzeln sind.

Das Jahr der Barmherzigkeit

Am 08. Dezember wird Papst Franziskus ein außerordentliches Heiliges Jahr, ein Jahr der Barmherzigkeit eröffnen. Und damit uns einladen im Blick auf Jesus Christus uns neu ansprechen zu lassen von dieser Herzenshaltung Gottes. Haben wir dabei keine Angst, wir könnten etwas verlieren, wenn wir geben. Im Gegenteil: wir werden gewinnen. Denn am Ende gehört uns wirklich nur das, was wir hergeschenkt haben.

Reich ist wer viel hat.
Reicher ist, wer wenig braucht: die glücklichsten Menschen leben nicht in den reichsten, schon eher in den ärmeren Gegenden dieser Welt…
Am reichsten ist, wer viel gibt.

 

07.06.2015:

Glaube macht mobil – oder: Wer suchet, der findet…!
ein Gedanke für die Woche von Pfarrer Ulrich Lindl
„Bewegung ist Leben.“ Den Spruch habe ich dort gelesen, wo er auf Anhieb sofort verstanden wird. Richtig: beim Orthopäden. Wie ich da hin komme? Kurz mal im Sprunggelenk umgeknickt und das Außenband gerissen. So einfach geht das, und auf einmal geht nichts mehr. Dankbar für die Gehhilfe schaut man dann, dass man langsam wieder in die Gänge kommt. Bewegung ist Leben! Das spüren auch Wallfahrer, die in diesen Wochen unterwegs sind und Rast machen bei unserem Herrgöttle.

Pilger machen sich mit ihrem Glauben auf den Weg. Bevor sie aufbrechen stellt sich die Frage, was nehme ich mit…? Und was lass ich daheim! Neben dem sichtbaren –und hoffentlich leichten- Gepäck, ist auch vieles mit dabei, was man nicht sieht, weil wir es nicht im Rucksack, dafür im Herzen tragen.

Und einmal auf den Beinen merkt man recht bald, dass man sich selbst mitgenommen hat. Jeder Wallfahrer begegnet unterwegs sich selbst. Hat Umgang mit sich. Und das bringt schon mal weiter. Wie oft laufen wir neben uns her. Wallfahrer begegnen sich. Und dann vielen anderen, die auch unterwegs sind. Auch diese Erfahrung tut gut. Wir brauchen uns im Glauben!

Eine Begegnung der besonderen Art mit einem Wallfahrer hatte ich erst unlängst. Nach acht komme ich nach Hause. Am Pfarrhof erwartet mich ein Pilger. 22 Jahre alt. 12 Kilo Gepäck. Auf dem Rucksack eine Jakobsmuschel. Aufgebrochen ist der junge Mann vor einem Monat in Turnov, einer wunderschönen Gegend bei Liberec (Reichenberg). Und er hat nur ein Ziel. „Ich will nach Santiago!“ Alles in allem vier Monate Pilgern. Unterwegs mit Rucksack, Isomatte, Schlafsack und sonst nichts.
Heute Abend übernachtet er in meinem Gästezimmer. Sonst meistens draußen im Wald oder unter einem Scheunendach. Als ich mich mit ihm unterhalte erfahre ich, dass er gar nicht getauft ist. Seine Eltern seien Atheisten. Auf meine Frage, warum er sich den dann vier Monate auf den Weg macht antwortet er ohne zu überlegen: „Weil ich Gott suche!“ Ich erinnere mich an ein Wort Jesu: „Wer suchet, der findet!“ (Mt 7,8) Und ich freue mich. Denn mit dieser Zusage hat der junge Pilger Gott schon gefunden!

03.06.2015:

Auf zur Demo!

Hand aufs Herz! Wann waren Sie zuletzt auf einer Demo? Ach, Sie waren noch nie? Dann lassen sie mich anders fragen: Für wen oder gegen was würden Sie auf die Straße gehen und lautstark demonstrieren…?

Am Donnerstag machen wir eine Demo. Wir begehen Fronleichnam! Klingt aufs Erste nicht gerade lebendig: ist es aber. Und das schon sehr lange. Schließlich begehen wir Fronleichnam schon seit fast 800 Jahren und bei uns in Bayern mit allem, was es zu einem echten Hochfest macht. Ja, es ist schon eine Demonstration der etwas anderen, der ganz besonderen Art: Keine lautstarken Parolen, sondern Lieder werden gesungen. Keine Steine fliegen, sondern Blumen werden gestreut. Und statt Transparenten und Parolen begleiten Vereinsfahnen eine festliche Prozession. Bei guter Witterung werden wieder Hunderttausende auf die Straße gehen. Und es wird auch heuer wieder friedlich ablaufen, keine Polizeieisätze also, versprochen!

Aber worum geht es eigentlich? Was treibt an Fronleichnam Gläubige auf die Straße? In der Mitte der Prozession können wir es sehen. Inmitten einer goldenen Monstranz. Sie bildet den kostbaren Rahmen für die Mitte, die noch viel kostbarer ist und doch so einfach: ein Stück Brot. Auf den ersten Blick ein einfaches Lebensmittel. Doch dann schauen die Augen des Glaubens tiefer und erkennen in der Mitte mittendrin ihn: Jesus Christus. „Ich bin das Brot des Lebens“, hat Jesus versprochen. Und so wird ein Lebensmittel zur Lebensmitte für Menschen, die an Christus glauben.

Diese Mitte erleben und feiern Christen immer wieder in ihren Kirchen. An Fronleichnam gehen sie sichtbar einen Schritt darüber hinaus. Raus aus der Kirche, mitten rein ins Leben. Durch die Straßen, vorbei an Geschäften, Wohnhäusern und Büros. Unterwegs spüre ich da immer wieder, dass es genau darum geht: Glaube ist was fürs Leben! Gerade im Alltag, in der Schule, am Arbeitsplatz, in unseren Familien, dort wo wir leben und arbeiten, brauchen wir ihn doch. Und genau da will er auch hin. Und das nicht nur an Fronleichnam…
Um 9:30 geht’s los. Gehen Sie mit!

Ihr Pfarrer Ulrich Lindl

 

31.05.2015:

Die Dreifaltigkeit oder Ein göttliches Geheimnis offenbart sich

Gedanken zum Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit von Pfr. Ulrich Lindl

Meist ohne groß nachzudenken, bekennen wir uns immer wieder zu einem dreifaltigen Gott: wir beginnen unser Gebet und unsere Gottesdienste „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Und bekräftigen es noch mit: „Amen.“ Das ist zugleich auch das kürzeste Bekenntnis unseres Glaubens, gewissermaßen das „Alah u akba“ der Christen.

Was uns so einfach über die Lippen geht, dass wir es oft gar nicht bemerken, ist im Grunde das tiefste Geheimnis unseres Glaubens. Wenn Sie gefragt werden, was das eigentlich Christliche an unserem Glauben ist, antworten Sie ganz einfach: der Glaube an einen dreifaltigen Gott. Glauben Juden wie Muslime streng an einen und einzigen Gott, kennen wir Christen den einen Gott in drei Personen.

Es kann nicht verwundern, dass sich schon früh Einwände erhoben gegen diesen Glauben. Wie soll das gehen, wie darf man sich das eigentlich vorstellen? In der Tat haben sich schon im 4. Jahrhundert gleich zwei Konzilien mit der schwierigen Frage der Dreifaltigkeit beschäftigt. Vor allem, weil es darum ging, zwei Missverständnisse auszuräumen: Zum einen die Auffassung, Jesus Christus und der Heilige Geist seien Gott untergeordnet, eine Art „Hilfsgötter“. Zum anderen die Vorstellung, der eine Gott sei im Laufe der Geschichte in drei verschiedenen Masken erschienen und habe einmal als Gott Vater, dann als Gott Sohn und schließlich als Gott Heiliger Geist die Bühne der Welt betreten. Aber ist Gott denn ein Schauspieler?

Demgegenüber stellen die Konzilien in Nicäa (325 n. Chr.) und Konstantinopel (381 n. Chr.) klar: der eine Gott vereint in sich drei Personen. Und die drei Personen sind in ihrem Wesen alle der eine Gott. Das glauben und bekennen alle christlichen Kirchen bis auf den heutigen Tag. Wie gesagt: die Dreifaltigkeit macht den „christlichen Unterschied“, ist das „Specificum Christianum. Vielleicht klingt das alles spitzfindig, viel zu theologisch, von Theologen erdacht – für Theologen gemacht.

Die Dreifaltigkeit lässt uns tiefer blicken – mitten hinein in das Wesen Gottes, das uns Menschen ja nicht ganz fremd sein kann. Schließlich sind wir gottgeschaffen als sein Ebenbild. Und eine einfache Lebenserfahrung lässt uns weiter folgern zu einer Gotteserfahrung: unser Leben gelingt nur in Beziehungen. Ließe man ein Kind in einem Raum, man könnte es mit allem versorgen, doch ohne menschliche Beziehungen würde es ganz fraglos verkümmern. Auch später hängt viel Lebensglück davon ab, wie gelingend unsere Beziehungen sind, wie beziehungsreich wir leben. Wenn Gott das Leben in Fülle ist, dann begreifen wir, dass Gott nicht als Einzelgänger lebt. Gott ist kein Single. Gott selbst ist gelebte Beziehung in Vollendung. Und vollendete Beziehung ist gelebte Liebe. Der Johannesbrief sagt es in den so wunderbar einfachen Worten: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4, 16 b).

Wenn Gott die Liebe ist, dann braucht er ein Gegenüber, das er lieben kann. Liebe will leben und darum sucht die wahre Liebe ein Gegenüber, ein Du, das es liebt. Wenn die Liebe nur im eigenen Ich gefangen bliebe, bliebe sie ohne jede Ausstrahlung. Hier begegnen wir der liebevollen Einheit des Vaters mit dem Sohn: „Ich und der Vater sind eins.“ (vgl. Joh 10,30) „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.“ (Mt 3, 17) Gott bekennt sich zu seinem Sohn und der Sohn schenkt diese Liebe weiter. „Wie mich der Vater geliebt hat, so liebe ich Euch.“ (Joh 15, 9) Mit diesen Worten will uns Jesus mit hineinnehmen in die Liebe Gottes.

Und auch das wissen wir: echte Liebe strahlt aus. Sie wird spürbar in der Umgebung. Echte Liebe kann die Welt verändern. Wir haben das hoffentlich alle schon einmal erlebt. Hier begegnen wir dem Heiligen Geist. Der Heilige Geist, den Jesus nach seiner Himmelfahrt vom Vater aussendet, kommt aus dem Herzen der innersten Liebesbeziehung Gottes. Der Heilige Geist geht, wie wir im Credo bekennen, „aus dem Vater und dem Sohne hervor“. Dieser Geist strahlt aus und wirkt hinein in unsere Welt. Und überall dort, wo er wirkt, zeigt er Früchte. Der Apostel Paulus nennt sie in seinem Brief an die Galater: „Liebe, Freude Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“ So entfaltet der Geist 3 mal 3 – neunfach die Liebe Gottes im Leben des Menschen (Gal 5,22) und beweist: „Der Geist ist es, der lebendig macht!“ (Joh 6, 63)

In der Taufe sind wir hineingetaucht –hineingetauft- in die Lebensbeziehung des dreifaltigen Gottes: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (vgl. Mt 28,19) Die Taufe ist damit die Einladung Gottes an den Menschen: Lass Dich hineinnehmen in eine Lebensgemeinschaft der Liebe mit mir durch Jesus Christus im Heiligen Geist. Alle Sakramente der Kirche sind Mittel, die uns helfen wollen, lebendigen Anteil zu erhalten an dieser Liebe Gottes. Das Sakrament der Buße, ein Angebot zu Vergebung und Umkehr. Barmherzigkeit ist angewandte Nächstenliebe. Die Eucharistie, in der die menschgewordene Liebe Gottes zur Hingabe wird: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh. 15,13) Das Sakrament der Ehe, in dem sich Mann und Frau vor Gottes Angesicht trauen, die Liebe in Treue zu leben… Alle sieben Sakramente laden uns ein, in der Beziehung mit dem dreifaltigen Gott unser Leben zu gestalten.

Das Glaubensgeheimnis der Dreifaltigkeit Gottes ist und bleibt ein tiefes und zugleich wunderschönes Geheimnis unseres Glaubens. Das Geheimnis ist göttlich und zutiefst menschlich zugleich. Denn es kündet von gelingenden Beziehungen, die das Leben in Liebe reich machen. Gott ist kein Einzelgänger. Gott ist gelebte Liebe, die ausstrahlt! Das gilt es nicht zu begreifen. Lassen wir uns ergreifen und hineinnehmen in die Beziehung mit dem lebendigen und dreifaltigen Gott!

24.05.2015:

Was wäre eigentlich wenn…

Diese Frage kann man nicht oft genug stellen. Denn allzu viel wird uns allzu schnell selbstverständlich und geläufig. An Pfingsten… da war doch was, irgendwas mit Tauben… Und schon sind alle ausgeflogen, nix wie weg in die Ferien. Schade! Pfingsten hat das nicht verdient. An Pfingsten müssten wir alle da sein, zusammenrücken und zusammen beten. Wie damals im Abendmahlsaal. Das Beten hat sich gelohnt! Der Geist ist gekommen. Und wie: Mit Feuer und Flamme. Und dazu ein heftiges Brausen des Windes, damit der Funke ja überspringt und es brennt!

Was wäre eigentlich, wenn der Geist damals nicht gekommen wäre? Die Antwort liegt auf der Hand. Es wäre schnell alles wieder beim Alten gewesen. Die Fischer würden Fischen, der Zöllner Levi säße wieder in seinem Zollhäuschen und die Zeloten würden sich wieder politisch betätigen. Statt „Feuer und Flamme“, Asche. Mit der Sache Jesu wäre es über kurz oder lang endgültig aus und vorbei gewesen. Aber genau das ist nicht geschehen. Die Pfingstpredigt eines Petrus, dieses einfachen Fischers aus Galiläa, begeistert die Menschen. Das ist auch genau das Stichwort für Pfingsten: Begeisterung! Und das ist auch das Erkennungszeichen des Geistes: Begeisterung. Die Sache Jesu braucht Begeisterte, sein Geist sucht sie auch unter uns. Damals wie heute. Und hat Jesus nicht genau darum seinen Geist ausgesandt- damit das Antlitz der Erde neu wird? Und eben nicht alles beim Alten bleibt?!

Ganz in diesem Sinn bewegte Pfingsten!

17.05.2015:

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Das Spiel kennt jedes Kind. Und gleich wird fieberhaft so lange gesucht, bis es jemand sieht. Aber was sehen wir schon?

Weithin bekannt ist das Wort des französischen Dichters Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar.“ Das könnte auch in der Bibel stehen. Denn unser Glaube glaubt nicht nur an die sichtbare, sondern vielmehr an die unsichtbare Welt. Und an einen Gott der beides geschaffen hat. Mit dem einen wesentlichen Unterschied: Alles, was sichtbar ist, ist auch vergänglich. Allein das Unsichtbare hat Aussicht auf Ewigkeit. Ist es da nicht verwunderlich, dass wir Menschen so sehr an den sichtbaren Dingen hängen? Obwohl doch nichts von alledem bleibt?!

Deshalb will uns der Kolosserbrief die Augen öffnen: „Sucht, was droben ist. Richtet euren Sinn auf das Himmschlische, nicht auf das Irdische.“ (Kol. 3,1 f) Zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten geht es genau um diese andere Sichtweise unseres Glaubens. Schauen wir nicht kurzsichtig auf das, was wir sehen… das vergeht! Sondern werden wir weitsichtig für das, was bleibt für die Ewigkeit!

Jesus ist zurückgekehrt aus unserer kleinen, überschaubaren, begrenzten und so vergänglichen Welt und heimgekehrt in den Himmel, der ja auch unsere Heimat ist. Aber er lässt uns nicht einfach zurück, sondern hat an Pfingsten -wie versprochen- seinen Beistand gesandt, den Heiligen Geist. Der uns in die ganze Wahrheit einführen wird. Diesen Geist sehen wir nicht. Und doch gibt es nichts Augenfälligeres als Menschen, die geisterfüllt leben.

Bitten wir in diesen Tagen vor Pfingsten um den Heiligen Geist. Nie war er so wertvoll wie heute! Und bitten wir um seine Gaben, die schon vom Proheten Jesaja erwartungsvoll genannt werden (Jes 11,2): der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis, der Frömmigkeit und Gottesfurcht.
Welche Gabe brauche ich?
„Sende aus, deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu!“

10.05.2015:

Nicht mit dem Montag, nicht mit einem Werktag beginnen wir Christen eine neue Woche, sondern am Sonntag. Am Tag des Herrn, mit dem Herrn, machen wir uns auf den Weg. Das setzt ein anderes Vorzeichen. Nicht die Arbeit, sondern die Begegnung im Glauben mit IHM steht am Anfang. Das Wort für die Woche ist somit ein Wort Gottes für uns, der mit uns auf dem Weg sein möchte.